Händler an der Frankfurter Börse
Marktbericht

DAX und S&P 500 trotzen Zinswende Heißer Tag an den Börsen

Stand: 17.06.2021 22:10 Uhr

Trotz der angekündigten Zinswende gab es an den Börsen heute keine Abkühlung. Der DAX und der S&P 500 zeigten sich erstaunlich widerstandsfähig. Besonders gefragt waren Tech-Aktien. Nur der Impfstoffhersteller CureVac erlebte sein Waterloo.

Wer hat Angst vor der nahenden Zinswende? Offenbar kaum jemand. Die Anleger zeigten sich heute erstaunlich gelassen, obwohl die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) allmählich die geldpolitischen Zügel strafft. 2023 könnten in den USA erstmals seit langem wieder die Zinsen erhöht werden - und zwar zwei Mal. Das kündigte die Fed am Mittwochabend an. Bisher waren solche Zinsschritte erst für 2024 erwartet worden.

Nasdaq 100 auf Rekordhoch

An der Wall Street gab lediglich der Dow Jones um 0,6 Prozent nach. Der breiter gefasste S&P 500 trat auf der Stelle. Die technologielastige Nasdaq 100 kletterte gar um 1,3 Prozent nach oben auf ein neues Rekordhoch. "Die Fed hat nichts gesagt, was die Anleger nicht schon wussten", meinte Randy Frederick, Manager beim Brokerhaus Charles Schwab. "Der Markt konzentriert sich auf steigende Firmengewinne, robustes Wachstum und das Wiedererstarken der Wirtschaft."

US-Wirtschaft weiter im Aufwind

Und da hellen sich die Aussichten weiter auf. Der Sammelindex der wirtschaftlichen Frühindikatoren stieg im Mai um 1,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. Einziger Dämpfer: Das Geschäftsklima in der US-Region Philadelphia trübte sich im Juni etwas ein. Der Indikator der regionalen Notenbank für die Industrie (Philly-Fed-Index) fiel etwas stärker als erwartet.

DAX leicht im Plus

Auch der DAX hielt sich im positiven Bereich. Der deutsche Leitindex schüttelte seine anfänglichen Verluste ab und beendete den wohl heißesten Tag des Jahres moderat 0,1 Prozent im Plus. Damit bleibt der deutsche Leitindex weiter in der Nähe seines zu Wochenbeginn erreichten Rekordhochs von 15.803 Punkten.

Wann fährt die Fed die Anleihenkäufe zurück?

Dass die Fed die Grundlagen für eine Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik lege, "mag zwar für die Märkte beunruhigend sein", sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. "Im Hier und Jetzt hat sich an der Geldpolitik aber nicht viel geändert." Noch bleiben die Geldschleusen weit geöffnet. Die Fed will vorerst weiter an ihrer monatlichen Dosis der Geldspritzen in Höhe von 120 Milliarden Dollar festzuhalten. Die große Frage ist nun, wann die Notenbank anfängt, ihre Wertpapierkäufe herunterzufahren. Experten könnten sich eine solche Trendwende um die Jahreswende herum vorstellen. In der Corona-Krise war die ultralockere Geldpolitik der Fed der große Kurstreiber an den Aktienmärkten. "Nun werden die Märkte auf eine straffere Geldpolitik vorbereitet", sagte Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank.

Dollar und US-Anleiherenditen ziehen an

Für mehr Unruhe sorgte die nahende Zinswende an den Renten- und Devisenmärkten. Die Rendite der zehnjährigen US-Anleihen näherte sich der Schwelle von 1,60 Prozent, den höchsten Stand seit Anfang Juni. Durch steigende Marktzinsen werden andere Anlagen tendenziell attraktiver. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg um bis zu 0,7 Prozent auf 91,74 Punkte, den höchsten Stand seit zwei Monaten. Der Euro rutschte zeitweise auf unter 1,19 Dollar ab, den tiefsten Stand seit sechs Wochen. Vor der Fed-Sitzung am Mittwoch hatte er noch über 1,21 Dollar notiert. "Die Fed-Sitzung rüttelt die Märkte durch", meinten die Experten der BayernLB in einem Kommentar mit Blick auf den festeren US-Dollar und steigende Marktzinsen.

Gold fällt unter 1800 Dollar

Auch an den Rohstoffmärkten bewegte der Fed-Entscheid die Preise. Der anziehende Dollar drückte vor allem den Kupferpreis. Das Industriemetall verbilligte sich um bis zu 2,6 Prozent auf 9415 Dollar je Tonne und kostete damit so wenig wie seit knapp acht Wochen nicht mehr. Der Goldpreis gab deutlich nach und rutschte unter 1800 Dollar je Feinunze. "Wie es für Gold mittelfristig weitergeht, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Inflation ab", sagt Alexander Zumpfe, Edelmetallhändler bei Heraeus. "Das Metall gilt als klassische Absicherung gegen steigende Preise, und sollte die gerade erst einsetzende wirtschaftliche Erholung zu weiter steigenden Preisen führen, dürfte das daher auch den Goldpreis unterstützen."

Bankaktien gefragt

Die Aussicht auf eine früher als erwartete Straffung der US-Geldpolitik trieb am deutschen Aktienmarkt die Bankaktien an. Im DAX legten die Aktien der Deutschen Bank überdurchschnittlich zu, im MDAX ragten die Titel der Commerzbank positiv heraus.

Erholung auf dem Automarkt geht weiter

Der Pkw-Markt in der Europäischen Union hat sich weiter erholt. Im Mai kamen mit rund 892.000 Fahrzeugen 53 Prozent mehr Neuwagen auf die Straßen in der EU als vor Jahresfrist, wie der europäische Herstellerverband ACEA am Morgen mitteilte. Trotz der Erholung lagen die Verkäufe im Mai noch weit unter den 1,2 Millionen Fahrzeugen, die im gleichen Monat 2019 in der EU zugelassen wurden.

CureVac-Aktie stürzt ab

Einen schwarzen Tag erlebte CureVac: Die Papiere des Tübinger Biotech-Unternehmens am Donnerstag sackten um 39 Prozent auf gut 54 Dollar ab. Es war der heftigste Einbruch seit dem Börsengang im Sommer 2020. CureVac hatte in der Nacht gewarnt, dass deren Impfstoffkandidat gegen Covid-19 weniger wirksam ist als erhofft. Somit dürfte CureVac vorerst kein Hoffnungsträger im international hart umkämpften Rennen um die Zulassung von Corona-Impfstoffen mehr sein.

Bayer und Wacker Chemie leiden mit

Im Schlepptau standen zeitweise auch die Papiere des Kooperationspartners Bayer im DAX unter Druck. Bayer ist Partner von CureVac bei der Produktion des Vakzins. Für die Leverkusener sei dies nun der nächste Flop, merkte ein Händler an. Letzlich schlossen die Bayer-Aktien doch noch leicht im Plus.

Besonders die Papiere von Wacker Chemie litten unter dem CureVac-Rückschlag. Die Aktien verloren über fünf Prozent. Die Produktion des mRNA-basierten CureVac-Impfstoffes am Biotech-Standort von Wacker in Amsterdam sollte ursprünglich im ersten Halbjahr starten. Die positiven Aussagen des Unternehmens zum weiteren Jahresverlauf gingen da unter. Eine starke Nachfrage aus der Solarindustrie sowie ein brummendes Chemiegeschäft stimmen das Unternehmen für das laufende Jahr nochmals optimistischer.

BioNTech-Aktie obenauf

Des einen Leid, des anderen Freud: Von dem schweren Rückschlag von CureVac profitierten die Aktien des Konkurrenten BioNTech. Die Papiere des Mainzer Unternehmens gewannen rund fünf Prozent.

Brenntag hebt Prognose an

Im späten Handel zog die Aktie von Brenntag kräftig an. Der Chemikalienhändler rechnet für das laufende Jahr mit mehr Gewinn als bisher - nämlich mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 1,16 bis 1,26 Milliarden Euro. Die Anhebung der Prognose geschehe vor dem Hintergrund der starken Ergebnisse im ersten Quartal, der Fortsetzung des positiven Ergebnistrends im zweiten Quartal und unter Berücksichtigung der Aussichten für den weiteren Jahresverlauf, hieß es.

MorphoSys setzt Übernahme fort

Das Biotech-Unternehmen MorphoSys startet sein Barangebot zum Erwerb aller ausstehenden Aktien von Constellation Pharmaceuticals. Dies betrage 34,00 Dollar in Bar je Anteilsschein, gab MorphoSys in der vergangenen Nacht in einer Pflichtmitteilung bekannt. Die Summe entspricht der ursprünglichen Ankündigung der geplanten Übernahme von Anfang Juni und würde sich laut den früheren Angaben auf 1,7 Milliarden Dollar summieren.

Südzucker enttäuscht

Trotz eines höheren Umsatzes hat der Nahrungsmittel- und Zuckerproduzent Südzucker im abgeschlossenen Geschäftsquartal ein deutlich geringeres Ergebnis erwirtschaftet. Der Umsatz der Monate März bis Mai kletterte im Vergleich zum Vorjahresquartal zwar um knapp fünf Prozent auf 1,75 Milliarden Euro, teilte der SDAX-Konzern gestern Abend auf Basis vorläufiger Zahlen mit. Das operative Ergebnis sackte jedoch um fast ein Fünftel auf 49 Millionen Euro ab.

CropEnergies gut erholt

Der Bioenergiehersteller CropEnergies hat in den den ersten drei Monaten des Geschäftsjahres 2021/22 seinen Umsatz um gut ein Viertel auf 214 Millionen Euro verbessert. Mit 15,2 Millionen Euro war das operative Ergebnis fast doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum. Für das bis Ende Februar laufende Geschäftsjahr erwartet das Management nun einem Umsatz von 925 bis 975 Millionen Euro nach bislang bestenfalls 920 Millionen Euro.

Befesa mit Übernahme

Der Recyclingunternehmen Befesa kauft einen Wettbewerber. Der SDAX-Konzern teilte gestern Abend mit, dass er American Zinc für 450 Millionen US-Dollar kaufen will. Die Übernahme finanziert Befesa unter anderem mit einer Kapitalerhöhung. Außerdem will Befesa sich über höhere Kredite 90 Millionen Euro beschaffen. Am späten Abend gab Befesa das Ergebnis der Kapitalerhöhung bekannt. Die Papiere seien für 56 Euro je Stück verkauft worden, hieß es.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Juni 2021 um 23:27 Uhr.