Ein junges Mädchen wird gegen Covid-19 geimpft. | dpa
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Corona-Pandemie Wie die AfD Angst vor Impfungen schürt

Stand: 13.10.2021 12:25 Uhr

Mit alarmierenden Schlagzeilen über eine angeblich verheerende Zahl von Impftoten oder ein missglücktes Massenexperiment schürt die AfD Angst vor Impfungen. Teilweise wohl mit Erfolg.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Verheerende Anzahl an Corona-Impftoten" - diese alarmierende Schlagzeile hat der AfD-Politiker Joachim Kuhs für ein Posting auf Facebook gewählt. In dem dazugehörigen Text heißt es, es habe in den ersten neun Monaten des Jahres bereits 1028 Todesfälle als Folge von Corona-Impfungen gegeben.

Patrick Gensing tagesschau.de

Eine Behauptung, die sich bei genauerer Betrachtung als nicht haltbar erweist, aber immer wieder in ähnlicher Form auftaucht - beispielsweise bei dem russischen Staatssender RT Deutsch.

Basis solcher wiederkehrenden Behauptungen und Schlagzeilen sind Zahlen des Paul-Ehrlich-Institiuts (PEI), die regelmäßig aktualisiert und veröffentlicht werden. Der Trick: Genau diese Transparenz wird umgekehrt zu der Behauptung, es solle etwas verheimlicht werden. So fragt der AfD-Politiker Kuhs - während er sich auf öffentlich zugängliche Statistiken des PEI beruft - in seinem Posting: "Was wird hier verheimlicht?"

Verdachtsfälle

Das grundlegende Missverständnis oder die mutmaßliche bewusste Irreführung liegt in solchen Fällen in dem Unterschied zwischen gemeldeten Verdachtsfällen und tatsächlichen kausalen Zusammenhängen. Das PEI weist in seinen Statistiken ausdrücklich daraufhin, dass es sich bei den Angaben um Verdachtsfälle handele; ein ursächlicher Zusammenhang sei damit nicht erwiesen.

AfD-Politiker Kuhs erwähnt in dem Text zu seinem Posting sogar einmal, dass es sich lediglich um Verdachtsfälle handelt, gleichzeitig werden diese Fälle aber als Folge der Impfungen dargestellt.

Aussage "nicht korrekt"

Das Beispiel ist kein Einzelfall: Ähnlich klingt es bei der AfD-Fraktion in Sachsen, die erklärte, allein bis Ende Juni habe es in dem Freistaat 19 bestätigte Todesfälle nach Corona-Impfungen gegeben. Sie bezieht sich dabei auf eine Antwort des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales auf eine Anfrage der AfD zum Thema. Darin betonte das Ministerium ausdrücklich, die Angaben bezögen sich auf Verdachtsfälle. Im Folgenden führte das Ministerium unter anderem 19 Todesfälle auf, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung gestanden hätten. Bei den meisten Verstorbenen handelt es sich um Menschen ab 80 Jahre, die älteste Person war 92 Jahre alt.

Auf Anfrage von tagesschau.de erklärte das Ministerium dazu: "Die Aussage, dass es in Sachsen bis Juni 2021 insgesamt 19 bestätigte Todesfälle nach SARS-CoV-2 Impfung gab, ist nicht korrekt." Bei den Meldungen handele es ich um Verdachtsfälle in zeitlicher Nähe, ein Zusammenhang sei aber nicht gesichert. In den seltensten Fällen werde solch ein tatsächlicher Zusammenhang bestehen, da der Abstand zwischen Impfung und Tod der Betroffenen teilweise mehrere Wochen betragen habe.

"Massenexperiment gescheitert"

Auch die AfD Bayern postet viel und regelmäßig zum Thema Impfungen. Im Juli verkündete der Landesverband auf Facebook, eine Corona-Impfung helfe nicht gegen schwere Krankheitsverläufe - eine glatte Falschbehauptung, die durch Statistiken widerlegt ist. Im August hieß es auf einer Grafik der AfD-Bayern: "Massenexperiment gescheitert: Inzidenz MIT Impfungen fünfeinmal höher als vor einem Jahr!" Dazu stellte die AfD die jeweiligen Werte vom 23. August 2020 und 2021 nebeneinander: Demnach lag die Impfquote im Vorjahr bei null Prozent (da es noch keine Impfstoffe gab) und die Inzidenz bei 10,3. Ein Jahr später lag die Impfquote bei 59 Prozent - die Inzidenz bei 56,4. Die Botschaft, die hier offenkundig transportiert werden soll: Die Impfungen seien sinnlos und hätten keinen Effekt.

Was die AfD allerdings nicht erwähnt: Die Impfungen sollen zum einen vor allem vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützen - und zum anderen gab es im vergangenen Jahr noch nicht die Delta-Variante, die sich rasant weltweit ausbreitete.

Facebook löscht AfD-Konten

Die AfD-Politikerin Birgit Malsack-Winkemann setzte ebenfalls seit Monaten auf das Thema Impfungen und veröffentlichte zahlreiche Beiträge, in denen mutmaßliche Nebenwirkungen von Impfungen besonders betont oder stark übertrieben wurden. In einem Beitrag hieß es, eine Inzidenz von unter 100 sei "nie erreichbar?!". Grund seien ungenaue PCR-Tests, Quelle der Behauptung war ein Artikel auf "Epoch Times".

Mittlerweile ist die Seite der AfD-Politikerin nicht mehr erreichbar, Facebook löschte diese offenkundig. Auch weitere AfD-Seiten sind verschwunden, wie eine Datenauswertung der Initiative Reset zeigt, die tagesschau.de vorliegt. Auf eine Anfrage dazu reagierte Facebook nicht.

Folgen für die Impfbereitschaft?

Viel diskutiert wird die Frage, welche Effekte solche Kampagnen gegen Impfungen zeigen. Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) hatte die AfD im September als einen Grund für die geringe Impfquote in ihrem Bundesland bezeichnet. Sachsen ist bundesweites Schlusslicht bei der Impfquote.

"Die AfD beeinflusst maßgeblich einen relevanten Teil der Wählerschaft, die wir teilweise nicht für das Impfen gewinnen können und das ist ein Problem", sagte die Politikerin zu "Business Insider". Auf Anfrage von tagesschau.de zu diesen Aussagen verwies das Sozialministerium Sachsen auf eine Studie der TU Dresden. Demnach lassen sich Menschen, die einer Corona-Schutzimpfung skeptisch gegenüberstehen, anhand soziodemografischer Merkmale beschreiben. Die Studie zeigte die höchste Zahl der Impfskeptiker bei Menschen mit geringem Einkommen, die als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig sind, zwischen 31 und 40 Jahre alt sind, einen Realschulabschluss haben und Parteiensympathie für die AfD hegen.

Studie als Basis für Werbeaktionen

Das Sozialministerium habe daher die Studie und eine mikrogeografische Zielgruppenanalyse als Grundlage direkter Impfwerbung für diese Bevölkerungsgruppen verwendet - beispielsweise im Erzgebirgskreis, wo der Anteil der für die Impfwerbung besonders relevanten Zielgruppe mit 30 Prozent besonders hoch sei, so das Ministerium weiter. Mit einer umfassenden Werbekampagne, Flugblättern und verschiedenen Aktionen sowie mobilen Impfteams wolle man so möglichst viele Menschen erreichen - und über Irrtümer zu den Impfungen aufklären.