Präsident der Federal Reserve Jerome Powell | Imago
Marktbericht

Rückkehr der Zinsängste Fed-Chef zieht Wall Street nach unten

Stand: 04.03.2021 22:48 Uhr

Ausverkauf an der Wall Street: Die Aktienkurse sind nach der Rede von Fed-Chef Jerome Powell weiter abgesackt. Der oberste Notenbanker konnte die Inflationssorgen nicht dämpfen. Im Gegenteil.

US-Zentralbankchef Jerome Powell sagte bei einer Online-Veranstaltung des "Wall Street Journal", mit einem Aufschwung am Arbeitsmarkt sei zwar auch mit einem Anziehen der Preise zu rechnen. Aber es werde sehr wahrscheinlich im Zuge einer einsetzenden Konsumwelle nach Abebben der Pandemie bei einem Einmal-Effekt bleiben. Er rechne nicht damit, dass ein Preisauftrieb sich verfestige. Selbst wenn sich die Bedingungen am Arbeitsmarkt verbessern sollten, werde die Fed nichts überstürzen: "Ich erwarte, dass wir geduldig bleiben", sagte Powell.

Rendite der US-Anleihen zieht an

Das reichte den Anlegern nicht. Einige hatten wohl mit Maßnahmen gegen den Anstieg der Kapitalmarktzinsen und Signalen bezüglich einer Aufstockung der Anleihekäufe der Fed gerechnet. Die Reaktion an den Anleihe- und Aktienmärkten war heftig: Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen erhöhte sich auf knapp 1,548 Prozent und lag damit wieder nahe am Einjahres-Hoch. Auch der Dollar legte kräftig zu, der Euro fiel unter 1,20 Dollar.

Kleiner Ausverkauf an den US-Börsen

Im Gegenzug beschleunigte die Wall Street ihre Talfahrt. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte verlor 1,1 Prozent auf 30.924 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 fiel um 1,3 Prozent auf 3.768 Punkte, während die technologielastige Nasdaq gar um über zwei Prozent auf 12.723 Punkte abrutschte.

DAX nur knapp im Minus

Am Nachmittag war die Wall Street noch leicht im Plus gelegen und hatte größere Verluste am deutschen Aktienmarkt verhindert. Der DAX schloss 0,2 Prozent tiefer bei 14.056 Zähler, nachdem er zeitweise unter die Marke von 14.000 Punkten gefallen war. Zur Wochenmitte hatte der deutsche Leitindex noch ein Rekordhoch von fast 14.200 Punkten erreicht.

Wehe, wenn die Zinsen steigen!

Steigende Wachstums- und Inflationserwartungen gelten als Auslöser für den Renditeanstieg. Für Aktienanleger ist dies eine Gefahr, da mit steigenden Zinsen Anleihen als Anlagealternative wieder interessanter werden. Für Unternehmen kann zudem die Refinanzierung teurer werden.

"Investoren prüfen derzeit genau, wie es um die Bereitschaft der Zentralbanken angesichts des aufkommenden Inflationsdrucks bestellt ist, weitere Anleihen zu kaufen, um sich gegen den Zinsanstieg zu stemmen", sagte Marktbeobachter Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. "Steigende Zinsen sind effektiv eine Art der geldpolitischen Straffung, und das spielt dem ans Gegenteil gewöhnten Aktienmarkt derzeit überhaupt nicht in die Karten."

Ölpreise springen kräftig nach oben

Die Aussicht auf eine Verlängerung der freiwilligen Förderkürzungen Saudi-Arabiens hat indes die Ölpreise am Donnerstag deutlich in die Höhe getrieben. Die Nordseesorte Brent und die US-Sorte WTI verteuerten sich jeweils um über fünf Prozent auf 67,47 und 64,51 Dollar je Fass. Bei ihrem Treffen am Donnerstag in London verständigten sich die Opec und ihre Partner wie beispielsweise Russland auf eine weniger starke Erhöhung der Förderung für April als Analysten erwartet hatten. 

Nur Russland und Kasachstan erhöhen Ölförderung

Wie Opec und Opec+ mitteilten, einigten sie sich darauf, die Produktion im kommenden Monat weitgehend konstant zu halten. Saudi-Arabien belässt seine Fördermengenkürzung um eine Million Barrel pro Tag bis mindestens nächsten Monat bei. Ausgenommen davon sind Russland und Kasachstan, die ihre Fördermenge im April wegen der saisonal dann üblicherweise höheren Nachfrage um 130.000 beziehungsweise 20.000 Barrel pro Tag ausweiten dürfen.

Änderungen in den DAX-Indizes

Für Gesprächsstoff sorgten die beschlossenen Indexänderungen im DAX. Siemens Energy ersetzt zum 22. März die Beiersdorf-Aktie, während HelloFresh wegen der verschärften Börsenregeln im MDAX bleibt. Dort kommen neben Beiersdorf die VW-Holding Porsche, der Energieparkbetreiber Encavis und der Windkraftanlagenhersteller Nordex hinzu.

VW-Aktie im Höhenflug

Erneut weit oben auf der DAX-Gewinnerliste stand Volkswagen mit einem Plus von zwei Prozent. Die Aktien kletterten auf den höchsten Stand seit Anfang 2018. Auch defensive Aktien wie RWE waren gefragt. Die Titel des Versorgers profitierten von einer Kaufempfehlung der Société Générale. Am DAX-Ende rangierten die Papiere des Chipkonzerns Infineon mit einem Minus von über sechs Prozent.

Vonovia verdient mehr

Die Aktien von Vonovia stiegen um knapp ein Prozent. Für Deutschlands größten Immobilienkonzern liefen die Geschäfte auch während der Corona-Pandemie dank steigender Mieten gut. 2020 legte das operative Ergebnis (FFO) im Jahresvergleich um 10,6 Prozent auf 1,35 Milliarden Euro zu. Vom Gewinnzuwachs sollen die Aktionäre profitieren, die für 2020 eine Dividende wie geplant in Höhe von 1,69 Euro je Aktie bekommen sollen. Das wären 0,12 Euro mehr als ein Jahr zuvor. Die Ziele für das laufende Jahr bestätigte Vonovia.

Merck wächst

Leicht im Plus schloss die Aktie von Merck. Eine hohe Nachfrage nach seinen Produkten in der Corona-Pandemie gab dem Pharma- und Spezialchemiekonzern Rückenwind. 2020 stieg der Umsatz um 8,6 Prozent auf 17,5 Milliarden Euro. Das bereinigte Betriebsergebnis kletterte um 18,6 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro. Der Konzern profitierte im Zuge der Pandemie vor allem von einem starken Life-Science-Geschäft, das Produkte für die Pharmaforschung anbietet.

Henkel im Wechselbad der Gefühle

Ebenfalls zu den DAX-Gewinnern zählte Henkel. Zwar litt der Konzern im vergangenen Jahr unter einem schwachen Klebstoff- und Kosmetikgeschäft, profitierte aber im Wasch- und Reinigungssparte vom wachsenden Hygiene-Bewußtsein. Der Konzernumsatz sank um 4,3 Prozent auf 19,3 Milliarden Euro. Bereinigt um Wechselkurseffekte und Portfolioveränderungen lag das Minus allerdings nur bei 0,7 Prozent. Der Nettogewinn schrumpfte um knapp ein Drittel auf 1,4 Milliarden Euro. 2021 will der Konsumgüterkonzern aber wieder auf Wachstumskurs gehen. So sollen die Erlöse organisch um zwei bis fünf Prozent zulegen

Horror-Jahr für die Lufthansa

Unter Druck im MDAX stand die Lufthansa-Aktie. Die Airline hat wegen der Corona-Krise im vergangenen Jahr den höchsten Verlust der Firmengeschichte gemacht. Er belief sich auf 6,7 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatte das Unternehmen noch einen Gewinn von 1,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die Zahl der Passagiere erreichte wegen des Nachfrageeinbruchs mit 36,4 Millionen nur ein Viertel des Vorjahreswertes. Der Umsatz sackte um 63 Prozent ab auf 13,6 Milliarden Euro.

Kurzfristig traut sich der MDax-Konzern aber keine konkrete Geschäftsprognose zu. Für 2021 rechnet Lufthansa-Chef Carsten Spohr konzernweit mit einem operativen Verlust, der aber geringer als 2020 ausfallen werde. Erst 2022 werde die Lufthansa wieder rentabel werden. Gleichzeitig arbeitet die Fluggesellschaft "intensiv" an einer noch engeren Vernetzung mit der Deutschen Bahn. Neben gemeinsamen Strecken in Deutschland soll mit der Bahn auch ein "gemeinsames Produkt" auf den Markt gebracht werden, kündigte Spohr an.

Knorr-Bremse im Rahmen der Erwartungen

2020 sank der Erlös des Lkw- und Zugbremsenhersteller Knorr-Bremse um gut elf Prozent auf knapp 6,2 Milliarden Euro. Das bei Experten im Fokus stehende Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) fiel um fast 17 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro. Mit dem 2020er-Ergebnis erfüllte Knorr-Bremse die Erwartungen der Experten.

Evonik spürt Corona-Krise

2020 schlugen die Folgen der Corona-Pandemie vor allen anfangs ins Kontor. Die Autokrise und der Ölpreiseinbruch hinterließen insbesondere in der ersten Jahreshälfte Spuren. Zudem gerieten die Preise für das Tierfuttereiweiß Methionin zum Jahresende hin abermals unter Druck. Der Konzernumsatz fiel 2020 um sieben Prozent auf 12,2 Milliarden Euro und das operative Ergebnis sank um elf Prozent auf 1,91 Milliarden Euro. Unter dem Strich bleibt ein Gewinn von 465 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es noch 2,1 Milliarden.

Gewinn schmilzt bei ProSiebenSat.1

Die Aktien von ProSiebenSat.1 stürzten um rund sieben Prozent ab. Die TV-Senderkette hat im vergangenen Jahr ihren Umsatz mit 4,05 Milliarden Euro fast stabil halten können, aber der Gewinn für die Aktionäre fiel um 35 Prozent auf 267 Millionen Euro. Nur die Datingportale der Parship-Meet-Gruppe konnten ihr Betriebsergebnis steigern.

Gute Nachfrage bei Drägerwerk

Die starke Nachfrage nach Beatmungsgeräten und Masken hat dem Medizin- und Sicherheitstechnikkonzern Drägerwerk im Corona-Jahr einen noch stärkeren Gewinnsprung beschert als erwartet. Der Überschuss lag bei rund 250 Millionen Euro - über sieben Mal mehr als im Jahr zuvor. Der Auftragseingang wuchs um rund 35 Prozent auf knapp 3,8 Milliarden Euro. Drägerwerk erwartet auch in den kommenden Jahren gute Geschäfte. "Wir haben nicht nur für 2021 eine Vision, sondern darüber hinaus", sagte Vorstandschef Stefan Dräger. Allerdings rechnet er nicht mehr mit einer Fortsetzung der pandemiebedingten Sonderkonjunktur. Die Lübecker gehen von einem währungsbereinigten Umsatzrückgang zwischen sieben und elf Prozent aus.

CureVac kooperiert mit Novartis

Die Aktien von CureVac schlossen nach anfänglichen Gewinnen um 2,7 Prozent im Minus. Der Tübinger Impfstoffhersteller hat mit dem schweizerischen Pharmakonzern Novartis eine Produktionsvereinbarung unterzeichnet. Novartis soll die mRNA und den Wirkstoff für den Corona-Impfstoffkandidaten von Curevac herstellen. Ende Januar hatte Novartis bereits mit der Mainzer Biontech eine ähnliche Vereinbarung getroffen.

Hyundai korrigiert sich

Der südkoreanische Autobauer muss seinen Quartalsgewinn wegen einer teuren Batterie-Rückrufaktion nachträglich um rund ein Fünftel nach unten korrigieren. Der operative Gewinn des vierten Quartals betrage nun 1,3 Billionen Won (959,6 Million Euro). Ende Januar hatte der Konzern noch 1,6 Billionen Won ausgewiesen.

Bei der 900 Millionen Dollar teuren Rückrufaktion müssen die Batterien von einigen Elektroautos ausgetauscht werden. Davon ist vor allem das Modell Kona betroffen, das meist verkaufte E-Auto des Herstellers, nachdem Batterien in Brand geraten waren.

Lieferdienst Deliveroo vor Börsengang

Der britische Essenslieferdienst Deliveroo nimmt einen der größten Börsengänge in der britischen Hauptstadt seit drei Jahren ins Visier. Bei der Neuemission, mit der noch in der ersten Jahreshälfte gerechnet wird, könnte Deliveroo mit rund sieben Milliarden Dollar bewertet werden. Deliveroo konkurriert unter anderem mit Just Eat Takeaway.com.

Ein Fahrer von Deliveroo in London | REUTERS

Bild: REUTERS

Square kauft Musikdienst von Jay-Z

Die Aktien von Square gaben fast sieben Prozent nach. Die Bezahlfirma des Twitter-Chefs Jack Dorsey übernimmt die Mehrheit am Musikdienst Tidal von Rapstar Jay-Z für 297 Millionen Dollar. Jay-Z soll als Teil des Deals in den Verwaltungsrat von Square einziehen. Dorsey hatte Square während einer Auszeit bei Twitter gegründet und steht an der Spitze beider Unternehmen.

Der Rapper Jay Z

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. März 2021 um 17:00 Uhr in den Wirtschaftsmeldungen.