Händler an der Frankfurter Börse | picture alliance/Arne Dedert/dpa
Marktbericht

Ausverkauf an der Wall Street Stürmische Börsen-Zeiten

Stand: 12.05.2021 22:46 Uhr

Über vier Prozent Inflation in den USA - mit solch einem Anstieg hatte kaum ein Ökonom gerechnet. An der Wall Street saß der Schock tief: die Kurse sackten ab. Nur Europas Börsen stemmten sich gegen den Abwärtstrend.

Das gefürchtete "Inflationsgespenst" ist wieder zurückgekehrt. Und wie! Die billionenschweren Konjunkturhilfen von Staat und Notenbank, der sich lösende Konsumstau und Chip-Engpässe in der Industrie sorgten im April für einen heftigen Inflationsanstieg in den USA. Die Verbraucherpreise zogen um 4,2 Prozent an - nach plus 2,6 Prozent im März. Experten hatten lediglich mit einem Anstieg um 3,6 Prozent gerechnet.

Angst vor Zinserhöhungen

Die überraschend hohe Inflation heizte Befürchtungen vor Zinserhöhungen an. Diese gibt es schon seit mehreren Tagen, nachdem US-Finanzministerin Janet Yellen mögliche Zinsanhebungen in Aussicht gestellt hatte, sollte es zu Überhitzungserscheinungen in der Wirtschaft kommen. "Diese Zahlen bestätigen die Furcht des Marktes, dass die Inflation außer Kontrolle gerät", erklärte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses Avatrade.

Wie reagiert nun die Fed?

Nun steigt der Druck auf die Fed zu handeln. Obwohl die Zielinflation von zwei Prozent klar übertroffen wird, hat die Fed bereits signalisiert, auf den Preisanstieg nicht zu reagieren. Sie betrachtet die Entwicklung als übergangsweises Phänomen und will an ihrer ultralockeren Geldpolitik nicht rütteln. Helaba-Experte Ralf Umlauf verweist auf eine pandemiebedingt niedrige Vorjahresbasis, so dass die Notenbank die treibenden Faktoren für vorübergehend hielte.

Dow & Co stürzen ab

An der Wall Street herrschte eine Art Ausverkaufsstimmung. Der Dow Jones sackte um zwei Prozent auf den tiefsten Stand seit Mitte April ab. Der breit gefasste Index S&P 500 büßte 2,1 Prozent auf 4.063 Punkte ein. Technologiewerte gerieten noch stärker unter die Räder. Die Nasdaq stürzte um 2,7 Prozent auf 13.031 Zähler ab.

DAX hält sich knapp im Plus

Der Gegenwind aus den USA bremste auch die Erholung an Europas Börsen. Der DAX schloss nur moderat um 0,2 Prozent fester. Gute Firmenbilanzen von Bayer, der Deutschen Telekom und auch der Allianz stützten den deutschen Leitindex. Am Dienstag war der DAX noch deutlich abgerutscht. Auf Wochensicht steuert er auf ein Minus zu. An Christi Himmelfahrt ist die Frankfurter Börse geöffnet.

Euro fällt unter 1,21 Dollar

Die überraschend hohe Inflation und die neu erwachte Zinsfantasie in den USA trieben den Dollar an. Der Euro fiel unter 1,21 Dollar und notierte am Abend bei nur noch 1,2072 Dollar. Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen stieg auf 1,65 Prozent. Mit steigender Inflation verbinden Anleger in der Regel die Angst vor wieder anziehenden Zinsen. Diese könnten die Finanzierungskonditionen von Unternehmen verschlechtern und Anleihen als Alternative zu Aktien attraktiver machen.

Öl teurer, Gold billiger

Die Ölpreise stiegen. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um 1,6 Prozent auf 36,64 Dollar je Barrel (159 Liter). Die Internationale Energieagentur (IEA) verstärkte den Optimismus der Investoren mit ihrer jüngsten Markteinschätzung. "Das erwartete Angebotswachstum für den Rest des Jahres entspricht bei weitem nicht unserer Prognose für eine deutlich stärkere Nachfrage über das zweite Quartal hinaus", erklärte die Organisation. "Auch nach der geplanten Produktionsausweitung zwischen Mai und Juli bleibt der Markt im zweiten Halbjahr deutlich unterversorgt", prognostizierten die Analysten der Commerzbank. Die Feinunze Gold verbilligte sich derweil um über ein Prozent 1815 Dollar.

Bayer überrascht positiv in der Agrarsparte

Top-Gewinner im DAX war Bayer. Die Aktien des Leverkusener Pharma- und Chemiekonzerns gewannen über sieben Prozent. Der Dax-Konzern schnitt im ersten Quartal deutlich besser ab als erwartet. Zwar litt Bayer zum Jahresauftakt unter negativen Währungseffekten. Das bereinigte Betriebsergebnis (Ebitda) fiel um gut sechs Prozent auf 4,12 Milliarden Euro. Der Umsatz sank um vier Prozent auf 12,33 Milliarden Euro, währungsbereinigt stand aber ein Plus von 2,8 Prozent zu Buche. Experten lobten das starke Agrar-Geschäft.

Deutsche Telekom hebt Prognose an

Um über zwei Prozent stiegen die T-Aktien. Die Deutsche Telekom hat dank des brummenden US-Geschäfts die Erwartungen im ersten Quartal übertroffen. Der Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast ein Drittel auf 26,4 Milliarden Euro. Das lag vor allem an der Übernahme des US-Rivalen Sprint durch die Tochter T-Mobile US. Rechnet man dessen Umsätze und andere Effekte heraus, lag das Umsatzplus bei 7,1 Prozent. Der Jahresüberschuss des Konzerns erhöhte sich um 2,2 Prozent auf 936 Millionen Euro. Auf das verbliebene Jahr blickt die Telekom nun optimistischer als zuvor. Die Bonner rechnen nun mit einem bereinigten Betriebsergebnis ohne Leasingaufwendungen (Ebitda AL) von mehr als 37 Milliarden Euro.

Allianz steuert auf Rekordjahr zu

Ebenfalls gut an kamen die Zahlen der Allianz. Die Aktien stiegen um 1,2 Prozent. Der Versicherer hat seinen Gewinn zum Jahresauftakt kräftig gesteigert und sieht sich in seinen Prognosen bestätigt. Das operative Ergebnis schnellte im ersten Quartal um 45 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro in die Höhe. Analysten hatten mit knapp 3,1 Milliarden Euro gerechnet. "Das ist ein ermutigender Auftakt und macht uns zuversichtlich, unsere für das Jahr 2021 gesteckten Ziele zu erreichen", sagte Vorstandschef Oliver Bäte. Die Allianz geht weiter von einem Ergebnis von 11 bis 13 Milliarden Euro aus.

Delivery Hero plant sein Comeback in Deutschland

Größter Verlierer im Leitindex war dagegen Delivery Hero. Die Aktien des Essenslieferanten sanken um über sechs Prozent. Gut zweieinhalb Jahre nach dem Verkauf des Deutschlandgeschäfts an den Konkurrenten Just Eat Takeaway.com will Delivery Hero zurück in den Heimatmarkt. Unter der Marke Foodpanda würden ab Juni zunächst in Berlin Restaurant-Essen, Lebensmittel und andere Supermarkt-Produkte ausgeliefert. Nach dem Start im August werde das Angebot auf weitere Städte ausgeweitet. Der Lieferando-Eigner Takeaway.com gab prompt bekannt, sein Lieferangebot auf Lebensmittel aus Supermärkten auszuweiten.

RWE mit Windkraft-Delle

Leicht im Minus schlossen die Papiere von RWE. Der Versorger hat im ersten Quartal wegen der hohen Belastungen aus der Kälte-Katastrophe in Texas deutlich weniger verdient. Das bereinigte Ergebnis (Ebitda) ist auf 883 Millionen Euro von 1,324 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum geschrumpft. RWE betreibt in den USA Windkraftanlagen, darunter in Texas. Dort war es im Februar zu einem Kälteeinbruch und Stromausfällen gekommen. Um seine Lieferverträge zu erfüllen, hatte RWE nach eigenen Angaben Strom zu extrem hohen Preisen einkaufen müssen. Die Verluste beliefen sich auf rund 400 Millionen Euro.

Ist bei Merck die Luft raus?

Florierende Geschäfte mit Produkten für die Impfstoff- und Arzneimittelherstellung haben bei Merck die Kassen klingeln lassen. Das bereinigte Betriebsergebnis (Ebitda) stieg im ersten Quartal um knapp 28 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Analysten hatten mit weniger gerechnet. Merck setzte mit 4,6 Milliarden Euro sechs Prozent mehr um. Das organische Wachstum betrug sogar mehr als zwölf Prozent. Trotzdem gaben die Merck-Aktien 2,3 Prozent nach. Ende April hatten sie mit etwas über 150 Euro ein Rekordhoch erreicht, seitdem ist die Luft raus.

Mietendeckel-Aus beflügelt Deutsche Wohnen

Der DAX-Aufsteiger Deutsche Wohnen ist mit einem deutlichen Gewinnplus ins Jahr gestartet. Das Ergebnis aus dem operativen Geschäft (FFO I) stieg im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um rund 8,8 Prozent auf 154,8 Millionen Euro. Dabei halfen ein gesunkener Leerstand und ein Anstieg der durchschnittlichen Vertragsmieten pro Quadratmeter von 2,9 Prozent auf 7,12 Euro. Für 2021 rechnet das Management weiter mit einem stabilen FFO I. Rückenwind gibt dem stark in Berlin engagierten Konzern das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Aus des Mietendeckels in der Hauptstadt.

Commerzbank kehrt in die Gewinnzone zurück

Größter Gewinner im MDAX war die Commerzbank mit einem Plus von 8,6 Prozent. Niedrigere Kosten und höhere Provisionen haben der Frankfurter Großbank überraschend einen Quartalsgewinn beschert. Unter dem Strich erwirtschaftete die Commerzbank einen Gewinn von 133 Millionen Euro - nach einem Verlust von 291 Millionen Euro vor Jahresfrist. "Nach dem sehr guten Jahresauftakt blicken wir trotz der anhaltenden Pandemie zuversichtlich nach vorn", sagte der neue Konzernchef Manfred Knof. Er hob die Jahresziele für Erträge und Kapital an. Analysten hatten mit einem Verlust in den ersten drei Monaten gerechnet. Die Erträge legten im ersten Quartal vor allem dank eines höheren Provisionsüberschusses um mehr als ein Drittel auf 2,5 Milliarden Euro zu.

SMA trotzt der Nachfragekrise

Aktien des Solar-Zulieferers büßten nach anfänglichen deutlichen Gewinnen 3,6 Prozent ein. SMA hat trotz einer schwächeren Nachfrage mehr verdient. Bei einem Umsatzrückgang auf 240,4 Millionen Euro stieg das operative Ergebnis (Ebitda) auf 20,1 Millionen Euro. Das Konzernergebnis erreichte 8,0 Millionen Euro nach einem Minus von 0,3 Millionen vor Jahresfrist.

TUI hofft auf den Sommer

Mut auf einen entspannten Sommerurlaub macht mal wieder die TUI. "Die Perspektiven im Frühsommer 2021 stimmen mich für den Tourismus und für die TUI optimistisch. Sie sind deutlich besser als im ersten Pandemiejahr 2020", erklärte TUI-Chef Fritz Joussen am Mittwoch. Bei TUI seien die Neubuchungen zuletzt stark gestiegen. TUI bekräftigte, rund 75 Prozent des Sommerprogramms 2019 im Angebot zu haben. Im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres machte der Konzern einen bereinigten Betriebsverlust von 1,3 Milliarden Euro nach einem Fehlbetrag von knapp 800 Millionen im Vorjahr. Der Umsatz betrug vor Jahresfrist 6,6 Milliarden Euro - jetzt nur noch 716 Millionen Euro.

HHLA und Hapag-Lloyd im Container-Boom

Der Hamburger Hafenlogistikkonzern HHLA hat zum Jahresauftakt einen Gewinnsprung verbucht. Das Betriebsergebnis (Ebit) schnellte um mehr als ein Viertel auf 46,3 Millionen Euro nach oben. Als Gründe nannte der Vorstand hohe Lagergelderlöse wegen anhaltender Schiffsverspätungen und einen starken Anstieg der Containertransportmengen. Die HHLA-Aktien sprangen um gut sieben Prozent nach oben.

Die Aktien von Hapag-Lloyd sackten dagegen um 13 Prozent ab. Dabei haben kräftig gestiegene Transportpreise und niedrige Treibstoffkosten bei der Containerreederei für einen glänzenden Jahresauftakt gesorgt. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) verachtfachte sich im ersten Quartal gegenüber dem schwachen Vorjahreszeitraum auf rund 1,3 Milliarden Euro. Der Umsatz kletterte im gleichen Zeitraum um ein Fünftel auf vier Milliarden Euro.

ProSiebenSat.1 profitiert von Online-Diensten

Bei dem Medienkonzern lief es im ersten Quartal bei Umsatz und Gewinn besser als erwartet. Die Erlöse stiegen um ein Prozent auf 938 Millionen Euro und das operative Ergebnis (bereinigtes Ebitda) sank um neun Prozent auf 143 Millionen Euro. Vor allem die starke Dating-Sparte und das Geschäft mit Online-Portalen wie der Kosmetiktochter Flaconi konnten großteils die Rückgänge im margenstarken Werbegeschäft ausgleichen. Das Management hat die Umsatz- und Ergebnisprognose am Mittwoch erhöht. Bei Flaconi sieht ProSiebenSat.1 keinen Druck, rasch über einen Verkauf der Online-Kosmetik-Tochter zu entscheiden.

Volvo-Autos bald wieder an der Börse?

Der zum chinesischen Geely-Konzern gehörende Autohersteller Volvo Cars denkt über einen Börsengang nach. Möglich sei ein Listing an der Nasdaq Stockholm, erklärten die Schweden. Eine endgültige Entscheidung über den Schritt sei abhängig von den Marktbedingungen. Geely würde nach einem eventuellen Listing ein großer Anteilseigner bleiben, versicherte Eric Li, Verwaltungsratsvorsitzender von Zhejiang Geely Holding und Volvo Cars. Zudem wurde der Vertrag von Vorstandschef Hakan Samuelsson bis Ende 20222 verlängert.

Finanzinvestoren wollen Hertz retten

Den größten Kurssprung seiner Firmerngeschichte verzeichnete Hertz. Die Aktien schossen um 55 Prozent hoch. Drei Finanzinvestoren sollen den insolventen Autovermieter wieder auf Trab bringen. Hertz teilte mit, sich für Apollo, Knighthead und Certares als Sanierer entschieden zu haben, um den Gläubigerschutz zu verlassen. Das zuständige Gericht muss dem Plan Mitte Mai noch zustimmen. Hertz würde bei der Sanierung milliardenschwere Geldspritzen erhalten.

Amazon-Chef verkauft weitere Aktien

Die Aktien von Amazon verloren über zwei Prozent. Konzernchef Jeff Bezos hat weitere Amazon-Papiere verkauft. Allein im Mai hat er nun schon Anteile im Wert von 6,7 Milliarden Dollar abgegeben. Dagegen gab es positive Nachrichten aus Luxemburg. Nach einem Urteil des EU-Gerichts hat der weltgrößte Online-Händler nicht von unerlaubten Steuervorteilen in Luxemburg profitiert. Die zuständigen Richter kippten am Mittwoch eine Anordnung der EU-Kommission, nach der Luxemburg von Amazon rund 250 Millionen Euro Steuern plus Zinsen nachfordern sollte.

Chip-Branche fürchtet Produktionsausfälle in Taiwan

Zu den Verlierern zählten am Mittwoch auch die Aktien der Chip-Hersteller wie AMD, Intel und Texas Instruments. Die in den USA gehandelten Titel des weltgrößten Chip-Auftragsfertigers TSMC aus Taiwan sackten gar um mehr als vier Prozent ab. Anleger fürchten Gewinneinbußen durch Produktionsausfälle in Taiwan, wo zahlreiche Halbleiter-Werke stehen. Wegen steigender Corona-Fallzahlen könnte das Land bald seine Warnstufe erhöhen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Börse am 12. Mai 2021 um 07:35 Uhr.