Händler arbeiten mit Atemschutzmasken an der New York Stock Exchange
Marktbericht

Zinssorgen verflogen Warum schlechte Daten gut für die Börsen sind

Stand: 04.06.2021 22:24 Uhr

Der Mai-Aufschwung am US-Arbeitsmarkt ist weniger stark ausgefallen als erwartet. Trotzdem freuen sich die Aktienanleger. Denn die ernüchternden Jobdaten lindern die Inflations- und Zinssorgen.

Sommer, Sonne, Sorglosigkeit: Die Aussichten für einen gemütlichen Börsensommer mit weiter steigenden Kursen sind in dieser Woche gestiegen. Die heute veröffentlichten Daten vom US-Arbeitsmarkt haben nämlich die Gefahr einer baldigen Zinserhöhung vorerst gebannt. Zwar setzte sich die Erholung des Arbeitsmarkts fort, aber es wurden "nur" 559.000 neue Jobs außerhalb der Landwirtschaft geschaffen - fast 100.000 weniger als erwartet.

Zinserhöhung vorerst vom Tisch

Die US-Notenbank kann sich also vorerst entspannt zurücklehnen. Sie steht nicht mehr unter Handlungsdruck und wird vorerst wohl ihre ultralockere Geldpolitik fortsetzen können. Für den Moment werde die Fed beim Status Quo bleiben, sagte der bekannte Aktienstratege Peter Cardillo vom Vermögensverwalter Spartan Capital Securities in New York. Seit einigen Wochen sorgten sich die Anleger, dass eine robuste Konjunkturerholung zu einer längeren Inflationsphase führen könne und die Fed dazu veranlassen könnte, ihre Geldflut einzudämmen.

Ähnlich äußern sich die Experten der Helaba. "Noch immer ist die Fed ein gutes Stück von der Zielerreichung entfernt, und unmittelbare Straffungen der geldpolitischen Zügel wird es nicht geben", sagten sie.

Wall Street klar im Plus

Die Wall Street reagierte positiv auf die schwindenden Zinssorgen. Der Dow Jones legte rund 0,5 Prozent auf 34.756 Punkte zu. Damit schaffte er doch noch ein Plus von 0,66 Prozent in der gesamten Woche. Der marktbreite S&P 500 schloss um 0,9 Prozent höher bei 4229 Zähler. Der technologielastige Nasdaq 100 zog sogar um rund 1,8 Prozent auf 13.770 Zähler an.

DAX schafft neues Rekordhoch

Der Rückenwind von den US-Börsen trieb den DAX auf ein neues Rekordhoch. Erstmals in seiner Geschichte stieg der deutsche Leitindex auf über 15.700 Punkte. "Inflationsdruck durch steigende Löhne, aber weniger geschaffene Stellen als erwartet - die Arbeitsmarktdaten könnten damit genau die richtige Mischung gewesen sein, auf die die Börse gewartet hat", meinte Marktbeobachter Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets.

"Aufwärtsbewegung noch nicht am Ende!"

Die voranschreitenden Coronavirus-Impfungen und die Erholung der Weltwirtschaft von den Pandemie-Folgen dürften weiteren Rückenwind liefern, meint Analyst Frank Wohlgemuth von der National-Bank in Essen. Ermutigend sei zudem, dass Anleger kleinere Rücksetzer an den Aktienmärkten stets zum Einstieg nutzten. "Oftmals ist dies ein relativ sicheres Zeichen dafür, dass eine Aufwärtsbewegung noch nicht am Ende angekommen ist."

Inflation bleibt das Damoklesschwert

Auch Robin Beugels von der Privatbank Merck Finck geht davon aus, dass die Börsen-Ampeln dank der weiterhin guten Wachstumsaussichten aber grundsätzlich weiter auf Grün stehen. Als Störfaktor könnte sich jedoch der Inflationsanstieg erweisen, die nach Jahren stabiler oder sinkender Preise zuletzt wieder zurückgekehrt ist. Nach der Sommerpause könnte die Tapering-Diskussion um die Reduzierung der Anleihenkäufe weiter Fahrt aufnehmen und zu mehr Klarheit führen, sagt Beugels. Tapering bedeutet ein langsames Herunterfahren der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken.

Öl auf neuem Zweijahres-Hoch

Neben den US-Arbeitsmarktdaten blieb auch die Ölpreis-Rally ein großes Thema an den Finanzmärkten. Beflügelt von der Hoffnung auf eine kräftige Nachfrageerholung und strikte Förderkontrollen der Opec-Länder stieg das "schwarze Gold" auf ein Zwei-Jahres-Hoch. Zum Wochenschluss stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent um 0,5 Prozent auf 71,62 Dollar. Kurzzeitig war der Brentpreis bis 72,17 Dollar gestiegen. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) legte um 50 Cent auf 69,31 Dollar zu. Seit Jahresbeginn sind die Ölpreise um 38 Prozent gestiegen.

Gold und Euro teurer

Der Goldpreis zog ebenfalls deutlich an. Die Feinunze des gelben Edelmetalls verteuerte sich um 1,3 Prozent auf 1893 Dollar. Der US-Dollar geriet nach den Arbeitsmarktdaten unter Druck: der Dollar-Index verlor ein halbes Prozent. Im Gegenzug sprang der Euro auf 1,2185 Dollar.

Kryptischer Musk-Tweet setzt Bitcoin unter Druck

Tesla-Chef Elon Musk sorgte auf dem Markt für Digitalwährungen einmal mehr für Aufsehen. Nach einer kryptischen Twitter-Nachricht des Multimilliardärs fiel die nach Marktwert bedeutendste Kryptowährung Bitcoin zeitweise um über fünf Prozent auf rund 36.500 US-Dollar. Die zweitwichtigste Digitalanlage Ethereum gab rund sieben Prozent nach.

Musks Tweet besteht aus dem Hashtag #Bitcoin, einem Symbol für die Kryptowährung und einem zerbrochenen Herzen. Angehängt ist ein Bild, in dem ein Paar über seine Trennung diskutiert.

Auto1 steigt in den MDAX auf

Am deutschen Aktienmarkt stand Auto1 im Rampenlicht. Der Online-Gebrauchtwagenhändler steigt vier Monate nach seinem Börsengang in den Nebenwerte-Index MDAX auf. Die Anleger feierten den Sprung in die zweite deutsche Börsenliga. Die Aktien des Online-Gebrauchtwagenhändlers kletterten um 3,4 Prozent nach oben. Aus dem MDAX absteigen muss der Chipzulieferer Siltronic. Das entschied die Deutsche Börse am späten Mittwochabend in der Index-Überprüfung.

Im SDAX gibt es ebenfalls Veränderungen: Im Kleinwerte-Index ersetzt die erst seit kurzem börsennotierte Vodafone-Funkmastentochter Vantage Towers den Druckmaschinenbauer Koenig & Bauer. Grenke rückt für den Immobilienkonzern Corestate Capital auf, und der digitale Produktentwickler Nagarro verdrängt den Autozulieferer Leoni auf. Im DAX und im TecDAX gibt es kein Stühlerücken. Die Änderungen werden zum 21. Juni wirksam.

DWS bietet für Vermögensverwaltung von NN Group

Die Deutsche-Bank-Fondstochter hat Kreisen zufolge ein Auge auf die Vermögensverwaltung der niederländischen Versicherungsgruppe NN Group geworfen. DWS und die italienische Versicherung Generali hätten in dieser Woche erste Gebote für die Sparte übermittelt, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen. Diese könnte dabei mit rund 1,5 Milliarden Euro bewertet werden.

Britische Airline-Aktien sacken ab

Unter Druck gerieten die Aktien britischer Fluggesellschaften. Aktien von British Airways-Besitzer IAG und Easyjet rutschten um bis zu drei Prozent ab. Großbritannien hat sieben Reiseländer auf seine "rote Liste" gesetzt hat. Bei einer Reise in eines der Länder, darunter Ägypten und Sri Lanka, ist bei der Rückkehr nach England eine Hotelquarantäne erforderlich.

United Airlines bestellt 15 Überschalljets bei Boom Supersonic

Mit dem Ende der Concorde waren Überschalljets aus der zivilen Luftfahrt verschwunden, doch nun stellt mit United Airlines eine große US-Fluggesellschaft die Weichen für ein Comeback. Das Unternehmen teilte gestern mit, 15 Überschallverkehrsflugzeuge vom Typ "Overture" beim US-Start-up Boom Supersonic bestellt zu haben. Allerdings sind die Jets noch in der Entwicklung.

Universal vor Milliarden-Mantel-Deal?

Die Universal Music Group steht offenbar kurz davor, in den von Milliardär William Ackman gegründeten Börsenmantel Pershing Square zu schlüpfen, und wird dabei mit fast 40 Milliarden Dollar bewertet. Wie ein Insider sagte, wäre der Deal die bisher größte Fusion unter Beteiligung einer sogenannten Special Purpose Acquisition Company (SPAC). Die Aktien von Pershing brachen um zwölf Prozent ein.

Tesla will auch Batteriefabrik in Brandenburg bauen

Der US-Autobauer Tesla will auch eine Batteriefabrik in Brandenburg ansiedeln und hat deswegen den Genehmigungsantrag für den Bau der Autofabrik in Grünheide erweitert und eingereicht. Das teilte das zuständige Landesamt für Umwelt gestern mit. In den nächsten Tagen werde entschieden, ob die Öffentlichkeit erneut beteiligt werden müsse.

Unterdessen hat Tesla einem Medienbericht zufolge im Mai erneut einen Absatzeinbruch im China erlitten. Die Fahrzeugbestellungen hätten sich unter dem Strich auf etwa 9800 von mehr als 18.000 im April fast halbiert, berichtete die Technologie-Nachrichtenplattform "The Information" unter Berufung auf interne Daten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Börse am 04. Juni 2021 um 07:35 Uhr.