Handelssaal der Frankfurter Börse
Marktbericht

460 Punkte im Plus DAX im Höhenrausch

Stand: 08.03.2021 22:25 Uhr

Mit dem sich abzeichnenden Ende der Corona-Krise sind zyklische Aktien die neuen Favoriten. Das kommt dem DAX entgegen, der ein neues Rekordhoch aufstellte. Rückenwind kam dabei aus Amerika.

Was für ein Börsentag! Mit viel politischem Schwung aus Amerika im Gepäck hat der DAX sein bisheriges Rekordhoch bei 14.197 Punkten am Nachmittag klar überboten und ist in der Spitze sogar bis auf 14.402 Punkte geklettert. Der Schlussstand lag dann bei 14.380 Punkten, ein Zuwachs von 3,3 Prozent oder 460 Punkten.

US-Konjunkturhoffnungen treiben die Börse

Unmittelbarer Auslöser der Hausse, die in dieser Stärke dann doch überraschend kam, war die Verabschiedung des 1,9 Billionen Dollar schweren amerikanischen Konjunkturpakets im Kongress am Wochenende.

"Was hier passiert, ist der Wahnsinn. Es wird alles andere ausgeblendet", kommentierte ein Händler den rasanten Kursanstieg. Dabei sei bei den billionenschweren Corona-Staatshilfen in den USA lediglich alles so gekommen wie angekündigt. Alles andere wie etwa die Inflationssorgen oder der Einbruch der Wirtschaft durch den Lockdown würden zur Zeit zur Seite geschoben.

Zwar muss das Repräsentantenhaus noch ein zweites Mal abstimmen, dies gilt aber als Formsache, haben doch in dieser Kammer die Demokraten von Präsident Joe Biden die Mehrheit. Selbst für amerikanische Verhältnisse ist das Ausmaß der staatlichen Hilfen gigantisch. Ein Liquiditätsschub, dem sich auch die Märkte in Europa einfach nicht entziehen können.

Mut mache Investoren die Billigung der billionenschweren zusätzlichen Corona-Staatshilfen durch den US-Senat, sagte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. "Dieses massive Paket wird im zweiten Quartal große Wirkung entfalten, just wenn die US-Wirtschaft wieder hochgefahren wird."

Dow Rekord und Verluste an der Nasdaq

Der Paradigmenwechsel an der Wall Street hat sich heute so deutlich fortgesetzt wie lange nicht. Der Leitindex Dow Jones markierte im Verlauf bei 32.148 Punkten ebenfalls ein neues Rekordhoch und schloss dann unter Tageshoch bei 31.802 Punkten um knapp ein Prozent höher. Der breiter aufgestellte S&P-500-Index verlor ein halbes Prozent auf 3821 Punkte.

Tristesse hingegen an der Nasdaq, wo es deutlich bergab ging. Der Composite-Index verlor 2,4 Prozent auf 12.609 Punkte, der Auswahlindex Nasdaq 100 gab 2,92 Prozent nach und schloss bei 12.299 Punkten. Denen in der Krise so gefragten Technologieaktien setzen die im Zuge der Konjunkturhoffnungen zuletzt gestiegenen Zinsen besonders zu.

Denn das ist die Kehrseite der Jubelhausse. Das Hilfsprogramm schürt nicht nur Hoffnungen auf ein Anspringen der Wirtschaft, sondern auch Zins- und Inflationsängste, wie zuletzt gesehen. Eine Mischung mit Brisanz.

Inflationsängste im Fokus

Laut Lehrbuch kann eine Rettung auf Pump nämlich nicht ewig gehen, ohne dass die Inflation anzieht. Lange Jahre war aber Inflation kein Thema, im Gegenteil. Die Notenbank Fed (und auch die EZB) hat ihr Ziel von 2,0 Prozent kaum erreicht.

Das könnte jetzt anders werden, worauf die Märkte sehr sensibel reagieren. Abzulesen ist es bereits an den steigenden Renditen der US-Staatsanleihen, zehnjährige Papiere rentieren mittlerweile über 1,6 Prozent. Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest hält einen Anlauf auf die Zwei-Prozent-Marke im Laufe der kommenden Wochen für wahrscheinlich.

"Aufgrund des starken Wirtschaftswachstums müsste die Fed innerhalb der kommenden Monate mit Bremsvorgängen beginnen." Die steigenden Zinsen haben aber nicht nur Auswirkungen auf die Kapitalmärkte, auch Rohstoffe und Devisen sind betroffen.

Ölpreise anfangs sehr stark

Das Inflationsszenario erhält zusätzliche Nahrung auch durch steigende Rohstoffpreise. Für die Nordseesorte Brent wurden am Morgen über 71 Dollar bezahlt, für die US-Leichtölsorte WTI waren es 67,98 Dollar. Das war der höchste Preis seit Oktober 2018.

Auslöser des Preissprungs war heute zwar ein Angriff jemenitischer Huthi-Rebellen auf Ölanlagen Saudi-Arabiens. Aber der eigentliche Treiber für die Rohölpreise ist die Aussicht auf eine globale Wirtschaftsbelebung nach der Krise. Vergangene Woche hatte der Ölverbund Opec+ zudem seine Förderung zur Überraschung vieler Marktteilnehmer nicht angehoben und für Auftrieb bei den Ölpreisen gesorgt. Das Marktgeschehen beruhigte sich im Verlauf wieder, die Preise konnten die hohen Anfangsniveaus nicht behaupten und rutschten ab.

Dollar zieht an

Die Konjunkturhoffnungen trieben heute auch den Dollar an, der zum Euro am späten Abend bei 1,1847 Dollar und damit nahe seines Tagestiefs gehandelt wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1866 (Freitag: 1,1938) Dollar fest. Anleger investierten verstärkt in den USA, um am dortigen Boom teilzuhaben. "Jeder reißt sich um Dollar, die dafür nötig sind", so Commerzbank-Devisenspezialist Ulrich Leuchtmann. Nennenswerte Konjunkturdaten gab es am Nachmittag nicht mehr.

Deutsche Industrieproduktion enttäuscht

Für fundamentale Ernüchterung sorgte am Morgen die deutsche Produktion im produzierenden Gewerbe im Januar. Diese war gegenüber Dezember mit 2,5 Prozent deutlich stärker gefallen als erwartet. Allerdings dürfte dies den Experten der Commerzbank zufolge zu einem großen Teil auf einen - wohl mehrwertsteuerbedingten - massiven Rückgang der Bauproduktion zurückzuführen sein.

Deutsche Post kauft eigene Aktien zurück

Unter den Einzelwerten im DAX gehörten Deutsche Post zu den größten Gewinnern. Denn die Bonner wollen ihre Aktionäre mit Aktienrückkäufen und einer deutlichen Dividendenerhöhung am Erfolg des vergangenen Jahres beteiligen. Der Logistikkonzern kündigte am Montag Aktienrückkäufe im Wert von bis zu einer Milliarde Euro an und verwies dabei auf die gute Geschäftsentwicklung. Gleichzeitig hat der Konzern für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende von 1,35 Euro je Aktie vorgeschlagen. Ein Jahr zuvor hatten die Aktionäre 1,15 Euro je Anteil erhalten. Analysten hatten im Schnitt nur eine Erhöhung auf 1,24 Euro erwartet.

Zinssensitive Aktien gefragt

Neben der Post-Aktie gehörten die schwer gewichteten Versicherungsaktien, aber auch die Deutsche Bank zu den weiteren Tagessiegern. Sie legen im Gefolge der anziehenden Kapitalmarktzinsen zu, denn ihre Geschäftsmodelle profitieren tendenziell von anziehenden Sätzen. Ansonsten gehen die Gewinne quer durch alle Branchen, Autoaktien legten dabei ebenfalls kräftig zu. Tagesverlierer waren Delivery Hero, die moderat nachgeben.

Insgesamt setzte sich unter den Anlegern der jüngste Paradigmenwechsel fort: Sie verabschieden sich derzeit von ihren bisherigen Lieblingen in der Corona-Zeit und setzen sowohl in New York als auch im DAX auf die dort besonders stark vertretenen Zykliker, deren Geschäfte von einem Abklingen der Pandemie profitieren können.

IBM soll digitalen Impfpass in Deutschland erstellen

Der US-Konzern IBM soll den digitalen Impfpass in Deutschland erstellen. Dies ging aus der Online-Ausgabe des Amtsblatts der Europäischen Union am Montag hervor. Der Abschluss des Vertrags erfolgt erst nach Ablauf von zehn Kalendertagen. IBM wollte keine Stellung nehmen.

Um die Erstellung des Impfpasses, dem ein hoher Stellenwert bei der Wiederbelebung des Reiseverkehrs beigemessen wird, hatte sich auch die Deutsche Telekom bemüht, die nun leer ausgeht. Der Bonner DAX-Konzern, der zusammen mit SAP bereits die Corona-Warn-App umgesetzt hat, wollte keine Stellung nehmen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will den digitalen Impfpass noch vor den deutschen Sommerferien anbieten und hatte deswegen kurzfristig ein Dringlichkeits-Verfahren auf den Weg gebracht. Besonders die Tourismus- und Luftfahrtbranche setzt große Hoffnungen in ein solches Dokument, das EU-weit einheitlich gestaltet werden soll.

Audi hält VW in Atem

Unter den Einzelaktien im DAX rückte am Montag auch das VW-Papier in den Fokus der Investoren. Die VW-Tochter Audi soll nach dem Willen der Arbeitnehmer die geplante Batteriemontage am Firmensitz in Ingolstadt zu einer Batteriefertigung erweitern, wie Betriebsratschef Peter Mosch der "Automobilwoche" sagte.

Audi muss im Dieselskandal derweil vorerst nicht für von Volkswagen hergestellte manipulierte Motoren in seinen Autos haften. Das Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Naumburg, mit dem die VW-Tochter zu Schadenersatz verpflichtet worden war, enthalte Rechtsfehler, entschied der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe am Montag und verwies den Fall zur erneuten Verhandlung zurück. Es sei nicht festgestellt worden, dass Audi selbst die Entscheidung für die illegale Abschalteinrichtung getroffen habe oder von einer solchen Entscheidung bei VW wusste.

Deutsche Bahn und Lufthansa vertiefen Kooperation

Deutsche Bahn und Lufthansa weiten ihr Kombi-Angebot von Zug und Flug zum Flughafen Frankfurt auf fünf weitere Städte aus. Bisher gibt es täglich 134 Zubringerzüge zu den Lufthansa-Flügen ab Frankfurt aus 17 deutschen Städten. Ab Juli wird die Anreise zum größten deutschen Flughafen mit schnellen Sprinter-Zügen auch von Hamburg und München möglich sein. Im Dezember startet das Angebot von Berlin, Bremen und Münster. Der Gepäcktransport soll durch beschleunigte Abwicklung am Flughafen verbessert werden.

Positive Studiendaten zu Covid-19-Mittel von Merck

Der deutsche Pharmakonzern Merck und sein US-Partner haben von positiven ersten Ergebnissen bei der Entwicklung ihres Covid-19-Medikaments Molnupiravir berichtet. Das Medikament habe bei Testpersonen nach fünftägiger Behandlung deren Virenlast erheblich reduziert, teilten Merck und sein US-Partner Ridgeback Biotherapeutics am Samstag in den USA mit. "Diese vorläufigen Ergebnisse ermutigen uns", erklärte Ridgeback-Arzneimittelchefin Wendy Painter.

USA setzen Airbus-Strafzölle aus

Im MDAX dürfte Airbus von der Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und Europa profitieren. Der neue US-Präsident Joe Biden vereinbarte mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine Aussetzung bestimmter Strafzölle. Diese wurden wechselseitig im Dauerzwist über Subventionen für die Flugzeugbauer Airbus und Boeing verhängt und liegen nun für zunächst vier Monate auf Eis.

Tui will Ostern wieder nach Mallorca

Tui will Urlauber ab den Osterferien wieder nach Mallorca bringen. "Die Hotellerie hat sich intensiv vorbereitet, sicheren und verantwortungsvollen Urlaub anzubieten", sagte Tui-Deutschland-Chef Marek Andryszak am Montag vor dem Start der Online-Ausgabe der Reisemesse ITB. Der Manager verwies auf präzise Hygienekonzepte.

Tui-Vorstand Sebastian Ebel versicherte bei einem Treffen mit der balearischen Ministerpräsidentin Francina Armengol in Palma nach Angaben der Regionalregierung, Mallorca werde "eines der vorrangigen Ziele" des Konzerns im Sommer sein. Nach Aufhebung der Reisebeschränkungen sei ein sofortiger Anstieg der Buchungen zu erwarten - und Tui sei bereit darauf zu reagieren, so Ebel. Zuletzt wurde Spanien vom Robert Koch-Institut noch als Risikogebiet eingestuft - aber ohne außergewöhnlich hohe Corona-Neuansteckungen.

SGL Carbon rückt in den SDAX auf

Im SDAX kommt es zu einem weiteren Wechsel. Neben den am Mittwoch bekanntgegebenen Veränderungen wird auch SGL Carbon am 22. März aufgenommen, wie die Deutsche Börse überraschend mitteilte. Im Gegenzug verlässt die Deutsche Beteiligungs AG den Index. Grund des Nachtrags sei eine fehlerhafte Datengrundlage der bisher angekündigten Veränderungen, die nun korrigiert worden sei.

J&J-Impfstoffzulassung in Kürze?

Der Impfstoff des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson könnte noch im März für die Europäischen Union (EU) zugelassen werden. Am 11. März werde die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) das Vakzin für die Verwendung in der EU überprüfen, sagte EMA-Vorstandschefin Christa Wirthumer-Hoche im österreichischen Sender ORF. "Wir erwarten eine positive Bewertung und dass die EU-Kommission die Zulassung schnell erteilt."

Friedrich Vorwerk strebt an die Börse

Der Anbieter von Energieinfrastruktur Friedrich Vorwerk will noch im März an die Börse gehen. Mit dem Bruttoemissionserlös in Höhe von etwa 90 Millionen Euro will das Unternehmen vor allem sein Wasserstoff- und Stromgeschäft ausbauen. Angestrebt ist ein Streubesitz von rund 45 Prozent, wobei der Vorstandsvorsitzende Torben Kleinfeldt und die Muttergesellschaft MBB SE auch zukünftig jeweils einen wesentlichen Anteil am Unternehmen halten sollen.

Tesla-Talfahrt setzt sich fort

Der Börsenwert des Elektroautobauers Tesla ist deutlich geschrumpft. Im Verlauf des vergangenen Monats sank die Marktkapitalisierung Teslas um über 244 Milliarden Dollar. Am Montag ließ die Aktie zudem die fünfte Sitzung in Folge Federn. Grund ist unter anderen die derzeitige Verkaufswelle bei Hochtechnologiewerten. Investoren hätten das Tesla-Papier schnell von 40 Dollar auf 900 Dollar getrieben, sagte ein Analyst. Der Absturz erfolge ebenso hastig. Die Abwärtskorrektur könnte länger als bei anderen High-Tech-Werten dauern, da Privatinvestoren langsamer verkauften als institutionelle Anleger.

GE und AerCap - ein Riese im Jet-Leasing entsteht

Der US-Mischkonzern General Electric <US3696041033> (GE) will sein Jet-Leasinggeschäft Gecas Insidern zufolge mit dem irischen Konkurrenten AerCap zusammenlegen. Durch den Deal könnten zwei der weltgrößten Flugzeugfinanzierer gemeinsame Sache machen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg in der Nacht zum Montag unter Verweis auf mit der Sache vertraute Personen. Der Deal könnte bereits an diesem Montag bekanntgegeben werden. Dem "Wall Street Journal" (WSJ, Sonntag) zufolge könnte der Zusammenschluss ein Volumen von mehr als 30 Milliarden US-Dollar (rund 25,2 Mrd Euro) haben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2021 um 07:35 Uhr.