Händlerin an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Kräftige Kursgewinne weltweit Fed-Signale erfreuen die Anleger

Stand: 23.09.2021 22:38 Uhr

Die fortgesetzte ultralockere Geldpolitik der Fed und erfreuliche Unternehmensausblicke haben heute die Börsen-Erholung weiter angetrieben. Der DAX stieg den dritten Tag in Folge.

Wieder einmal hat Jerome Powell, der oberste Geldwächter in den USA, die Aktienanleger bei Laune gehalten. Mit seiner Hinhalte-Taktik und seinen vorsichtigen Andeutungen für eine baldige geldpolitische Wende traf er offenbar den richtigen Ton. Die US-Notenbank hält vorerst an der ultralockeren Geldpolitik fest und setzt die Wertpapierkäufe unverändert fort. Erst bei der nächsten Sitzung Anfang November könnte die Drosselung der monatlichen Käufe von derzeit 120 Milliarden Dollar beschlossen werden. "Somit ist letztlich nur klar, was schon vorher bekannt war: Die Anleihekäufe werden irgendwann reduziert, aber man weiß nicht wann und mit welcher Geschwindigkeit", erklärte Analystin Birgit Henseler von der DZ Bank.

Erste Zinserhöhung schon 2022?

Dass die US-Notenbank gleichzeitig eine Zinserhöhung schon für 2022 statt erst 2023 ins Auge fasst, störte die Anleger ebenfalls nicht. Im Gegenteil: "Insgesamt ist der Zinsausblick, aber noch mehr die klare und frühzeitige Kommunikation der Fed als positiv für die Kapitalmärkte zu werten", sagte Achim Stranz, Chef-Anleger des Vermögensverwalters Axa Investment Managers. Noch drastischer drückte es Analyst Neil Wilson von Markets.com aus. Die Fed habe eine weitere Lektion darin erteilt, "wie man die Märkte sanft massiert, damit sie akzeptieren, dass eine Straffung bevorsteht".

Die Massage kam an der Wall Street gut an. Der Dow Jones legte rund 1,5 Prozent auf 34.764 Punkte zu und machte die herben Kursverluste vom Montag wett. Für den breiter gefassten S&P 500 ging es um 1,2 Prozent auf 4448 Zähler nach oben. Der technologielastige Nasdaq 100 hinkte mit einem Plus von 0,9 Prozent etwas hinterher.

Die Aussicht auf die anhaltende Geldflut der Fed und die klare Kommunikation über die künftigen geldpolitischen Schritte sorgten auch an den europäischen Börsen für deutliche Kursgewinne. Der DAX legte den dritten Tag in Folge zu und sprang auf 15.643 Punkte. Das ist die längste Gewinnserie seit Ende August.

Im Drama um den chinesischen Immobilienriesen Evergrande gab es heute kaum Fortschritte. Einem Medienbericht zufolge appellierten die chinesischen Behörden an den Immobilienkonzern, einen Ausfall der Zahlungen bei seinen Dollar-Anleihen zu vermeiden. Im Tagesverlauf wurden bei einem dieser Bonds 83,5 Millionen Dollar an Zinsen fällig. Die Aktien des Unternehmens stiegen dennoch in Hongkong um knapp 18 Prozent. Seit Tagen hält China Evergrande die (Finanz-)Welt in Atem. Eine Pleite des Konzerns könnte zu einer chinesischen Immobilienkrise führen und die Wirtschaft im Reich der Mitte schwächen.

Indes berichtete das "Wall Street Journal", die Regierung in Peking rufe lokale Behörden dazu auf, sich auf einen Kollaps des Immobilienriesen vorzubereiten. Das Unternehmen ist derzeit an etwa 1300 Immobilienprojekten in 280 Städten beteiligt. Oscar Choi, Gründer des Vermögensverwalters Oscar and Partners, warnte vor Unruhen bei unbezahlten Bauarbeitern oder Kleinanlegern, die ihre Ersparnisse verloren haben.

US-Frühindikatoren ziehen an

Gute Konjunkturdaten kamen aus den USA. Der Sammelindex der wirtschaftlichen Frühindikatoren stieg um 0,9 Prozent gegenüber dem Vormonat, wie das private Forschungsinstitut Conference Board am Donnerstag in Washington mitteilte. Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Anstieg um 0,7 Prozent gerechnet. Der Sammelindex setzt sich aus zehn Indikatoren zusammen. Dazu zählen unter anderem die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, die Neuaufträge in der Industrie, das Verbrauchervertrauen und die Baugenehmigungen. Die Indikatoren geben einen Eindruck über den Zustand der US-Wirtschaft.

Deutsche Industrie verliert an Schwung

Aus Deutschland und dem Euroraum kamen dagegen trübe Konjunkturdaten. So hat die deutsche Wirtschaft auch wegen der unter Engpässen leidenden Industrie im September überraschend deutlich an Schwung verloren. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft fiel um 4,7 auf 55,3 Punkte, wie das Institut IHS Markit zu seiner monatlichen Umfrage unter Hunderten Unternehmen aus Industrie und Dienstleistungssektor mitteilte. Ökonomen hatten nur einen leichten Rückgang auf 59,2 Punkte erwartet.

Experte sieht anhaltenden Inflationsdruck

Auch im Euroraum hat sich die Unternehmensstimmung im September deutlich eingetrübt. Der Einkaufsmanagerindex von IHS Markit fiel gegenüber dem Vormonat um 2,9 Punkte auf 56,1 Zähler. Commerzbank-Ökonom Christoph Weil rechnet damit, "dass sich das Wirtschaftswachstum im Euroraum, anders als von der EZB prognostiziert, im Schlussquartal deutlich abschwächen wird". Gleichzeitig bleibe der Inflationsdruck seitens der Rohstoffe weiterhin hoch.

IfW kürzt Konjunkturprognose radikal

Dazu passt die neue Konjunkturprognose des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Das IfW rechnet mit einer "Delle im Winterhalbjahr" und hat deshalb seine Konjunkturprognose deutlich nach unten korrigiert. Für 2021 rechnen die Ökonomen mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,6 Prozent, bislang hatten sie 3,9 Prozent auf dem Zettel. Im nächsten Jahr dürfte es dann mit 5,1 Prozent stärker bergauf gehen als bislang mit 4,8 Prozent gedacht. Gestern hatte bereits das ifo-Institut seine Wachstumsprognose eingedampft.

Norwegische Krone nach Zinsanhebung im Aufwind

An den Devisenmärkten war die Norwegische Krone gefragt. Zum Euro konnte die norwegische Währung rund 0,6 Prozent zulegen. Zuvor hatte die Notenbank von Norwegen ihren Leitzins von null auf 0,25 Prozent nach oben geschraubt. Die Norges Bank ist damit die erste Zentralbank unter den größeren Volkswirtschaften, die ihren Leitzins seit der Corona-Krise anhebt.

Der Dollar hat nach der gestrigen Tapering- und Zins-Ankündigung der US-Notenbank Federal Reserve zum Euro deutlich zulegen können. Im Gegenzug fiel der Euro bis auf 1,1683 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit einem Monat. Heute konnte der Euro etwas Boden gutmachen und notierte mit 1,1746 Dollar wieder über der Marke von 1,17 Dollar.

Die türkische Lira ist unterdessen zeitweise auf ein Rekordtief zum Dollar gefallen. Die türkische Notenbank hat die Finanzmärkte mit einer Zinssenkung überrascht. Trotz der hohen Inflation wurde der Leitzins unerwartet gesenkt. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat immer wieder Druck auf die Notenbank ausgeübt und niedrigere Zinsen verlangt.

Der Goldpreis gab dagegen deutlich nach. Eine Feinunze des gelben Edelmetalls sank um über ein Prozent auf 1748 Dollar.

Die Ölpreise legten weiter kräftig zu. Am Abend kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 77,16 Dollar - 1,7 Prozent mehr als gestern. Die US-Rohölsorte verteuerte sich um 1,5 Prozent auf 73,32 Dollar je Barrel.

Gestern hatten die Ölpreise im Zuge der Evergrande-Erholungsrally, welche auch die Rohstoffmärkte erfasst hatte, rund zwei Prozent zulegen können. Die Preise für das schwarze Gold profitierten zuletzt zudem von der Aussicht auf ein zu geringes Angebot angesichts der anhaltenden Ausfälle von Förderanlagen im Golf von Mexiko nach dem Hurrikan Ida.

Schlechte Nachrichten aus der Auto- und Nutzfahrzeugbranche hielten die Anleger nicht von Aktienkäufen ab. Papiere von Continental, BMW und VW waren überproportional gefragt.

Dabei dürfte der anhaltende Chipmangel die globale Autoindustrie einer Studie zufolge deutlich stärker belasten als bislang erwartet. Der Branche dürften dieses Jahr Umsätze in Höhe von 210 Milliarden Dollar entgehen, prognostizierte die Beratungsfirma Alix Partners. Im Mai waren die Alix-Experten noch von einer nur gut halb so hohen Belastung ausgegangen.

Volkswagen droht im Rechtsstreit um Thermofenster eine Schlappe vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH). In einem heute veröffentlichten Gutachten des obersten europäischen Gerichts vertritt Generalanwalt Athanasios Rantos die Ansicht, dass sogenannte Thermofenster eine rechts- und somit vertragswidrige Abschalteinrichtung darstellen können.

Die Warnung der litauischen Regierung vor Sicherheitslücken und eingebauten Zensurfunktionen hat die Aktien des chinesischen Smartphone-Anbieters Xiaomi auf Talfahrt geschickt. Die Papiere gaben zwischenzeitlich fast fünf Prozent auf 21,95 Hongkong-Dollar nach und fielen damit so stark wie zuletzt vor zwei Monaten. Der chinesische Konzern hat die Vorwürfe, er würde die Kommunikation von Nutzern zensieren, zurückgewiesen.

Intel-Chef Pat Gelsinger und Vertreter von führenden Techfirmen und Autobauern sprechen Insidern zufolge heute mit Spitzenvertretern des US-Präsidialamts über die Halbleiterkrise.

An dem virtuellen Treffen nehmen unter anderen Apple, Microsoft, Samsung Electronics, BMW, GM, Ford und die Opel-Mutter Stellantis teil. Auf der Tagesordnung stehe vor allem die Auswirkung der Delta-Variante des Coronavirus auf die Chipversorgung.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA genehmigte Corona-Auffrischungsimpfungen mit dem Mittel von BioNTech und Pfizer für ältere Menschen und Risikogruppen. Die Papiere von BioNTech zogen um gut fünf Prozent an, die Titel von Pfizer legten um rund ein Prozent zu.

Der britische Pharmakonzern AstraZeneca setzt in einem Millionendeal auf eine nächste Generation der RNA-Technologie. Mit dem Startup VaxEquity, das von dem Impfstoffexperten Robin Shattock vom Imperial College London gegründet wurde, sei eine Partnerschaft zur Entwicklung neuer Medikamente auf Basis dieser Technologie vereinbart worden, teilte AstraZeneca heute mit.

Der weltgrößte Sportartikler Nike hat sein starkes Wachstum fortgesetzt. Der Umsatz des Adidas-Konkurrenten stieg im vergangenen Geschäftsquartal um 16 Prozent auf 12,25 Milliarden US-Dollar. Analysten hatten allerdings mit einem noch stärkeren Zuwachs auf rund 12,5 Milliarden Dollar gerechnet. Nike verwies unter anderem auf längere Lieferzeiten angesichts der globalen Probleme in den Logistikketten. Unter dem Strich stieg der Gewinn um 23 Prozent auf 1,87 Milliarden Dollar. Die Nike-Aktie gab im nachbörslichen Handel um 2,5 Prozent nach.

Positive Ausblicke gaben Salesforce und Accenture. Das Softwareunternehmen Salesforce hob nach der Übernahme des Büro-Messengers Slack die Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr moderat an. Die Aktien schnellten um rund sieben Prozent in die Höhe und setzten sich damit an die Dow-Spitze. Auch Accenture äußerte sich optimistisch. Der IT-Berater stellt für das laufende Quartal einen überraschend hohen Umsatz von 13,9 bis 14,3 Milliarden Dollar in Aussicht. Accenture-Aktien rückten um 2,5 Prozent vor.

Apple will das populäre Online-Spiel "Fortnite" erst dann wieder in seinen App Store lassen, wenn der Rechtsstreit mit der Entwicklerfirma Epic Games komplett abgeschlossen ist. Der iPhone-Konzern lehnte eine Bitte um die Wiederaufnahme ab, wie aus einem vom Epic-Chef Tim Sweeney veröffentlichten Brief hervorgeht. Apple verwies darin unter anderem auf das vorherige "doppelzüngige" Verhalten von Epic.

Bertelsmann-Sparte Majorel geht an die Börse

Unter einem schlechten Stern steht der Börsengang der Bertelsmann-Dienstleistungssparte Majorel am Freitag. Die Gütersloher müssen sich mit weniger Einnahmen als erhofft begnügen. Als Ausgabepreis für eine Majorel-Aktie wurden zuvor 33 Euro festgelegt. Damit blieb das Papier am unteren Ende der angepeilten Spanne von 32 bis 39 Euro. Inklusive der Mehrzuteilungsoption fließen nur 380 Millionen Euro an den Bertelsmann-Konzern. Am Freitag sollen gut 20 Millionen existierende Aktien an der Euronext in Amsterdam an die Börse gebracht werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. September 2021 um 09:00 Uhr.