Eine Frau lässt sich in der Praxis ihrer Hausärztin die dritte Impfung mit dem Comirnaty-Impfstoff des Herstellers BioNTech/Pfizer injizieren. | dpa
Hintergrund

Studien zum Boostern Wie sinnvoll ist eine vierte Impfung?

Stand: 31.01.2022 05:00 Uhr

Aus Israel kommen erste Studien zur Wirksamkeit der vierten Impfung. Was spricht für eine erneute Auffrischung? Für wen wäre sie sinnvoll? Und warum äußern sich manche Experten zurückhaltend?

Von Rebecca Stegmann, SWR

Die Omikron-Variante dominiert das Infektionsgeschehen. Bald sollen angepasste Impfstoffe verfügbar sein, aber auch mit den vorhandenen Impfstoffen wird bereits in Ländern wie Israel zum vierten Mal geimpft. Experten haben unterschiedliche Meinungen dazu, für wen das sinnvoll ist.

Warum eine vierte Impfung? 

Die dritte Impfung hebt den Schutz vor Ansteckung mit der Omikron-Variante, und auch vor schweren Verläufen, deutlich an. Allerdings flacht auch dieser Schutz mit der Zeit ab, die Immunantwort lässt nach. Wie schnell das nach der dritten Impfung passiert, lässt sich noch nicht sicher sagen. Weitere Auffrischungsimpfungen mit den vorhandenen Impfstoffen sollen daher in erster Linie die Wirksamkeit der Impfung erhalten.  

Das ist besonders für ältere Menschen relevant. Über 80-Jährige brauchen laut einer Studie der Universität Marburg oft mindestens drei Impfungen, um eine gute Immunantwort zu bilden. Auch eine vierte Impfung könnte sinnvoll sein, da der Immunschutz vermutlich schneller nachlässt. Zudem liegt bei Älteren die dritte Impfung oft bereits einige Monate zurück. 

Eine vierte Impfung könnte in Zukunft auch mit einem an die Omikron-Variante angepassten Impfstoff erfolgen. So sollte dann nicht nur die Wirksamkeit erhalten bleiben, sondern verbessert werden. Denn die aktuellen Impfstoffe wurden für andere Virusvarianten entwickelt, sie wirken nicht mehr so gut gegen Omikron. Das könnte sich mit einem angepassten Impfstoff ändern. BioNTech/Pfizer und auch Moderna haben bereits mit den ersten klinischen Studien zur Untersuchung eines angepassten Impfstoffs begonnen.

Bis März oder April wollen BioNTech und Pfizer die ersten Dosen ausliefern können. Die Entscheidung der Europäische Arzneimittelagentur (EMA) über die Zulassung wird allerdings erst etwas später erwartet. Deutschland hat von BioNTech weitere 80 Millionen Dosen bestellt. 

Wer bekommt bereits eine vierte Impfung mit den vorhandenen Impfstoffen?  

Israel begann Anfang Januar 2022 als erstes Land mit einer breitaufgestellten zweiten Booster-Kampagne. Über 60-Jährige, medizinisches und pflegendes Personal sowie Menschen mit Immunschwäche können sich seitdem ein viertes Mal impfen lassen. Mehr als 600.000 Menschen haben inzwischen die vierte Dosis erhalten. Seit wenigen Tagen wird auch über 18-Jährigen, die einer Risikogruppe angehören oder jemanden mit erhöhtem Risiko pflegen, eine vierte Impfung empfohlen.  

Einige andere Länder empfehlen die vierte Impfung für immungeschwächte Menschen oder andere Risikogruppen. In der EU sind das zurzeit etwa Dänemark, Schweden und Belgien. Ungarn bietet allen, die es wünschen nach ärztlicher Beratung eine vierte Impfung an. In Deutschland gibt es aufgrund mangelnder Daten zur Wirksamkeit noch keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission zur vierten Impfung, auch nicht für Risikogruppen. Nur in Ausnahmefällen wird bereits ein viertes Mal geimpft, etwa bei medizinischem Personal in Krankenhäusern oder bei Organtransplantierten.

Was sagen Studien zur Wirksamkeit der vierten Impfung?  

Erste Daten zur Wirkung der vierten Impfung mit den vorhandenen Impfstoffen kommen vor allem aus Israel. Das Sheba Medical Center hat zwei Studien durchgeführt, in denen insgesamt rund 270 Personen eine vierte Impfung mit den Impfstoffen von BioNTech oder Moderna erhielten. Mitte Januar veröffentlichte die Leiterin der Studie, Gili Regev-Yochay, die vorläufigen Ergebnisse: Die vierte Dosis habe bei beiden Gruppen zwar die Anzahl der Antikörper deutlich erhöht, aber wahrscheinlich nicht genug, um Infektionen mit der Omikron-Variante zu verhindern.  

Eine weitere israelische Analyse lieferte andere Ergebnisse. Die Studie verglich 400.000 Über-60-Jährige, die eine vierte Impfung erhalten hatten, mit 600.000 Menschen der selben Altersklasse, deren dritte Impfung mehr als vier Monate zurück lag. Die zweifach Geboosterten waren laut dem israelischen Gesundheitsministerium dreimal besser vor schweren Krankheitsverläufen geschützt. Außerdem sei der Schutz vor einer Infektion zweimal höher als bei den dreifach Geimpften. 

Für wen kann eine vierte Impfung Sinn ergeben und wann? 

Die meisten Experten empfehlen bei der vierten Impfung differenzierter vorzugehen als bei den bisherigen. Für Ulrike Potzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, ist eine vierte Impfung mit den vorhandenen Impfstoffen nur für bestimmte Gruppen sinnvoll, etwa für immungeschwächte Menschen. "Bei vielen anderen macht es vielleicht mehr Sinn, jetzt erst mal abzuwarten."  

Leif Eric Sander, Impfstoffforscher an der Berliner Charité, empfiehlt bei der vierten Impfung ebenfalls ein differenziertes Vorgehen, auch mit den an Omikron angepassten Impfstoffen. Von einem angepassten Impfstoff als vierte Impfung würden etwa ältere Menschen profitieren, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben und zudem schwächer auf Impfungen ansprechen. Von einer vierten Impfung für die gesamte Bevölkerung halte er momentan wenig. "Ich glaube, mit drei Impfungen ist man super geschützt."

Außerdem kämen wahrscheinlich große Teile der Bevölkerung mit den Viren in Kontakt und würden so automatisch ihre Immunantwort auffrischen. Wenn nicht noch zukünftige Virusvarianten das Pandemiegeschehen verändern, müsse man daher vielleicht nur ältere Menschen regelmäßig nachimpfen. 

Warum könnte eine passgenaue vierte Impfung trotzdem für alle nötig sein? 

Bei einer Pressekonferenz zur Corona-Lage Mitte Januar sagte der Virologe Christian Drosten, eine vierte Impfung mit einem an Omikron angepassten Impfstoff könnte eventuell für alle nötig sein. "Wir werden möglicherweise ab dem zweiten Quartal große Teile der Bevölkerung, vielleicht sogar alle, noch einmal mit einer Update-Impfung gegen Omikron versehen müssen."

Seine Begründung: Das Omikron-Virus unterscheidet sich so stark von den anderen Coronavarianten, dass er zu einer anderen Gruppe gehöre als alle bisherigen. Der vorhandene Impfstoff passe nicht mehr. Es brauche aber eine breite Immunität gegen beide Gruppen, damit nicht nur der Schutz vor schweren Krankheiten gegeben sei, sondern auch der vor Schutz vor Übertragung und milden Verläufen. Um die Pandemie zu beenden, müsse man große Teile der Bevölkerung soweit immunisieren, dass sie das Virus nicht mehr übertragen können. Dafür bräuchte man passgenaue Impfungen.  

Auf Dauer könne man nicht alle paar Monate die gesamte Bevölkerung nachimpfen, irgendwann müsse das Virus selbst die Immunität der Menschen immer wieder updaten und den Übertragungsschutz höher aufbauen.  

Hat die EMA pauschal vor Booster-Impfungen gewarnt? 

Marco Cavaleri, verantwortlich für die Impfstoffstrategie der EMA, sorgte vor Kurzem mit Aussagen zur vierten Impfung für Aufsehen. Auffrischungsimpfungen alle drei oder vier Monate seien nicht sinnvoll oder nachhaltig, das Immunsystem sollte nicht mit Impfungen "überladen" werden. Dabei bezog Cavaleri sich allerdings nur auf Auffrischungsimpfungen in diesen kurzen Abständen. Er sprach sich für jährliche Auffrischungsimpfungen aus. Dass kurz aufeinander folgende Auffrischungsimpfungen kontraproduktiv sein könnten, ist zudem unter Experten umstritten.  

Wie ist die vierte Impfung aus globaler Sicht zu bewerten? 

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich mit Blick auf die globale Impfungleichheit gegen pauschale Auffrischungsimpfungen ausgesprochen. Generaldirektor Tedros Ghebreyesus sagte Ende Dezember 2021, flächendeckende Booster-Kampagnen würden dazu führen, dass Impfdosen an die Länder geliefert würden, die bereits eine hohe Durchimpfungsrate haben.

Diese Dosen fehlten dann in ärmeren Ländern. Damit würde dem Virus mehr Raum zur Verbreitung und Mutation gegeben und somit die Pandemie eher verlängert als beendet. Zudem würden durch Booster-Impfungen weniger Todesfälle und schwere Erkrankungen verhindert als durch die Grundimmunisierung.  

Über dieses Thema berichtete der BR in der Sendung Possoch klärt am 27. Januar 2022 um 16:00 Uhr.