Eine Frau hält sich erschöpft den Kopf. | dpa

Long-Covid bei Jüngeren "Ich bin jeden Tag erschöpft"

Stand: 26.02.2022 00:47 Uhr

Bisher nahm man an, dass Long Covid vor allem bei älteren Patienten mit Vorerkrankungen auftritt. Doch jüngere Frauen scheinen besonders häufig betroffen zu sein. Zu den Ursachen gibt es verschiedene Erklärungsansätze.

Von Thomas Denzel, SWR

Eigentlich war sie immer sehr sportlich. Fast täglich trainierte sie mehrere Stunden im Fitnessstudio. Heute muss sie sich meist sofort hinlegen, wenn sie von einer kurzen Besorgung zurück nach Hause kommt. "Das begleitet mich jeden Tag, ich bin jeden Tag erschöpft", sagt Stephanie Rheinsberg aus Hemmingen bei Stuttgart. "Meine Belastungsgrenze ist viel niedriger, mein Körper reagiert nicht mehr wie sonst." Stephanie Rheinsberg leidet unter Long Covid. Ihre Stimme ist schwach und kurzatmig, die Worte klingen wie ein gehauchtes Flüstern.

Thomas Denzel

Selbst in einer entspannten Situation liege ihr Puls bei 120. Einen schweren Verlauf der Covid-19-Infektion habe sie nicht gehabt. Nur leichte Grippe-artige Symptome und dazu Atemnot. Sie musste nicht ins Krankenhaus, hatte kein Fieber und auch keine Vorerkrankungen, berichtet die Frau, die trotz ihres jungen Alters unter anhaltenden Symptomen leidet. "Ich kam völlig unvorbereitet in diese Lebensphase", sagt sie. "Ich habe nicht mit Long Covid gerechnet, vor allem nicht mit 23."

Überraschung für die medizinische Forschung

Auch für die medizinische Forschung waren solche Krankheitsgeschichten zunächst eine Überraschung. "Man würde bei Patienten, die gar nicht ins Krankenhaus mussten, die leichte Verläufe hatten und die Infektion gut überstanden haben, nicht damit rechnen, dass sie Long Covid bekommen", erklärt Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Bisher nahm man an, dass vor allem ältere Patienten mit Vorerkrankungen wie Asthma ein hohes Risiko für Long Covid haben - und das insbesondere nach schweren Corona-Verläufen. Verlässliche Daten dazu, wie häufig Long Covid auftritt, gibt es bisher nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass jeder zehnte Infizierte die Symptome nicht los wird.

"In der Altersgruppe 30 bis Mitte 50 scheint das noch häufiger der Fall zu sein. Und Frauen sind besonders häufig betroffen", berichtet Falk. Das ergebe sich aus den bisherigen Erfahrungen in den Kliniken. Symptome wie Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Konzentrationsschwäche und Angstzustände seien auch bei diesen jungen Patientinnen typisch.

Ursache bisher nicht geklärt

Zur Ursache von Long Covid gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Einige Patienten haben infolge ihrer Corona-Infektion bleibende Organschäden. Andere haben möglicherweise noch einige Viren oder Virenbestandteile im Körper, auf die der Körper mit einer Entzündung reagiert. Oder aber es kommt zu einer anhaltenden Entzündungsreaktion, obwohl das Virus nicht mehr vorhanden ist, ähnlich wie bei Autoimmunerkrankungen.

Letztere Erklärung hält Falk bei den jungen Long-Covid-Patientinnen mit leichtem Verlauf der Infektion für besonders wahrscheinlich. Schließlich sei in diesen Fällen davon auszugehen, dass auch die Viruslast während der Infektion nicht sehr hoch war.

Symptombehandlung als einziger Weg

Da aber die tatsächliche Ursache noch unklar ist, sei auch die Behandlung von Long Covid schwierig, sagt Jördis Frommhold, Chefärztin für Atemwegserkrankungen an der Median-Klinik in Heiligendamm. "Im Moment ist das für uns eine chronische, nicht heilbare Erkrankung. Aber wir können Symptombehandlung machen", sagt sie. Das gelte für die jungen wie die älteren Patienten. Seit Ausbruch der Pandemie hat sie rund 3000 Menschen mit Long Covid behandelt. Im Moment sind fast alle der 120 Betten mit ehemals Corona-Infizierten belegt.

"Unserer Erfahrung nach sind das oft die Leistungsträger unserer Gesellschaft. Diejenigen, die einen besonders hohen Leistungsanspruch an sich selbst haben", berichtet die Ärztin. Diesen Patienten falle es besonders schwer, eine niedrigere Belastungsschwelle zu akzeptieren. Deshalb sei das eines der Elemente der Therapie: Achtsamkeitstraining und leichte körperliche Aktivität, ohne dabei an die neuen persönlichen Grenzen zu gehen. "Pacing" nennen sie das hier. Dazu Atemtraining, denn oft sei die Atemmuskulatur durch die Erkrankung verspannt.

Therapie mit reinem Sauerstoff

Für die Patienten mit kognitiven Einschränkungen erprobt Frommhold eine besondere Behandlung. "Man vermutet, dass in solchen Fällen kleine Blutgefäße im Gehirn entzündet sein könnten und dadurch die Sauerstoffversorgung beeinträchtigt ist", erklärt sie. In einer Druckkammer atmen diese Patienten regelmäßig reinen Sauerstoff ein. Dahinter steckt die Hoffnung, dass unter höherem Druck der Sauerstoff besser in die Nervenzellen übertreten kann. Wie gut diese Therapie tatsächlich hilft, wird im Moment noch in einer Studie untersucht.

Die Long-Covid-Patienten, die zurzeit in Behandlung sind, waren größtenteils mit den ersten Virusvarianten infiziert und hatten noch keinen Impfschutz. "Es wird nun interessant, zu sehen, wie hoch der Anteil der Long-Covid-Fälle unter den Infizierten in Zukunft sein wird, welche Veränderungen die neuen Virusvarianten und die Impfungen bewirkt haben", sagt Immunologin Falk.

Endlich zurück ins alte Leben

Stephanie Rheinsberg hatte sich bereits im Februar 2021 angesteckt. Und auch sie hatte damals noch keinen Impfschutz. Wegen Long Covid kann sie heute nicht mehr in ihrem Beruf als Lacklaborantin arbeiten. Schon den Rauch einer ausgeblasenen Kerze könne sie nicht ertragen. "Mein größter Wunsch ist, endlich wieder in mein altes Leben zurückzukehren", sagt sie. "Und dass es irgendwann eine Heilung für uns Long-Covid-Patienten gibt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Februar 2022 um 17:00 Uhr.