"Wählt - noch einmal" steht auf einem Plakat in Georgias Hauptstadt Atlanta. | REUTERS
Marktbericht

Stichwahlen in Georgia Wall Street fürchtet Demokraten-Sieg

Stand: 04.01.2021 22:20 Uhr

Aus Furcht vor einem Sieg der Demokraten bei der Stichwahl in Georgia sind die US-Börsen am Montag abgerutscht. Doch wovor genau hat die Wall Street eigentlich solche Angst?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Das war kein Jahresbeginn nach Maß: An der Wall Street sind die großen Börsenindizes am ersten Handelstag des neuen Jahres nach anfänglichen Kursgewinnen und neuen Rekordhochs mächtig ins Rutschen geraten. Der Leitindex Dow Jones büßte 1,3 Prozent auf 30.224 Punkte ein. Im Laufe des Handels war er zeitweise sogar unter die Marke von 30.000 Punkten gefallen.

Für den marktbreiten S&P 500 ging es 1,5 Prozent auf 3.701 Punkte nach unten. Der technologielastige Nasdaq Composite schloss ebenfalls 1,5 Prozent tiefer bei 12.695 Stellen.

Schärfere Regulierung - kein Wunschszenario der Märkte

Für Verunsicherung unter den Anlegern sorgten die anstehenden Nachwahlen zum US-Senat in Georgia. Sollten die Demokraten auch dort die Mehrheit erringen, könnte der designierte Präsident Joe Biden durchregieren und eine radikalere Politik durchsetzen - etwa im Hinblick auf höhere Staatsausgaben oder die Begrenzung der Macht der US-Technologiekonzerne. Für die Märkte wäre das definitiv kein Wunschszenario.

Auch eine schärfere Regulierung des Ölsektors stünde bei einem Sieg der Demokraten im Raum. "Das könnte am Ende einen höheren Ölpreis und auch neue Volatilität am Aktienmarkt mit sich bringen", unterstreicht Jochen Stanzl, Chefanalyst CMC Markets.

Aus für Trumps Unternehmenssteuersenkung?

Ein Wahl-Sieg der Demokraten in Georgia könnte überdies Joe Biden bei seinem Vorhaben helfen, die Trumpsche Unternehmenssteuersenkung von 2017 rückgängig zu machen. Das würde wiederum die Konzerngewinne und damit die Aktienkurse unter Druck setzen.

Mit der Steuersenkung wollte Trump nicht zuletzt Investitionen aus dem Ausland anlocken. Zahlen der Deutschen Bundesbank deuten darauf hin, dass zumindest die deutschen Kapitalströme in die USA nach 2017 merklich zugenommen haben. "Die Neuanlagen deutscher Konzerne in den USA waren 2018 und 2019 mit rund 37 und 32 Milliarden Euro jeweils doppelt so hoch wie 2016 und 2017", betonte jüngst das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Tesla-Rekordhoch misstrauisch beäugt

Unter den Einzelwerten an der Wall Street ragte zu Wochenbeginn einmal mehr die Tesla-Aktie heraus. Ein über den Erwartungen liegender Fahrzeug-Absatz 2020 trieb die Aktie zeitweise bis auf 744,49 Dollar und damit auf ein neues Rekordhoch. Mitte März waren die Papiere noch für 70 Dollar zu haben gewesen. Nicht alle Experten trauen der Entwicklung. Im Schnitt haben die Wall-Street-Analysten für Tesla ein Kursziel von gerade einmal knapp 425 Dollar.

Kurssturz bei VW-Partner Quantumscape

Dagegen machte beim Lithiumbatterien-Hersteller Quantumscape ein Kurseinbruch von über 40 Prozent einen großen Teil des vorherigen, wochenlangen Höhenflugs der Aktie auf einen Schlag zunichte. Schuld waren enttäuschte Hoffnungen, dass Apple bei seinem Elektroauto-Projekt auf die Produkte von Quantumscape setzen könnte.

Das sind auch für den deutschen Autobauer VW alles andere als gute Nachrichten. Die Wolfsburger haben bislang rund 300 Millionen Dollar in Quantumscape investiert und sehen in dem Start-up eine Art Geheimwaffe gegen die Tesla-Dominanz.

DAX: Gewinnmitnahmen nach Rekordhoch

Am deutschen Aktienmarkt dominierten im frühen Handel zunächst Kursgewinne. Bis auf 13.907 Punkte ging es im Laufe des Vormittags aufwärts, der DAX konnte so seinen nur wenige Tage alten Rekordstand knapp übertreffen.

Im Laufe des Handelstages bröckelten die Kursgewinne jedoch. Nach der schwachen Eröffnung der Wall Street geriet auch der DAX unter Druck, rutschte zeitweise sogar ins Minus. Zum Xetra-Schluss standen die 30 deutschen Standardwerte schließlich 0,1 Prozent höher bei 13.727 Punkten. Marktbeobachter sprachen auch von Gewinnmitnahmen nach der Rekordrally der vergangenen Tage.

Hoffnungsfaktor Impfstoffe

Jenseits des Unsicherheitsfaktors Georgia, welcher zu Wochenbeginn die Kurse an der Wall Street und damit auch hierzulande unter Druck setzte, bleiben indes die weiteren Aussichten für Aktien angesichts der Geldschwemme der globalen Notenbanken gut.

Am Markt herrscht weiterhin große Erleichterung über die angelaufenen Impfaktionen. Die europäische Arzneimittelagentur EMA will am Mittwoch über die Empfehlung des Moderna-Impfstoffes entscheiden. Derweil wurde in Großbritannien erstmals ein Mensch mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft.

In das Vakzin setzen Virologen große Hoffnung, ist es doch auf eine solch ausgeklügelte Kühl- und Logistikkette wie der Impfstoff von Biontech nicht angewiesen, sondern kann bei Raumtemperatur aufbewahrt werden und damit auch in Hausarztpraxen problemlos zum Einsatz kommen.

Auch MDAX und SDAX mit neuen Rekordhochs

Nicht zuletzt dürfte auch die "Fear of missing out" weiterhin die Kurse antreiben. Die Angst, den nächsten Kursanstieg zu verpassen und nur von der Seitenlinie aus beobachten zu können, wiegt bei vielen Investoren schwer.

Tatsächlich spricht nicht zuletzt aus technischer Perspektive vieles für eine Fortsetzung der Kursrally an den Börsen. Denn mit der Markierung von frischen Allzeithochs senden Indizes wie der DAX oder der Dow Jones das beste Kaufsignal, welches die technische Analyse zu bieten hat.

Hinzu kommt: Die Aufwärtsbewegung ruht auf breiten Schultern, das zeigt am deutschen Aktienmarkt ein Blick auf die Nebenwerteindizes MDAX und SDAX, die am ersten Handelstag des neuen Jahres ebenfalls neue Bestmarken aufstellen konnten.

Keine Einigung der OPEC+

Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent notierte am Abend 0,1 Prozent höher bei 51,42 Dollar. Das Ölkartell OPEC und seine zehn Kooperationspartner (OPEC+) sind weiter uneins über eine mögliche Anhebung der Fördermenge ab Februar. Die sechsstündigen Beratungen am Montag blieben zunächst ohne Ergebnis. Am Dienstag sollen die Gespräche in Wien fortgesetzt werden.

Euro gibt Gewinne wieder ab

Die schwächelnde Wall Street schürte die Nachfrage nach dem "sicheren Hafen" US-Dollar. Im Gegenzug büßte der Euro seine Gewinne, die ihn zeitweise bis 1,2308 Dollar getragen hatten, im späten Handel komplett wieder ein. Am Abend wurde die europäische Gemeinschaftswährung bei 1,2246 Dollar gehandelt. Vor dem Jahreswechsel hatte der Euro bei 1,2309 Dollar ein Zwei-Jahres-Hoch markiert.

Der Goldpreis verteuerte sich um 1,5 Prozent auf 1942 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm).

Achterbahnfahrt beim Bitcoin

Richtig turbulent ging es unterdessen am Kryptowährungsmarkt zu. Der Bitcoin stieg am Montagmorgen zunächst auf ein Rekordhoch von 33.867,50 Dollar, bevor Gewinnmitnahmen einsetzten. Diese drückten die älteste und wichtigste Cyber-Devise zeitweise unter 28.000 Dollar, bevor sie letztlich wieder über die Marke von 31.000 Dollar anziehen kann. "Insgesamt ist die Stimmung weiterhin positiv", meinte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade.

Ja zum viertgrößten Autobauer der Welt

Die Teilhaber der Autobauer Fiat Chrysler und PSA Peugeot haben einer Fusion beider Unternehmen am Montag zugestimmt. Der künftige Konzern soll Stellantis heißen und nach Volkswagen, Toyota und dem Renault-Nissan-Bündnis der viertgrößte Autobauer der Welt werden. Der milliardenschwere Zusammenschluss soll bereits am 16. Januar abgeschlossen werden. "Wir sind bereit für diese Fusion", resümierte PSA-Konzernchef Carlos Tavares. Der 62-Jährige wird den künftigen Autoriesen mit rund 400.000 Beschäftigten führen.

Delivery Hero erneut vorn im DAX

Im DAX war Delivery Hero auch am ersten Handelstag des neuen Jahres der mit Abstand größte Kursgewinner. Der Essenslieferant gilt als Gewinner des Lockdowns, Anleger setzen überdies große Hoffnungen in die Expansion nach Asien. Die Papiere setzten ihre Rekordrally zum Jahresstart mit einem Sprung bis auf 138,20 Euro in der Spitze fort. Zum Handelsschluss notierten sie 7,5 Prozent höher bei 136,55 Euro. Bereits 2020 waren die Anteilsscheine mit einem Kursplus von 80 Prozent der Favorit im DAX gewesen.

Merck KGaA nach Kaufempfehlung auf Rekordhoch

Die Aktie von Merck KGaA war am Montag nach Delivery Hero und RWE der drittgrößte Gewinner im DAX. Eine Kaufempfehlung der US-Bank JPMorgan trieb den Pharmatitel zum Start ins neue Börsenjahr auf ein Rekordhoch von 144,35 Euro. Zum Handelsschluss notierten die Papiere 2,4 Prozent höher bei 143,75 Euro. JPMorgan-Analyst Richard Vosser traut den Merck-Aktien in den kommenden Monaten einen weiterhin guten Lauf zu. 2020 hatte das Papier rund ein Drittel zugelegt und sich so den dritten Platz im DAX gesichert.

Handelsumsätze so hoch wie seit 2008 nicht mehr

An der Deutschen Börse ist im vergangenen Jahr so viel gehandelt worden wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Der Umsatz an den Handelsplätzen Xetra, Börse Frankfurt und Tradegate Exchange stieg 2020 um rund 600 Milliarden Euro auf 2,1 Billionen Euro und damit auf den höchsten Stand seit 2008. Die am meisten gehandelte DAX-Aktie war SAP.

Russischer Milliardär darf bei TUI auf 36 Prozent aufstocken

Beim Reisekonzern TUI werfen große Ereignisse ihre Schatten voraus. Die TUI-Aktionäre sollen am Dienstag (11.00 Uhr) bei einer außerordentlichen Hauptversammlung eine Kapitalerhöhung und finanzielle Hilfen genehmigen. Im Vorfeld befreite die Finanzaufsicht BaFin den russischen TUI-Großaktionär Alexej Mordaschow von einem Pflichtangebot, das normalerweise bei einem Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle fällig würde. Mordaschow darf somit seine TUI-Beteiligung im Zuge des Rettungspakets von 24,9 auf bis zu 36 Prozent aufstocken.

Unterdessen haben die EU-Wettbewerbshüter am Montagabend deutsche Staatshilfen bis zu 1,25 Milliarden Euro für den schwer von der Corona-Krise getroffenen Reisekonzern genehmigt. Die deutsche Staatshilfe ist nach Auffassung der EU-Kommission "erforderlich, geeignet und angemessen".

Neuer Commerzbank-Chef: "harte Entscheidungen" voraus

Quasi als erste Amtshandlung hat der neue Commerzbank-Chef Manfred Knof seine Mitarbeiter auf weitere tiefe Einschnitte eingestimmt. "Das wird kein bequemer Weg sein, und ohne Zweifel wird die Transformation, die wir brauchen, auch mit noch mehr harten Entscheidungen und weiteren Restrukturierungsmaßnahmen verbunden sein", schrieb Knof in einem Brief an die Mitarbeiter. Der Ex-Deutschbanker hatte das Ruder bei der Commerzbank zu Jahresbeginn von Martin Zielke übernommen.

Kurseinbruch bei Deutscher Familienversicherung

Jenseits der großen Indizes brach die Aktie der Deutschen Familienversicherung um knapp 40 Prozent ein. Das Unternehmen hatte den Kapitalmarkt am Abend des 30. Dezembers darüber informiert, dass die DFV nicht mehr Erstversicherer und IT-Dienstleister im CareFlex-Konsortium ist, allerdings die Rolle des Rückversicherers übernimmt. Das Unternehmen ist damit laut Marktteilnehmern um eine große Wachstumsstory ärmer.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Börse am 04. Januar 2021 um 07:35 Uhr.