Olga Tokarczuk und Peter Handke | Bildquelle: AFP

Vergabe Literaturnobelpreis Im Schatten der Kontroverse

Stand: 10.12.2019 17:15 Uhr

Selten war eine Literaturnobelpreis-Vergabe so umstritten wie die an den Österreicher Handke. Das Werk der zweiten Preisträgerin, Tokarczuk, geht in der Kontroverse unter. Das hat sie nicht verdient.

Von Jan Ehlert, NDR

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke hat schon im Vorfeld für Proteste gesorgt. Es ist nicht die erste umstrittene Entscheidung des Komitees.

Große Entrüstung gab es zum Beispiel 1958, als der russische Dichter Boris Pasternak den Preis erhielt. Damals war die Empörung vor allem in der Sowjetunion groß. Hier war es zunächst vor allem der Berufsverband der sowjetischen Schriftsteller, der bösartige Attacken gegen Pasternak richtete, weil er in dem Dichter einen "Volksverräter" sah. Regierungschef Nikita Chrustschow verbot Pasternak schließlich, die Auszeichnung anzunehmen.

Auch als 1982 der Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez den Preis erhielt, gab es Stimmen, die den offen mit Fidel Castros Kuba sympathisierenden Schriftsteller als Linksradikalen bezeichneten, der seine schriftstellerischen Erfolge zu politischer Einflussnahme einsetze. Nicht ganz unberechtigt: Während der Verleihung kam es zu großen Kundgebungen, auf denen "Es lebe Kuba, aber nicht die USA" skandiert wurde.

Ablehnung auch in der literarischen Welt

Doch eine so vielstimmige Kritik wie jetzt im Fall Handke, die ja aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommt, auch von Organisationen wie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und der Gesellschaft für bedrohte Völker, hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Daran wird die Schwedische Akademie noch länger zu knabbern haben.

Auch in der literarischen Welt gibt es offene Ablehnung gegen die Auszeichnung. In Deutschland hat das am wirksamsten Sasa Stanisic getan. Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises nutzte er seine Dankesrede dazu, seine Erschütterung über den Nobelpreis für Handke auszudrücken. Er warf Handke vor, Lügen über die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien zu erzählen.

Lügen über Kriegsverbrechen

Ähnlich äußerte sich die deutsch-kroatische Schriftstellerin Jagoda Marinic. Handke würde die Geschichten der Opfer infrage stellen. Die Auszeichnung sei ein Schlag ins Gesicht, nicht nur für die Betroffenen der Massaker in Bosnien.

Aber auch ganze Schriftstellerverbände haben sich gegen Handke ausgesprochen, darunter der nicht unwichtige US-amerikanische PEN-Verband. Man sei "verblüfft über die Wahl eines Schriftstellers, der mit seiner öffentlichen Stimme die historische Wahrheit untergraben und den Tätern des Völkermordes öffentliche Unterstützung gewährt hat." Das sei, so hat es die Präsidentin des deutschen PEN, Regula Venske, im Gespräch mit dem NDR gesagt, auch die vorherrschende Meinung im internationalen Schriftstellerverband.

Umstrittene Verleihung des Literaturnobelpreis an Peter Handke
tagesthemen 22:15 Uhr, 10.12.2019, Christian Stichler, ARD Stockholm

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Auch andere Stimmen

Es gibt aber auch ganz andere Stimmen: Claus Peymann etwa, der als Regisseur viel mit Handke zusammengearbeitet hat, sagte, "Es war die schönste Nachricht des Jahres für mich, dass er den Nobelpreis bekommt." Handke sei kein Opportunist, er richte sich nicht nach der Mehrheit, sondern spreche seine eigene Meinung aus, wie das Schriftsteller machen sollten.

Auch Wim Wenders, für dessen Film "Der Himmel über Berlin" Handke das Drehbuch schrieb, war hocherfreut. Und die Österreicherin Elfriede Jelinek, die 2004 selbst den Literaturnobelpreis erhielt, bezeichnete die Wahl Handkes als "großartig".

Werk der Preisträgerin Olga Tokarczuk geht unter

Der zweite Literaturnobelpreise geht dagegen in der Diskussion regelrecht unter. Olga Tokarczuk kann einem leid tun. 2018 wurde der Preis wegen des #MeToo-Skandals, Belästigungen und Bestechungen im Nobelpreiskomitee nicht verliehen. Nun bekommt sie zwar den Preis, aber wegen des Skandals um Handke fast keine Aufmerksamkeit. Das hat ihr Werk nicht verdient. Nicht nur erschreibt sie sich seit Jahren auf fantastische Weise hoch literarisch die Geschichte ihres Landes, sie feiert in ihren Büchern auch die Fremdheit unterschiedlicher Perspektiven.

Ihr Roman "Die Jakobsbücher" etwa trägt den Untertitel "Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet." Tokarczuk durchwandert darin die unterschiedlichen Religionen, die es in Polen gibt und gab, hält ihrem Land so einen Spiegel vor - auch das ist allerdings nicht überall gern gesehen: Tokarczuk ist eine scharfe Kritikerin der Regierungspartei PiS.

Regierungsnahe Zeitungen schrieben nach der Bekanntgabe der Auszeichnung, Talent habe sie vielleicht, aber ihre linksgerichtete Weltanschauung öffne ihr eben auch viele Türen. Empörung ist also immer auch eine Frage der weltpolitischen Perspektive.

Dennoch: Tokarczuks durch und durch menschheitsliebende Literatur macht sie zu einer mehr als verdienten Preisträgerin. "Läsen die Menschen dieselben Bücher, lebten sie in derselben Welt - so aber leben sie in einer jeweils anderen", schreibt Tokarczuk in ihrem Roman. Es wäre zu wünschen, dass ihre Bücher als Folge des Nobelpreises zukünftig von mehr Menschen gelesen werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10.12.2019, 17.00 Uhr.

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