Dow Jones, NYSE New York
Marktbericht

Zinssorgen Wall Street erholt sich von Tagestief

Stand: 10.01.2022 22:13 Uhr

Auch am Montag ging die Branchenrotation infolge der Zinserwartungen weiter. Technologieaktien hatten einen schweren Stand. An der Wall Street kehrten am Abend aber erste Käufer in den Markt zurück.

Welche Branchen leiden besonders, wenn die Zinsen steigen? Es sind die Wachstumsbranchen, die ihre Expansion weitgehend über Kredite finanzieren und daher bei Verteuerung ihrer Refinanzierung besonders getroffen werden. Zwar sind die derzeit im Raum stehenden Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank noch moderat. Aber die Weichen für eine Zinswende nach Jahren der ultralockeren Geldpolitik scheinen gestellt.

Diesem Szenario folgten die Aktienmärkte zuletzt wie nach dem Lehrbuch. Rund um den Globus standen besonders die Aktien wachstumsstarker Technologieunternehmen unter Druck. In New York büßten die Technologietitel zu Handelsbeginn wieder stärker ein als die Standardwerte, konnten sich im Verlauf aber deutlich erholen. Während der Dow Jones 0,45 Prozent tiefer schloss, drehte der Technologieindex Nasdaq-100 in den letzten Handelsminuten sogar leicht ins Plus. In der zweiten Handelshälfte waren die ersten Schnäppchenjäger in den Markt zurückgekehrt.

Auch in Frankfurt waren Technologiewerte nicht wohl gelitten. Nach einem positiven Start über 16.000 Punkten büßte der DAX zum Schluss des Xetra-Handels 1,1 Prozent ein. Der Technologieindex TECDAX rutschte sogar um 3,3 Prozent ab.

Höhere Zinsen früher und schneller?

Zuletzt hatten sich die Hinweise verdichtet, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) mit der Straffung ihrer Geldpolitik früher beginnen könnte als gedacht. Aufgrund der starken Inflation und des soliden US-Arbeitsmarkts rechnen Beobachter zunehmend mit einer ersten Zinserhöhung schon im März. In diese Richtung gingen auch Äußerungen des Fed-Bezirkschefs von St. Louis, James Bullard. Die Volkswirte von Goldman Sachs rechnen inzwischen mit vier Zinsschritten der Fed in diesem Jahr, während allgemein bislang von drei Erhöhungen ausgegangen wurde.

Angesichts dessen setzte sich die Meinung durch, dass die jüngste "Weihnachtsrally", die den DAX in der vergangenen Woche bis auf fünf Punkte an sein Rekordhoch aus dem November geführt hatte, wohl ein zu großer Schluck aus der Pulle war.

Auch die Spannungen um die Ostukraine geben Anlegern derzeit wenig Anlass, ins Risiko zu gehen. Heute haben die Gespräche zwischen den USA und Russland über die Sicherheitslage in Osteuropa begonnen, offenbar ohne Annäherung. Am Mittwoch folgt ein Treffen des NATO-Russland-Rats und am Donnerstag der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Themenwechsel durch Berichtssaison?

Einen Themenwechsel könnte die in dieser Woche beginnende Berichtssaison bringen. An diesem Freitag legen Citigroup, JPMorgan und Wells Fargo Geschäftszahlen vor. Dazu gesellt sich der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock. Aus Sicht der Schweizer Großbank Credit Suisse bieten Aktien in Erwartung eines robusten globalen Wachstums auf Sicht von sechs Monaten weiter Aufwärtspotenzial.

IWF benennt wichtiges Problem

Gegen eine allzu schnelle geldpolitische Straffung der amerikanischen Notenbank spricht im Übrigen ein starkes Argument. Nicht nur die schon wieder ausgeprägte Verschuldung des Privatsektors in den USA, auch die durch die Pandemie weiter erhöhte Schuldenlast vieler Staaten lässt zu starke Zinserhöhungen gar nicht zu.

So warnte der Internationale Währungsfonds (IWF) in einem Blog-Beitrag: "Schnellere Zinserhöhungen der Fed könnten die Finanzmärkte erschüttern und weltweit zu einer Straffung der Finanzierungsbedingungen führen." Diese Warnung gelte insbesondere für die Auswirkungen auf Schwellenländer, denen in diesem Fall Kapitalabflüsse und Abwertungen ihrer Währungen drohten.

Bitcoin zeitweise unter 40.000 Dollar

Die Zinsdiskussion schlägt sich auch deutlich am Devisenmarkt nieder. Der Euro fiel zeitweise unter 1,13 Dollar zurück. Höhere Zinsen in den USA machen den Dollar als Anlage tendenziell attraktiver.

Auch der Bitcoin steht unter Druck. Erstmals seit September unterschritt die führende Kryptowährung vorübergehend wieder die Marke von 40.000 Dollar. Neben gestiegenen Zinserwartungen verwiesen Experten auch auf die Lage in Kasachstan. Das Mining von Kryptowährungen spielt dort eine große Rolle. Angesichts der Unruhen hatte die Regierung zwischenzeitlich das Internet abgestellt.

13 Milliarden Dollar für Zynga

In der amerikanischen Spielebranche gibt es eine Milliardenübernahme: Take-Two, das Unternehmen hinter dem Videospiel-Hit "Grand Theft Auto", übernimmt den Handy-Spiele-Anbieter Zynga für 12,7 Milliarden Dollar. Take-Two will für die ausstehenden Zynga-Aktien 9,86 Dollar je Papier bezahlen. Das entspricht einem Plus von 64 Prozent zum letzten Schlusskurs. Vorbörslich legten die Aktien des "Farmville"-Anbieters Zynga an der Wall Street rund 50 Prozent zu, während es für Take-Two fast neun Prozent nach unten ging.

Pfizer beantragt EU-Zulassung für Covid-Medikament

Die Pfizer-Aktie konnte gegen den Markttrend zulegen. Der amerikanische Pharmakonzern hat die Zulassung seines Covid-19-Präparats Paxlovid in der EU beantragt. Das Medikament ist in den USA bereits zugelassen. Der Zulassungsantrag sieht den Einsatz des Mittels bei Patienten mit einem Risiko für die Entwicklung schwerer Symptome vor. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA erklärte, eine Entscheidung könne innerhalb von Wochen fallen.

Bayer baut Gentherapieforschung aus

Bayer will sein noch junges Geschäft rund um Gen- und Zelltherapien durch eine Zusammenarbeit mit einem US-Spezialisten für Genveränderung stärken. Mit Hilfe der Genscheren-Technologie von Mammoth Biosciences sollen zunächst Behandlungen für Erkrankungen der Leber entwickelt werden, wie der DAX-Konzern mitteilte. Bayer hofft, mit der Technologie Therapien schneller entwickeln zu können. Im Rahmen der Kooperation erhalte Mammoth in einem ersten Schritt 40 Millionen Dollar, je nach Zielerreichung könnten künftig mehr als eine Milliarde Dollar hinzukommen. Hinzu kämen Zahlungen für die Forschung sowie eine Umsatzbeteiligung.

Munich Re: Naturkatastrophenbilanz wird schlimmer

Das Jahr 2021 reiht sich nach einer Analyse der Münchener Rück in den besorgniserregenden Langfristtrend zunehmender Zerstörungen durch Naturkatastrophen ein. Weltweit richteten Stürme, Hochwasser und andere Naturgefahren im vergangenen Jahr Schäden von 280 Milliarden US-Dollar an, wie der Rückversicherer mitteilte. Versichert war davon laut Münchener Rück mit 120 Milliarden Dollar weniger als die Hälfte.

In der inflationsbereinigten Rangliste der teuersten Naturkatastrophenjahre liegt 2021 nach Rechnung des Versicherers auf Platz vier. Bislang teuerstes Jahr war 2011, als ein Seebeben, Tsunami und das folgende Atomunglück in Japan die weltweite volkswirtschaftliche Schadensumme auf 355 Milliarden Dollar getrieben hatten.

Delivery Hero verkauft Beteiligung

Der Essenslieferdienst Delivery Hero schlägt einen Teil seiner Beteiligung am lateinamerikanischen Konkurrenten Rappi wieder los. In den vergangenen Monaten sei ein Anteil im Wert von 150 Millionen Dollar verkauft worden. Damit habe man nahezu das gesamte eingesetzte Kapital wieder in der Tasche. Trotzdem hält der DAX-Konzern nun noch knapp acht Prozent an Rappi im Wert von rund 400 Millionen Dollar. Vom Rest der Beteiligung will sich das Berliner Unternehmen längerfristig ebenfalls trennen, um sich auf andere Investitionen zu konzentrieren. Erst kürzlich hatte Delivery Hero die Mehrheit am spanischen Konkurrenten Glovo übernommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Januar 2022 um 07:35 Uhr.