Gut gelaunter Händler an der New Yorker Börse
Marktbericht

Zinswende vom Tisch Die Wall Street atmet auf

Stand: 07.05.2021 22:20 Uhr

Die deutlich schwächer als erwartet ausgefallenen US-Arbeitsmarktdaten wurden heute an der Börse mit Erleichterung aufgenommen. Denn Zinserhöhungen sind sobald wohl nicht zu erwarten.

Die US-Aktienmärkte gingen am Freitag mit Gewinnen aus dem Handel. Deutlich schwächer als erwartet ausgefallene Daten vom Arbeitsmarkt haben Zinsängste der Investoren zurückgedrängt und den Markt angetrieben. Der Leitindex Dow Jones schloss bei 34.777 Punkten um 0,66 Prozent höher und markierte dabei im Verlauf bei 34.811 Punkten sogar ein neues Rekordhoch. Er nimmt damit die Marke von 35.000 Punkten ins Visier.

Gleiches galt für den breit aufgestellten S&P-500-Index, der bei 4238 Punkten eine neue Bestmarke setzte und am Ende bei 4232 Punkten um 0,74 Prozent höher schloss. Auch die zuletzt von Zinssorgen besonders belastete Technologiebörse Nasdaq holte auf und beendete den Handel 0,88 Prozent höher bei 13.752 Stellen. Der Auswahlindex Nasdaq 100 rückte um 0,78 Prozent vor auf 13.719 Punkte.

US-Zinsängste sinken

Schwächere Konjunkturdaten, die zu steigenden Kursen führen - was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, folgt einer klaren Börsenlogik. Denn mit den deutlich unter den Erwartungen liegenden Zahlen sinkt die Sorge vor einer möglichen Überhitzung der Wirtschaft - der die Notenbank dann laut Lehrbuch mit höheren Zinsen hätte begegnen müssen, was wiederum Gift für die Aktienmärkte ist.

Konkret entstanden im April nur 266.000 Jobs außerhalb der US-Landwirtschaft. Erwartet worden waren im Schnitt 978.000. Die Arbeitslosenquote stieg erstmals seit einem Jahr wieder von 6,0 auf 6,1 Prozent an, Experten hatten mit einer Quote von 5,8 Prozent gerechnet.

Der US-Arbeitsmarkt kann das zuletzt stramme Erholungstempo der Wirtschaft also offensichtlich nicht im gleichen Ausmaß mitgehen. Laut Ministerium sind derzeit etwa 9,8 Millionen Menschen arbeitslos. Das sind rund vier Millionen Menschen mehr als im Februar 2020, also vor Ausbruch der Pandemie in den USA.

Berichtssaison überzeugt

Aber es sind nicht nur die abflauenden Zinssorgen, die der Börse zu immer weiteren Rekordniveaus verhelfen. Der Aufschwung ist auch fundamental untermauert, wie der bisherige Verlauf der Berichtssaison zeigt. Die Experten den Großbank JPMorgan sprechen gar von einer spektakulären Entwicklung.

86 Prozent der S&P-500-Unternehmen, die bis dato Zahlen vorgelegt hatten, haben der Bank zufolge die Erwartungen geschlagen. Die Gewinne je Aktie dieser Firmen wiesen ein Wachstum im Vergleich zum Vorjahr von 57 Prozent auf, 25 Prozentpunkte mehr als vom Konsens angenommen. Auch in Europa schlugen 74 Prozent der Berichte die Erwartungen. Das Gewinnwachstum übertraf den Konsens mit 41 Prozent um 18 Prozentpunkte.

In Anbetracht der Impffortschritte sowie der üppigen staatlichen Rettungsprogramme sollten die Gewinnschätzungen der Analysten daher weiter anziehen. Aber die Stärke des Aufschwungs bleibt auch seine Achillesferse. Nämlich dann, wenn das Wachstum doch noch überschießt. Die Überhitzungsgefahren in den USA sind auch trotz der heutigen Arbeitsdaten eher nur verschoben, aber nicht wirklich verschwunden. Nicht nur die Ex-Notenbankchefin und derzeitige Finanzministerin Janet Yellen, die in dieser Woche einen ersten Zins-Warnschuss abgab, dürfte diese Entwicklung weiter genau im Auge haben.

DAX nimmt Rekordniveau wieder ins Visier

Eine volatile Handelswoche ging hierzulande am Freitag versöhnlich zu Ende. Der deutsche Leitindex DAX rückte am Ende um 1,3 Prozent vor und schloss bei 15.399 Punkten nahe seines Wochenhochs bei 15.406 Zählern. Auch das Rekordhoch bei gut 15.500 Punkten kommt damit wieder in Reichweite. Gegenüber dem Wochentief am Dienstag bei gut 14.850 Punkten machte der Index über 500 Punkte gut.

Auslöser der guten Stimmung der Anleger waren die schwächer als erwartet ausgefallenen Beschäftigungszahlen am US-Arbeitsmarkt im April, aber auch gute Unternehmensberichte. Unter den 30 DAX-Werten gab es kaum Verlierer, unter der Führung von Adidas gingen die Gewinne quer durch alle Branchen.

Deutsche Wirtschaft gut unterwegs

Für Kauflaune sorgten auch noch deutsche Konjunkturdaten. Die deutsche Industrieproduktion und die Exporte der heimischen Firmen stiegen überraschend stark. Bei Letzteren lag das Plus mit 1,2 Prozent sogar mehr als doppelt so hoch wie erwartet. Die Zahlen sähen aber nur auf den ersten Blick gut aus, warnte LBBW-Analyst Jens-Oliver Niklasch. Die Materialknappheit in einigen Branchen bremse den Aufschwung. "In den kommenden Monaten sollte sich das Bild aber vor dem Hintergrund der guten Auftragslage weiter aufhellen."

Euro legt kräftig zu - wieder über 1,21 Dollar

Nach den Daten vom US-Arbeitsmarkt fiel der Dollar gegen den Euro deutlich zurück. Die Gemeinschaftswährung kostet wieder mehr als 1,21 Dollar und wird am späten Abend bei 1,2169 Dollar gehandelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs noch auf 1,2059 (Donnerstag: 1,2060) Dollar fest, mehr als einen ganzen Cent tiefer.

"Der US-Arbeitsmarkt ist noch längst nicht von der Pandemie genesen", kommentierte Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner die Daten. "Die heutige Enttäuschung zeigt, dass die Erholung des Arbeitsmarktes noch nicht stabil genug ist, um sicher von einer raschen Erholung auszugehen." Eine Änderung der sehr lockeren Geldpolitik der US-Notenbank in diesem Jahr sei nicht zu erwarten. Eine lockere Geldpolitik belastet tendenziell eine Währung.

Unterstützung erhielt der Euro auch vom lettischen Notenbankchef Martins Kazaks. Die EZB könnte das Tempo ihrer Corona-Wertpapierkäufe nach seinen Worten bald verringern. Eine solche Entscheidung sei auf der nächsten Sitzung des geldpolitischen Rats im Juni möglich.

Zugleich unterstrich der Lette, dass der Euroraum angesichts der Pandemie weiterhin geldpolitische Unterstützung benötige. Auch wenn die Aussagen nicht auf eine Verringerung des Gesamtvolumens des Krisenprogramms PEPP hindeuten, könnten die Märkte dies als Signal für eine weniger expansive Politik interpretieren.

Gold weiter über 1800 Dollar

Die Feinunze Gold zog 0,9 Prozent an auf 1830 Dollar. Erst am Donnerstag hatte Gold die psychologisch wichtige 1800-Dollar-Marke geknackt und damit neue Investoren angelockt. Das Edelmetall profitiert von der Schwäche des Dollar, dadurch wird es für Anleger außerhalb der USA attraktiver. Die Ölpreise tendieren weiter leichter. Sie hatten zuletzt von der Aussicht auf eine globale Wirtschaftserholung stark profitiert.

Siemens macht Freude

Unter den Einzelwerten im DAX rückte die Siemens-Aktie in den Fokus. Der Industriekonzern hat seine Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr erneut kräftig nach oben geschraubt. Der Nettogewinn soll 2020/21 (per Ende September) um bis zu 48 Prozent auf 5,7 bis 6,2 Milliarden Euro steigen. Bisher hatte sich der neue Vorstandschef Roland Busch Siemens 5,0 bis 5,5 Milliarden Euro zugetraut. Siemens-Aktien rückten deutlich fast drei Prozent vor.

Adidas wird ehrgeiziger

Auch Adidas blickt optimistischer in die Zukunft. Der Konzern erwartet nun einen währungsbereinigten Umsatzanstieg im hohen Zehner-Prozentbereich und damit am oberen Ende seiner bisherigen Prognose. Das Ergebnis für das abgelaufene Quartal fiel zudem besser aus als von Analysten prognostiziert. Das verhalf dem Sportartikel-Hersteller zu einem Kursplus von 8,4 Prozent und dem souveränen Sprung an die DAX-Spitze. Es war der stärkste Anstieg seit einem halben Jahr.

China-Boom und höhere Preise treiben BMW an

Die starke Nachfrage in China und steigende Verkaufspreise lassen die Kassen von BMW klingeln. Im ersten Quartal verdienten die Münchner unter dem Strich mit 2,8 Milliarden Euro fast fünfmal so viel wie 2020. "Profitabilität ist ein wesentlicher Pfeiler unseres Transformationskurses", sagte Finanzvorstand Nicolas Peter. Im Autogeschäft stiegen die Erlöse um gut ein Viertel auf 22,7 Milliarden Euro, vor allem dank eines Absatzrekords.

Auch die E-Klasse muss dem Chipmangel Tribut zollen

Die weltweiten Lieferengpässe bei Elektronikbauteilen führen auch im Daimler-Werk Sindelfingen vorübergehend zu einem Produktionsstopp. Betroffen ist die Mercedes-Benz E-Klasse, wie Medien berichteten. Die Produktion ruht demnach seit Montag. Die Pause solle bis zum 14. Mai andauern.

Daimler bestätigte den Zeitungen zufolge offiziell nicht, dass es sich um die E-Klasse handelt. Wie viele Mitarbeiter betroffen sind und wie viele Fahrzeuge nicht gebaut werden, gab der Konzern nicht bekannt. Eine Sprecherin sprach lediglich von Anpassungen in Teilbereichen. "Die Bänder bei der E-Klasse stehen bis zum 14. Mai still – zunächst einmal", wurde ein ungenannter Mitarbeiter in Sindelfingen zitiert.

Die E-Klasse war in den vergangenen Jahrzehnten die meistverkaufte Mercedes-Modellreihe. Im Werk Sindelfingen arbeiten 24 000 Beschäftigte, die hauptsächlich mit der Produktion der E-Klasse und der S-Klasse sowie des neuen Elektroflaggschiffs EQS beschäftigt sind.

BioNTech wieder gefragt

Nach dem jüngsten Kurssturz steigen Anleger wieder bei BioNTech und CureVac ein. Die Aktien der beiden Biotech-Firmen ziehen deutlich an. Am Donnerstag hatte ihnen die von US-Präsident Joe Biden angestoßene Diskussion über eine vorübergehende Freigabe der Patente auf Coronavirus-Impfstoffe Kursverluste von bis zu 18 Prozent eingebrockt.

Commerzbank und Gewerkschaften einigen sich auf einen Sozialplan

Bei der angeschlagenen Commerzbank hat sich die Geschäftsführung mit der Arbeitnehmervertretung auf einen Sozialplan zur Abfederung des vorgesehenen Stellenabbaus geeinigt. Die Bank sowie die Gewerkschaft Verdi teilten mit, nach monatelangen Verhandlungen sei eine Einigung gelungen, die betriebsbedingte Kündigungen vermeiden soll. Die Bank will etliche Filialen schließen und bis 2024 fast 10.000 Stellen abbauen - bei einem gleichzeitigen Aufbau von nur 2500 Jobs.

Der neue Bankchef Manfred Knof will betriebsbedingte Kündigungen aber trotzdem nicht ausschließen. Er strebt an, die Selbstständigkeit der Bank zu erhalten.

Airbus liefert im April weniger aus

Der Flugzeugbauer Airbus hat im April deutlich weniger Verkehrsflugzeuge ausgeliefert als im außergewöhnlich starken März. Diesmal übergab der Konzern 45 neue Maschinen an seine Kunden, wie er am Freitagabend in Toulouse mitteilte. Im März hatte der Hersteller nach einem schwächeren Start ins Jahr 72 Maschinen ausgeliefert. In den ersten vier Monate verließen damit 170 Maschinen die Airbus-Werke. Unterdessen sammelte Airbus im April trotz der Corona-Krise Bestellungen über 48 Verkehrsflugzeuge ein, kassierte aber auch 22 Stornierungen.

Airbus-Chef Guillaume Faury will im laufenden Jahr mindestens ähnlich viele Flugzeuge ausliefern wie im Vorjahr. Da hatte der Hersteller 566 Maschinen an seine Kunden übergeben, nachdem es im Rekordjahr 2019 noch 863 gewesen waren. Wegen der Corona-Pandemie hat der Konzern seine Produktion um rund 40 Prozent gedrosselt und will sie erst ab dem Sommer wieder etwas ausweiten.

Eurofighter-Auftrag beflügelt Hensoldt

Der Rüstungselektronik-Hersteller Hensoldt hat im ersten Quartal eine Flut von Aufträgen erhalten und seinen Verlust eingedämmt. Vor allem dank eines Großauftrags der Deutschen Luftwaffe für Systeme für den Kampfjet Eurofighter gingen insgesamt Bestellungen über gut 546 Millionen Euro ein - fast dreimal so viel wie ein Jahr zuvor.

Sonova übernimmt Sennheiser

Der Schweizer Hörgeräte-Hersteller Sonova steigt in das Geschäft mit Kopfhörern ein. Der Weltmarktführer übernimmt für 200 Millionen Euro die Sennheiser Consumer Division. Das Geschäft erwirtschafte mit rund 600 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro, teilte Sonova mit. Das Unternehmen finanziert die Transaktion aus bestehenden Mitteln.

Syngenta plant Börsengang in Shanghai

Der Agrarchemiekonzern Syngenta peilt einen Börsengang in China an. "Die Syngenta-Gruppe könnte in Shanghai an die Börse gehen", sagte Konzernchef Erik Fyrwald der "Wirtschaftswoche". Syngenta plane auch ein weiteres Listing in Europa. "Wir erwägen eine Zweitnotierung, die innerhalb weniger Monate nach der Erstnotiz erfolgen könnte." Mögliche Standorte wären Zürich oder London.

Peloton legt Strategie vor

An der Wall Street hat der Fitnessgeräte-Anbieter Peloton nach Börsenschluss seine Strategie zum Umgang mit dem Rückruf von Laufbändern vorgelegt und damit die Anleger besänftigt. Die Kosten für die Rückrufe nach Berichten über ein getötetes Kind sowie Verletzungen bezifferte der Konzern für das laufende Quartal auf 165 Millionen Dollar.

News Corp wächst mit Digital-Abos

Ein Anstieg bei den Digitalabonnements hat dem Medienkonzern News Corp im abgelaufenen Quartal einen Umsatzzuwachs von drei Prozent auf 2,34 Milliarden Dollar beschert. Beim "Wall Street Journal" stiegen die Digitalabos etwa um 29 Prozent. Unter dem Strich stand ein Plus von 96 Millionen Dollar nach einem Verlust von einer Milliarde Dollar im Vorjahreszeitraum.

Über dieses Thema berichtete B5 Börse am 07. Mai 2021 um 17:15 Uhr.