Händlerin an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Firmenbilanzen geben Auftrieb US-Börsen im Aufwind

Stand: 28.10.2021 22:25 Uhr

Starke Firmenbilanzen haben die Anleger an die Wall Street zurückgelockt. Der Dow Jones näherte sich seinem jüngst erreichten Rekordhoch. Vor allem Tech-Aktien waren gefragt.

Es klingt paradox: Der Wirtschaftsaufschwung in den USA flaut ab, und die Börsen ziehen an. Aufgrund der globalen Lieferengpässe stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal aufs Jahr hochgerechnet "nur" um 2,0 Prozent. Von April bis Juni waren es noch 6,7 Prozent. Damit ist die Wirtschaft der Vereinigten Staaten so langsam gewachsen wie seit über einem Jahr nicht mehr.

US-Daten lindern Druck auf die Fed

Doch Anleger gewannen den trüben Konjunkturdaten noch etwas Positives ab: Das schwächere Wachstum könnte etwas den geldpolitischen Druck mildern, unter dem die US-Notenbank Fed wegen der hohen Inflation steht. Ihr Zinsentscheid steht in der kommenden Woche auf dem Plan.

Kursgewinne an der Wall Street

Nach den schwachen Konjunkturdaten drehte die Wall Street auf: Der Dow Jones rückte um knapp 0,7 Prozent auf 35.730 Punkte vor und machte die gestrigen Kursverluste wieder wett. Zu einem neuen Rekordhoch reichte es aber nicht. Noch stärker nach oben ging es an der Tech-Börse Nasdaq. Sie kletterte um rund 1,2 Prozent in die Höhe. Der marktbreite S&P 500 stieg um ein Prozent auf 4596 Zähler.

Starke Zahlen von den Konzernen

Auftrieb brachten vor allem gute Quartalszahlen der US-Konzerne. So übertrafen Merck & Co, Caterpillar und Ford die Erwartungen. Die Aktien von Ford sprangen um fast zehn Prozent nach oben, die Titel von Merck & Co gewannen rund vier Prozent, die Papiere von Caterpillar stiegen um knapp drei Prozent. "Die Marktteilnehmer schauen wieder auf das prall gefüllte Horn an Unternehmensmeldungen und Quartalszahlen", sagte Marktexperte Andreas Lipkow von Comdirect.

Chip-Engpass belastet Apple

Nach US-Börsenschluss lieferten Apple und Amazon ihre Quartalsberichte. Diese fielen ernüchternd aus. Der Umsatz des iPhone-Hersteller stieg nur um 29 Prozent auf rund 83,4 Milliarden Dollar. Analysten hatten mit rund 1,5 Milliarden mehr gerechnet. Beim iPhone-Umsatz gab es zwar einen Sprung um 47 Prozent auf 38,9 Milliarden Dollar. Doch Experten hatten 41,6 Milliarden Dollar erwartet. Für das gerade begonnene neue Quartal rechnet Apple-Chef Tim Cook mit einem Erlösplus. Analysten hatten einen Zuwachs von 7,4 Prozent auf knapp 120 Milliarden Dollar prognostiziert. Cook geht davon aus, dass die Engpässe den Umsatz um rund sechs Milliarden Dollar drücken. Nachbörslich gab die Apple-Aktie fünf Prozent nach. In diesem Jahr hat das Papier bisher 15 Prozent zugelegt.

Amazon enttäuscht

Auch Amazon äußerte sich pessimistisch zum Weiohnachtsgeschäft. Wegen zunehmender Kosten lande man im vierten Quartal im schlimmsten Fall operativ an der Gewinnschwelle, im besten Fall gebe es einen Betriebsgewinn von drei Milliarden Dollar, teilte der weltgrößte Onlinehändler mit. Angesichts des Arbeitskräfte-Mangels hat Amazon Löhne und Boni angehoben, um die Logistikzentren am Laufen zu halten. Hinzu kommen Lieferprobleme weltweit, denen der US-Konzern mit neuen Containern, mehr Partnern und hohen Investitionen begegnet. Nachbölrslich rutschten die Amazon-Aktien um vier Prozent ab.

DAX nur knapp im Minus

Die freundliche Wall Street stützt den deutschen Aktienmarkt. Der DAX schließt um 0,1 Prozent tiefer, nachdem die Verluste zeitweise größer waren. Anleger bleiben hin- und hergerissen. Sie hoffen einerseits auf steigende Firmengewinne, befürchten aber andererseits schrumpfende Margen wegen der anziehenden Inflation. "Die Märkte sind derzeit im Niemandsland gefangen", sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets.

EZB vertagt Entscheidung zu Anleihenkäufen

Die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) lieferte heute keine nachhaltigen Impulse für Europas Börsen. Die Währungshüter halten an ihrem Kurs des billigen Geldes fest. Erst im Dezember will der Rat der EZB entscheiden, wie es mit den milliardenschweren Anleihenkäufen weitergeht. Im Oktober stieg die Inflation in Deutschland auf 4,5 Prozent. Es ist die stärkste Teuerung seit 1993.

Lagarde: Inflation wird 2022 fallen

EZB-Chefin Christine Lagarde hält den aktuellen Inflationsschub nach wie vor nur für ein vorübergehendes Phänomen. "Wir erwarten, dass sie in diesem Jahr weiter ansteigt", sagte Lagarde heute auf der Pressekonferenz nach dem Zinsbeschluss. Aber im Verlauf des nächsten Jahres werde die Inflation sinken, glaubt Lagarde. Mittelfristig sei weiterhin damit zu rechnen, dass die Teuerung unter dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegen werde.

Ökonomen zeigten sich enttäuscht von den vagen Aussagen. "Die EZB hat alle wichtigen Fragen - allem voran die Entscheidung über die Zukunft der Anleiheankäufe - auf ihre Dezember-Sitzung gelegt", sagte Otmar Lang, Chef-Volkswirt der Targobank.

Nächste Evergrande-Frist läuft aus

Nicht ganz aus den Augen verlieren sollten Anleger derweil den angeschlagenen Immobilienkonzern Evergrande. Analyst Jeffrey Halley vom Broker Oanda verweist auf die morgen endende Frist für eine Zahlung auf eine ausstehende Fremdwährungsanleihe. Die chinesische Regierung habe sich mit Aussagen dazu bislang auffallend zurückgehalten.

Ölpreise unter Druck - auch wegen Russland

Die Ölpreise standen heute erheblich unter Druck. Sie entfernten sich von ihren unlängst markierten mehrjährigen Höchstständen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete 83,20 Dollar und damit gut zwei Prozent weniger als am Vortag.

Neue Lagerdaten aus den USA belasteten die Kurse. Die Vorräte sind in der vergangenen Woche laut US-Energieministerium spürbar gestiegen. Für fallende Ölpreise sorgte auch die Ankündigung aus Russland, bald mehr Erdgas nach Europa liefern zu wollen. Rohöl kann in Grenzen als Ersatz für Erdgas genutzt werden.

Bitcoin zurück über 61.000 Dollar

Am Kryptowährungsmarkt hat der Bitcoin seine frühe Schwäche abgelegt. Laut der Plattform CoinMarketCap wird er aktuell bei rund 61.000 Dollar gehandelt; in der Vorwoche hatte die älteste und wichtigste Cyberdevise noch ein Rekordhoch bei knapp 67.000 Dollar markiert.

"Der ganze große Appetit auf Bitcoin & Co. ist kurzfristig gestillt", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. Frische Impulse könnten von börsennotierten Fonds (ETFs) kommen, die direkt in Kryptowährungen investieren.

Gold wieder über 1800 Dollar

Der Goldpreis kämpfte weiter mit der Marke von 1800 Dollar. Am Abend notierte das gelbe Edelmetall bei 1802 Dollar je Feinunze. Nach den schwachen US-Konjunkturdaten zog der Euro an - auf 1,1680 Dollar.

Wegen Chipmangels: VW senkt Auslieferungsprognose

Von der deutschen Berichtssaison kamen heute eher negative Signale. Bei Volkswagen hinterliessen die umfangreichen Produktionsstopps wegen des Chipmangels deutliche Spuren. So geht der Autokonzern wegen des jüngsten Einbruchs der Verkäufe nun nicht mehr davon aus, im Gesamtjahr spürbar mehr Fahrzeuge auszuliefern als in dem von Corona-Lockdowns stark belasteten schwachen Vorjahr, wie VW in Wolfsburg mitteilte.

Schwache Prognose von Beiersdorf

Auch Beiersdorf hat mit seinen Umsatzzahlen enttäuscht. Der Konsumgüterkonzern konnte in den ersten neun Monaten dieses Jahres zwar organisch um zwölf Prozent auf 5,8 Milliarden Euro wachsen. Für das Gesamtjahr erwartet der Vorstand laut seiner konkretisierten Prognose allerdings nur eine Steigerung um acht bis zehn Prozent - und damit weniger als von Analysten vorhergesagt. Die Aktien verlieren über vier Prozent.

Airbus hebt Prognose erneut an

Der europäische Flugzeugbauer Airbus kommt indes noch schneller aus der Corona-Krise als gedacht. Das französisch-deutsche Unternehmen hat sein Ergebnisziel zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten angehoben und erwartet nun für 2021 ein bereinigtes operatives Ergebnis (Ebit) von rund 4,5 Milliarden Euro - 500 Millionen mehr als bisher.

Siemens, Merck und die sprechenden Maschinen

Siemens und Merck wollen Maschinen mehr und besser miteinander kommunizieren lassen, um die Qualität von hergestellten Produkte zu sichern. Die beiden DAX-Konzerne streben gemeinsam eine Komplettlösung für ihre Geschäftskunden an, bei der zu einem Produkt und seinen Teilen alle wichtigen Informationen zentral und verlässlich gespeichert werden. Erste Pilotprojekte sollen kommendes Jahr beginnen.

Gewinnmitnahmen drücken Nemetschek

Aktien von Nemetschek waren nach Zahlen zum dritten Quartal der mit Abstand größte Verlierer im MDAX mit einem Minus von über sieben Prozent. Den Verlusten war allerdings zuletzt eine fulminante Kurs-Rally vorausgegangen: In den vergangenen drei Wochen waren die Papiere des Softwareanbieters für die Baubranche in der Spitze um fast 30 Prozent gestiegen und hatten am Dienstag mit gut 105 Euro ein Rekordhoch erreicht.

Stellantis sieht Licht am Ende des Chip-Tunnels

Der Opel-Mutterkonzern Stellantis setzt nach einem Produktionseinbruch infolge des Halbleitermangels auf eine Besserung der Lage. "Der Trend ist positiv. Wir sehen eine Stabilisierung beim Angebot und eine Verbesserung der Produktion im Monatsvergleich", sagte Finanzvorstand Richard Palmer. So werde der Produktionsausfall wegen fehlender Teile zum Jahresende nicht mehr so hoch ausfallen wie in den Monaten Juli bis September.

Ford hebt Ziele trotz Chipkrise an

Der zweitgrößte US-Autobauer Ford hat im dritten Quartal trotz der weltweiten Chipkrise besser als erwartet abgeschnitten und seine Prognose angehoben. Für das Gesamtjahr 2021 sei nun mit einem bereinigten Betriebsergebnis zwischen 10,5 Milliarden und 11,5 Milliarden Dollar zu rechnen, teilte Ford gestern nach US-Börsenschluss mit.

Ernüchternde Ebay-Prognose

Die Handelsplattform Ebay hat die Anleger mit ihrem Quartalsbericht enttäuscht. Die Aktien verloren fast sieben Prozent. Ebay steigerte im dritten Quartal den Umsatz im Jahresvergleich um elf Prozent auf 2,5 Milliarden Dollar. Für das Weihnachtsquartal stellte der Konzern aber ein langsameres Umsatzwachstum zwischen vier und sechs Prozent in Aussicht.

Samsung mit Rekordergebnis

Samsung Electronics blickt nach einem Rekordbetriebsergebnis angesichts der weltweiten Lieferengpässe vorsichtig in die Zukunft. Es sei zu erwarten, dass der Mangel an Komponenten bei einigen Kunden auch die Chipnachfrage zum Jahresende beeinträchtige, erklärte der südkoreanische Technologieriese, dessen größte Sparte das Chip-Geschäft ist.

Nvidia wegen Arm-Übernahme im Visier der EU-Kommission

Die EU-Kommission nimmt die von Nvidia geplante 54 Milliarden Dollar schwere Übernahme des britischen Chip-Entwicklers Arm genauer unter die Lupe. "Während Arm und Nvidia nicht direkt miteinander in Konkurrenz stehen, ist das geistige Eigentum von Arm ein wichtiger Bestandteil von Produkten, die mit denen von Nvidia konkurrieren", erklärte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.

Shell: Aktivistischer Investor fordert Aufspaltung

Der aktivistische Investor Third Point hat einem Medienbericht zufolge eine große Beteiligung am Ölkonzern Royal Dutch Shell erworben und fordert dessen Aufspaltung. Die Beteiligung sei mehr als 500 Millionen Dollar wert und mache Third Point zu einem der größten Anteilseigner von Shell, berichtet das "Wall Street Journal".

Nokia kommt gut voran

Der finnische Netzwerkausrüster Nokia kommt bei seiner Neuausrichtung weiter voran. Im dritten Quartal kletterte das Betriebsergebnis um rund 30 Prozent auf 633 Millionen Euro und übertraf damit die Erwartungen der Analysten. Konzern-Chef Pekka Lundmark hat dem Unternehmen eine neue Organisationsstruktur verpasst und den Abbau von bis zu 10.000 der rund 90.000 Stellen auf den Weg gebracht.

Sony hebt Jahresprognose an

Der japanische Elektronikriese Sony hat die Prognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben. Wie der Hersteller der Playstation bekannt gab, dürfte sich der Nettogewinn zum Bilanzstichtag 31. März 2022 auf nun 730 Milliarden Yen (5,5 Milliarden Euro) belaufen. Im August war Sony noch von 700 Milliarden Yen ausgegangen.

Brasilianischer Bierdurst beflügelt AB InBev

Stärker als erwartet ausgefallene Bierverkäufe in Brasilien stimmen Anheuser-Busch InBev zuversichtlicher. Der weltgrößte Brauereikonzern mit Marken wie Budweiser, Corona oder Stella Artois rechnet nun für das Gesamtjahr mit einem Wachstum des Betriebsergebnisses (Ebitda) zwischen zehn und zwölf Prozent. Vor allem der gestiegene Bierdurst in Brasilien sowie in Kolumbien und Südafrika hätten das Geschäft angekurbelt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.