Händler an der Frankfurter Börse
Marktbericht

Kursgewinne von DAX & Co Lockere EZB, entspannte Anleger

Stand: 22.07.2021 22:53 Uhr

Mit ihrer Ankündigung, die ultralockere Geldpolitik noch länger beizubehalten, hat die EZB heute Europas Börsen beflügelt. An der Wall Street dagegen herrschte Flaute.

Während in Europa weiter die Zeichen auf Konjunkturerholung stehen, droht in den USA allmählich der Aufschwung an Fahrt zu verlieren. Vom Arbeitsmarkt kamen negative Signale. In der vergangenen Woche beantragten 419.000 US-Amerikaner Arbeitslosenhilfe und damit deutlich mehr als in der Vorwoche. Experten hatten mit einem Rückgang auf 350.000 Erstanträge gerechnet.

Dow und S&P 500 mühen sich ins Plus

Angesichts der wieder aufflammenden Konjunktursorgen kam der Dow Jones kaum vom Fleck. Er schloss 0,1 Prozent fester. Noch am Vortag hatte der US-Standardwerte-Index die Kursscharte vom Wochenbeginn ausgewetzt. Der marktbreite S&P 500 rückte ebenfalls nur zaghaft um 0,2 Prozent vor. Die Nasdaq zog um 0,4 Prozent an.

DAX steigt den dritten Tag in Folge

Entspannter war die Lage an den europäischen Börsen. Hier ging es spürbar aufwärts. Der DAX schaffte den dritten Gewinntag in Folge. Er stieg um 0,6 Prozent und machte die Kursdelle vom Montag wieder wett. Die Aussichten auf eine weiter anhaltende Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB) trieb die Kurse.

EZB mauert Nullzinsen fest

EZB-Präsidentin Christine Lagarde stellt sich dauerhaft auf eine Nullzins-Strategie und eine ultralockere Geldpolitik ein. "Unsere Leitzinsen sind seit einiger Zeit nahe an ihrer Untergrenze und der mittelfristige Ausblick für die Inflation bleibt immer noch deutlich unter unserem Ziel", sagte Lagarde. Die EZB will auf absehbare Zeit der pandemiegeschwächten Wirtschaft mit einer sehr expansiven Geldpolitik unter die Arme greifen. Das zu Beginn der Corona-Pandemie aufgelegte, besonders flexible Notkaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere von Unternehmen wird bis mindestens Ende März 2022 fortgeführt. Obwohl angesichts der anziehenden Konjunktur Zweifel an der Notwendigkeit solcher Käufe wachsen, will die Notenbank das Tempo der Wertpapierkäufe im dritten Quartal sogar noch erhöhen.

Neues Inflationsziel

In ihrem aktualisierten geldpolitischen Ausblick (Forward Guidance) bekräftigte die EZB ihr neues flexibleres Inflationsziel. Die Euro-Wächter wollen unter anderem nun ihre Leitzinsen so lange auf dem aktuellen oder einem noch tieferen Niveau halten, bis zu sehen ist, dass die Inflation zwei Prozent erreicht und dies dann erst einmal beständig so bleibt. Das könnte auch eine Übergangszeit von Inflationsraten über zwei Prozent beinhalten. Bisher lag die Vorgabe für die Inflation bei unter, aber nahe zwei Prozent.

Die neue Formulierung stieß allerdings bei mehreren Währungshütern auf Widerspruch. "Wir hatten keine Einstimmigkeit, aber wir hatten eine überwältigende Mehrheit zur Kalibrierung der Forward Guidance für die EZB-Leitzinsen", erklärte Lagarde vor der Presse. Insidern zufolge lehnten Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und Belgiens Notenbankchef Pierre Wunsch den neuen Zinsausblick ab.

Keine Zinswende in Sicht

Damit immunisiere die EZB ihre Negativzinsen und die Anleihekäufe auf lange Zeit gegen einen überraschend starken Inflationsanstieg, sagte ZEW-Volkswirt Friedrich Heinemann. Auch Alexander Krüger, Chefvolkswirt beim Bankhaus Lampe, rechnet damit, dass die Zeit der Ultratiefzinsen noch länger anhalten wird. "An eine Leitzinswende ist nicht nur noch lange nicht zu denken, sie ist zeitlich sogar noch gestreckt worden", erklärte er.

"Alter Wein in neuen Schläuchen!"

"Es war ein bisschen wie alter Wein in neuen Schläuchen", sagte Carsten Brzeski, Chef-Volkswirt der ING Bank in Deutschland. Die Wortwahl habe sich zwar etwas geändert, die Geldpolitik dagegen nicht. Die EZB habe Spekulationen auf eine Drosselung ihrer Anleihekäufe eine Absage erteilt.

Euro fällt unter 1,18 Dollar

Das Bekenntnis zur ultralockeren Geldpolitik der EZB bewegte den Euro kaum. Die Gemeinschaftswährung kostete am Abend 1,1771 Dollar und damit etwas unter dem Niveau im späten europäischen Währungsgeschäft. Im Tagesverlauf war der Euro zeitweise auf 1,1813 Dollar angezogen. Anhaltend niedrige Zinsen im Euroraum schwächen die Währung tendenziell.

Bundesanleihe-Renditen sinken

Der EZB-Entscheid und die Lagarde-Äußerungen gaben den Kursen europäischer Staatsanleihen Auftrieb. Im Gegenzug fielen die Renditen der zehnjährigen Bonds aus Deutschland und Italien auf minus 0,419 beziehungsweise plus 0,650 Prozent.

Öl wieder teurer

Derweil zog der Ölpreis erneut an. Die Sorte Brent aus der Nordsee gewann ein Prozent auf 72,95 Dollar je Barrel (159 Liter). Auch mit der von den großen Exportländern beschlossenen Lockerung der Förderbremse werde die Nachfrage das Angebot in den kommenden Monaten übersteigen, prognostizierten die Analysten der Bank Morgan Stanley.

Bitcoin kaum bewegt von Tesla-Chef

Tesla-Chef Elon Musk konnte nur kurze Zeit den Bitcoin anfachen. Die Kryptowährung zog kaum an. Musk hatte in Aussicht gestellt hat, dass der Elektrobauer die Cyber-Devise wieder als Zahlungsmittel akzeptieren wird. "Die Tage, dass Musk mit einer verbalen Intervention die Märkte nachhaltig beeinflussen kann, sind fürs Erste scheinbar gezählt", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. In den vergangenen Monaten hatte der Tesla-Chef mit Tweets mehrfach Kurskapriolen bei Bitcoin & Co ausgelöst.

ABB treibt Siemens an

Im DAX zählte Siemens mit einem Kursplus von knapp drei Prozent zu den Favoriten. Der Technologiekonzern profitierte von überraschend starken Zahlen des Rivalen ABB. Die Schweizer peilen für das Gesamtjahr ein Umsatzplus von knapp zehn statt mindestens fünf Prozent an.

Viel Zündstoff auf VW-Hauptversammlung

Zukunftspläne und Vergangenheitsbewältigung: Bei der Hauptversammlung von Volkswagen waren Konzernführung und Aktionäre hin- und hergerissen. Vorstandschef Herbert Diess erklärte auf dem Online-Treffen am Donnerstag seine frisch vorgelegte Strategie in Sachen E-Mobilität, Software und Dienstleistungen. Doch viele Anteilseigner bohrten noch einmal zum "Dieselgate"-Vergleich mit Ex-Managern, zur Berechnung der Vorstandsgehälter und zum Umfang der Klimaschutz-Anstrengungen nach. Den außergerichtlichen Vergleich mit dem Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn und Ex-Audi Chef Rupert Stadler nickten die Aktionäre mit 99,9 Prozent der Stimmen ab.

VW will mit dem Verkauf von E-Autos schon bald eine vergleichbare Rendite einfahren wie mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. "Wir gehen davon aus, dass unsere Margen in der E-Mobilität und im Verbrenner-Geschäft bereits in zwei bis drei Jahren auf demselben Niveau liegen werden", sagte Konzernchef Diess. Bis 2030 solle der weltweite Markt für batteriegetriebene Fahrzeuge die Verbrenner-Autos auch beim Absatz eingeholt haben. "E-Autos werden dann deutlich günstiger als Verbrenner sein", sagte Diess.

Mercedes wird elektrisch

Die Aktien von Daimler legten 0,5 Prozent zu. Der Stuttgarter Konzern kündigte neue ambitionierte Ziele in Sachen E-Mobilität an. Unter dem Leitbegriff "Electric only" soll künftig das ganze Mercedes-Geschäft auf elektrisches Fahren ausgerichtet werden. Schon im Jahr 2025 wollen die Schwaben rund 50 Prozent ihrer Neuverkäufe mit vollelektrischen oder Plug-in-Autos erzielen - das sind doppelt so viel wie bisher geplant. Man bereite sich zudem vor, bis zum Ende des Jahrzehnts "vollelektrisch zu werden" - unter anderem auch durch den Aufbau einer eigenen Zellproduktion im großen Stil. Der Autobauer nannte anders als VW kein genaues Jahr für das Ende des Verbrennungsmotors.

Allianz hochgestuft

Die Allianz-Aktien gehörten zu den größten Dax-Gewinnern. Die Investmentbank Jefferies hat die Papiere von "Hold" auf "Buy" hochgestuft und das Kursziel von 205 auf 240 Euro angehoben. Die Allianz-Aktie verspreche attraktive Wachstumschancen bei überschaubaren Risiken, schrieb Jefferies in der Studie. Dabei sei das Risikoprofil besser als das der Wettbewerber. All das würden Investoren teilweise übersehen.

Commerzbank lagert Wertpapierabwicklung nicht aus

Überraschend hat die Commerzbank die Auslagerung ihrer Wertpapierabwicklung an die britische Großbank HSBC nun doch gestoppt. "Das deutlich gewachsene Handelsvolumen und die technologische Weiterentwicklung ermöglichen uns, die Wertpapierabwicklung profitabel fortzuführen", sagte das zuständige Vorstandsmitglied Jörg Hessenmüller. Der Stopp des Projekts schlägt im zweiten Quartal mit einer Sonderabschreibung von rund 200 Millionen Euro zu Buche, warnte die Commerzbank. Die Aktie gab etwas nach.

Rational tischt gute Zahlen auf

Nach einem guten ersten Halbjahr rechnet der Großküchenausrüster Rational mit einer schnelleren Erholung von den Auswirkungen der Pandemie. Bei einer anhaltenden Entwicklung sei eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau bereits im kommenden Jahr möglich, kündigte das MDAX-Unternehmen an. Und auch für das laufende Jahr zeigte sich der Vorstand optimistisch: In einem günstigen Szenario dürfte der Umsatz um 15 bis 20 Prozent zulegen und die Marge zum operativen Ergebnis (Ebit) leicht über 20 Prozent liegen.

Shop Apotheke senkt die Umsatzprognose

Aus dem MDAX gab am Abend nach Börsenschluss die Shop Apotheke eine Umsatzwarnung. Vor allem aufgrund des Personalmangels werde der Umsatz 2021 nur noch um zehn bis 15 Prozent wachsen. Bisher hatte die Online-Apotheke ein Plus von etwa 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angepeilt, als die Erlöse noch um rund 38 Prozent auf 968 Millionen Euro gestiegen waren. Auch vom Ziel einer bereinigten operativen Umsatzrendite von bis zu 2,8 Prozent verabschiedete sich Shop Apotheke und erwartet nun eine Ebitda-Marge in etwa auf Break-Even-Niveau. Vor der Warnung hatten die Aktien noch zu den stärksten MDAX-Werten gezählt.

Stratec erhöht Prognose

Dagegen wird der Diagnostik-Spezialist Stratec Biomedical nach einem starken ersten Halbjahr zuversichtlicher für das Gesamtjahr. Die ohnehin hohe Wachstumsdynamik der ersten Monate des Jahres 2021 habe sich im zweiten Quartal nochmals leicht erhöht, teilte der Konzern mit. Deshalb rechnet das Unternehmen jetzt für 2021 mit einem währungsbereinigten Umsatzwachstum von mindestens zwölf Prozent. Zuvor hatte Stratec ein Wachstum mindestens im hohen einstelligen Prozentbereich in Aussicht gestellt.

Amadeus Fire traut sich mehr zu

Der Personaldienstleister Amadeus Fire hat die Ergebnisprognose für das laufende Jahr nach einem guten Geschäft in den ersten sechs Monaten ebenfalls erhöht. Das operative Ergebnis soll um mindestens die Hälfte auf mehr als 60 Millionen Euro steigen. Bislang hatte das SDAX-Unternehmen ein Plus von 15 Prozent in Aussicht gestellt.

Adva erreicht deutlich besseres Ergebnis

Der Netzwerkausrüster Adva hat im zweiten Quartal bei einem Umsatzplus von drei Prozent auf 149 Millionen Euro sein Betriebsergebnis um 43 Prozent auf 14,4 Millionen Euro verbessert. Der Vorstand bekräftigte seine Jahresziele mit einem Umsatz von 580 bis 610 Millionen Euro und einer operativen Umsatzrendite von sieben bis zehn Prozent.

About You wächst stark

Der Online-Modehändler About You ist dank zahlreicher Neukunden und einer starken Nachfrage nach neuen Kollektionen und Modemarken gut in sein Geschäftsjahr gestartet. Der Umsatz kletterte im ersten Geschäftsquartal (bis Ende Mai) um knapp zwei Drittel auf 422, Millionen Euro. Wegen der hohen Investitionen in den Ausbau des Geschäfts schrieb About You weiterhin rote Zahlen. Der bereinigte Betriebsverlust weitete sich auf 12,3 Millionen Euro aus.

Leichtes Umsatzplus bei Vantage Towers

Die im SDAX notierte Vodafone-Funkturmgesellschaft Vantage Towers hat im ersten Geschäftsquartal etwas mehr erlöst. Verglichen mit dem Pro-Forma-Ergebnis des vergangenen Jahres stieg der Umsatz ohne Durchleitungseinnahmen um zwei Prozent auf 246 Millionen Euro. Ergebniszahlen nannte der Börsenneuling Vantage Towers noch nicht.

Unilever hadert mit den Kosten

Den britisch-niederländischen Konsumgüterkonzern Unilever belasten zunehmend steigende Kosten für Rohstoffe, Verpackung und Logistik. Zusammen mit wieder steigenden Investitionen drücke das auf das Ergebnis, teilte das Unternehmen mit. Im ersten Halbjahr stiegen die Erlöse leicht um 0,3 Prozent auf 25,8 Milliarden Euro. Dabei belastete unter anderem der starke Euro.

Corona-Tests helfen Roche

Der Schweizer Pharmakonzern Roche profitiert von einer anhaltend hohen Nachfrage nach Corona-Tests. Im ersten Halbjahr kletterte der Umsatz um fünf Prozent auf 30,7 Milliarden Schweizer Franken. Zu konstanten Wechselkursen stand ein Plus von acht Prozent zu Buche. Nach einem schwachen ersten Quartal ging auch das Pharmageschäft wieder auf Wachstumskurs; kräftige Zuwächse konnte Roche vor allem mit neuen Medikamenten verbuchen. Der Konzerngewinn sank indes wegen des starken Franken um drei Prozent auf 8,2 Milliarden Franken, währungsbereinigt stieg er um zwei Prozent.

Bei AT&T funkt's

An der Wall Street stand AT&T im Rampenlicht. Dank eines überraschend starken Kundenwachstums hob der Mobilfunker seine Gesamtjahresziele an. Das Unternehmen peilt nun ein Umsatzplus von zwei bis drei Prozent statt rund einem Prozent an. Der Gewinn werde nicht stagnieren, sondern im unteren bis mittleren einstelligen Prozentbereich steigen. AT&T-Aktien gingen mit einem kleinen Kursaufschlag von 0,4 Prozent aus dem Handel.

Bei Dow stimmt wieder die Chemie

Die Aktien von Dow stiegen um 1,3 Prozent. Beim Chemieunternehmen läuft die Erholung von der Pandemie mit Volldampf. Der Konzern wies für das vergangene Quartal einen Gewinn von 1,9 Milliarden US-Dollar aus und verdiente damit noch deutlich mehr als zum Jahresauftakt.

Intel erhöht Prognose

Nach US-Börsenschluss präsentierte noch Intel seine Quartalsbilanz. Im abgelaufenen Quartal stieg der Umsatz leicht um zwei Prozent auf 18,5 Milliarden Dollar. Analysten hatten mit einem Minus gerechnet. Der Nettogewinn legte um sechs Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar zu. Die anhaltend hohe Nachfrage nach Halbleitern macht Intel zuversichtlicher. Der US-Chipkonzern rechnet nun im Gesamtjahr mit Erlösen von 73,5 Milliarden Dollar statt bisher 72,5 Milliarden Dollar. Firmenchef Pat Gelsinger sagte, das Unternehmen nehme Fahrt auf.

Rasantes Wachstum von Twitter

Und auch Twitter meldete seine Zahlen. Diese waren überraschend gut. Die Aktie sprang im nachbörslichen US-Handel zeitweise um rund acht Prozent nach oben. Der Umsatz von Twitter wuchs im zweiten Quartal um 74 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Dollar. Für das laufende Vierteljahr stellte Twitter bis zu 1,3 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht. Die Zahl der täglich aktiven Nutzer stieg binnen drei Monaten von 199 auf 206 Millionen.

Unterm Strich verdiente Twitter rund 66 Millionen Dollar. Im Vorjahreszeitraum hatte es noch einen Verlust von 1,38 Milliarden Dollar gegeben, der damals hauptsächlich auf eine Steuerrückstellung von nahezu 1,1 Milliarden Dollar zurückging. Neue lukrative Einnahmen verspricht sich der von seinem ersten Abo-Produkt, das jüngst eingeführt wurde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juli 2021 um 17:05 Uhr.