Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse im Regen
Marktbericht

Turbulente Handelswoche Börsen in der Inflationsfalle

Stand: 14.05.2021 22:38 Uhr

Die Lage an den internationalen Börsen hat sich am Freitag deutlich entspannt. Wegen nachlassender Inflationssorgen erholten sich DAX, Dow & Co und beendeten eine turbulente Woche versöhnlich.

Die gemütliche Zeit an den Börsen, in der es fast ständig nur nach oben ging und ein Rekord nach dem anderen purzelte, scheint vorerst vorbei. Es wird stürmischer. In dieser Handelswoche ging es teils heftig auf und ab. Der DAX schwankte auf Wochensicht um 500 Punkte hin und her. Ähnlich groß waren die Kurskapriolen an der Wall Street.

Wall Street macht Boden gut

Nachdem am Montag das wichtigste Wall-Street-Barometer, der Dow Jones erstmals über die Marke von 35.000 Punkten geklettert war, sackte er am Mittwoch deutlich unter 34.000 Punkte ab. Seither hat er sich wieder kräftig erholt. Am Freitag legte der Dow Jones um mehr als ein Prozent zu. Dennoch war die Wochenbilanz negativ. Der Standardwerte-Index büßte knapp ein Prozent ein.

Die Angst vor der Inflation

Schuld daran waren neu angeheizte Inflationsängste. Erstmals seit 2008 kletterten die Verbraucherpreise in den USA über vier Prozent. Dieser "Inflationsschock" sorgte für einen Kursrutsch an der Wall Street. Anleger befürchten, dass der Preisdruck die Erholung der größten Volkswirtschaft der Welt wieder abwürgen könnte. Dann müssten die Notenbanken zur Bekämpfung der Inflation eine schärfere Gangart einschlagen und früher als geplant die Zinsen anheben. Bei steigenden Zinsen kann sich die Refinanzierung von Unternehmen verteuern. Zudem verlieren Aktien in diesem Szenario im Vergleich zu verzinsten Wertpapieren an Attraktivität.

Alles übertrieben?

Doch offenbar waren die Inflationsängste übertrieben. Nachdem die US-Notenbank beteuerte, die hohe Inflation sei nur vorübergehender Natur und werde an der lockeren Geldpolitik nichts ändern, beruhigten sich die Anleger rasch wieder. Zudem linderten gemischt ausgefallene US-Konjunkturdaten am Freitag die Inflationsfurcht. Die US-Einzelhandelsumsätze stagnierten im April überraschend.

"Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!"

"Wir befinden uns in einer Situation, in der schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind", sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade. Je besser die Konjunkturdaten ausfallen und einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung signalisieren, desto vorsichtiger werden die Anleger. Die Preissteigerungen dürften in den nächsten Wochen und Monaten von den Anlegern weiter ganz genau beobachtet werden. Die Märkte sind an einem Punkt angelangt, an dem starke Konjunkturdaten nicht mehr uneingeschränkt positiv bewertet, sondern vielmehr dahingehend abgeklopft werden, ob sie nicht ein Hinweis auf eine "heiß laufende" Wirtschaft und damit eine anziehende Inflation sind.

"Entweder ist der Anstieg der Inflation vorübergehend, oder die Fed ist gefährlich selbstgefällig", sagte Anlagestratege Kit Juckes von der Bank Société Générale. Die kommenden Monate würden zeigen, ob und wie die US-Notenbank auf die gestiegenen Teuerungsraten reagieren werde.

DAX schafft noch ein Wochenplus

Auch der DAX wurde in dieser Woche heftig durcheinandergewirbelt. Der deutsche Leitindex sackte an Christi Himmelfahrt zeitweise auf 14.816 Punkte ab, den tiefsten Stand seit Ende März, bevor er sich wieder aufrappelte. Am Freitag schloss er mit 15.416 Zählern auf dem zweithöchsten Stand seiner Geschichte. Damit schaffte er sogar noch ein kleines Wochenplus.

Ölpreise ziehen an

Vor dem Hintergrund des wachsenden Interesses der Anleger an Inflationshinweisen rücken auch die Ölpreise in den Fokus. Schließlich hängen die Verbraucherpreise maßgeblich von den Entwicklungen am Ölmarkt ab. Dabei ist allein aufgrund des statistischen Basiseffekts in den kommenden Monaten mit - im Jahresvergleich - steigenden Ölpreisen und damit steigenden Inflationsraten zu rechnen: Vor einem Jahr hatte die Corona-Pandemie die Ölpreise noch tief in den Keller gedrückt.

Touristen als Inflationstreiber?

In Europa bahnen sich derweil Lockerungen für Touristen ihren Weg. Österreich öffnet am 19. Mai für Touristen. "An Pfingsten dürfte auch hierzulande ein reger Urlaubs- und Ausflugsverkehr herrschen", prognostiziert Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. In den USA würde das Memorial-Day-Wochenende Ende Mai entsprechend reiseintensiv. "Der Ölpreis könnte davon profitieren, wenn die Reise-Aktivitätszahlen stärker ausfallen als erwartet", so Rethfeld.

Zum Wochenschluss notierten die Ölpreise deutlich höher. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent verteuerte sich um 1,40 Dollar auf 68,45 US-Dollar. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 1,29 Dollar auf 65,11 Dollar.

Gold-ETFs mit starken Zuflüssen

Die abnehmenden Zinssorgen gaben dem Goldpreis neuen Schub. Der Preis für das gelbe Edelmetall, der gestern noch bis auf 1808 Dollar gefallen war, stieg um 0,6 Prozent auf 1838 Dollar je Feinunze. Die Gold-ETFs verzeichneten seit Tagen kräftige Zuflüsse, betont Commerzbank-Rohstoffexperte Carsten Fritsch. "Seit letzten Freitag summieren sich diese auf mehr als 20 Tonnen. Das hat es seit Anfang Januar nicht mehr gegeben. Die Ampel für einen Preisanstieg bei Gold steht somit auf Grün."

Euro wieder über 1,21 Dollar

Nachlassende Spekulationen auf Zinserhöhungen in den USA schwächten indes den US-Dollar. Der Euro kann sich über der Marke von 1,21 Dollar behaupten. Aktuell notiert die europäische Gemeinschaftswährung bei 1,2135 Dollar.

Eine Milliarde Dollar für Reebok?

Zu den größten Gewinnern im DAX gehörte Adidas. Der fränkische Sportartikelhersteller hat einem Medienbericht zufolge für seine Tochter Reebok ein Gebot für etwas über eine Milliarde Dollar erhalten. Das amerikanische Markenmanagementunternehmen Authentic Brands Group habe sich mit dem Schuhhersteller Wolverine World Wide zwecks einer Offerte für den US-Sportausrüster zusammengetan, berichtet die "New York Post".

VW verkauft deutlich mehr Autos im April

Der Volkswagen-Konzern hat im April gegenüber dem coronabedingten Einbruch vor einem Jahr einen deutlichen Anstieg der Auslieferungen verzeichnet. Die Verkäufe legten über alle Marken hinweg um gut 75 Prozent auf 829.800 Fahrzeuge zu, wie Volkswagen mitteilte. Das reichte aber nicht, um wieder auf die Zahlen aus dem April des Vor-Corona-Jahres 2019 zu kommen.

Neuer Rückschlag für Bayer

Im späten Handel gerieten die Aktien von Bayer etwas unter Druck. Der Agrarchemie- und Pharmakonzern hat auch im zweiten seiner US-Berufungsverfahren wegen angeblicher Krebsrisiken des Unkrautvernichters Glyphosat eine Niederlage erlitten. Das zuständige Gericht in San Francisco bestätigte am Freitag ein Urteil, wonach Bayer dem Kläger Edwin Hardeman insgesamt gut 25 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen muss. Bayer zeigte sich in einer Stellungnahme enttäuscht. Die Entscheidung des Gerichts sei nicht durch die Beweislage beim Prozess oder geltendes Recht gedeckt, erklärte das Unternehmen.

Knorr-Bremse profitiert vom Lkw-Boom

Der Nutzfahrzeug- und Zug-Zulieferer Knorr-Bremse hat vom stark anziehenden Lastwagen-Geschäft vor allem in China profitiert. Konzernweit legte der Umsatz im ersten Quartal um vier Prozent auf 1,69 Milliarden Euro zu. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) lag mit 252 Millionen Euro um zwölf Prozent über Vorjahr. Sorgen machen dem neuen Vorstandschef Jan Mrosik aber der Nachschub an Chips und die wackeligen Lieferketten.

Schwacher Jahresstart für Encavis

Flaue Winde zu Jahresbeginn sowie höhere Kosten für neu ans Netz genommene Solarparks in Spanien haben den Wind- und Solaranlagenbetreiber Encavis im ersten Quartal belastet. Der Umsatz nahm um rund zehn Prozent auf 58,9 Millionen Euro ab, wie das Unternehmen am Freitag in Hamburg mitteilte. Die Prognose bekräftigte der im März in den MDAX aufgestiegene Konzern. Die Aktien schlossen um fast fünf Prozent höher und führten den MDAX an.

Veolia und Suez besiegeln Fusion

Am späten Abend verkündeten die Führungsgremien von Veolia und Suez den Zusammenschluss der beiden französischen Unternehmen zu einem Giganten für die Abfall- und Wasserwirtschaft. "Dies ist ein riesiger Schritt für Veolia,", freute sich Veolia-Chef Antoine Frerot. Der neue Entsorgungsriese kommt auf einen Umsatz von 37 Milliarden Euro und verstärkt seine Marktposition in den USA, in Lateinamerika, Australien und Großbritannien. Durch die Fusion steigt Suez Veolia auf dem deutschen Entsorgungsmarkt zur Nummer zwei hinter Remondis auf.

Kryptobörse Coinbase verdient prächtig

Die Kryptobörse Coinbase, die größte US-Handelsplattform für Cyber-Währungen, die vor kurzem an die Nasdaq ging, hat zu Jahresbeginn glänzende Geschäfte gemacht. Im ersten Quartal stieg der Gewinn auf 771 Millionen Dollar und legte damit im Jahresvergleich um mehr als das Zwanzigfache zu. Coinbase kündigte zudem an, seine Plattform bald für Dogecoin zu öffnen. Das ließ die Witz-Kryptowährung zunächst kräftig steigen.

Airbnb wittert wieder Morgenluft

Die Aktien von Airbnb gewannen gut vier Prozent. Die Zimmer-Vermittlungsplattform verspürt aufgrund des weltweiten Impffortschritts nach eigenen Angaben eine stärkere Buchungsnachfrage und verbucht höhere Umsätze. Im ersten Quartal sprangen die Bruttobuchungen verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 52 Prozent auf 10,29 Milliarden Dollar in die Höhe und übertrafen damit die durchschnittlichen Analystenerwartungen von 6,93 Milliarden deutlich.

Walt Disney leidet unter Lockerungen

Die Titel von Walt Disney gaben um 2,6 Prozent an der New Yorker Börse nach. Der Unterhaltungskonzern bekommt die Aufhebung von Corona-Einschränkungen zu spüren. Weil Kinos wieder öffnen und Sportveranstaltungen wieder stattfinden dürfen, gewinnt Disney nicht mehr so viele Abonnenten im Streaming-Geschäft hinzu wie mitten in der Krise. Der Konzernumsatz brach im vergangenen Quartal um 13 Prozent auf 15,6 Milliarden Dollar ein und lag damit unter den Analystenprognosen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Mai 2021 um 07:35 Uhr.