Händler an der Frankfurter Börse
Marktbericht

Mit neuen Rekorden ins Wochenende Hoch-Stimmung an den Börsen

Stand: 23.07.2021 22:15 Uhr

Die Börsen-Rally nimmt wieder Fahrt auf. Starke Quartalsberichte haben die Wall Street angeschoben. Dow Jones, Nasdaq & Co krönten die Woche mit neuen Rekorden. Auch der DAX näherte sich seiner Bestmarke.

Das war wahrlich keine Börsenwoche für schwache Nerven: Am Montag noch brachen die Aktienkurse weltweit ein. Aus Angst vor negativen Folgen für die Wirtschaft durch die rasche Ausbreitung der Corona-Delta-Variante flüchteten die Anleger aus Aktien. Doch der Ausverkauf dauerte nur einen Tag. Danach erholten sich die Börsen wieder vom Kursrutsch - Stück für Stück.

Wall Street im Rekordfieber

So endete die Börsenwoche doch noch mit Gewinnen. Der Dow Jones schüttelte bereits am Donnerstag die Verluste ab und drehte heute weiter auf. Der Standardwerte-Index kletterte um 0,7 Prozent auf 35.061 Punkten, den höchsten Stand seiner Geschichte. Auf Wochensicht steht für den Index ein Gewinn von gut einem Prozent zu Buche. Der S&P 500 schaffte eine neue historische Bestmarke von über 4400 Zähler. Und auch die Nasdaq kletterte zum Wochenschluss um über ein Prozent nach oben auf ein Rekordhoch.

Social-Media-Hype an der Börse

Es war der Tag der Hightech-Aktien. Starke Quartalszahlen von Twitter und Snap heizten die Aktien-Rally in New York an. Die Snap-Titel schossen um 23 Prozent nach oben. Auch die Papiere von Facebook stiegen kräftig - um sechs Prozent auf ein Rekordhoch. Rückenwind gaben die Analysten der Credit Suisse. Sie räumen Facebook mit 480 Dollar ein weiteres Aufwärtspotenzial von fast 30 Prozent ein.

GAFA-Aktien gefragt

Auch bei Großkonzernen wie Amazon, Apple oder der Google-Mutter Alphabet stiegen Investoren ein und verhalfen ihnen zu Kursgewinnen von bis zu 2,8 Prozent. Die Unternehmen öffnen in der kommenden Woche ihre Bücher. "Die Geschäftszahlen der Technologiefirmen werden phänomenal", prophezeit George Ball, Manager beim Finanzdienstleister Sanders Morris Harris.

American Express begeistert

Aus der "Old Economy" kamen ebenfalls gute Bilanzen: American Express und Honeywell überraschten positiv. Die Aktien von American Express stiegen zeitweise um über fünf Prozent auf ein Rekordhoch und führten den Dow an. Niemals zuvor hat American Express in einem Quartal so viele Neukunden für die Nobelkarte Platinum Card gewonnen wie in den Monaten April bis Juni.

DAX steigt den vierten Tag in Folge

Im Sog der freundlichen Wall Street schloss der DAX um ein Prozent höher. Er schaffte den vierten Gewinntag in Folge. Das ist die längste Serie seit sieben Wochen. Dank der heutigen Kursgewinne konnte der deutsche Leitindex die Verluste zum Wochenauftakt abschütteln und schaffte auf Wochensicht ein Plus von einem Prozent. Zum Rekordhoch fehlt nicht mehr viel.

MDAX auf Rekordhoch

Da ist der "kleine Bruder", der MDAX, einen Schritt voraus. Der Index der zweiten deutschen Börsenliga erklomm am Freitag eine neue historische Bestmarke mit rund 35.200 Punkten.

Prima Klima in der Wirtschaft

Die gute Stimmung in den Unternehmen schwappte auf die Börsen über. Der europäische Einkaufsmanager-Index, der die Stimmung der Wirtschaft misst, ist im Juli auf 60,6 Punkte gestiegen, den höchsten Stand seit 21 Jahren. "Da geht noch was", meint Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. Die rasante Ausbreitung der Delta-Variante scheine die Laune der Manager nicht zu stören.

EZB hält die Geldschleusen offen

Zusätzlichen Auftrieb gab die Aussicht auf eine anhaltende Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Währungshüter hatten am Donnerstag ihren expansiven Kurs mit den Null-Zinsen und milliardenschweren Anleihekäufen bekräftigt. Das Inflationsziel wurde auf zwei Prozent angepasst.

Euro fällt weiter zurück

Die besser als erwartet ausgefallenen Konjunkturdaten aus der Eurozone und die positive Stimmung an den europäischen Aktienmärkten stützten den Euro nur vorübergehend. Am Abend fiel die Gemeinschaftswährung leicht zurück auf 1,1763 US-Dollar. Die Aussicht auf den auf absehbare Zeit ultralockeren Kurs der EZB belastet den Euro. Die Gemeinschaftswährung werde mittelfristig weiter abwerten, warnte Analyst Ricardo Evangelista vom Brokerhaus ActivTrades. Schließlich steuerten viele andere Notenbanken wie die Fed aus den USA eher auf eine Straffung der Geldpolitik zu.

Gold etwas billiger

Abwärts ging es auch mit dem Goldpreis. Das gelbe Edelmetall verbilligte sich um 0,3 Prozent auf 1800 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Die Aufwertung des Dollar machte Gold für Investoren außerhalb der USA unattraktiver. Allerdings werde die ultra-lockere Geldpolitik der EZB zum Dauerzustand, sagte Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch. "Das dürfte auf mittlere und längere Sicht die Nachfrage nach Gold spürbar erhöhen."

Deutsche Wirtschaft steht unter Volldampf

Die deutsche Wirtschaft ist mit einem Rekordwachstum in die zweite Jahreshälfte gestartet. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft, also Industrie und Dienstleister, stieg im Juli um 2,4 auf 62,5 Punkte, wie das Institut IHS Markit zu seiner monatlichen Umfrage unter Hunderten Firmen mitteilte. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Statistik 1998. Das Barometer signalisiert bereits ab 50 ein Wachstum. Von Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem leichten Anstieg auf 60,8 Zähler gerechnet.

Daimler fährt voran

Im DAX waren heute besonders konjunktursensible Auto- und Autozulieferer-Aktien gefragt. Die Titel von Daimler stiegen um 5,5 Prozent. Die Papiere von Conti legten um über drei Prozent zu. Daimler profitierte von einer Kaufempfehlung. Die Analysten von Kepler haben den Titel von "Hold" auf "Buy" hochgestuft und das Kursziel von 83 auf 88 Euro erhöht.

Deutlich mehr Elektroautos

Der Anteil an reinen Elektroautos bei den Neuzulassungen in der EU hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Fuhren im zweiten Jahresviertel vergangenen Jahres noch 3,5 Prozent der neu zugelassenen Autos europaweit mit Batterie, waren es in diesem Jahr bereits 7,5 Prozent. Das teilte der europäische Herstellerverband ACEA mit. Gleichzeitig sank der Marktanteil bei Benzin- und Dieselfahrzeugen.

Immobilien-Fusion wohl gescheitert

Die Aktien von Vonovia büßten 2,7 Prozent ein, die Titel der Deutsche Wohnen gewannen dagegen 0,4 Prozent. Deutschlands größter Wohnungskonzern Vonovia ist mit seinem Plan zur Übernahme des Rivalen Deutsche Wohnen wohl erneut gescheitert. Es zeichne sich ab, dass Vonovia die angepeilten 50 Prozent der Deutsche-Wohnen-Anteile nicht habe einsammeln können, räumte der Konzern am Nachmittag ein. Bisher hätten nur 47,62 Prozent der Deutsche-Wohnen-Aktionäre das Angebot angenommen, bis 18 Uhr lief noch eine Frist, in der die letzten angedienten Aktien gebucht werden konnten. Bereits vor fünf Jahren hatte Vonovia erfolglos versucht, die Deutsche Wohnen zu schlucken. Anders als damals stand die Führung des Branchenzweiten aber ausdrücklich hinter dem Plan.

EZB erlaubt wieder Dividenden bei Banken

Bank-Aktionäre können sich freuen: Ab Oktober dürfen Banken in der Euro-Zone wieder ohne Einschränkungen Dividenden zahlen. Die EZB als Aufsichtsbehörde kündigte am Freitag an, sie werde dann Kapital- und Ausschüttungspläne der Banken wieder wie vor der Pandemie bewerten. Finanzinstitute sollten aber weiter zurückhaltend agieren und bei ihren Entscheidungen das Kreditrisiko nicht unterschätzen. EZB-Chef-Bankenaufseher Andrea Enria hatte bereits Anfang Juli die Aufhebung der Einschränkungen in Aussicht gestellt. Die Fed hatte bereits vor Wochen Bank-Dividenden wieder erlaubt.

Analystenlob für Airbus

Nach einer kräftigen Erhöhung des Kursziels starteten die Airbus-Aktien durch. Sie gehörten im MDAX mit einem Plus von 2,2 Prozent zu den stärksten Werten. Die Analysten der Credit Suisse sind zuversichtlich, dass die Nachfrage anziehen und Airbus ein starkes zweites Halbjahr bescheren wird. Sie bekräftigten ihre Bewertung der Titel mit "Outperform" und erhöhten das Kursziel von 101 auf 134 Euro.

Neue IPO-Fantasie bei ProSiebenSat.1

Ein "Manager Magazin"-Bericht brachte die Papiere von ProSiebenSat.1 auf Trab. Demnach sollen wichtige Tochterunternehmen laut Insidern spätestens 2022 an die Börse gebracht werden. "Was nicht verkauft werden kann, könnte dann bei ProSieben integriert werden", hieß es. Es winke also eine schlankere Struktur, sagte ein Marktbeobachter - vielleicht sei das die Voraussetzung für einen Vorstoß des italienischen Großaktionärs Mediaset auf das TV-Geschäft von ProSiebenSat.1. Eine Fusion mit dem italienischen Fernsehkonzern lehnt der Vorstand der deutschen TV-Senderkette freilich ab.

Shop Apotheke leidet unter Personalmangel

Der Online-Arzneimittelhändler Shop Apotheke blickt pessimistischer auf das Gesamtjahr. Das Umsatzwachstum dürfte 2021 nur bei 10 bis 15 Prozent liege. Zuvor war Shop Apotheke von rund 20 Prozent ausgegangen. Das Unternehmen begründete seine eingetrübte Erwartung mit "Kapazitätsengpässen in der Auftragsabwicklung im Zusammenhang mit einer angespannten Arbeitsmarktsituation, welche sich im Laufe des zweiten Quartals deutlich abzeichnete". Diese seien aber "ein temporäres und isoliertes Ereignis, das die zukünftigen Wachstumsperspektiven nicht beeinträchtigt". Die Aktien schlossen nach anfänglichen Verlusten im Plus.

Krones traut sich mehr zu

Die Anhebung der Prognose beflügelte Krones. Die Aktien des Getränkeabfüllanlagenherstellers sind so teuer wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Das Unternehmen erwartet nach vorläufigen Zahlen für das erste Halbjahr für 2021 nun ein Umsatzwachstum von sieben bis neun Prozent - bislang waren es 2,5 bis 3,5 Prozent. Für die operative Ergebnismarge rechnet Krones mit einem Wert von sieben bis acht Prozent (bislang 6,5 bis 7,5 Prozent).

Roaming treibt Vodafone

Der britische Telekommunikationskonzern Vodafone hat im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres 2021/22 dank hoher Roaming-Einnahmen seinen Umsatz deutlich gesteigert. Konzernweit legte der Erlös um 5,7 Prozent auf 11,1 Milliarden Euro zu, wie das Unternehmen heute in London mitteilte.

Snap-Kurs explodiert

Für Furore an der Wall Street sorgten die Aktien von Snap: Sie schnellten um 23 Prozent nach oben auf den höchsten Stand seit dem Börsengang vor mehr als vier Jahren. Das Technologie- und Social-Media-Unternehmen hatte zuletzt mit neuen Angeboten vor allem unter jungen Menschen viele neue, aktive Anhänger gefunden, was wiederum die werbenden Unternehmen anlockt. Langfristig sei Snap ein attraktiveres Investment als Twitter, prognostizierte das Brokerhaus MoffettNathanson. Bereits im kommenden Jahr werde Snap den Kurznachrichtendienst beim Umsatz überflügeln.

Positive Bilanz von Twitter

Auch der Kursnachrichtendienst Twitter hat im vergangenen Quartal erheblich von Anzeigenkunden profitiert. Für die Aktien ging es um 1,5 Prozent nach oben. Angesichts der guten Nachrichten von Twitter und Snap legten auch die Kurse anderer Branchengrößen wie Facebook und Pinterest kräftig zu.

Kalte Dusche von Intel

Einen Dämpfer gab es von Intel. Der Chip-Riese rechnet damit, dass sich die globale Halbleiter-Knappheit in den kommenden Monaten noch zuspitzt und bis ins Jahr 2023 hinein andauern kann. An der Börse enttäuschte zudem die Umsatzprognose für das laufende Jahr. Der Kurs rutschte um mehr als fünf Prozent ab.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juli 2021 um 07:35 Uhr.