Ein zwölfjähriges Mädchen wird in einer Arztpraxis mit dem Serum von BioNTech/Pfizer geimpft.  | dpa
Hintergrund

Kampf gegen Corona Was für und was gegen Kinder-Impfungen spricht

Stand: 22.06.2021 08:57 Uhr

Die Debatte, ob Kinder jetzt gegen Corona geimpft werden sollten, ist in vollem Gange. Firmen treiben ihre Studien für die Zulassung eines Impfstoffs auch für kleine Kinder voran. Wie ist der Stand der Forschung?

Von Axel John, SWR

Nur ein paar Schritte vom prachtvollen Gendarmenmarkt in Berlin liegt der eher unscheinbare Hausvogteiplatz. Aufsehenerregend ist aber, was dort in einem nüchternen Bürogebäude passiert. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) hat hier seinen Sitz. Die Experten halten den Kontakt zu Pharma-Unternehmen in der ganzen Welt - auch bei der weiter unter Hochdruck laufenden Corona-Impfstoff-Forschung.   

Axel John

Besonders strenge Auflagen bei Tests mit Minderjährigen 

Ein Team aus Spezialisten sammelt hier unablässig die neuesten Daten aus aller Welt. Mit dabei ist Rolf Hömke. Der Biochemiker ist Experte im Bereich Forschung sowie in der Arzneimittelsicherheit. "Bei der Entwicklung eines neuen Medikaments ist es Standard, dass das Präparat zunächst nur an Erwachsenen getestet wird. Sind diese Ergebnisse entsprechend gut, folgen Studien mit Minderjährigen." Voraussetzung sei aber ein medizinischer Nutzen bei Kindern und Jugendlichen. Hömke gibt ein Beispiel: "Ein neues Antibiotikum etwa wird auch für Kinder benötigt - ein Präparat gegen Prostatakrebs dagegen nicht."

Bei den Tests würden noch höhere Anforderungen gelten, um Belastungen bei jungen Menschen möglichst zu vermeiden. Beide Elternteile müssten gemeinsam zugestimmt haben. Die Auflagen verlangten auch, dass die Kinder baldmöglichst ebenfalls Ja sagen. "Geld lässt sich mit einer solchen Teilnahme nicht verdienen. Die Probanden erhalten eine Aufwandsentschädigung. Bei den Teilnehmern handelt es sich meist um Idealisten oder erkrankte Menschen, die auf eine wirksame Behandlung hoffen."

Ein Kind wird geipmft | dpa
Zwischenstände der Vakzin-Testreihen für Kinder unter zwölf Jahren

BioNTech/Pfizer haben im März 2021 mit einer Studie mit Kindern ab sechs Monaten und bis unter zwölf Jahren begonnen. In einer ersten Phase erhielt eine geringe Zahl von Minderjährigen zunächst verschiedene Dosierungen. In der aktuellen Phase II sollen in mehr als 90 Einrichtungen in den USA, Finnland, Polen und Spanien rund 4500 junge Menschen auf die Wirksamkeit des Impfstoffes getestet werden. Hier analysieren Forscher die jeweilige Immunantwort. Ergebnisse könnten ab September vorliegen.

Moderna hat im März über den Beginn der Phase-II/III-Studie berichtet. Daran sollen mehr als 6700 Kinder zwischen sechs Monaten und unter zwölf Jahren in den USA und in Kanada teilnehmen. Auch hier ging es zunächst um die beste Dosierung. Im weiteren Verlauf wird dann die Wirksamkeit geprüft.

Mit dem Impfstoff von AstraZeneca hatten Untersuchungen an der Uni Oxford im Februar begonnen. Teilnehmen sollten mehrere hundert Jugendliche und Kinder im Alter von sechs bis unter 18 Jahren. Die Studie ist aber von den britischen Behörden vorläufig gestoppt worden, nachdem es Berichte über sehr seltene Nebenwirkungen mit Thrombosen gab.

Janssen/Johnson & Johnson hatte im April 2021 begonnen, seinen Impfstoff mit Jugendlichen ab zwölf Jahren erproben. Bei guten Zwischenergebnissen sollen dann auch jüngere Probanden hinzukommen. Allerdings pausiert auch diese Studie derzeit.

Sinovac erprobt in China seinen Impfstoff CoronaVac seit Anfang Mai. Hier sollen in der Phase II Minderjährige zwischen drei und 17 Jahren getestet werden.

Quelle: VfA

STIKO sieht keine Eile  

Professor Dr. Fred Zepp verfolgt die Impfstoff-Entwicklung mit größtem Interesse. Zepp ist einerseits Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO). Das Gremium hat die Empfehlungen zur Reihenfolge der Corona-Impfungen verfasst. Zepp war zudem viele Jahre Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsklinik Mainz. Er hält es für absolut erforderlich, dass Impfstoffe auch für Minderjährige entwickelt werden. Das sei vor allem für Hochrisikopatienten wie beispielsweise Kindern mit chronischen Herz-Lungen-Erkrankungen sehr wichtig, betont Zepp.  

"Das mRNA-Impfstoff-Verfahren ist eine beeindruckende Entwicklung mit hervorragenden Perspektiven. Aber wir haben noch gar keine breiten Erfahrungswerte bei Kindern", erklärt Zepp. Wichtig ist für ihn: Der Organismus eines Erwachsenen sei in seiner Entwicklung ausdifferenziert. Die akuten Nebenwirkungen seien im Regelfall in den ersten zwölf bis 16 Wochen zu erkennen. "Bei Säuglingen oder Kindern habe ich dagegen einen Organismus, der ständigen Entwicklungen unterworfen ist. Deshalb sage ich: Wir haben in dieser Gruppe aktuell keinen Zeitdruck und sollten noch weitere Studienergebnisse abwarten."  

Zudem gebe es in Europa kaum Kinder, die schwer an Covid-19 erkranken. Weniger als 80 Kinder seien in Deutschland wegen Corona auf einer Intensivstation in Behandlung gewesen. Es habe auch nur sehr wenige Todesfälle gegeben, die sogar unter der Rate bei Grippe-Erkrankungen lägen. Zepp bezieht sich dabei auch auf einige wenige Fälle bei Jugendlichen in den USA, die nach der zweiten Impfung mit BioNTech an Herzmuskelentzündungen erkrankt seien. Ob es hier einen Zusammenhang gibt, wird derzeit von den Behörden untersucht. "Das Coronavirus wird sich weiter verändern. Ich erwarte, dass auch hier die ältere Bevölkerung betroffen sein könnte."

"Der Erreger verbreitet sich gerade bei Kindern ungehindert" 

In München beugt sich Matthias Kromayer über die neuesten Ergebnisse der Corona-Impfstoff-Forschung bei Kindern. Der Mikrobiologe rät dazu, auch Minderjährige nach den entsprechenden Studien und Zulassungen zu impfen - egal mit welchem Impfstoff. Kromayer arbeitet im Vorstand der MIG AG. Das Unternehmen investiert derzeit in 30 Start-ups. 2008 erhielt BioNTech von MIG gut 13 Millionen Euro als Anfangsinvestition.

Für Kromayer ist eine Impfrate von 70 bis 80 Prozent in der Bevölkerung das Ziel. "Dann gibt es gute Chancen, die Verbreitung des Virus und mutierter Varianten lahmzulegen. Der Erreger verbreitet sich gerade bei Kindern ungehindert. Sie sind enger beieinander und können die Hygieneregeln noch nicht einhalten", erklärt Kromayer. Laut Statistischem Bundesamt gibt es mehr als 8,5 Millionen Menschen unter zwölf Jahren in Deutschland. Für Kromayer ist diese Gruppe so groß, dass sie in der Pandemiebekämpfung nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Gleichzeitig hätten Kinder ein deutlich stärkeres Immunsystem, das mit Corona viel besser umgehen könne. So würden vermutlich weniger Erreger übertragen: "Die Impf-Nebenwirkungen bei Kindern dürften sehr begrenzt, der daraus resultierende Schutz für andere Bevölkerungsgruppen aber hoch sein. Das sollte man abwägen."

Die Politik will sich noch nicht festlegen 

Auch in Berlin hat man im Bundesgesundheitsministerium die aufkommende Debatte längst registriert. Ob und in welchem Umfang auch Kinder im Kampf gegen Corona geimpft werden sollen, dazu schweigt man sich aber noch aus. Auf Anfrage erklärt die Pressestelle lediglich: "Hier bleiben die Ergebnisse von Studien und eine mögliche Zulassung durch die europäischen Behörden abzuwarten." 

Von September an kann laut BioNTech/Pfizer mit belastbaren Ergebnissen der aktuell noch laufenden Studienreihen gerechnet werden. Spätestens dann wird die Diskussion über die beste Impfstrategie richtig losgehen.        

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 22. Juni 2021 um 10:00 Uhr.