Händlerin an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR

Wall Street schließt fast unverändert Anleger bleiben vorsichtig

Stand: 16.09.2021 22:34 Uhr

Die Konsumlust der US-Amerikaner ist neu erwacht. Steigende Umsätze im US-Einzelhandel sorgten heute für einen kleinen Lichtblick an den Börsen. Die Stimmung aber bleibt gedrückt.

Weder die Delta-Variante noch der Hurrikan "Ida" haben den US-Amerikanern die Shoppinglaune verderben können. Überraschend stiegen im August die Umsätze im Einzelhandel um 0,7 Prozent. Ökonomen hatten mit einem Rückgang von 0,8 Prozent gerechnet. Offenbar löst sich allmählich der Konsumstau auf. Die amerikanischen Verbraucher sitzen auf mindestens zwei Billionen Dollar an überschüssigen Ersparnissen, die sie während der Corona-Pandemie angesammelt hatten.

Die erfreulichen Konjunkturnachrichten kamen zunächst an der Wall Street nicht gut an. Denn sie könnten die US-Notenbank Fed dazu veranlassen, eher früher als später die geldpolitischen Zügel anzuziehen, indem sie die milliardenschweren Wertpapierkäufe drosselt. Im US-Anleihenhandel legten die Renditen nach den guten Konjunkturdaten denn auch zu.

Im Laufe des Handelstags beruhigte sich dann aber die Lage. Der Dow Jones machte seine anfänglichen Verluste fast wett und schloss knapp 0,2 Prozent tiefer. Der breiter gefasste S&P 500 dämmte ebenfalls sein Minus ein. Die Nasdaq 100 drehte gar noch leicht ins Plus. Börsianer sprachen von einem lethargischen Handel.

Das Auf und Ab an den Börsen setzte sich auch am deutschen Aktienmarkt fort. Nachdem der DAX gestern noch um 0,6 Prozent abgerutscht war, stieg er heute wieder - wenn auch nur knapp um 0,2 Prozent. Zeitweise knackte der deutsche Leitindex die Marke von 15.700 Punkten, konnte sie aber nicht halten.

"Anleger hin- und hergerissen"

Trotz der leichten Aufholbewegung an den hiesigen Märkten bleibe die Stimmung etwas gedrückt, meint Marktbeobachter Craig Erlam vom Broker Oanda. Die Anleger seien hin- und hergerissen zwischen der Versuchung, bei stärkeren Kursrücksetzern nachzukaufen ("Buy the Dip"), und der wachsenden Liste von Wirtschafts- und Marktrisiken, "die immer deutlicher zutage treten", sagte Erlam.

Das Evergrande-Drama hält an

Vorsichtig macht die Anleger auch die Schieflage des chinesischen Immobilienriesen Evergrande. Der zweitgrößte Immobilienentwickler des Landes, der unter einem Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden Dollar ächzt, hatte zuletzt vor Liquiditäts- und Ausfallrisiken gewarnt. Die Aktien rutschten heute erneut um über sechs Prozent ab. "Immer klarer wird, dass die chinesische Regierung an Evergrande offensichtlich ein Exempel statuieren will", schrieben die Analysten der LBBW in einem Kommentar. Nun müssten die Märkte darauf hoffen, dass die Verantwortlichen in Peking eine systemische Krise zu verhindern wissen.

DIW senkt deutsche Konjunkturprognose

Auch ist die Gefahr einer nur moderaten Erholung der Wirtschaft von der Pandemie zumindest in Deutschland noch nicht gebannt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat seine Konjunkturprognose für dieses Jahr wegen der stockenden Produktion in der Industrie sogar drastisch gesenkt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte in diesem Jahr lediglich um 2,1 Prozent zulegen, erwarten die Berliner Forscher. Im Juni hatten sie noch mit einem Plus von 3,2 Prozent gerechnet.

Maschinenbau erwartet auch 2022 starkes Jahr

Die deutschen Maschinenbauer werden nach Einschätzung ihres Verbandes VDMA bereits im kommenden Jahr die Corona-Krise deutlich hinter sich lassen. Für 2022 rechnet Chefvolkswirt Ralph Wiechers mit einem um die Preissteigerungen bereinigten Produktionszuwachs von fünf Prozent. Im laufenden Jahr werden die Unternehmen nach erneut bestätigter Prognose sogar rund zehn Prozent mehr herstellen als im Krisenjahr 2020, den vorhergehenden Einbruch um 11,8 Prozent aber noch nicht ganz wettmachen können. Die exportorientierte Industrie könnte nach eigener Einschätzung mit ihren gut gefüllten Auftragsbüchern noch schneller wachsen, kämpft aber inzwischen flächendeckend mit Material- und Lieferengpässen.

Der Euro erlitt heute einen neuen Schwächeanfall und rutschte klar unter die Marke von 1,18 Dollar - auf 1,1755 Dollar. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs gestern auf 1,1824 Dollar festgesetzt. Der Dollar legte am Vormittag gegenüber vielen Währungen sichtbar zu und setzte auch den Euro unter Druck.

Im DAX standen heute für einen Tag 31 Mitglieder auf der Kurstafel. Die abgespaltene Antriebstechnik-Tochter Vitesco von Continental wurde vorübergehend ein Mitglied im Leitindex. Der erste Kurs des Börsenneulings lag bei 59,80 Euro. Danach gab es eine Berg- und Talfahrt. Am Ende des ersten Handelstags lag die Aktie bei 58,90 Euro.

Conti-Aktionäre erhielten je ein Vitesco-Papier für fünf Continental-Aktien. Der Antriebstechnik-Hersteller Vitesco wurde mit 2,4 Milliarden Euro bewertet. Die Marktkapitalisierung des Mutterkonzerns sank durch die Abspaltung auf 19 Milliarden Euro. Für die Anleger war die Maßnahme per Saldo ein schlechtes Geschäft. Bereinigt errechnete sich für die Papiere des Autozulieferers Continental ein Minus von 5,7 Prozent.

Thyssenkrupp setzt den Konzernumbau mit dem Verkauf seines Edelstahlwerks im italienischen Terni fort. Käufer ist Arvedi. Das italienische Unternehmen wird die gesamte AST-Gruppe mit rund 2700 Mitarbeitern übernehmen. AST hat im Geschäftsjahr 2019/20 einen Umsatz von rund 1,7 Milliarden Euro erzielt. Der Verkauf soll im ersten Halbjahr 2022 abgeschlossen werden, über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden. Der Thyssenkrupp-Aufsichtsrat und die Kartellbehörden müssten noch zustimmen.

Die Aktien von Borussia Dortmund (BVB) sackten heute um fast 12 Prozent auf den tiefsten Stand seit fünf Monaten ab. Die angekündigte Kapitalerhöhung des börsennotierten Bundesliga-Klubs mißfiel den Anlegern. Mit dem Bruttoerlös von etwa 86,5 Millionen Euro will das Management Schulden begleichen und Verluste aus der Corona-Pandemie kompensieren.

Der dänische Reedereikonzern hat seine Prognosen für 2021 erneut angehoben. Das dritte Quartal sei bislang besser verlaufen als erwartet und die globalen Lieferschwierigkeiten verbesserten sich allmählich, gab Maersk bekannt. Die zweite Jahreshälfte werde deshalb besser ausfallen als bislang prognostiziert. Im Gesamtjahr werde das bereinigte Betriebsergebnis (Ebitda) zwischen 22 und 23 Milliarden Dollar liegen. Bislang waren 18 bis 19,5 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt.

Der Streamingdienst Netflix will bis 2023 eine halbe Milliarde Euro in deutschsprachige Titel aus Deutschland, Österreich und der Schweiz investieren. Das kündigte das Unternehmen gestern in Berlin an, wo der Streamingdienst ein Büro für die drei Länder im Beisein von Netflix-Grüner Reed Hastings eröffnete. Die 500 Millionen Euro sollen in 80 lokale Serien, Filme und Shows fließen. Ziel des neuen Standorts ist es, sich noch stärker im deutschsprachigen Raum mit hiesigen Filmschaffenden zu vernetzen.

Vorschusslorbeeren für neue GoPro-Kamera

Anleger bejubelten die Ankündigung einer neuen Action-Kamera des Herstellers GoPro. Die Aktien stiegen um rund ein Prozent. Die Flaggschiff-Kamera "HERO10 Black" soll im Laden knapp 500 Dollar kosten.

Laufschuhhersteller On sprintet an die Börse

Der Laufschuhhersteller On Holding hat an der New Yorker Börse einen fulminanten Start hingelegt. Die Aktien der Schweizer Firma kletterten gestern zu Handelsbeginn um rund 48 Prozent auf 35,4 Dollar. Insgesamt bewertet die Börse das Unternehmen, an dem auch Tennisstar Roger Federer beteiligt ist, mit rund 11,4 Milliarden Dollar. Zuvor hatten die Zürcher 31,1 Millionen Class-A-Aktien zu 24 Dollar und damit teurer als geplant platziert. Ursprünglich war ein Ausgabepreis von 18 bis 20 Dollar angepeilt worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. September 2021 um 16:00 Uhr.