Eine Jugendliche blickt aus einem Fenster. | dpa
Interview

Ad-Hoc-Empfehlung des Ethikrates Junge Generation bei Krisen besser schützen

Stand: 28.11.2022 19:05 Uhr

Krieg, Inflation, Energie und Klima: Es würden noch weitere Krisen kommen, sagt die Vorsitzende des Ethikrates, Buyx. Dabei dürfe nicht übersehen werden, wie belastet die junge Generation bereits jetzt sei.

tagesschau.de: Der Ethikrat hat sich im März 2020 das erste Mal mit der jungen Generation beschäftigt, dann nochmals im Sommer 2021 und im April 2022 und hat jetzt eine Ad-Hoc- Empfehlung gegeben mit dem Titel: "Aufmerksamkeit, Beistand und Unterstützung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in und nach gesellschaftlichen Krisen." Warum?

Alena Buyx: Wir sind in eine kritische Selbstreflexion gegangen: Wir haben zwar immer wieder auf die Situation der jungen Generation hingewiesen, aber sie nie so richtig voll in den Fokus genommen. Eine Initialzündung war jetzt unsere Herbsttagung im September diesen Jahres. Da haben wir mit 350 Schülerinnen und Schülern gesprochen, die uns ihre Erfahrungen in der Pandemie erzählt haben.

Dabei ist der Impuls entstanden, dass wir auf das dringendste Thema, die verschlechterte psychische Gesundheit in diesen Generationen, noch mal ganz deutlich hinweisen und auch konkrete Handlungsempfehlungen schreiben. Und das haben wir dann heute vorgestellt.

Alena Buyx | picture alliance/dpa
Alena Buyx, Vorsitznde Deutscher Ethikrat

Alena Buyx ist eine deutsche Medizinethikerin und Hochschullehrerin. Seit 2020 ist sie Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

tagesschau.de: Was haben Ihnen die Jugendlichen denn erzählt?

Buyx: Das war sehr eindrücklich. Sie haben uns erzählt, was uns dann auch die Expertinnen und Experten aus der Literatur, aus den Studien, aus den Daten bestätigt haben. Sie haben uns gesagt, dass es zwei Probleme waren. Das eine waren die einschränkenden Maßnahmen, die Freiheitsbeschränkung, dass so vieles nicht möglich war. Was aber für alle - auch für diejenigen, die damit ganz gut zurechtgekommen sind - unheimlich quälend war, war die Krisenerfahrung an sich.

Es ist die Pandemie und es sind die Maßnahmen. Es ist nicht nur das eine oder nur das andere. Und das ist etwas, was man auch in anderen Ländern sieht, die zum Teil ganz andere Maßnahmen für die jüngere Generation hatten. Die Jugendlichen haben uns das erzählt, ganz kreativ, sehr eindrücklich, sehr ehrlich, auf ganz unterschiedliche Art und Weise, mit Filmen, mit kleinen Sketchen, mit Poetry Slams. Und das hat uns wirklich zutiefst beeindruckt.

tagesschau.de: In vielen Fällen waren die Erwachsenen in der Zeit auch keine ganz große Hilfe, weil sie auch hilflos waren und nicht wussten, was passiert, wenn wir an den Anfang der Pandemie denken. Hatten die Kinder und Jugendlichen überhaupt irgendeine Form von Halt?

Buyx: Man muss gar nicht nur an den Anfang denken - das ist etwas, was sich durchgezogen hat. Es gab Berichte und Studien die zeigen, dass es bestimmte Gruppen gegeben hat, die besonders belastet waren, wo besonders wenig innere Struktur in den Familien war. Menschen, die ohnehin schon benachteiligt sind oder auch Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, die schon vorher psychische Belastungen hatten. Aber diese tiefe Verunsicherung hatten eigentlich alle.

Allerdings muss man auch sagen, das hat sich sehr ambivalent dargestellt. Es hat auch viele gegeben, bei denen es gelungen ist, diesen neuen Alltag mit Struktur zu erfüllen. Auch da gab es bei dieser Tagung tolle Beispiele, mit wieviel Kreativität und auch Resilienz die Schülerinnen und Schüler reagiert haben.

Aber es ist ganz klar, dass das eine sehr, sehr herausfordernde Zeit war und das ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass wir als Ethikrat die Empfehlung formuliert haben. Wir haben ja weiter Krisen und wir werden noch eine sehr krisenhafte Zeit haben - Krieg, Inflation, Energiekrise und vor allem natürlich die Klimakrise. Da kommt sehr viel auf uns zu. Es geht einfach nicht, dass man jetzt übersieht, weiter übersieht, wie belastet die junge Generation ist.

Augenmerk auf die psychische Gesundheit

tagesschau.de: Was für Empfehlungen gibt es denn jetzt vom Ethikrat? Welche Lösungen?

Buyx: Ich will ganz offen sagen, das ist nichts grundlegend Neues, denn es gibt schon viele Empfehlungen, auch vor der Zeit der Pandemie. Das Augenmerk auf die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen war schon lange zu wenig. Das heißt, wir bauen da auf sehr viel auf. Man braucht viel Prävention. Das muss in der Schule anfangen, aber auch in Freizeiteinrichtungen. Es muss Schulungen geben für Menschen, die mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten.

Es geht auch um das Gesundheitssystem. Da gibt es viele Angebote, aber die müssen besser ausgestattet werden - mehr Personal, mehr Therapieplätze, mehr konkrete Vorsorgebegleitung. Und dann muss das Ganze auch noch verzahnt werden. Es ist nicht nur ein gesundheitspolitisches Thema, sondern es reicht in verschiedene andere Gesellschaftsbereiche hinein. Das muss man vernetzt denken, das ist ganz wichtig.

Wir haben auch unterstrichen - das war uns persönlich wichtig -, dass man die Jüngeren anhören muss, dass man in Partizipation kommen muss, in Interaktion, um auch abzuholen, was da die besonders großen Belastungen sind. Natürlich haben wir auch darauf hingewiesen, dass es mehr Forschung gibt. Und letzter Satz, wenn ich das noch unterstreichen darf: Wir haben tatsächlich eine Empfehlung, die gar keine Empfehlung ist, sondern in der wir auch als Ethikrat dazu aufrufen und das auch selbst tun, der jungen Generation für ihren enormen solidarischen Beitrag zu danken und Respekt zu zollen. Diese Wertschätzung und die Anerkennung dessen, was da passiert ist, auch mit Blick nach vorne. Das klingt ein bisschen pathetisch und ist es auch wenig, aber es kommt von Herzen.

Nicht wieder die Jungen so stark belasten

tagesschau.de: An wen richtet sich denn jetzt eigentlich Ihre Empfehlung?

Buyx: Das geht in erster Linie an die Politik und da schon sehr intensiv ans Gesundheitsministerium. Es ist sehr wichtig, das ressortübergreifend zu denken, dass auch Bildungs- und Schulpolitik eine Rolle spielt, dass da im Bereich von Freizeitgestaltung, von Familienpolitik ertüchtigt wird. Wir haben da eine ganze Reihe von konkreten Empfehlungen. Ich hoffe sehr, dass die in der Politik ankommen.

Allerdings sind auch wir alle als Gesellschaft gefragt. Die jungen Generationen werden im Prinzip zu Minderheiten in unserer Gesellschaft. Und das Augenmerk darauf zu haben, in den aktuellen und kommenden Krisen nicht wieder die Jungen so stark zu belasten, ist etwas, für das auch wir alle die Verantwortung tragen. Und das ist auch der Grund, weshalb wir jetzt noch mal und so deutlich etwas zur Situation der Jüngeren gesagt haben.

Es fehlte der Moment zum Durchatmen

tagesschau.de: Ist es jetzt vielleicht Zeit für uns alle, auch zu gucken, was für Maßnahmen, die in der Pandemie getroffen worden sind, richtig waren, zielführend oder vielleicht sogar falsch?

Buyx: Ich glaube, dass es vor allem wichtig ist, die Verantwortung für die negativen Folgen von Maßnahmen zu übernehmen, auch wenn die Maßnahmen an sich nicht falsch, sondern rechtmäßig waren. Man muss jetzt wirklich nach vorne denken. Es ist ein hoffentlich sehr konstruktiver Beitrag. Es geht nicht nur um den Blick nach hinten, es geht wirklich um den Blick nach vorne.

Eine Sache, die ich sehr schade finde, ist, dass uns als Gesellschaft eine Phase gefehlt hat, in der die Pandemie zu Ende ist und wir alle gemeinsam ein bisschen heilen können, ein bisschen aufarbeiten, also durchatmen können. Das ist überhaupt nicht möglich gewesen, sondern dann kam der Krieg und gleich die vielen anderen Krisen. Und deswegen gibt es jetzt eine Dringlichkeit.

Ich will ganz offen sagen: Am wichtigsten sind die Dinge, die konkret gemacht werden müssen. Das muss in der Politik passieren. Aber die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf die Generation, die mit diesen ganzen Krisen viel länger und stärker als die Älteren beschäftigt sein werden, die ist uns auch sehr wichtig.

Hürden müssen abgebaut werden

tagesschau.de: Sie haben die anderen Krisen, die uns beschäftigen, schon genannt. Was könnte denn jetzt wirklich schnell umgesetzt werden, um der jungen Generation zu helfen?

Buyx: Genau deswegen liegt der Fokus auf der psychischen Gesundheit. Denn da kann und muss man wirklich schnell agieren. Es gibt große Probleme, Fachpersonal in diesem Bereich zu rekrutieren und auch da gibt es richtige Hürden, die abgebaut werden müssen und auch abgebaut werden könnten. Die sind bekannt, die haben wir uns nicht ausgedacht, sondern das haben schon viele Expertinnen und Experten vor uns gesagt.

Dann diese Vernetzung auch bestehender Angebote. Es ist nicht so, dass es nichts gibt. Es ist nicht so, dass es nicht viele gute Dinge gibt, aber sie greifen nicht gut genug ineinander. Dann muss man schauen, wo es echte Unterversorgung gibt. Es gibt regional sehr unterschiedliche Situation, da muss man dann aufstocken.

Es gibt da noch viele andere detailliertere Empfehlungen, was getan werden kann. Und wir wollten dem Ganzen, das will ich auch ganz offen, sagen jetzt einfach mal ein bisschen "Bums" verleihen und unsere Plattform auch ein Stück weit dafür nutzen, dass das noch stärker in die Aufmerksamkeit kommt. Ich hoffe, dass das ein bisschen gelingt.

Das Gespräch führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert.