Eine Mitarbeiterin des Labors Bioscientia in Ingelheim am Rhein hält eine Probe in den Händen.  | dpa
FAQ

Corona-Variante BQ.1.1 Der "Höllenhund" breitet sich aus

Stand: 18.11.2022 15:01 Uhr

Die Corona-Variante BQ.1.1 breitet sich weiter aus. Wegen des hohen Ansteckungspotenzials trägt sie den Beinamen Cerberus aus der griechischen Mythologie - "Höllenhund". Wie gefährlich ist die Variante?

Von Anja Braun und Ralf Kölbel, SWR

BQ.1.1 ist ein Abkömmling der Omikron-Subvariante BA.5. Sie sorgt derzeit in den USA für zahlreiche Neuinfektionen. Aber auch in Europa breitet sich BQ.1.1 immer weiter aus. Die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC geht davon aus, dass die Variante BQ.1 einschließlich ihrer Unterlinien von Mitte November bis Anfang Dezember 2022 mehr als 50 Prozent der SARS-CoV-2-Infektionen ausmachen könnten.

Das Robert Koch-Institut schreibt in seinem aktuellen Covid-19-Wochenbericht, dass der Anteil dieses Erregers in einer Stichprobe in der vorvergangenen Woche bei mehr als acht Prozent gelegen habe, was einer Vervierfachung des Anteils in den letzten vier Wochen entspreche.

Verantwortlich für nächste große Corona-Welle?

Auch die WHO hat die Untervarianten von Omikron im Visier. Viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass BQ.1.1 in Europa und Nordamerika noch vor Ende November für die nächste große Corona-Welle verantwortlich sein wird.

Schließlich hat BQ.1.1 gegenüber der aktuell dominierenden Omikron-Subvariante BA.5 einen Übertragungsvorteil von mehr als zehn Prozent. Das berichtet Cornelius Römer vom Biozentrum der Universität Basel Anfang Oktober auf Twitter.

Neue Veränderungen am Spike-Protein

Das bedeutet, dass sich Menschen schneller anstecken können. Bioinformatiker Römer beobachtet BQ.1.1. schon seit September und twittert: "Ihr relativer Anteil hat sich jede Woche mehr als verdoppelt". Im Vergleich mit der Omikron-Variante BA.5 bringt die neue Subvariante weitere Mutationen am Spike-Protein mit.

Der Bioinformatiker Richard Neher von der Uni Basel weist im Interview mit tagesschau24 auf das hohe Ansteckungspotential der BQ.1.1 Virusvariante hin:

Das Virus mutiert gerade an den Stellen, an denen Antikörper an das Spike-Protein binden. Und wenn das Virus sich an diesen Stellen verändert, dann binden diese Antikörper, die wir zum Beispiel durch Impfungen oder überstandene Infektionen gebildet haben, nicht mehr so gut. Die Viren werden also nicht mehr so gut erkannt und können dann zu einer Infektion führen, obwohl die Antikörper im Grunde da sind.

Immunflucht durch Mutation

Über das Spike-Protein dringen die Coronaviren in die Zellen ein. Und durch die Mutationen am Spike-Protein kann das Immunsystem das Virus nicht mehr so gut erkennen. Die Folge: Das mutierte Virus kann die Immunabwehr noch besser umgehen als vorherige Varianten. Die "Immunflucht"-Variante macht den "Höllenhund" so ansteckend - auch für Geimpfte und Genesene. Ein Infizierter steckt 60 bis 80 Prozent mehr Menschen an als ein Infizierter mit BA.5 - so Datenspezialist Gerstung vom DKFZ gegenüber dem BR.

Omikron-Impfstoffe bieten Schutz vor schweren Verläufen

Es gibt aber auch positive Seiten. Immerhin ist der "Höllenhund" ein Nachkomme der Omikron-Variante und kein Subtyp von Delta - die als potenziell gefährlichere Mutation gilt und zu mehr Klinikeinweisungen geführt hat. Und da BQ.1.1 von BA.5 abstammt, kann die BA.5 Booster-Impfung von Vorteil sein. Der amerikanische Immunologe Anthony Fauci sagte gegenüber dem Sender CBS-News: "Der bivalente BA.5-Impfstoff wirkt nicht nur gut gegen die dominante BA.5-Variante, sondern schützt auch vor neuen Omikron-Sublinien von BA.5."

Außerdem schützen die derzeitigen Corona-Impfstoffe weiter vor schweren Verläufen und Todesfällen - das erklärte die Präsidentin der Deutschen Immunologischen Gesellschaft, Christine Falk. Sie sagt auch, dass die Mutationen von BQ.1.1 zwar auf eine möglicherweise effektivere Ansteckung schließen ließen, aber nicht auf ein Unterlaufen aller Abwehrlinien.

Bereits hohe Grundimmunität in der Bevölkerung

Das bedeutet: Der Schutz vor schwerer Erkrankung und Tod dürfte laut Immunologen bei immungesunden Menschen mit den empfohlenen Impfungen in der Regel standhalten.

Das sagt auch der Bioinformatiker Neher bei tagesschau24: "Fast jeder hat jetzt in einer gewissen Art Immunität, sei es durch Impfungen oder durch eine überstandene Infektion. Und diese Immunität, die geht auch nicht wieder weg. Das heißt, wir erwarten nicht wieder diese schweren Verläufe, die es zum Beginn gab, als noch überhaupt keine Immunität in der Bevölkerung vorhanden war."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Oktober 2022 um 19:10 Uhr.