Eine Frau lässt sich in der Praxis ihrer Hausärztin die dritte Impfung mit dem Comirnaty-Impfstoff des Herstellers BioNTech/Pfizer injizieren. | dpa

AfD-Analyse zu Impffolgen Tote Menschen gehen nicht zum Arzt

Stand: 15.12.2022 17:14 Uhr

Laut AfD-Bundestagsfraktion soll sich die Zahl der unerwarteten Todesfälle seit 2021 vervierfacht haben. Als Grund vermutet sie Nebenwirkungen der Corona-Impfungen. Die Datengrundlage lässt diesen Schluss jedoch nicht zu.

Von David Beck, Vanessa Valkovic & Judith Brosel, SWR

Seit Montag sorgt eine von der AfD-Bundestagsfraktion vorgestellte Analyse für Wirbel. Präsentiert wurde sie vom gesundheitspolitischen Sprecher der AfD, Martin Sichert, im Rahmen einer "Pressekonferenz zu Impffolgen". Demnach habe sich die Zahl der "plötzlichen" und "unerwarteten" Todesfälle seit Beginn des vergangenen Jahres in Deutschland mehr als vervierfacht. Erkennbar sei dies aus Abrechnungsdaten, die Sichert bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) angefordert habe.

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD mutmaßte im Rahmen der Pressekonferenz: "Wenn es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Impfung, die uns als einziger Faktor - oder mir zumindest - als einziger Faktor eingefallen ist, der im ersten Quartal 2021 jetzt wirklich massiv dazu gekommen ist, wenn es da wirklich einen Zusammenhang gibt, und diese Daten nicht ausgewertet worden sind seitens des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich Instituts, dann sprechen wir davon, dass es darum geht, dass es Zehntausende Todesfälle gab spätestens seit Herbst 2021, die hätten vermieden werden können."

Martin Sichert | picture alliance/dpa

Martin Sichert ist gesundheitspolitischer Sprecher der AfD im Bundestag. Bild: picture alliance/dpa

Er fordere eine "sofortige Aussetzung der Impfung mit den Corona-Impfstoffen", bis ausgeschlossen werden könne, dass "diese massive Zunahme von Todesfällen auf die Impfung zurückzuführen ist".

"Aufregung entbehrt jeder Grundlage"

Tatsächlich zeigen die auf dieser Pressekonferenz von Sichert präsentierten Grafiken seit Beginn des Jahres 2021 einen vermeintlich sprunghaften Anstieg von Todesfällen, die von Ärzten bei der Abrechnung mit Diagnosecodes zu plötzlichen, unerwarteten oder nicht eindeutig geklärten Todesfällen versehen wurden. Aufgereiht sind in der Grafik Zahlen für die Abrechnungsquartale seit 2016. Doch auf welcher Datengrundlage kamen diese Zahlen zustande?

Die von der AfD verwendeten Daten, die ihr die KBV auf Nachfrage zuschickte, enthielten offenbar nur Daten von Versicherten, die im Jahr 2021 einen Arzt aufsuchten. Konkret bedeutet das: Alle diese Menschen waren Anfang 2021 noch am Leben. In dem Datensatz gibt es also keine Daten zu Versicherten, die vor 2021 gestorben sind - somit lassen sich auch keine Rückschlüsse ziehen, ob seit Anfang 2021 mehr Menschen sterben. Dennoch weist die AfD in ihrer Präsentation kodierte Daten von Todesfällen in den Jahren zuvor aus, die jedoch auf fehlerhaften oder missverständlichen Kodierungen beruhen, wie das Zentralinstitut (ZI) für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland vermutet. Diese könnten dadurch entstanden sein, dass ein Arzt bei der Abrechnung einen falschen Code eingegeben hat.

Das ZI veröffentlichte als Reaktion auf die Pressekonferenz der AfD ein Statement ihres Vorstandsvorsitzenden Dominik von Stillfried, in dem es heißt: "Die Aufregung um möglicherweise gestiegene Todesfälle 2021 entbehrt jeder Grundlage. Tatsächlich zeigt die Entwicklung der jährlichen rohen Diagnoseprävalenz nach Auswertung der vollständigen vertragsärztlichen Abrechnungsdaten für die Jahre 2012 bis 2022 im gesamten Zeitraum keine Auffälligkeiten für die einzelnen von der AfD hervorgehobenen Diagnoseschlüssel (ICD-10-Kodierungen R96-R98, I46.1, I46.9)." In einer eigenen Grafik, die mit dem Schreiben veröffentlicht wurde, zeigt das Institut der KBV, dass die Häufigkeiten der genannten Kodierungen seit 2012 relativ konstant verlaufen.

Versicherte nahmen 2021 Leistungen in Anspruch

Wie aber kommt die AfD zu ihrer Darstellung? Für die Analyse forderte Sichert anonymisierte Daten von der KBV an, die in zwei Gruppen unterteilt wurden: Versicherte, für die ein Kassenarzt 2021 eine Abrechnung mit einem Code für eine Impfnebenwirkung einreichte, und alle anderen Versicherten, auf die das nicht zutrifft. Um eine Vergleichbarkeit der Daten herzustellen, lieferte die KBV für die zweite Gruppe nur Daten von Versicherten, die 2021 mindestens eine kassenärztliche Leistung in Anspruch nahmen - also nicht früher hätten sterben können.

Offensichtlich ging Sichert davon aus, dass auch vor 2021 Verstorbene in dem Datensatz enthalten sind. Auf eine Anfrage des SWR antwortete er, wären nur ab 2021 Verstorbene in dem Datensatz, dann wäre das "anders […], als das, was ich angefragt, bzw. die KBV mir geschrieben hat."

Dominik von Stillfried bestätigte auf Anfrage des SWR noch einmal explizit, dass es sich bei den Daten, die an Sichert übermittelt wurden, um Daten von insgesamt mehr als 72 Millionen Versicherten handelt, die 2021 eine Leistung in Anspruch nahmen. Insgesamt waren in dem Jahr laut Bundesgesundheitsministerium etwa 73,3 Millionen Menschen gesetzlich krankenversichert.

Alles nur ein Missverständnis?

Doch eine Frage bleibt: Wie konnte es bei der von Sichert vorgestellten Analyse zu gesetzlich Krankenversicherten aus dem Jahr 2021 überhaupt zu kodierten Fällen wie "Plötzlicher Herztod" in den Jahren zuvor kommen? Trotz nachweislichem Arztbesuch 2021? Denn in den Daten sind hierfür durchaus Kodierungen, wenn auch verhältnismäßig wenige, zu finden. Das Zentralinstitut erklärte hierzu, "bei dem sehr seltenen Auftreten einiger Kodierungen für Todesfälle in vorausgegangen Jahren" könne es sich bei dieser Kohorte "nur um Fehler bei der Eingabe oder Übertragung" handeln. Im Gespräch mit dem SWR erklärt von Stillfried, pro Jahr würden bei der KBV von Ärzten bis zu 610 Millionen Abrechnungen mit teils mehreren Diagnosecodes gemeldet.

AfD-Politiker Sichert, der in einer Pressekonferenz über den vermeintlich sprunghaften Anstieg plötzlicher Todesfälle seit 2021 informierte, schrieb dem SWR auf Nachfrage, er habe bei der KBV für den gezogenen Vergleich die Diagnosecodes "aller Versicherten für den Zeitraum 2016 bis 2021" angefordert, abgezogen der im ersten Schritt angeforderten Patienten mit möglichen Impfnebenwirkungen 2021. Wie schon erwähnt, erklärte das Zentralinstitut hierzu, dass es Herrn Sichert zur Vergleichbarkeit der Daten jedoch nur Daten von Patienten geschickt hatte, die 2021 noch beim Arzt waren. Also alles nur ein großes Missverständnis? Danach sieht es aktuell zumindest aus.

KBV-Daten keine Todesfallstatistik

Um zu erklären, wie die von der KBV geschickten Daten genau analysiert worden seien, kam bei der Pressekonferenz vergangenen Montag auch Tom Lausen zu Wort, der sich als Datenanalyst vorstellte und sich seit 2020 mit Daten der Corona-Pandemie beschäftige. Auf SWR-Nachfrage teilte Sichert mit, er habe sich für die Zusammenarbeit mit Lausen entschieden, "weil er schon in der Vergangenheit durch exzellente Analysen im Gesundheitsbereich aufgefallen" sei.

Lausen analysierte bereits häufiger öffentlichkeitswirksam Abrechnungsdaten - etwa von Krankenkassen oder Krankenhäusern -, um eine scheinbare Gefahr durch die Coronaimpfung nahezulegen. Dabei eignen sich diese Daten nicht, vor allem nicht die der KBV, um solche Analysen durchzuführen. Bei diesen Daten werden die sogenannten ICD-10-Diagnose-Codes verwendet, um eine Behandlung abzurechnen.

Laut von Stillfried dienten die Daten in erster Linie als Begleitdokumentation zur Abrechnung und nicht zur systematischen Erfassung von Diagnosen oder Todesfällen. Wann ein Mensch woran gestorben ist, lasse sich aus den Daten nicht ablesen. Das ZI schreibt in einer wissenschaftlichen Einordnung: "In keinem Fall bilden sie die Mortalität innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung ab oder lassen valide Rückschlüsse darauf zu." Eine Todesfallstatistik wird vom Robert Koch-Institut geführt.

KBV kommentierte AfD-Analyse

Auf SWR-Nachfrage zu der nun zusammen mit Sichert vorgestellten Analyse zur vermeintlich sprunghaft gestiegenen Zahl plötzlicher Todesfälle teilte Lausen mit, die von Sichert bei der KBV gestellte Anfrage zu den Daten sei "komplett eindeutig und unmissverständlich" gewesen, "sonst hätte die KBV Rückfragen stellen müssen". Auch habe es keinerlei Hinweise gegeben, "dass die Datenlieferungen von den Datenanfragen abweichen würden". Lausen schließt in seiner Stellungnahme gegenüber dem SWR "Datenfehler" in den von der KBV gelieferten Datenpaketen aus und schreibt: "Es steht zu vermuten, dass die Stellungnahme von Dr. Stillfried lediglich zur Verwirrung der Öffentlichkeit formuliert worden ist."

Tatsächlich hatte die KBV selbst für zusätzliche Verwirrung gesorgt, was die Debatte gerade in Social-Media-Kanälen weiter anheizte. So schrieb sie in einem schriftlichen Statement als erste Reaktion auf die von der AfD veröffentlichte Analyse, aus Sicht der KBV handle es sich bei der dargestellten Zunahme der Todesfälle seit 2021 "größtenteils um eine pandemiebedingte Übersterblichkeit". Auf SWR-Nachfrage teilte eine Sprecherin mit, es habe sich um "eine erste Reaktion" gehandelt. Offenbar war der KBV hierbei nicht aufgefallen, dass die eigenen Zahlen, ungefiltert ausgewertet, überhaupt keinen Schluss zur Zunahme plötzlicher Todesfälle zulassen.