Juan Moreno | Bildquelle: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

"Spiegel"-Fälschungsskandal Autor verteidigt sein Relotius-Buch

Stand: 25.10.2019 16:54 Uhr

Der Journalist Moreno deckte die Täuschungen seines früheren "Spiegel"-Kollegen Relotius auf. Darüber hat er ein Buch geschrieben - und sich nun gegen Vorwürfe von Relotius verteidigt, Unwahrheiten zu verbreiten.

Vor rund fünf Wochen erschien das Buch "Tausend Zeilen Lüge" über den Fall des ehemaligen "Spiegel"-Journalisten Claas Relotius. Nun hat sich Autor Juan Moreno gegen Vorwürfe seines Ex-Kollegen, darin Unwahrheiten zu verbreiten, verteidigt. "Ich glaube, ich habe keinen Fehler gemacht", sagte Moreno bei den Medientagen München. Er habe sehr gründlich recherchiert und "nach bestem Wissen und Gewissen" geschrieben. "Ich gehe bis heute davon aus, dass das stimmt."

Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass Relotius gegen das Buch vorgeht. Darin seien "erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen" zu finden, hieß es in einem Schreiben von Relotius' Anwalt Christian Schertz. Er forderte von Moreno und dem Verlag, die "aufgeführten falschen streitgegenständlichen Aussagen" nicht weiter zu behaupten. Konkret geht es in Relotius' Vorwürfen um mehr als 20 Textstellen.

Ex-"Spiegel"-Redakteur Claas Relotius zeigt einen Journalistenpreis. | Bildquelle: GERT KRAUTBAUER/EPA-EFE/REX
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Relotius hatte für seine Reportagen zahlreiche Journalisten-Preise erhalten.

Ein Déjà-vu

In seinem Buch beschreibt Moreno, wie er das Vorgehen seines früheren Kollegen enttarnte. Jahrelang hatte der heute 33-jährige Relotius für seine gefeierten Reportagen Szenen, Ereignisse, ganze Existenzen erfunden - vor allem für den "Spiegel", aber auch für andere Medien. Gegen anfängliche Widerstände innerhalb des "Spiegel" hatte Moreno die Täuschungen im vergangenen Jahr aufgedeckt.

Er erlebe derzeit ein Déjà-vu, sagte er nun. "Warum glaubt mir denn niemand? Ich bin doch nicht ein Fälscher wie er." Sein Verlag Rowohlt Berlin und er hätten allerdings schon mit Schritten von Relotius gerechnet. Moreno geht davon aus, dass die Auseinandersetzung mit Relotius juristisch geklärt werden müsse.

Nur Randfragen und Nebenschauplätze?

Morenos Verlag hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass ihm eine Unterlassungsforderung des Anwalts zugestellt worden sei. "Darin wird an keiner Stelle bestritten, dass Claas Relotius zahlreiche Reportagen frei erfunden oder gefälscht hat", erklärte eine Sprecherin. "Ebenso wenig werden Morenos Beweise, die zur Überführung von Claas Relotius geführt haben, angezweifelt." Auch die Darstellung und die Ereignisse des im Buch geschilderten Fälschungsskandals würden nicht infrage gestellt.

Zu den behaupteten "erheblichen Unwahrheiten und Falschdarstellungen" zähle etwa die Frage, ob die Bürotür von Relotius stets geschlossen war oder nicht. "Unserer Meinung nach handelt es sich um den Versuch, mit Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren", erklärte die Sprecherin. Der Verlag habe den Vorgang seiner Anwältin übergeben.

Relotius' Anwalt Schertz wies darauf hin, dass sein Klient 19 Preise und zwei weitere Auszeichnungen erhalten habe und nicht - wie von Moreno geschildert - mehr als 40 Preise. Zudem seien mehrere Sätze, Aussagen oder Schilderungen in dem Buch nicht so gefallen beziehungsweise falsch wiedergegeben.

In der "Zeit" meldete sich Relotius selbst zu Wort: "Ich bin mir meiner eigenen großen Schuld heute sehr bewusst und will durch die Auseinandersetzung mit diesem Buch nicht davon ablenken. Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen." Ohne ihn persönlich zu kennen oder mit Menschen aus seinem näheren Umfeld gesprochen zu haben, konstruiere Moreno eine "Figur".

Personelle Konsequenzen beim "Spiegel"

Im Dezember 2018 war der Betrugsfall aufgedeckt worden. Relotius gab nach internen Nachforschungen Fälschungen zu und verließ das Haus. Der Journalist bestätigte anschließend über seinen Anwalt auch öffentlich, dass er "über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden hat".

Die Affäre ist einer der größten Skandale im deutschen Nachkriegsjournalismus. Der "Spiegel" hat die Vorgänge unter anderem in einer umfassenden Dokumentation und neuen Arbeitsabläufen aufgearbeitet. Es gab auch personelle Konsequenzen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 23. Oktober 2019 um 23:05 Uhr in der Sendung "Fazit".

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