Cannabis-Pflanze | picture alliance / dpa

Ampel-Pläne zu Cannabis Welche Folgen eine Legalisierung haben könnte

Stand: 20.11.2021 02:07 Uhr

Laut Berichten will die Ampel eine "kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene" möglich machen. Ist das aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll? Und welche Vor- und Nachteile hätte eine Legalisierung?

Elena Weidt und Veronika Simon, SWR

Cannabis ist unter Jugendlichen und Erwachsenen die beliebteste illegale Droge in Deutschland. Zehn Prozent aller Jugendlichen haben schon mal Cannabis konsumiert. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Cannabis gehört zwar nicht zu den "harten Drogen" wie Heroin oder Crystal Meth, doch völlig harmlos ist "Kiffen" nicht. Am Anfang ist es nur ein Joint ab und zu, doch daraus kann sich eine Sucht entwickeln. Experten schätzen, dass weltweit etwa 10 Prozent der Menschen, die Cannabis zu sich nehmen, ein gestörtes Konsumverhalten haben, also süchtig sind. Das kann zu körperlichen Entzugserscheinungen führen, aber vor allem die psychischen und sozialen Folgen einer Cannabis-Sucht können schwerwiegend sein.

Auch ein moderater Konsum bringt ein Risiko mit sich: Der Rauch schädigt die Lunge und regelmäßiges Kiffen erhöht auch bei jungen Menschen das Herzinfarktrisiko. Hinzu kommen schwere psychische Folgen, die durch Cannabis-Konsum ausgelöst werden können - zum Beispiel Psychosen.

Cannabis erhöht das Risiko von Psychosen

Viele Studien belegen, dass intensiver Cannabiskonsum gerade bei Jugendlichen Psychosen auslösen kann. Je häufiger der Konsum und je jünger die Kiffenden, desto größer sei das Risiko. Eine europaweite Studie zeigt, dass tägliche Cannabis-Nutzende dreimal so häufig psychotische Schübe hatten wie Menschen ohne Kontakt zu Cannabis.

Wenn besonders viel von dem Inhaltsstoff THC im Joint steckte, kam es sogar zu fünfmal mehr Psychosen. Das passt zu Daten der psychiatrischen Uniklinik Ulm: 2019 beobachteten die Forschenden fast achtmal mehr Cannabis-Psychosen als 2011. Im selben Zeitraum ist der THC-Gehalt in vielen Joints deutlich gestiegen.

Allerdings ist immer noch umstritten, ob Cannabis wirklich der einzige Grund für die Psychosen ist. Vermutlich betrifft das Risiko vor allem Teenager mit einer erhöhten Anfälligkeit für diese Erkrankung. Ulrich Preuß, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin warnt daher: "Menschen mit Verwandten, die Psychosen haben oder die selbst schon psychotische Symptome in der Kindheit und Jugend hatten, sind Risikopersonen, die Cannabis nicht anfassen sollten." Bei ihnen sei das Risiko groß, dass aus dem Konsum dauerhaft eine schwere, psychiatrische Erkrankung entstünde. Psychosen sind nicht das einzige: Auch die Wahrscheinlichkeit an einer Depression, Angststörung oder bipolaren Störung zu erkranken, sei bei regelmäßigem hohen Cannabis-Konsum im Jugendalter höher.

Kiffen verändert das junge Gehirn

Dass Cannabis auch bleibende Schäden verursachen kann, zeigt eine aktuelle Studie mit 800 Teenagern. Bei Hirnscans war die Hirnrinde jugendlicher Cannabis-Konsumierenden an bestimmten Stellen deutlich dünner als bei der Vergleichsgruppe, die nicht gekifft hatte. Betroffen war genau die Hirnregion, die wichtig ist, um Impulse zu kontrollieren, Probleme zu lösen und Handlungen zu planen: der präfrontale Kortex.

Verhaltenstests zeigten: Die Jugendlichen mit den auffälligen Hirnscans waren impulsiver und konnten sich schlechter konzentrieren als andere Teenager. Je mehr Cannabis die jungen Probanden konsumiert hatten, desto ausgeprägter waren die Folgen. Wichtig dabei: Das Frontalhirn ist erst mit Mitte 20 voll ausgereift, bis dahin ist das Risiko durch Cannabiskonsum deutlich erhöht. Das heißt: Auch 18-jährige Kiffer können ihr Gehirn noch nachhaltig schädigen. Darüber hinaus zeigen andere Studien: Jugendliche mit hohem Cannabis-Konsum schneiden später als Erwachsene im Schnitt schlechter bei Intelligenz-Tests ab, außerdem haben sie tendenziell weniger Erfolg in der Schule oder Studium. Ob das wirklich am Cannabis oder am Lebensstil liegt, ist aber offen.

Ob der Cannabis-Konsum bei Erwachsenen langfristige Folgen haben kann, ist hingegen wissenschaftlich noch umstritten.

Vergleich mit anderen Drogen hinkt

Ein häufiges Argument für die Legalisierung von Cannabis ist, dass auch andere Drogen wie Alkohol oder Tabak in Deutschland legal gekauft und konsumiert werden können. Und auch diese Mittel können schwere Folgen für die Gesundheit haben.

Für Preuß ist dieser Vergleich wenig sinnvoll. Zum einen sei die Wirkung dieser Drogen im Körper völlig anders und nicht vergleichbar. Und dass Alkohol und Tabak in Deutschland legal seien, hätte historische Gründe. Auch Alkohol, so Preuß, würde man heute wahrscheinlich weder als Lebensmittel und schon gar nicht als Medikament zulassen. Und Tabak auch nicht, denn man weiß heute, was diese Mittel für negative Folgen haben. Am Beispiel vom Alkohol sähe man auch, dass Altersgrenzen beim Verkauf nur bedingt nützen - Jugendliche hätten in Deutschland eben doch Zugang zu alkoholischen Getränken, wenn sie das wollten.

Cannabis legal per Rezept

Bisher ist in Deutschland Cannabis legal nur auf Rezept möglich. Seit 2017 können Ärzte medizinisches Cannabis verschreiben, etwa zur Schmerzlinderung bei Schwerkranken. Für den Freizeitkonsum ist Cannabis weiterhin illegal.

Trotzdem ist Cannabis laut dem aktuellen Drogenbericht die beliebteste Droge unter Jugendlichen. Das zeigt, dass das Verbot offenbar nur eingeschränkt funktioniert und sogar zu höheren Gesundheitsrisiken führen könnte. Eine Legalisierung könnte zumindest die Qualität, in der die Droge auf den Markt kommt, verändern.

Gefahr durch verunreinigtes Cannabis

Bereits im April haben das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt vor verunreinigtem Cannabis gewarnt, da sie verstärkt Produkte versetzt mit synthetischen Wirkstoffen feststellten: den sogenannten synthetischen Cannabinoiden. Im ersten Quartal dieses Jahres hat der Zoll rund 150 Kilogramm dieses Cannabis bei der Einfuhr aus der Schweiz und den Niederlanden sichergestellt.

Verunreinigungen durch Heroin seien dem Bundeskriminalamt in Deutschland allerdings nicht bekannt. Auch Professor Volker Auwärter, Leiter der Forensischen Toxikologie der Universität Freiburg, warnt vor den versteckten Gefahren durch Beimischungen: "Die Konsumenten können zwischen 'normalem' Cannabis und diesem manipulierten Material nicht differenzieren, da es sich sowohl im Aussehen, als auch im Geruch und im Geschmack nicht voneinander unterscheidet. Synthetische Cannabinoide sind deutlich gefährlicher als THC, sowohl die Akutwirkung als auch mittelfristige Folgen betreffend." Synthetische Cannabinoide gehören zu den psychoaktiven Stoffen, können die Wirkung der Droge verstärken und unkontrollierbar machen. Die Nebenwirkungen reichen von Erbrechen über Wahnvorstellungen bis hin zu Kreislaufzusammenbrüchen.

Laut der Drogenberichte von 2019 und 2020 lautete die Todesursache von insgesamt 10 Personen "Vergiftung durch synthetische Cannabinoide". Durch eine Legalisierung und festgelegte Qualitätsstandards könnten diese giftigen Mischungen reduziert werden.

Stärkeres Gras, höheres Risiko

Ein weiteres Problem ist der steigende THC-Gehalt im Cannabis, der immer stärkere Rauschwirkungen verursacht. Eine englische Studie konnte zeigen, dass sich der THC-Anteil in Europa im Zeitraum von 2006 bis 2016 verdoppelt hat: von etwa acht zu 17 Prozent. Gleichzeitig hat sich der zweite Hauptwirkstoff von Cannabis, Cannabidiol (CBD), der die negativen Aspekte des THC dämpfen kann und auch bereits oft medizinisch eingesetzt wird, oftmals verringert.

Stärkeres Cannabis bringen die Forschenden in Zusammenhang mit einem Anstieg von Konsumierenden, die erstmals aufgrund von Drogenproblemen in Behandlung sind. Es gibt viele wissenschaftliche Anzeichen dafür, dass dieses Cannabis gerade jüngere Menschen süchtig machen kann, es einen stärkeren Einfluss auf das Gedächtnis und die Entwicklung von Paranoia hat. Forschende konnte ebenfalls zeigen, dass Menschen, die an einer Psychose erkrankt sind, in der Regel häufig Cannabis mit sehr viel THC konsumiert haben. Die Kontrollgruppe ohne psychische Erkrankung nutzte hingegen eher schwaches Cannabis.

Das Gesundheitsrisiko von Cannabis hängt davon ab, ab welchem Alter man wie häufig welches Cannabis konsumiert. Durch die Festlegung einer Altersgrenze, eines maximalen THC-Gehalts und einer Kennzeichnungspflicht für Zusatzstoffe könnte man das gesundheitliche Risiko erheblich reduzieren.

Ist Cannabis wirklich eine Einstiegdroge?

Laut den Ergebnissen des Epidemiologischen Suchtsurveys von 2019 haben rund sieben Prozent aller Erwachsenen von 18 bis 64 Jahren in Deutschland innerhalb eines Jahres schon mal Cannabis konsumiert, bei den 12- bis 17-Jährigen sind es sogar acht Prozent. Der Anteil für alle anderen Substanzen ist deutlich geringer: 1,2 Prozent der Jugendlichen und 2,3 Prozent der Erwachsenen haben in einem Jahr irgendeine andere illegale Droge konsumiert. Dass Kiffer also automatisch auch auf andere härtere Drogen umsteigen, geben diese Zahlen nicht her.

Eine internationale Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Verhindern bestimmter Einstiegsdrogen nicht unbedingt auch den späteren Konsum anderer Drogen verringert. Auch wurde beobachtet, dass die Konsumreihenfolge in den untersuchten Ländern sehr unterschiedlich ausfällt, es sogar Länder wie Japan gibt, in denen andere illegale Drogen mehr verbreitet sind als Cannabis. In Ländern wie den USA und Neuseeland mit sehr hohen Cannabisraten ist laut der Studie der Konsum von Cannabis vor Alkohol und Tabak sogar extrem selten. Derik Hermann, Psychiater und Chefarzt des Therapierverbundes Ludwigsmühle, sagt: "Die überwiegende Mehrzahl der Cannabiskonsumenten hat vorher Alkohol und Tabak konsumiert, daher sehe ich Alkohol und Tabak stärker als Einstiegsdroge als Cannabis."

Steigert die Legalisierung das Konsumverhalten?

Es ist nicht ganz leicht, eindeutige Ergebnisse aus den vorliegenden Studien hinsichtlich des Konsumverhaltens vor und nach einer Legalisierung abzulesen. Auch weil in den Studien unterschiedliches Konsumverhalten, von täglich bis gelegentlich, sowie unterschiedlich alte Personenkreise abgefragt wurden. Eine Explosion der Zahlen ist allerdings nicht zu erkennen, jedoch auch kein Rückgang. In Kanada ist Cannabis seit drei Jahren für Erwachsene erlaubt, der Konsum wird seitdem sehr genau überwacht. 2020 gaben rund 35 Prozent der 18- bis 24-jährigen Befragten an, in den letzten drei Monaten Cannabis konsumiert zu haben, diese Größenordnung ist seit 2019 unverändert.

Bei den Jugendlichen ist die Datenlage unzuverlässig, man kann daraus noch keine Entwicklung ablesen. Für 2020 waren es 19 Prozent. Es bedarf also hier weiterer Erfassungen, um langfristig einen Trend sehen zu können. Insgesamt kann man einen leichten Anstieg beobachten. Fast acht Prozent aller Kanadierinnen und Kanadier ab 15 Jahren konsumieren mittlerweile täglich oder beinahe täglich im Vergleich zu rund fünf Prozent vor der Legalisierung. Fast 70 Prozent der Befragten gaben an, das Cannabis legal in einem Shop gekauft zu haben, was zumindest eine gewisse Kontrolle über den Käufer oder die Käuferin, die Menge und Qualität erlaubt und für eine Legalisierung spricht.

Bessere Therapie möglich

Momentan würden Cannabis-Konsumierende als kriminelle Kiffer abwertend auf diese Eigenschaft reduziert, sagt Heino Stöver, Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main. Was auch dazu führe, dass Hilfsangebote nicht wahrgenommen werden. Nicht jeder Jugendliche, so Stöver ist informiert, dass es eine Schweigepflicht gibt. Solche Unsicherheiten führen dazu, dass sich einige nicht in Behandlung begeben, obwohl sie es nötig hätten.

Durch eine geringere Stigmatisierung infolge einer Legalisierung könnten solche Hilfsangebote profitieren. Jugendliche könnten offener mit ihren Eltern oder in der Therapie darüber sprechen und in der Schule anders aufgeklärt werden. Das wäre sinnvolle Prävention. Auch Beratungseinrichtungen könnten so einen ehrlicheren und glaubwürdigeren Diskurs führen und ihr Therapieangebot auf die Bedürfnisse der Jugendlichen besser abstimmen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Info am 19. November 2021 um 19:28 Uhr.