Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A
Marktbericht

Fed könnte Kurs verschärfen Börsen erneut in der "Zins-Falle"

Stand: 06.01.2022 22:29 Uhr

Die gute Laune an den Börsen zum Beginn des neuen Jahres ist vorerst verflogen. Wegen der neu entfachten Zinsängste beendete der DAX seinen Höhenflug. Auch an der Wall Street blieb die erhoffte Erholung aus.

Wird das Börsenwetter jetzt wieder wechselhafter? Nachdem es zuletzt an den internationalen Aktienmärkten fast nur bergauf ging und neue Rekorde geknackt wurden, wird es nun volatiler. Der Dow Jones, der gestern um rund zwei Prozent abgesackt war, fiel heute erneut um 0,5 Prozent. Der breiter gefasste S&P 500 schloss leicht im Minus. Starke Auftragseingangsdaten aus der Industrie und schwächer als erwartete ISM-Stimmungsdaten aus dem Dienstleistungsgewerbe sorgten für eine Zurückhaltung unter den Anlegern.

Nasdaq-Ausverkauf gestoppt

Einziger Lichtblick: Der jüngste Ausverkauf an der Nasdaq wurde gestoppt. Die Tech-Börse schloss nahezu unverändert, lange Zeit lag sie sogar im Plus. Die "Big Techs" wie Apple, Amazon und Microsoft standen allerdings weiter unter Druck.

Schwarzer Tag für Europas Tech-Aktien

Anleger mieden heute vor allem europäische Technologiewerte. Der europäische Branchenindex verbuchte mit einem Minus von 2,4 Prozent den größten Tagesverlust seit dem Kursrutsch nach dem Auftauchen der Omikron-Variante des Coronavirus Anfang Dezember.

Erster Tagesverlust im DAX 2022

Der DAX erlebte den ersten Tagesverlust in diesem Jahr, nachdem er gestern noch fast auf ein Rekordhoch geklettert war. Der deutsche Leitindex beendete den Xetra-Handel rund 1,4 Prozent im Minus bei 16.052 Punkten. Nur dank Schnäppchenjäger behauptete sich der DAX über der runden Marke von 16.000 Zählern.

Schnellere Zinswende als geplant?

Das am Mittwochabend veröffentlichte Protokoll der Fed verschreckte die europäischen Anleger. Von mehreren Fed-Vertretern wurde darin betont, dass sowohl die Wirtschafts- als auch die Inflationsentwicklung für einen rascheren Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik sprächen. Eine schnellere Anhebung der Zinsen als zuvor erwartet könne gerechtfertigt sein, hieß es.

Fed könnte Bilanzsumme verringern

Einige Fed-Mitglieder sprachen sich auch dafür aus, schon kurz nach der ersten Zinserhöhung mit der Verringerung der Bilanzsumme der Notenbank zu beginnen. Damit würden auslaufende Anleihen nicht mehr ersetzt, was die Anleihenkurse drücken und die Renditen entsprechend erhöhen dürfte. Dies wiederum würde Aktien im Vergleich zu festverzinslichen Wertpapieren weniger attraktiv erscheinen lassen.

Das Ende der Geldflut

Am Dreikönigstag gab’s also keine Geschenke für Anleger. Im Gegenteil: Die US-Notenbank signalisierte, dem Markt Liquidität zu entziehen. Das Fed-Protokoll habe die Märkte überrascht, da es eine recht aggressive geldpolitische Sicht der Notenbanker offenbare, meinte Analystin Birgit Henseler von der DZ Bank.

Renditen von Bundesanleihen auf Zweieinhalb-Jahreshoch

Wegen der drohenden verschärften Straffung der Geldpolitik in den USA warfen Anleger Staatsbonds aus ihren Depots. Dies trieb die Rendite der richtungweisenden zehnjährigen US-Treasuries auf ein Neun-Monats-Hoch von plus 1,751 Prozent. Die zehnjährigen deutschen Bundesanleihen rentierten mit minus 0,031 Prozent so hoch wie zuletzt vor gut zweieinhalb Jahren.

Inflation auf 29-Jahres-Hoch

Der Euro gab leicht nach und rutschte unter die 1,13 Dollar. Die deutsche Inflation ist im Dezember um 5,3 Prozent gestiegen, den höchsten Stand seit Juni 1992. Analysten hatten einen leichten Rückgang erwartet, nachdem die monatlich gemessene Inflationsrate im November auf 5,2 Prozent gesprungen war. Im Gesamtjahr lag die Inflationsrate bei 3,1 Prozent, dem höchsten Niveau seit 1993. "Es besteht die Gefahr, dass die Inflation auch in Europa ein hartnäckiges Problem wird", sagte Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. "Wenn sich diese Anzeichen im Laufe des Jahres verdichten, muss die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik straffen und auch Zinserhöhungen vorziehen."

Industrieaufträge ziehen an

Positive Signale kamen nur aus der Industrie. Sie hat sich im November dank der guten Auslandsnachfrage stärker als erwartet vom zuvor erlittenen Auftragseinbruch erholt. Die Unternehmen hätten 3,7 Prozent mehr Bestellungen an Land gezogen als im Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt mit. Ökonomen hatten lediglich mit einem Wachstum von 2,1 Prozent gerechnet.

Kasachstan-Proteste treiben Ölpreis an

Mit Sorge blicken Anleger nach Kasachstan. Die dortigen Unruhen trieben den Ölpreis wieder an. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um rund zwei Prozent auf 82,37 Dollar je Barrel (159 Liter). Kasachstan fördert 1,6 Millionen Barrel Öl pro Tag.

Zinsfantasien belasten Bitcoin

Aus Furcht vor rascher steigenden Zinsen in den USA zogen sich Investoren auch aus riskanteren Anlagen wie Kryptowährungen zurück. Der Bitcoin fiel in der Spitze um 2,7 Prozent auf 42.413 Dollar, den niedrigsten Stand seit knapp fünf Wochen, fing sich allerdings wieder etwas. "Das Abdrehen des Geldhahns lässt Krypto-Assets wieder unattraktiver werden", konstatiert Timo Emden von Emden Research. Die Aussicht auf eine straffere Geldpolitik machte ebenfalls die "Anti-Inflationswährung" Gold unattraktiver. Das Edelmetall gab ein Prozent auf 1790 Dollar je Feinunze nach.

Corona-Gewinner auf den Verkaufszetteln

Die größten Verlierer waren heute wieder die Aktien der Corona-Gewinner. Diese leiden bereits seit einigen Tagen darunter, dass die Omikron-Variante des Virus aktuellen Studien zufolge eher milde Krankheitsverläufe nach sich ziehen könnte. Im DAX mussten die Aktien des Online-Händlers Zalando mit einem Minus von über vier Prozent deutliche Verluste hinnehmen. Die Papiere sackten auf das tiefste Niveau seit August 2020.

Die Titel des Lieferdienstes Delivery Hero brachen gar um fünfeinhalb Prozent ein und waren größter DAX-Verlierer. Sie notierten auf dem tiefsten Stand seit September 2020.

Merck übernimmt mRNA-Zulieferer

Der Darmstädter Merck-Konzern will mit einer Übernahme sein Geschäft mit der mRNA-Technologie ausbauen. Das Dax-Unternehmen hat eine Vereinbarung zum Kauf der US-Biopharma-Firma Exelead unterzeichnet. Der Kaufpreis beläuft sich auf rund 780 Millionen US-Dollar (690 Millionen Euro). Exelead mit Sitz in Indianapolis im US-Bundesstaat Indiana. ist unter anderem auf Lipid-Nanopartikel spezialisiert, einer Schlüsselkomponente für mRNA-Therapeutika, die auch bei der Bekämpfung von Covid-19 zum Einsatz kommen.

Deutsche Bank bestätigt Renditeziel

Die Deutsche Bank sieht sich auf Kurs zu ihrem zentralen Renditeziel für dieses Jahr. Er sei "sehr zuversichtlich", dass das Geldhaus die selbst gesetzten Vorgaben erfüllen werde, sagte Finanzvorstand James von Moltke dem "Handelsblatt". "Das Renditeziel von acht Prozent ist unser Nordstern, die zentrale Orientierung für die gesamte Bank und den gesamten Umbau." Viele Analysten hatten zuletzt bezweifelt, dass Deutschlands größtes Geldhaus die selbst gesetzte Zielmarke bei der Nachsteuerrendite erreichen wird.

Millionenstrafe für Google und Facebook

Frankreichs Datenschutzbehörde hat Millionenstrafen gegen Google und Facebook verhängt. Auf ihren Seiten hätten Nutzerinnen und Nutzer Cookies nicht so leicht ablehnen wie annehmen können, hieß es in der Begründung. Zwei Google-Töchter sollen deshalb zusammen 150 Millionen Euro Strafe zahlen. Bei Facebook sind es 60 Millionen Euro.

Die Behörde monierte, dass auf den Seiten google.fr, facebook.com und youtube.com Cookies mit nur einem Klick angenommen werden könnten, aber mehrere Klicks notwendig seien, um sie abzulehnen. Dies beeinträchtige die Einwilligungsfreiheit und verstoße gegen französisches Recht. Die Plattformbetreiber hätten nun drei Monate Zeit, um ihre Handhabe in Frankreich anzupassen. Für jeden Tag Verspätung würden 100.000 Euro fällig.

Flatexdegiro stürzen ab

Der Online-Broker Flatexdegiro peilt nach einem kräftigen Geschäftswachstum 2021 im neuen Jahr weitere Rekorde an. Die Zahl der Kundenkonten dürfte um 30 bis 40 Prozent auf 2,7 bis 2,9 Millionen wachsen. Nach Einschätzung von Vorstandschef Frank Niehage dürfte der durchschnittliche Kunde 2022 im Schnitt aber weniger handeln als im vergangenen Jahr. Insgesamt dürfte die Zahl der Transaktionen auf Jahressicht daher nur von 91 Millionen auf 95 bis 115 Millionen steigen. An der Börse wurden die Nachrichten mit einem Kursrutsch quittiert. Für die Flatexdegiro-Aktie ging es um fast neun Prozent nach unten.

Amazon und Stellantis arbeiten zusammen

Amazon sichert sich über einen Deal mit dem Auto-Konzern Stellantis einen prominenteren Platz in Millionen künftiger Fahrzeuge. Der Konzern mit Marken wie Peugeot, Chrysler, Fiat und Opel will unter anderem Amazons Sprachassistentin Alexa in sein neues digitales Cockpit einbetten, wie die Unternehmen zur Technik-Messe CES in Las Vegas mitteilten. Für den weltgrößten Online-Händler ist es ein Erfolg im Wettlauf mit Google Assistant um den Platz im Auto. Der Deal bringt auch den Amazon-Clouddienst AWS voran, auf den die Stellantis-Fahrzeuge zurückgreifen sollen.

Amazon wird der erste Abnehmer von Stellantis' Elektro-Lieferwagen des Modells Ram ProMaster, die 2023 auf den Markt kommen sollen. Der Online-Händler setzte bisher für die Elektrifizierung seiner Flotte vor allem auf das US-Start-up Rivian. Wegen Produktionsproblemen bestellte Amazon seine nächsten Lieferfahrzeuge nicht nochmals beim E-Auto-Startup Rivian. Die Aktien von Rivian sackten um sieben Prozent ab.

Société Générale baut Leasinggeschäft aus

Die französische Bank Société Générale stellt ihr Geschäft rund um Fahrzeugleasing und Flottenmanagement mit einer Milliardenübernahme neu auf. Der zum Konzern gehörende Fuhrparkmanager ALD Automotive will den niederländischen Konkurrenten Leaseplan für 4,9 Milliarden Euro übernehmen. Société Générale wird nach der Transaktion etwas mehr als die Hälfte der Anteile des fusionierten Leasinganbieters halten, der dann zusammengenommen 3,5 Millionen Fahrzeuge verwaltet. Zuletzt hielt die Bank knapp 80 Prozent an ALD.

Über dieses Thema berichteten am 06. Januar 2022 tagesschau24 um 17:00 Uhr, 09:05 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.