Ecstasy-Tabletten liegen auf einer Hand.
faq

Nach Tod von 13-Jähriger Wie gefährlich ist Ecstasy?

Stand: 28.06.2023 16:34 Uhr

Der Tod einer 13-Jährigen wirft ein Schlaglicht auf die Gefahren durch Ecstasy. Wie wirkt die Partydroge im Körper? Welche Langzeitfolgen hat der Konsum? Und wie lassen sich Jugendliche besser schützen?

Was ist Ecstasy und wie wirkt es im Körper?

Ecstasy ist keineswegs neu - der Wirkstoff wurde bereits 1912 von der Pharmafirma Merck patentiert. Es wurde unter anderem in Psychotherapie zur Steigerung der Kontaktfreudigkeit eingesetzt. Jüngst zeigte eine Studie eine Einsatzmöglichkeit bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Die starke Verbreitung als Droge, meist in Form von kleinen bunten Pillen, begann in den 1990er-Jahren mit der Techno-Bewegung.

Der Hauptwirkstoff von Ecstasy ist meist MDMA (3,4-Methylendioxymethylamphetamin). Es sorgt für eine vermehrte Ausschüttung des Glückshormons Serotonin. Laut drugcom, dem Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), empfinden Konsumenten daher besondere Nähe zu anderen Menschen, starke Glücksgefühle und fühlen sich wacher und leistungsfähiger. Oft tanzen sie auf Partys stundenlang ohne auf ihre körperlichen Grenzen, Durst oder Hunger zu achten.

Welche Gefahren gibt es beim Konsum?

Deswegen warnen Experten auch vor Erschöpfungszuständen in Zusammenhang mit dem Konsum. Zu den weiteren Nebenwirkungen gehören Herzrasen, Ansteigen der Körpertemperatur, Angstzustände und psychotische Störungen. Wenn es zu Todesfällen kommt, ist in den meisten Fällen Überhitzung und ein nachfolgendes Nieren- oder Leberversagen der Grund.

Ein besonderes Risiko ist - wie bei allen illegalen Drogen - eine Überdosierung. Denn ein Konsument kann nicht überprüfen, was genau und wie viel in der Pille drin ist, die er gerade gekauft hat. Die "Blue Punisher"-Pille, die wahrscheinlich zum Tod des Mädchens geführt hat, war offenbar stark überdosiert. "'Blue Punisher' ist ja sowieso schon gefährlich", erklärte eine Polizeisprecherin in Neubrandenburg. Normalerweise würden Drogen gestreckt. "Wir vermuten aber, dass die vielleicht sogar noch verstärkt ist." Aktuell sollten Konsumenten deshalb besonders vorsichtig sein.

Rainer Thomasius, Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, zu Folgen von synthetischen Drogen

tagesschau24, 28.06.2023 14:00 Uhr

Bei einer "Überdosierung besteht die Gefahr eines Serotonin-Syndroms", erklärt Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, auf tagesschau24. "Das bedeutet, dass die Körpertemperatur auf über 40 Grad steigen kann, dass die kleinen Blutgefäße verstopfen können mit der Folge einer Niereninsuffizienz. Gleichzeitig werden Blutdruck und Puls in die Höhe getrieben mit der Gefahr von Hirninfarkten oder Hirnblutungen."

Bei längerem Konsum kann Ecstasy zudem neurologische Schäden hervorrufen. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko von irreversiblen Gedächtnisstörungen.

Wie viele Menschen konsumieren Ecstasy?

Laut Epidemiologischem Suchtsurvey von 2022 haben 1,4 Prozent der 18- bis 64-Jährigen innerhalb der vergangenen 12 Monate Amphetamine konsumiert. Das entspricht etwa 716.000 Menschen. Bei den 12 -bis 17-Jährigen lag die Prävalenz bei immerhin 0,5 Prozent.

"Was mir sehr große Sorge bereitet, ist, dass der erste Konsum in immer jüngere Jahrgänge herunterrutscht", erklärt Thomasius. "In den letzten Jahren, insbesondere auch über die Corona Pandemie hinweg, kann man diesen Effekt beobachten. Und das ist ein sehr unguter Effekt, weil das pubertäre Hirn sich noch im Wachstumsprozess befindet und die psychotropen Substanzen dann sehr viel schneller Schäden anrichten können."

Zudem sind die Dosierungen im Vergleich zu den 1990er-Jahren gestiegen. In Deutschland lag der mittlere Wirkstoffgehalt 2021 bei 140mg pro Tablette, sagt Esther Neumeier vom Institut für Therapieforschung (IFT) in München. "Nach gängigen Empfehlungen liegt eine risikoarme Dosierung für eine 60 Kilogramm schweren Frau aber bei maximal 78 mg - also deutlich darunter."

Wer sind die Drogendealer und woher kommen die Drogen?

Die Pillen werden laut Thomasius meist in den Niederlanden, Belgien oder osteuropäischen Staaten hergestellt. Sie würden dann über "professionelle Händlersystem, die mehr oder weniger gezielt an die Jugendlichen herangehen", verkauft. Auch innerhalb von Gruppen würden die Pillen weitergegeben, "und so kommen diese Stoffe dann auch an Kinder".

Darüber hinaus spiele auch der Internethandel - im Darknet und auch im Clearweb - oder der Handel über Social-Media-Plattformen und Messengerdienste eine bedeutende Rolle, erklärt das Bundeskriminalamt auf tagesschau.de-Anfrage. "Hier gelangen die Betäubungsmittel dann in aller Regel im Wege des Postversands an den Endkunden."

Die Suchtgefahr sieht der Mediziner jedoch deutlich geringer als bei Cannabis oder Alkohol. Denn Ecstasy ziele vor allem auf das Serotonin-System ab: "Es dauert eine Woche, bis sich die Serotoninspeicher wieder gefüllt haben. Damit wird eine Abhängigkeitsentwicklung blockiert, weil der tägliche Konsum dann nicht mehr zu den gewünschten Rauscheffekten führt." Deshalb habe sich Ecstasy als Wochenenddroge etabliert, die "zum Raven konsumiert wird".

So machen auch Todesfälle durch MDMA bzw. Ecstasy nur einen geringen Teil aller Drogentoten aus. "2022 wurden acht Todesfälle nur durch Ecstasy registriert. Bei weiteren 35 Fällen waren sowohl MDMA als auch andere Substanzen im Spiel", sagt IFT-Forscherin Neumeier. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1990 Drogentote registriert.

Gibt es einen Zusammenhang zum Tod einer 15-Jährigen bei Potsdam?

Bereits am Wochenende verstarb in Rathenow in Brandenburg eine 15-Jährige - offenbar an den Folgen einer Ecstasypille. Die dortige Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen minderjährigen Jugendlichen, der dem Mädchen Betäubungsmittel verschafft und so leichtfertig ihren Tod verursacht haben soll. Der Ort liegt etwa 120 Kilometer von Neubrandenburg entfernt, wo am Montag die 13-Jährige verstarb. Ob es einen Zusammenhang gibt, wird derzeit noch geprüft.

In Neubrandenburg liegen Zwei weitere Mädchen noch immer im Krankenhaus auf der Intensivstation. Sie müssen laut ARD-Korrespondent Stefan Weidig nicht mehr künstlich beatmet werden. Ob weitere, etwa neurologische Schäden vorliegen, sei noch unklar.

Stefan Weidig, NDR, zum Tod zweier Mädchen nach mutmaßlichem Ecstasy-Konsum

tagesschau24, 28.06.2023 11:00 Uhr

Kann mehr Prävention solche Todesfälle verhindern?

Laut Suchtforscher Thomasius ist Prävention eine wesentliche Stellschraube in der Bekämpfung von Ecstasy. "Jedoch haben wir in Deutschland diese Substanzgruppe in der Prävention aus dem Auge verloren in den letzten zehn bis 15 Jahren, weil sie keine so große Rolle mehr gespielt hat".

Das sieht auch der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, so. Sobald Eltern oder Freunden auffalle, dass jemand Drogen nehme, sollten sie das ansprechen und sich kompetente Hilfe holen. "Dafür brauchen wir aber auch eine gute und flächendeckende Suchtberatung und Frühinterventionsmaßnahmen, um Kindern oder Jugendlichen mit einem problematischen Drogenkonsum schnell und unkompliziert zu helfen."

Kinder- und Jugendärzte fordern zudem mehr Drug-Checking-Angebote. Dabei können Konsumenten ihre Drogen umsonst und ohne Strafverfolgung auf Inhaltsstoffe untersuchen lassen. Jüngst wurde in Berlin ein solches Angebot eingeführt. Erreicht werden soll eine "Suchtprävention" sowie eine "Schadensminimierung bei Drogenkonsum". "Wir als Verband begrüßen, dass Drogen in Berlin im Moment gefahrlos getestet werden können und würden eine bundesweite Ausweitung befürworten", sagte Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, der Zeitung "Welt".

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Juni 2023 um 14:00 Uhr.