Afrigen Labor | picture alliance/dpa

Corona-Vakzine Afrikanische Forscher entwickeln mRNA-Impfstoff

Stand: 15.12.2021 15:10 Uhr

Vor allem in Entwicklungsländern fehlt es an Impfstoff, obwohl Firmen weltweit mRNA-Impfstoffe produzieren könnten. Doch ihnen fehlt die Technologie. Ein Labor aus Südafrika will das nun ändern.

Im Labor des südafrikanischen Biotechnologieunternehmens Afrigen Biologics and Vaccines arbeiten die Forscher unter Hochdruck. Denn sie wollen Afrikas ersten eigenen Corona-Impfstoff im Kampf gegen die weltweite Pandemie entwickeln. Dieser soll die hochwirksamen mRNA-Präparate von Moderna und BioNTech, die bereits eine Marktzulassung haben, nachahmen und verbessern.

Ziel der Forscher in Südafrika ist es, die Abhängigkeit von der westlichen Pharmaindustrie zu verringern. Denn derzeit werden die Corona-Impfstoffe von westlichen Pharmakonzernen hergestellt, die unter Patentschutz produzieren. Das schlägt sich auch im Impffortschritt nieder: Mehr als zwei Drittel der Corona-Impfdosen wurden bislang in Industrieländern verabreicht, nur ein Bruchteil in Entwicklungsländern. So haben auf dem afrikanischen Kontinent von 1,2 Milliarden Menschen bislang nur 7,35 Prozent eine vollständige Impfung erhalten. Die Forschung in Kapstadt wird das aber nicht schnell ändern können, denn die Entwickler rechnen damit, dass der Impfstoff erst in gut zwei Jahren marktreif ist.

120 Firmen könnten Impfstoffe produzieren

In dieser Zeit könnten andere Unternehmen helfen, die Lücken in der Impfstoffversorgung zu füllen: Nach Angaben der Organisation Human Rights Watch sind in Asien, Afrika und Lateinamerika mehr als 120 Pharmafirmen in der Lage, einen mRNA-Impfstoff zu produzieren. Ihnen fehle lediglich die Technologie, die die Pharmakonzerne in Deutschland und den USA entwickelt hätten. Human Rights Watch appelliert darum an die Firmen und die Regierungen in Deutschland und den USA, diesen Technologietransfer zu ermöglichen. Nur so könne die Welt die Corona-Pandemie in den Griff bekommen.

Die heute veröffentlichte Liste zeige, dass "dass die Produktion von mRNA-Impfstoffen außerhalb der USA und Deutschlands möglich ist", so die Menschenrechtsorganisation. Moderna sowie BioNTech und Pfizer hätten selbst nur drei bis sieben Monate gebraucht, um die Impfstoffe in eigenen neuen Fabriken herstellen zu können. Die Hersteller halten dagegen, dass der Aufbau einer mRNA-Herstellung und die Schulung des Personals kompliziert seien und Jahre dauern könnten. Auch die Europäische Union und weitere Länder stellen sich gegen die Aufhebung der Patente: Ohne den Patentschutz seien Pharmafirmen nicht zu den hohen Investitionen bereit, die solche Innovationen hervorbrächten.

Arbeit mit öffentlich zugänglichen Sequenzen

Das südafrikanische Unternehmen erhält ebenfalls keine Unterstützung der großen Konzerne. Zwar hat Moderna im Juli eine Verzichtserklärung für das geistige Eigentum an ihrem mRNA-Präparat abgegeben. Aber: "Weder von Moderna noch von BioNTech/Pfizer haben wir einen Technologietransfer bekommen", sagt Afrigens Geschäftsführerin Petro Terblanche.

Darum arbeiten Afrigens Forscher bei der Entwicklung des neuen Impfstoffes mit der öffentlich zugänglichen genetischen Sequenz von Moderna und mit Hilfe von wissenschaftlichen Beratern. "Aufgrund der Verzichtserklärung können wir den Impfstoff legal bis zu klinischen Studien bringen, ohne geistiges Eigentum zu verletzen", erklärt Terblanche. Bereits Anfang des kommenden Jahres wolle man mit den ersten Studien beginnen.

Kein Patent auf neuen Impfstoff

Sollte die Entwicklung erfolgreich sein, könnte die Firma zumindest teilweise die Impfstoffknappheit in den Entwicklungsländern bekämpfen. Denn das Pharmaunternehmen aus Kapstadt will mit seinem Impfstoff keine Profite machen. Der neue Impfstoff werde nicht patentiert, sondern eine Art "Open-Source-Technologie" sein, erklärt Afrigens Geschäftsführerin. Wohl auch, weil er kräftig von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefördert wird: Sie hat für die Impfstoffentwicklung ein Budget von 92 Millionen Euro bereitgestellt.

Für sie habe ein breiter und schneller Technologietransfer "absolute Priorität", so Terblanche. Etwa 40 Länder in Afrika, Lateinamerika, Asien und dem Mittleren Osten haben laut WHO bereits Interesse bekundet. "Es ist eine Intervention. Wir werden die globale Gesundheitslandschaft ändern", so Terblanche. Die WHO werde kostenfreie Lizenzen an Entwicklungs- und Schwellenländer vergeben und damit ermöglichen, dass Produktionskapazitäten überall auf der Welt aufgebaut werden.

Die Unternehmen Moderna und BioNTech/Pfizer bemühten sich nach eigenen Angaben unterdessen, selbst adäquate Partner in anderen Ländern zu finden. Moderna will nach eigenen Angaben Produktionsstätten in Afrika aufbauen, mögliche Standorte sind Senegal, Ruanda und Südafrika. Auch BioNTech plant, in wenigen Wochen mit der Produktion seines Corona-Impfstoffs in Südafrika zu beginnen.