Schulkinder laufen in einer Gruppe an einer Bushaltestelle vorbei. | dpa
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Dritte Corona-Welle Wie gefährdet sind Kinder?

Stand: 01.04.2021 06:50 Uhr

Lange war die Rolle von Kindern in der Pandemie unklar. Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass sich auch Kinder infizieren und das Coronavirus weitertragen können.

Von Anja Martini, tagesschau.de

Kinder bleiben oft symptomlos und wurden im vergangenen Jahr auch seltener getestet. Deshalb war lange nicht klar, welche Rolle sie in der Pandemie spielen. Die Datenlage war dünn, sagten Wissenschaftler.

Anja Martini tagesschau.de

Das hat sich nun geändert. Schon im November erklärte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Schülerinnen und Schüler seien ein wesentlicher Teil des Infektionsgeschehens. Immer mehr Studien, wie jene der Universität Wien, verzeichnen bei jüngeren Schülerinnen und Schülern ähnlich viele Infektionen wie bei älteren und nicht wesentlich weniger als bei Lehrerinnen und Lehrern.

Neuinfektionen bei Kindern

Die Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig beobachtet ähnliche Ergebnisse für die erste und die zweite Welle. Die dritte Welle aber gebe ihr zu denken. Woher kommen die Neuinfektionen in Kindergärten und Schulen? Hat es damit zu tun, dass die Virusmutation B.1.1.7 ansteckender ist, dass diese Bereiche hauptsächlich geöffnet sind und nun auch hier viel getestet wird - oder dass das gesamte Infektionsgeschehen höher ist?

Daten aus anderen Ländern in vergleichbaren Situationen gibt es dazu nicht. Sicher sei aus den bisherigen Analysen aber eines, so Lange: das Infektionsrisiko in der Bevölkerung bestimmt auch das Infektionsrisiko, das für Kinder gilt. Ist es in der Bevölkerung hoch, ist es also auch für Kinder und Jugendliche hoch.

Auch Kinder können erkranken

Bisher sieht es so aus, als ob Kinder und Jugendliche eine Infektion mit SARS-CoV-2 meistens gut überstehen, sagt der Facharzt für Kinder-und Jugendmedizin Robin Kobbe. Er arbeitet in der I. Medizinischen Klinik in der Abteilung für Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Häufig seien kleine Kinder asymptomatisch, einige hätten vielleicht mal Schnupfen, vielleicht auch ein wenig Fieber. Jugendliche dagegen näherten sich den Symptomen junger Erwachsenen schon eher an. Sie hätten teils Halsschmerzen, vielleicht Fieber und Husten, es könne zu Geschmacks- und Geruchsverlust kommen. Sehr selten würden schwerere Erkrankungen auftreten, berichtet Kobbe. Gemeint ist, neben Covid-19 bei Kindern mit schweren Vorerkrankungen, vor allem das sogenannte PIM-Syndrom.

PIM-Syndrom

Etwa vier bis sechs Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 können auch bei vorher kerngesunden Kindern schwere Symptome auftreten: Hohes Fieber, Schleimhautentzündungen, Lymphknotenschwellung, Hautausschlag, gerötete Hände, teilweise mit Herz-Kreislaufproblemen. Es ist ein neuartiges Syndrom - auf englisch Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, kurz PIMS. Betroffene Kinder müssten dann nicht selten auf eine Intensivstation, so Kobbe.

Beim PIMS handelt es sich um eine Entzündung in mehreren Organen, offenbar ausgelöst durch eine Überreaktion des Immunsystems. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) führt dazu ein Melderegister und hat bisher 245 Kinder und Jugendliche mit diesem Syndrom gezählt. Es trifft nicht mal einen von 1.000 Infektionsfällen bei jungen Menschen, ist also sehr selten.

Aber, so Kobbe, wenn die Inzidenz in Deutschland hoch gehe, dann steige mit zeitlicher Verzögerung auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit PIMS. Deshalb sei ein Impfstoff für Kinder wichtig. Es gehe nicht nur darum, ihre Rolle als Überträger des Virus für Erwachsene zu minimieren, sondern auch darum, einen Individualschutz für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.  

Impfstoffe auch für Kinder

So sieht es auch Infektiologin Marylyn Addo. Sie ist Leiterin der Abteilung Infektiologie am UKE. Ein Impfstoff für Kinder könne das aktuelle Infektionsgeschehen wahrscheinlich nicht mehr beeinflussen. Denn dafür seien die klinischen Studien der Arzneimittelhersteller noch nicht weit genug. Langfristig müsse man aber auch an die Kinder mit Vorerkrankungen denken, die einen Schutz bräuchten. Jede einzelne Impfung, so Addo, sei ein Beitrag zur Immunität in der Gesellschaft. 

Die Hersteller aller vier in der EU zugelassenen Impfstoffe arbeiten bereits an Wirkstoffen für Kinder. Sie sind in den klinischen Phase II und III Studien. Erste vielversprechende Ergebnisse in der Altersklasse der Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren liegen bereits vor. Die Ständige Impfkommission zeigte sich zuversichtlich, dass es bis zum Jahresende einen Impfstoff für Kinder gibt.

Wie könnten Schulen offen bleiben?

Neben dem Impfen sei auch das Testen ein wichtiger Bestandteil, sagt Addo. Wenn man Schulen offen halten wolle, müsse man nah dran sein am potentiellen Infektionsgeschehen. Schüler müssten regelmäßig getestet werden, um Infizierte ohne Symptome oder mit leichten Symptomen frühzeitig herauszufiltern. Das bedeute nicht, dass die Abstands-und Hygienemaßnahmen weggelassen werden könnten. Sie seien ein Baustein in der Pandemiebekämpfung genau wie das Reduzieren von Kontakten.

Genau das steht auch in der S3 Leitlinie "Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen". Sie ist im Februar erschienen. Mehrere Fachgesellschaften haben diese Leitlinie gemeinsam entwickelt. Auch Epidemiologin Lange hat daran mitgearbeitet. Es geht unter anderem darum, weniger Schüler in den Klassen zu haben, wann Hybridunterricht angemessen ist, wie der Schülerverkehr auf den Schulwegen entzerrt werden kann und natürlich, wie Hygienemaßnahmen eingehalten und wann Masken getragen werden sollten.

A-H-A plus L

Was noch dazu gehört, um Schulen - genauer gesagt, Innenräume - sicherer zu machen, erforscht Martin Kriegel. Er ist der Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU in Berlin. Extra für Innenräume wurden die AHA-Regeln - also Abstand halten, Hygienemaßnahmen beachten und Masken tragen - um einen Buchstaben erweitert: das L für lüften.

Kriegel forscht seit Jahren zur Ausbreitung von Aerosolen in Innenräumen. Jetzt hat er an seinem Institut eine Modellrechnung erstellt. Sie soll den Wert für das Risiko einer Ansteckung in verschiedenen Innenräumen ermitteln und vergleichen.

Mit dieser Modellrechnung ist eine Art Ranking entstanden: Ein besonders erhöhtes Infektionsrisiko gibt es laut dieser Modellrechnung in Großraumbüros und Klassenräumen, die zur Hälfte besetzt seien und in denen keine Maske getragen werde. Noch höher ist das Risiko einer Infektion in einem voll besetzten Klassenraum der Oberstufe. Unbedenklicher dagegen seien ein Theater oder eine Oper mit einer 30 Prozent Belegung, wo die Menschen durchgehend Maske trügen.

Die Aufenthaltsdauer in Räumen spielt eine Rolle

Der Faktor Zeit, so Kriegel, spiele in dieser Pandemie eine größere Rolle, also wie lange sich eine Person in einem Raum aufhält, in dem es vielleicht einen infizierten Menschen gibt. Um einen solchen Raum unkritischer zu machen, spricht sich Kriegel für eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen aus. Dazu gehören viel Lüften am besten in Verbindung mit der Verwendung von CO2-Messungen.

Noch besser wären raumlufttechnische Anlagen zur Nachrüstung für Klassenräume, die mit Wärmerückgewinnung ausgestattet sind und permanent frische, virenfreie Luft in den Raum transportieren. Aber vor allen Dingen könnten kürzere Schulstunden das Risiko deutlich verringern, da die Dauer der gemeinsamen Zeit in Innenräumen die eingeatmete Virenmenge und damit die Dosis und das Infektionsrisiko maßgeblich bestimme. So könnten die Kinder einem Infektionsgeschehen etwas besser aus dem Weg gehen.

Kinder brauchen Kontakte

Denn Kinder bräuchten die Kita und die Schule, also soziale Kontakte, um sich zu entwickeln, sagt Michael Kölch. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Auch diese Gesellschaft hat an der S3 Leitlinie zur Schule in Pandemiezeiten mitgearbeitet. 

Wo es möglich sei, mit Testungen und Hygienekonzepten den Unterricht aufrecht zu erhalten, solle das auch geschehen. Wichtig sei es jetzt, den Blick in die Zukunft zu richten und sich bereits Gedanken drüber zu machen, wie die Kinder durch die nächsten zwei oder drei Jahre kommen. Es wird Kinder und Jugendliche geben, die Nachholbedarf haben und spezielle Förderungen bräuchten, die müssten aufgefangen werden. Damit könne man noch vor den Sommerferien eine Menge Druck herausnehmen und auch so den Kindern helfen, durch die dritte Welle zu kommen.

Über dieses Thema berichtete der NDR in der Sendung "Visite" am 16. März 2021 um 20:15 Uhr.

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