Gut gelaunter Händler an der New Yorker Börse
Marktbericht

Trotz hoher Inflationszahlen Keine Panik an der Wall Street

Stand: 10.06.2021 22:21 Uhr

Selbst höhere Verbraucherpreise bringen die US-Aktienmärkte derzeit nicht wirklich aus dem Tritt. Derweil blicken die Anleger schon voraus auf die Zinssitzung der Federal Reserve nächste Woche.

An der New Yorker Aktienbörse haben die Anleger höher als erwartete Preisdaten heute erstaunlich gut verkraftet. Vor allem die Technologiebörse Nasdaq machte Boden gut, der breiter aufgestellte S&P-500-Index erreichte im Verlauf bei 4249 Punkten sogar ein weiteres Rekordhoch.

Der Leitindex Dow Jones schnitt mit einem Zuwachs von 0,1 Prozent auf 34.466 Punkte relativ noch am schwächsten ab. Die Nasdaq rückte stärker vor um 0,78 Prozent auf 14.020 Punkte, der Auswahlindex Nasdaq 100 schloss sogar um 1,05 Prozent höher bei 13.960 Punkten. Der S&P-500 ging bei 4239 Punkten aus dem Handel, ein Plus von knapp 0,5 Prozent.

Inflationsdaten lassen die Anleger kalt

Offensichtlich gehen die Anleger nicht von einer unmittelbar bevorstehenden Zinswende der Fed aus. Dabei hätte das Ganze heute auch anders ausgehen können, denn die Inflationszahlen aus den USA für den Mai lagen deutlich über den Erwartungen.

Konkret kletterten die Verbraucherpreise um 5,0 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Arbeitsministerium in Washington mitteilte. Experten hatten nur 4,7 Prozent erwartet, nach einem Zuwachs von 4,2 Prozent im April. Die von der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) besonders beachtete Kernrate (ohne Lebensmittel und Energiepreise) lag bei 3,8 Prozent, hier waren nur 3,5 Prozent erwartet worden. Im April lag die Rate bei 3,0 Prozent.

"Die Zahlen lagen zwar leicht über den Erwartungen, aber nicht übermäßig", sagte Mark Grant, Chef-Anlagestratege der Investmentbank B. Riley FBR. "Ich gehe nicht davon aus, dass sie den Standpunkt der Fed, die Zinsen sehr niedrig zu halten, ändern werden."

Fokus auf die nächste Zinssitzung

Die Fed trifft sich nächste Woche zu ihrer Zinssitzung, auf der die Entwicklung diskutiert wird. Zuletzt hatten sich Fed-Mitglieder zumindest für eine Diskussion darüber ausgesprochen, wie lange die Anleihekäufe im Volumen von 120 Milliarden Dollar je Monat fortgesetzt werden sollen. Entscheidend wird dabei sein, ob die Notenbank weiter nur von einem temporären Anstieg der Inflation ausgeht, was bisher die offizielle Lesart ist.

US-Arbeitsmarkt erholt sich

Wichtiger als die Inflationsentwicklung ist für die Fed derzeit ohnehin der Blick auf den Arbeitsmarkt. Dieser erholt sich zwar, hat aber das Vor-Corona-Niveau noch nicht erreicht. Die Zahl der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sank in den USA auf den niedrigsten Stand seit Ausbruch der Corona-Pandemie vor über einem Jahr. In der vergangenen Woche beantragten 376.000 Amerikaner die Hilfen, wie das Arbeitsministerium Washington mitteilte. Das ist der niedrigste Wert seit Mitte März 2020, als die Pandemie auf die Konjunktur durchzuschlagen begann.

Ökonomen hatten mit einem etwas kräftigeren Rückgang auf 370.000 gerechnet, nachdem in der Woche zuvor noch 385.000 Erstanträge gezählt worden waren. Experten sehen allerdings erst bei Werten zwischen 200.000 und 250.000 eine Normalisierung am Arbeitsmarkt.

DAX stabil auf hohem Niveau

Der DAX hat heute kaum auf die neuen Wirtschaftsdaten aus den USA reagiert. Sowohl die Unsicherheit über die Entwicklung der US-Verbraucherpreise als auch ein möglicher Strategieschwenk der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten die Anleger im Vorfeld gebremst. Während von der heutigen EZB-Sitzung wie überwiegend erwartet keine Überraschungen ausgingen, lagen die für die Inflationsentwicklung wichtigen Verbraucherpreise in den USA im Mai klar über den Prognosen.

Trotzdem reagierten die Anleger gelassen, der von vielen Marktbeobachtern prophezeite Ausverkauf bei höheren US-Preisdaten blieb aus. Der DAX stieg im Tageshoch sogar auf 15.637 Punkte, konnte das Niveau aber nicht halten. Am Ende des Tages stand ein leichtes Minus von 0,1 Prozent auf 15.571 Zähler an der Anzeigetafel der Frankfurter Börse.

EZB bleibt auf Kurs

Die Europäische Zentralbank hält auch vor dem Hintergrund erster wirtschaftlicher Entspannungen an ihrer lockeren Geldpolitik fest. Der Leitzins und das Corona-Notprogramm bleiben unverändert, wie die EZB heute nach ihrer Ratssitzung erklärte.

Konkret hat die EZB hat ihre Inflations- und Wachstumsprognosen für die sich langsam von der Corona-Krise befreiende Wirtschaft im Euroraum deutlich angehoben. Für 2021 erwarten die Volkswirte jetzt eine Teuerungsrate von durchschnittlich 1,9 Prozent. Im März hatten sie nur ein Plus von 1,5 Prozent vorhergesagt. Sie rechnen 2021 nun mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,6 Prozent, statt der bislang vorausgesagten 4,0 Prozent.

Christine Lagarde

Notenbankchefin Christine Lagarde.

"Fortschritte bei den Impfkampagnen, die eine allmähliche Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen ermöglichen sollten, dürften den Weg für eine feste Konjunkturerholung im Laufe des Jahres 2021 ebnen", sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

Die Inflation werde in den kommenden Monaten wahrscheinlich weiter anziehen. Daran seien auch Verzerrungen durch die Pandemie schuld, die aber ab Anfang kommenden Jahres auslaufen dürften, sagte Lagarde weiter. Aus Sicht der EZB ist der Anstieg der Lebenshaltungskosten daher nicht nachhaltig.

"Mit der Fortsetzung der Anleihekaufprogramme und der Beibehaltung extrem niedriger Zinsen hat die EZB der Ausstiegsdebatte erneut eine Absage erteilt. Die Diskussion über nötige Korrekturen der Geldpolitik wird in den kommenden Sitzungen jedoch mit Sicherheit auf Wiedervorlage sein.

Dollar kann Anfangsgewinne nicht halten

Am Devisenmarkt legte der Dollar gegen den Euro anfänglich zu, fällt mittlerweile aber wieder zurück. Der Euro kostet im US-Handel derzeit 1,2178 Dollar und damit etwa so viel wie gestern. Die EZB setzte den Referenzkurs auf 1,2174 (Mittwoch: 1,2195) US-Dollar fest.

T-Aktie auf Vier-Jahres-Hoch

Unter den Einzelwerten im DAX fiel die sonst eher schwerfällige T-Aktie positiv auf, die gegen den allgemeinen Trend gut 1,8 Prozent auf 17,69 Euro zulegte und damit auf den höchsten Stand seit vier Jahren stieg. Vor allem das wachstumsstarke Geschäft der US-Tochter T-Mobile US kommt an der Börse und bei Analysten immer besser an. Tagessieger waren Infineon, die über zwei Prozent zulegten. Siemens Energy standen am Indexende.

Volkswagen warnt weiter

Der Volkswagen-Konzern geht davon aus, dass der weltweite Engpass bei Computerchips noch länger anhalten wird. "Im Moment sind wir am tiefsten Punkt angekommen. Wir stehen vor den härtesten sechs Wochen", sagte Murat Aksel, Einkaufschef des Konzerns, dem "Handelsblatt". "Im dritten Quartal sollten wir das Schlimmste hinter uns haben. Dann dürfte die Pipeline besser gefüllt sein." Trotzdem fehlten langfristig etwa zehn Prozent der Chips, weil weltweit einfach nicht genug produziert werde.

Außerdem erwägt der Konzern laut "Handelsblatt" nach der Aufarbeitung des Dieselskandals das Vorstandsressort Integrität und Recht abzuschaffen. Davon wäre Hiltrud Werner betroffen, die den Posten im Februar 2017 von der ehemaligen Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt übernommen hatte.

Siemens-Gamesa-Beteiligung vor Börsengang?

Eine spanische Beteiligung des Windkraftanlagenbauers Siemens Gamesa könnte an die Börse kommen. Siemens Gamesa und der spanische Stahlröhren- und Anlagenbauer Daniel Alonso arbeiteten daran, ihr Gemeinschaftsunternehmen namens Windar aufs Parkett zu bringen, berichtete die spanische Zeitung "El Confidencial" heute unter Berufung auf Insider. Dabei peilten sie eine Bewertung von 800 Millionen bis einer Milliarde Euro an und hätten verschiedene Banken dafür beauftragt. Windar stellt Türme für Windkraftanlagen her und gehört zu 68 Prozent zu Daniel Alonso, Siemens Gamesa hat einen Anteil von 32 Prozent.

Aixtron nicht zu bremsen

Bei den Einzelwerten fiel die Aixtron-Aktie positiv auf. Eine Reihe von kurzfristig verbuchten Großaufträgen lässt den LED- und Chipindustrieausrüster noch optimistischer auf das Jahr blicken. Für das zweite Quartal erwartet der Konzern Auftragseingänge "auf dem hohen Niveau" des ersten Jahresviertels. Auch für den Rest des Jahres sei mit einer starken Kundennachfrage zu rechnen, hieß es zur Begründung der erhöhten Prognose weiter.

Die Meldung trieb im DAX auch die Aktien des Halbleiterherstellers Infineon an.

Windeln.de brechen ein

Für Gesprächsstoff sorgte die Achterbahnfahrt von Windeln.de. Nach der jüngsten Rally verloren die Aktien des Online-Babyausstatters über 30 Prozent. Gestern hatten sie zeitweise noch rund sieben Euro gekostet, Ende vergangener Woche weniger als einen Euro. Die Finanzaufsicht BaFin hatte zuvor zur Vorsicht bei Aktienkäufen von Windeln.de geraten. "Häufig dienen Chat-Gruppen in sozialen Netzwerken lediglich dazu, Anleger zum Kauf von bestimmten Aktien zu verleiten, damit die Absender von steigenden Kursen dieser Aktien profitieren", hieß es.

Hacker-Angriff auf Electronic Arts

Ein Hackerangriff macht die anfänglichen Kursgewinne von Electronic Arts zunichte. Die Aktien des US-Anbieters von Computerspielen wie "Apex Legends" fielen zunächst stärker zurück, erholten sich im Verlauf aber wieder. Den Angaben zufolge erbeuteten die Angreifer unter anderem Programmteile des Fußball-Videospiels "Fifa 21". An Kundendaten seien die Hacker aber nicht herangekommen.

Netflix eröffnet Online-Shop

Der Streaming-Marktführer Netflix stellt mit einem Online-Shop für Fanartikel die Weichen für einen größeren Einstieg ins Merchandising-Geschäft. Während der große Rivale Walt Disney seit Jahrzehnten schon viel Geld mit dem Verkauf und der Vermarktung von Produkten für Anhänger seiner Comics, Filme und Serien verdient, verzichtete Netflix auf diese Erlösquelle bislang weitgehend. Am Donnerstag ging nun ein eigener Internetshop an den Start.

Angesichts der Popularität von Serien wie "Tiger King" oder "Stranger Things" galt das Merchandising bei vielen Analysten schon länger als logischer nächster Schritt für das Unternehmen. So wimmelt es im Internet bereits von selbst gemachten Fanartikeln. Netflix-Chef Reed Hastings hatte in den vergangenen Jahren bereits Interesse an diesem Geschäftsbereich und auch an weiterführenden Projekten wie Themenparks bekundet - allerdings eher für die langfristige Planung.

Microsoft plant Xbox-App für Fernseher

Microsoft will per App den Fernseher zur Spielekonsole machen. Damit bräuchte man nur noch einen Controller zur Steuerung und eine schnelle Internet-Verbindung - denn die Spiele laufen dabei eigentlich auf Microsofts Servern im Netz. Microsoft arbeite auch an eigenen Streaming-Geräten für dieses Cloud-Gaming, mit denen man komplett auf eine Konsole verzichten könne, hieß es in einem Blogeintrag am Donnerstag.

Microsoft machte zunächst keine Angaben dazu, wie schnell die TV-App verfügbar sein werde. Man arbeite dafür mit Herstellern von Fernsehgeräten zusammen. Die aktuelle Xbox-Konsole, die im Herbst auf den Markt kam, ist angesichts der globalen Halbleiter-Engpässe nach wie vor schwer zu bekommen. Microsoft setzt aber - genauso wie zum Beispiel Google und der Grafikkarten-Spezialist Nvidia - zusätzlich zum Konsolengeschäft auf das Cloud-Gaming übers Internet.

Großauftrag für Boeing in Sicht

Die US-Fluggesellschaft United Airlines verhandelt laut Insidern mit Boeing über den Kauf von mindestens 100 Mittelstreckenjets vom Typ 737 MAX. Die Airline schaue sich mehrere moderne, verbrauchsärmere Flugzeugtypen an, mit denen sie ihre Flotte erneuern könne, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Boeing könnte eine Bestellung über 150 Exemplare der 737 MAX erhalten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 07:35 Uhr in der Börse.