Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse im Regen
Marktbericht

Trübe Wochenbilanz Wechselhaftes Börsenwetter hält an

Stand: 23.04.2021 22:17 Uhr

Typisch April! Das Auf und Ab an den Börsen geht weiter: Nach den Kursverlusten vom Donnerstag erholte sich die Wall Street am Freitag kräftig. Die Wochenbilanz fiel trotzdem negativ aus - auch für den DAX.

Während sich in Europa der Wirtschaftsaufschwung wegen der Lockdowns noch verzögert, scheint er in den USA nun richtig loszugehen. Die weltgrößte Volkswirtschaft hat einen starken Start ins zweite Quartal hingelegt. Darauf deutet der US-Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft hin. Er kletterte im April um 2,5 Punkte auf 62,2 Zähler. "Die US-Wirtschaft feuert aus allen Rohren", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Wiliamson. Die Lockerungen der Corona-Restriktionen, beeindruckende Impf-Fortschritte und staatliche Konjunkturmaßnahmen würden die Nachfrage der Industrie und Dienstleister ankurbeln.

Furcht vor Steuererhöhungen rückt in den Hintergrund

Die guten Konjunkturdaten verdrängten die Furcht von Anlegern vor den Steuerplänen der Biden-Regierung. US-Präsident Joe Biden will angeblich für wohlhabende US-Amerikaner die Kapitalertragssteuer auf rund 40 Prozent in etwa verdoppeln. Bisher war Biden ein Liebling der Wall Street. Seit seinem Wahlsieg im November 2020 hat der Dow Jones fast 20 Prozent gewonnen. Nun könnte er zum Party-Schreck werden.

Die Chance, dass die Steuererhöhung auch so verabschiedet werde, sei verschwindend gering, glaubt Marktbeobachter Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Schließlich verfügten Bidens Demokraten in den beiden Kammern des Kongresses nur über hauchdünne Mehrheiten. "In der Realität werden die Steuersätze zwar steigen, aber nicht so stark wie angekündigt."

Dow Jones dämmt Wochenverlust ein

Die Wall Street machte am Freitag die gestrigen Kursverluste fast wieder wett. Der Dow Jones stieg um rund 0,7 Prozent auf über 34.000 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 zog um knapp 1,1 Prozent an, die technologielastige Nasdaq 100 gewann gar rund 1,3 Prozent. Investoren wägen laut Experten die Auswirkungen höherer Steuern gegenüber den positiven Effekten ab, die die mit den Konjunkturprogrammen einhergehenden Investitionen in die US-Infrastruktur bringen.

Damit konnten die US-Börsen zwar ihre Wochenbilanz noch etwas aufpolieren. Die Verluste ließen sich jedoch nicht mehr aufholen. Seit Montag büßte der Dow Jones gut 0,5 Prozent ein. Es zeigt sich, dass nach dem jüngsten Höhenflug die Luft immer dünner wird.

DAX-Gewinnserie gerissen

Auch am deutschen Aktienmarkt wurde in der abgelaufenen Woche die Rekordjagd gestoppt. Nachdem der DAX noch am Montag erstmals auf über 15.500 Punkte gestürmt war, packte ihn die Höhenangst. Auf Wochensicht verlor er 1,2 Prozent. Am Freitag fiel er um 0,3 Prozent auf 15.279 Zähler. Zeitweise war das Minus noch größer – wegen der anfangs negativen Vorgaben aus den USA. Erst am Nachmittag dämmte der deutsche Leitindex seine Verluste ein. Damit endete eine der längsten Gewinnserien im DAX. Die letzten sechs Wochen hintereinander hatte der deutsche Leitindex im Plus beendet.

"Aktien nicht mehr günstig"

Aktien seien "nach den sehr deutlichen Kursgewinnen auch im ersten Quartal nicht mehr günstig", warnt Volkswirt Carsten Mumm von der Privatbank Donner & Reuschel. Zwar könne es dank Konjunkturaufschwung, der lockeren Geld- und Fiskalpolitik und den Maßnahmen der neuen US-Regierung noch weiter aufwärts gehen. Zwischenzeitliche Verlustphasen seien aber nicht auszuschließen.

Am Tropf der Notenbanken

Marktexperte Robert Halver von der Baader Bank sieht den DAX derzeit in einer gesunden Konsolidierungsphase. "Zwischenzeitliche Gewitter reinigen", betonte er. Halver befürchtet vorerst keine größeren Rückschläge. Dafür sorge die Fed. "Ihre anhaltend zinsgünstige Refinanzierung lädt weiter zur Aktienspekulation ein." Halver: "Die Finanzmärkte vertrauen darauf, dass die US-Notenbank jede Einschränkung neuer Liquiditätsspritzen mit äußerster Vorsicht angeht." Bei einem plötzlichen Entzug von Liquidität würden nicht nur die Aktienmärkte, sondern auch die Realwirtschaften unter Druck geraten. "So weit wird es die Fed nicht kommen lassen", glaubt Halver.

Kein Grund für eine Korrektur

Viele Aktienstrategen sehen noch keinen Grund für eine echte Korrektur. "Wir werden im zweiten Quartal noch starke Firmengewinne sehen", glaubt Andreas Hürkamp, Leiter der Aktienmarktstrategie der Commerzbank. Da könne es nochmals Euphorie geben, vielleicht knacke der DAX die 16.000 Punkte, sagte er auf der digitalen Anlegermesse Invest. Zudem sei noch viel Geld im System. Die Geldmenge in Europa sei zuletzt so stark gestiegen wie seit 30 Jahren nicht mehr. Erst im zweiten Halbjahr werde die Euphorie abebben, Anleger sollten dann umschichten von zyklischen in defensive Werte.

Börsen dürften schwankungsanfälliger werden

Commerzbank-Anlagestratege Chris-Oliver Schickentanz glaubt, dass die Aktienmärkte angesichts der Diskussion über eine Rückführung der Corona-Notfall-Maßnahmen vor einer Zeit erhöhter Schwankungen stehen. "Von daher dürfte das jüngste Auf und Ab eher zur Regel werden, ohne dass deswegen der langfristige Aufwärtstrend bei Aktien schon zu Ende wäre", prophezeit der Experte.

Noch keine Euphorie

Eine alte Börsenregel sagt: "Eine Hausse wird in der Panik geboren, wächst in der Angst und stirbt in der Euphorie." Doch von einer wirklich extremen Euphorie, wie sie die Märkte etwa während der "Dienstmädchenhausse" Ende der 1920er-Jahre oder während der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre im Griff hielt, sind die Börsen nach Meinung von Experten momentan noch ein gutes Stück entfernt.

Bitcoin wieder unter 50.000 Dollar

Drastischer als am Aktienmarkt fiel die Kursreaktion bei den Kryptowährungen aus. Der Bitcoin fiel in der Spitze um acht Prozent auf 47.460 Dollar. "Dies könnte der Beginn einer größeren Korrektur sein", sagte Marktanalyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus Axi. Die zweitwichtigste Cyber-Devise Ethereum brach sogar um mehr als zwölf Prozent auf 2108 Dollar ein, nachdem sie am Donnerstag ein Rekordhoch von 2645,75 Dollar erreicht hatte. Experten sprachen von Gewinnmitnahmen. Seit Jahresbeginn hat Ethereum knapp 230 Prozent zugelegt, fast vier Mal so stark wie der Bitcoin.

Ölpreise fallen wieder

Die Ölpreise büßten im Laufe des Tages ihre Gewinne wieder ein. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent verbilligte sich um 0,3 Prozent auf 65,22 Dollar je Barrel (159 Liter). Am Ölmarkt gehen derzeit kurzfristige Nachfragesorgen mit längerfristigen Hoffnungen einher. Kurzfristig besteht die Sorge, dass die angespannte Corona-Lage in großen Nachfrageländern wie Indien belastet. Mittel- bis längerfristig jedoch ruhen die Hoffnungen auf fortschreitenden Impfkampagnen, weniger Corona-Beschränkungen und einer anziehenden Nachfrage nach Erdöl.

Euro zieht an

Am Devisenmarkt konnte der Euro wieder Boden gutmachen. Er stieg bis zum Abend auf 1,2095 Dollar. Vor allem der russische Rubel war gefragt. Er legte gegenüber Dollar und Euro spürbar zu. Händler begründeten dies zum einen mit einer tendenziellen Entspannung im Konflikt Russlands mit der Ukraine. Zum anderen hob die russische Zentralbank ihren Leitzins in einem großen Schritt um 0,5 Prozentpunkte an. Die türkische Lira stand dagegen weiter unter Druck. Für einen Euro mussten am Freitag erstmals seit Herbst 2020 wieder mehr als zehn Lira gezahlt werden. Der Goldpreis verbilligte sich um zehn Dollar auf 1773 Dollar je Feinunze.

Conti gibt wieder Tempo

Zweitgrößter Gewinner im DAX hinter Infineon war Conti. Der Autozulieferer und Reifenhersteller profitiert von der weltweiten Erholung der Autokonjunktur. Im ersten Quartal übertraf Conti die Erwartungen von Analysten. Vor allem im Geschäft mit Reifen und Kunststofftechnik lief es rund. Der Konzernumsatz legte von 9,9 Milliarden auf 10,3 Milliarden Euro zu. Die um Sonderposten bereinigte Gewinnmarge vor Zinsen und Steuern verdoppelte sich nahezu auf 8,1 Prozent.

Daimler mit deutlichem Gewinnsprung

Der Auto- und Lkw-Bauer Daimler hat mit der Erholung an den weltweiten Automärkten im ersten Quartal unter dem Strich einen satten Gewinn eingefahren. Der auf die Aktionäre entfallende Gewinn lag bei 4,29 Milliarden Euro nach 94 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, wie der DAX-Konzern in Stuttgart mitteilte. Die Prognose für die Profitabilität in der Pkw-Sparte hob Daimler nach dem starken Quartal an. Der Konzern hatte zuvor bereits Eckdaten veröffentlicht.

Osterloh geht von VW zur Tochter Traton

VW-Betriebsratschef und Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh verlässt die Konzernzentrale und wird Personalvorstand bei der Nutzfahrzeugtochter Traton. Der Schritt solle bereits kurzfristig zum 1. Mai erfolgen, hieß es in Wolfsburg. Osterlohs Nachfolgerin soll die bisherige Vizechefin des Konzern- und Gesamtbetriebsrats, Daniela Cavallo (46), werden. Das gelte auch für die Aufsichtsratsfunktion.

Audi machen Halbleiter-Probleme zu schaffen

Die VW-Tochter Audi stoppt einem Zeitungsbericht zufolge wegen Problemen bei der Versorgung mit Halbleitern am Standort Neckarsulm kommende Woche teilweise die Produktion. "Aufgrund fehlender Halbleiter-Teile findet bei den Modellen A6 und A7 in der Woche von 26. Bis 30. April keine Produktion statt", berichtet die "Augsburger Allgemeine" unter Berufung auf Angaben von Audi.

Software AG weiter mit Umsatzschwund

Im MDAX zählte die Aktie der Software AG zu den Verlierern. Das Unternehmen nimmt bei der Umstellung auf Abo-Modelle weiter schrumpfende Umsätze in Kauf. Auch im ersten Quartal kam es zu einem deutlichen Dämpfer bei den Erlösen, den der starke Euro noch verschärfte. Der Umsatz schrumpfte zwischen Januar und März im Jahresvergleich um zwölf Prozent auf 183,1 Millionen Euro.

LPKF Laser enttäuscht mit schwachem Jahresstart

Im SDAX brach der Kurs von LPKF um fast acht Prozent ein. Das Maschinenbau-Unternehmen, das Lasersysteme entwickelt und fertigt, berichtete über einen Umsatzeinbruch im ersten Quartal. Trotz des schwachen Jahresauftakts will LPKF seine Erlöse im laufenden Geschäftsjahr um 15 bis 25 Prozent auf 110 bis 120 Millionen Euro steigern.

Nestlé will sich mit Vitaminhersteller stärken

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé will sich im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel offenbar mit einem milliardenschweren Zukauf verstärken. Der Konzern führe Gespräche über den Kauf des US-Vitaminherstellers Bountiful, sagten Insider gegenüber dem "Wall Street Journal". Ein Deal im Volumen eines mittleren einstelligen Milliardenbetrags könnte kommende Woche unter Dach und Fach sein. Die Übernahme könne aber noch scheitern.

Intel-Chef will Basis für Gewinne legen

Die Aktien von Intel sackten um fünf Prozent ab. Der weltgrößte Chipkonzern ist dank der starken Nachfrage von Rechenzentren und Computerherstellern in der Corona-Krise besser in das Jahr gestartet als erwartet. Der neue Firmenchef Pat Gelsinger sagte: "Das ist ein entscheidendes Jahr für Intel." Jetzt werde die Basis gelegt, um Profit aus dem "explosiven Wachstum" in der Halbleiterbranche zu ziehen. Intel hob die Prognosen bei Umsatz und Gewinn je Aktie im gesamten Jahr zwar an - aber nicht so deutlich, wie am Markt erwartet worden war.

American Express leidet weiter unter Reiseflaute

American Express hat zwar den Gewinn zu Jahresbeginn kräftig gesteigert, der Umsatz sank aber deutlich. Der Kreditkartenkonzern litt weiter darunter, dass die Corona-Pandemie den internationalen Reiseverkehr lahmlegt. Deshalb fielen lukrative Hotel- oder Flugbuchungen weg, die häufig mit Kreditkarten bezahlt werden. Die Aktien von American Express büßten rund zwei Prozent ein.

Gefährliche Mängel bei Teslas "Autopilot"?

Das einflussreiche US-Verbrauchermagazin "Consumer Reports" hat nach eigenen Angaben gefährliche Mängel beim Fahrassistenzprogramm "Autopilot" des Elektroautobauers Tesla festgestellt. Auf einer Teststrecke sei es Ingenieuren beim Model Y gelungen, das Programm trotz leeren Fahrersitzes anzuwenden, teilte "Consumer Reports" mit. Dabei habe das System keinerlei Warnungen oder Hinweise abgegeben. Auf öffentlichen Straßen würde ein solches Szenario eine "extreme Gefahr" darstellen, so das Blatt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. April 2021 um 16:00 Uhr.