Menschen warten im Malteser-Impfzentrum unter dem Messeturm in Berlin auf ihre Impfung. | dpa
faktenfinder

Corona-Impfungen Missverständnis bei angeblichen Spätfolgen

Stand: 15.11.2021 12:00 Uhr

Die Äußerungen von Fußballer-Nationalspieler Kimmich hatten eine Diskussion über die Sorge vor Spätfolgen durch Corona-Impfungen ausgelöst. Viele Missverständnisse halten sich weiter.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Angesichts der stark gestiegenen Inzidenz in Deutschland appellieren zahlreiche Prominente, Politikerinnen und Politiker sowie Fachleute an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Doch noch immer geben viele Personen in Umfragen und Diskussionen an, sie hätten Sorge, es könne Spätfolgen geben - und es fehlten noch Langzeitstudien zu den Impfstoffen.

Patrick Gensing tagesschau.de

Insbesondere die Äußerungen von Fußballer Joshua Kimmich hatten die Debatte angeheizt. Kimmich sagte, er habe "persönlich noch ein paar Bedenken, gerade, was fehlende Langzeitstudien angeht". Viele Fachleute hatten daraufhin betont: Nebenwirkungen von Impfungen treten nicht erst viele Monate später auf, sondern innerhalb von Tagen oder Wochen. Da die Vakzine gegen Corona besonders oft getestet wurden und seit einem Jahr eingesetzt werden, sei es besonders unwahrscheinlich, dass noch unentdeckte Nebenwirkungen auftreten.

Fragen zu Impfungen 2009 und 1976

In Zuschriften haben aber Nutzerinnen und Nutzer von tagesschau.de nachgefragt, ob das denn wirklich stimme. Dabei verwiesen sie auf zwei Beispiele: Die Impfungen gegen die Schweinegrippe 2009 in Europa sowie 1976 in den USA. Was hat es mit diesen beiden Fällen auf sich?

2009 waren in Europa Millionen Menschen gegen die Schweinegrippe geimpft worden. Schweden war besonders schnell dabei, doch trat dort bei Kindern und Jugendliche eine schwere Nebenwirkung auf: die Narkolepsie - eine Schlaf-Wach-Störung, die das Leben der Betroffenen langfristig stark beeinträchtigen kann. Mutmaßlich war ein Verstärker in dem Impfstoff für diese schwere Nebenwirkung verantwortlich.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erklärt dazu auf Anfrage von tagesschau.de, auch bei der Narkolepsie seien die ersten Symptome (in Schweden) zwischen einem und vier Monate nach der Impfung beobachtet worden. In Deutschland seien solche Fälle erst später entdeckt worden, "aber auch in diesen Fällen gab es die Symptome in dem beschriebenen Zeitfenster", so das PEI.

Der Leiter des Forschungsbereichs Immunologie der TU Dortmund, Carsten Watzl, erklärt auf Anfrage von tagesschau.de, von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung könne bei der Narkolepsie "teilweise eine recht lange Zeit vergehen". Es könne daher sein, dass "die Diagnose bei einigen Fällen erst Monate nach der Impfung gestellt wird; die Symptome sind bei den meisten Personen aber relativ kurz nach der Impfung aufgetreten".

Ein zweites Beispiel, das für angeblich erst spät aufgetretene Nebenwirkungen angeführt wird, ist das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) nach Impfungen gegen die Schweinegrippe vor 45 Jahren in den USA. Das Paul-Ehrlich-Institut teilte dazu mit, "auch nach der Impfung von US-Rekruten 1976 gegen die damalige Schweinegrippe wurden die ersten Anzeichen eines GBS nicht nach Monaten, sondern kurz nach der Impfung beobachtet".

Forscher Watzl erklärt, es gehe auch "in diesem Fall um eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen Nervenzellen, die innerhalb von recht kurzer Zeit zu Symptomen geführt hat".

Nachfragen zu Mertens-Äußerungen

In Zuschriften und Nachfragen verwiesen Nutzerinnen und Nutzer von tagesschau.de auf Äußerungen des Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens. Er hatte im Juni in der "taz" zu der Diskussion um Impfungen für Kinder und mögliche Nebenwirkungen auf die Narkolepsie-Fälle nach der Pandemrix-Impfung vor allem in den skandinavischen Ländern verwiesen. Mertens weiter:

Da können sich die meisten noch gut erinnern, die Betroffenen leiden bis heute darunter - und das war auch erst Monate nach der Impfung aufgetreten. Schon in den 1970ern gab es in den Vereinigten Staaten einen Grippeimpfstoff, der Guillan-Barré-Fälle hervorgerufen hat, auch erst Monate nach der Impfung. Den Zusammenhang konnte man klar nachweisen, weil die Fälle plötzlich häufiger auftraten als in der Normalbevölkerung.

Auf Nachfrage von tagesschau.de sagte Mertens dazu, seine Aussagen seien "in dieser Differenzierung korrekt": GBS könne tatsächlich mehrere Monate nach einer Impfung auftreten, so der STIKO-Chef: "Es gibt einen mir bekannten gut belegten Fall, wo GBS bei einem Menschen nach zwei zeitlich unabhängigen Tetanusimpfungen jeweils aufgetreten ist." Solche Fälle seien "wirklich extreme Raritäten" und im Zusammenhang mit ganz bestimmten Impfstoffen aufgetreten. Bei mRNA-Impfstoffen sei das "sicher keine besondere Gefahr".

Missverständnisse über mRNA-Impfstoffe

Mertens weist auf ein grundlegendes Missverständnis hin: "Viele Menschen glauben, dass die mRNA nach Impfung im Organismus des Geimpften verbleibt. Das ist natürlich nicht der Fall, denn mRNA wird in der Zelle sehr rasch vollständig eliminiert." Das müsse auch so sein, erklärt Mertens weiter, "denn mRNA fällt in allen metabolisch aktiven Zellen ja dauernd an und muss abgebaut werden".

mRNA sei "eigentlich auch kein 'genetischer Impfstoff'", sagt Mertens. Leider sei "diese falsche Terminologie eingeführt worden und führt sicher auch zu unbegründeten Ängsten".

"Fehlgeleitete Immunreaktion"

Forscher Watzl betont, dass natürlich auch Impfungen Nebenwirkungen haben könnten - wie andere Medikamente auch. Aber diese seien "vergleichsweise selten, besonders schwere Nebenwirkungen sind bei Impfungen sehr selten". Zudem sei wichtig zu verstehen: "Nebenwirkungen treten bei Impfungen durch die Immunreaktion auf, die die Impfung hervorruft. Daher sind die Nebenwirkungen auch immer Erkrankungen, die auch von Infektionen hervorgerufen werden können - da dort ja auch eine Immunreaktion abläuft. So kann eine Narkolepsie auch durch eine Infektion ausgelöst werden - ebenso das Guillain-Barré-Syndrom. Beide werden durch eine fehlgeleitete Immunreaktion gegen Nervenzellen verursacht."

"Da die Immunreaktion auf die Impfung die Nebenwirkungen verursacht, diese aber innerhalb weniger Wochen nach der Impfung abgeschlossen ist, kann danach kein neuer Schaden mehr entstehen", so Watzl weiter. "Die gebildeten Autoantikörper oder T-Zellen, die sich gegen körpereigenes Gewebe richten, können zwar dann noch längere Zeit Schaden anrichten, und die Symptome können über die Zeit noch zunehmen, aber es ist nicht so, dass sich die Autoantikörper oder selbst-reaktiven Immunzellen erst Monate oder Jahre nach der Impfung bilden."

Watzl beklagt, dass mit dem Thema Langzeitfolgen "vielen Leuten unnötig Angst vor der Impfung eingejagt" werde. "Viele stellen sich dann vor, dass es eine häufige Nebenwirkung noch Jahre nach der Impfung geben könnte. Und das ist nun wirklich ausgeschlossen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 25. Oktober 2021 um 22:14 Uhr sowie am 05. November 2021 um 21:45 Uhr.