Händler arbeiten mit Atemschutzmasken an der New York Stock Exchange | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Gewinne an der Wall Street Erholung vom Zinsschock

Stand: 20.08.2021 22:18 Uhr

Nach dem Zinsschock vom Mittwoch wagten sich die US-Anleger heute wieder stärker vor. Trotz des versöhnlichen Wochenschlusses, neue Zinsängste hängen über der Wall Street wie ein Damoklesschwert.

Die New Yorker Börse hat sich zwar mit Gewinnen ins Wochenende verabschiedet, spätestens seit Mittwoch ist aber nichts mehr so, wie es zuletzt war. Denn die an diesem Tag veröffentlichten Protokolle der jüngsten Zinssitzung der Notenbank Federal Reserve (Fed) haben gezeigt, dass ein Wechsel des Zinsregimes der mächtigsten Notenbank der Welt womöglich schneller kommen wird als bisher gedacht. Solche Botschaften hören die Märkte gar nicht gerne, gilt die Geldflut der Notenbanken doch als wichtigster Treiber der jüngsten Kursrally an den Aktienmärkten.

Nach anfänglichem Zinsschock hat sich die Wall Street im weiteren Wochenverlauf aber erholt. Nach einer Stabilisierung gestern gingen die führenden Aktienindizes heute allesamt mit Gewinnen aus dem Handel. Der Leitindex Dow Jones gewann 0,65 Prozent hinzu auf 35.120 Punkte, musste aber trotzdem einen Wochenverlust von rund einem Prozent hinnehmen.

Auch die Technologiebörse Nasdaq legte 1,19 Prozent zu auf 14.714 Punkte, der Auswahlindex Nasdaq 100 gewann 1,06 Prozent hinzu auf 15.092 Punkte. Der marktbreite S&P-500-Index schloss bei 4461 Punkten, ein Tagesgewinn von 0,81 Prozent.

Stützend wirkten sich Äußerungen von Fed-Banker Robert Kaplan aus, dem Vorsitzenden der regionalen Notenbank von Dallas und innerhalb der Fed als Anhänger einer eher lockeren Geldpolitik bekannt. In einem Fernsehinterview sagte er, dass eine Straffung der Geldpolitik zu überdenken sei, falls die besonders ansteckende Delta-Variante des Coronavirus das Konsumverhalten und die Geschäftstätigkeit der Unternehmen beeinträchtige.

Jackson Hole vor Augen

Die jüngsten Aussagen der Fed hätten den Anlegern scheinbar die Augen geöffnet, was die vermeintlich unendliche Versorgung der Märkte mit Liquidität angehe, sagte Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst vom Handelshaus CMC Markets.

Passend dazu - in der kommenden Woche blicken die Märkte zum alljährlichen Notenbankertreffen, das traditionsgemäß im Rocky-Mountain-Städtchen Jackson Hole stattfindet. Die Gerüchteküche kocht dabei. Es wird spekuliert, dass anlässlich des Treffens die Fed den Anfang vom Ausstieg ihres Anleihenrückkaufprogramms bekanntgeben könnte, dem sogenannten Tapering.

"Gerne haben US-Notenbankchefs diese Konferenz zum Anlass genommen, um eine Wende in ihrer Geldpolitik anzukündigen", schrieb Volkswirt Cyrus de la Rubia von der Hamburg Commercial Bank. Die Marktakteure hofften zu erfahren, wie der Zeitplan der US-Notenbank Fed für einen Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik aussieht.

Unter den Einzelwerten an der Nasdaq zogen Tesla die Aufmerksamkeit auf sich und legten 1,01 Prozent auf 680,26 Dollar zu. Firmenchef Elon Musk hat der Serie seiner Ankündigungen einen humanoiden Roboter hinzugefügt. Ein erstes Modell des "Tesla Bot" solle "irgendwann nächstes Jahr" auf den Markt kommen, sagte Musk beim "AI Day" von Tesla, einer Veranstaltung, bei der der umtriebige Milliardär seine Pläne auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz erläuterte.

Gefragt waren auch die Papiere von Nvidia mit einem deutlichen Kursaufschlag von 5,14 Prozent auf 208,16 Dollar. Bei dem US-Chiphersteller laufen die Geschäfte besser als gedacht. Er sagt für das laufende Quartal höhere Umsätze voraus als von Analysten erwartet. Hintergrund ist eine robuste Nachfrage nach Chips, die in Datenzentren und Spielgeräten Verwendung finden. Dass die britischen Wettbewerbshüter die geplante Übernahme des britischen Chip-Designers Arm einer vertieften Prüfung unterziehen wollen, belastete die Nvidia-Papiere Aktien nicht

Wer hätte das noch gedacht? Zum Wochenschluss wagten sich die Anleger wieder etwas stärker aus der Deckung und sendeten damit ein Zeichen der Hoffnung aus. Begünstigt von einer freundlichen US-Eröffnung drehte der DAX im späten Geschäft noch ins Plus und schloss am Ende auf dem Tageshoch bei 15.808 Punkten um 0,27 Prozent höher. Im Wochenvergleich bleibt ein Minus von etwas über einem Prozent.

Dabei war der deutsche Leitindex zuvor die meiste Zeit des Tages im Minus mit einem Tagestiefststand bei 15.656 Punkten. Das Schlussniveau etwas über 15.800 Punkten ist vor allem für technische Analysten wichtig, markiert diese Marke doch die alte Ausbruchsmarke des Index, die er nun erfolgreich verteidigte.

Eingetrübte Stimmung

Genau eine Woche, nachdem der DAX bei 16.030 Punkten sein vielumjubeltes Rekordhoch markiert hatte, hat sich die Stimmung am Aktienmarkt aber trotz des hoffnungsvollen Wochenausklangs eingetrübt. Denn übergeordnet lasten Sorgen vor einer schneller als bisher erwarteten geldpolitischen Straffung der Fed auf den Märkten. Zudem blicken die Anlegre zunehmend besorgt auf die Ausbreitung des Coronavirus, das die Lieferketten weltweit gefährdet.

Die Versorger RWE und Merck setzen ihren Aufschwung gegen den allgemeinen Trend fort, auch Infineon als Tagessieger und die T-Aktie waren gefragt. Bei RWE gab es durch eine positive Analystenstimme zusätzlichen Rückenwind. Analyst Vincent Ayral von der Investmentbank JPMorgan schraubte das Kursziel für die Papiere gleich um 10 auf 47,50 Euro nach oben und prognostiziert damit ein weiteres Aufwärtspotenzial von fast 43 Prozent.

"Die deutschen Strompreise sind in diesem Jahr um 65 Prozent auf 80 Euro je Kilowattstunde gestiegen", argumentierte Ayral. Zwar seien zugleich auch die Preise für CO2-Zertifikate gestiegen, hier habe sich RWE aber in großem Stil abgesichert. Zu den größten Verlierern gehörten zyklische Aktien wie BASF, Covestro aber auch das VW-Papier als Tagesverlierer.

Der Euro konnte nach seinem jüngsten Kursrutsch zum Dollar lange keinen Boden gutmachen, erholte sich aber im US-Handel noch etwas auf 1,1698 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1671 (Donnerstag: 1,1696) US-Dollar fest.

Dabei ist die derzeitige Euro-Schwäche in erster Linie eine Dollar-Stärke. Der "sichere Hafen" US-Dollar bleibt angesichts der gestiegenen Risikoaversion der Anleger gefragt. Tags zuvor war der Euro bis auf 1,1666 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit neun Monaten gefallen. Auf frische Impulse von der Makro-Datenfront hoffen Anleger heute vergebens. HeuteTagesverlauf stehen keine wichtigen Konjunkturdaten zur Veröffentlichung an.

Der Goldpreis profitiert von der Flucht der Anleger in "sichere Häfen". Am Nachmittag zog der Preis für das gelbe Edelmetall um 0,2 Prozent auf 1782 Dollar an. Gestern hatte noch der Effekt des anziehenden Dollars überwogen: Ein steigender Dollar verteuert die in Dollar notierenden Rohstoffe außerhalb des Dollar-Raums, das drückt auf dem Weltmarkt die Gold-Nachfrage.

Die hohe Risikoaversion der Anleger und anhaltende Nachfragesorgen machen den Ölpreisen weiterhin zu schaffen. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent hat nach anfänglichen Gewinnen ins Minus gedreht und fällt um 0,2 Prozent auf 65,92 Dollar.

Am Donnerstag waren die Ölpreise noch auf den tiefsten Stand seit Mai gefallen. Grund war auch hier in erster Linie der starke Dollar gewesen, verteuert er doch Öl in Ländern außerhalb des Dollar-Raums und dämpft so die Nachfrage.

Die US-Regierung startet einen neuen Anlauf, um vor Gericht die Zerschlagung des Online-Riesen Facebook zu erreichen. Eine entsprechende Kartellrechtsklage reichte die Handelsbehörde FTC am Donnerstag in überarbeiteter Form ein. Die erste Version hatte der zuständige Richter James Boasberg im Juni mit der Begründung abgewiesen, die FTC habe für ein angebliches Monopol Facebooks im Markt für soziale Netzwerke keine ausreichenden Belege erbracht.

Wegen des Mangels an Halbleiter-Bauteilen soll die Produktion im Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg nach der Sommerpause nur eingeschränkt anlaufen. Wie ein Sprecher des Unternehmens mitteilte, soll auf allen Fertigungslinien in der kommenden Woche nur in einer Schicht produziert werden. Es werde Kurzarbeit beantragt. Wie viele Beschäftigte davon betroffen seien, konnte der Sprecher zunächst nicht sagen.

Tesla-Chef Elon Musk hat den Prototyp eines humanoiden Roboters namens "Tesla Bot" angekündigt. Musk sprach anlässlich des vom Unternehmen veranstalteten "AI Day" - ein "Tag der Künstlichen Intelligenz" (KI) - davon, dass der Roboter in Zukunft gefährliche, sich wiederholende oder langweilige Aufgaben übernehmen könne. Der Roboter mit dem menschenähnlichen Aussehen könne tiefgreifende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben, so Musk.

Der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson bereitet einen Wechsel an seiner Vorstandsspitze vor. Der langjährige Vorsitzende Alex Gorsky wird den Posten am 3. Januar 2022 räumen und geschäftsführender Verwaltungsratschef des Unternehmens werden. Zum Nachfolger wurde Joaquin Duato ernannt, der wie Gorsky seit über drei Jahrzehnten für den Konzern tätig ist und seit längerem zum Top-Management zählt.

Beim Chip-Zulieferer Applied Materials brummen die Geschäfte dank der starken Nachfrage nach Elektronikgeräten in der Corona-Pandemie. Im dritten Geschäftsquartal bis zum 1. August konnte der US-Konzern den Nettogewinn binnen Jahresfrist auf 1,72 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln. Der Umsatz stieg um 41 Prozent auf 6,2 Milliarden Dollar.

Die britische Zulassungsbehörde hat grünes Licht für ein Antikörper-Medikament gegeben, mit dem Ex-US-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr behandelt wurde. Das Medikament Ronapreve reduziere das Risiko eines schweren Verlaufs und könne eingesetzt werden, um Covid-19-Symptome zu behandeln und schwere Verläufe zu verhindern, teilte die Behörde am Freitag mit. Der britische Gesundheitsminister Sajid Javid erklärte, das Mittel der Hersteller Roche und Regeneron solle so schnell wie möglich im Gesundheitssystem eingesetzt werden.

Ein Experte der Universität Oxford, Martin Landray, gab jedoch zu bedenken, dass das Präparat relativ teuer sei. Es werde schwierig sein, zu priorisieren, bei wem das Mittel eingesetzt werden könne. Einem BBC-Bericht zufolge soll eine einzige Behandlung mit dem Präparat bis zu 2000 Pfund (umgerechnet rund 2335 Euro) kosten.

Über dieses Thema berichtete der BR24 Börsenticker am 20. August 2021 um 17:45 Uhr.