Eine Frau betrachtet während der Vorbesichtigung der Ausstellung "Gurlitt - eine Bilanz" im Kunstmuseum Bern Papierbögen an einer Wand, auf denen Kunstwerke aus der Gurlitt-Sammlung abgebildet sind. | dpa

Gurlitt-Ausstellung in Bern Umgang mit einem schwierigen Erbe

Stand: 16.09.2022 10:09 Uhr

Im Berner Kunstmuseum startet heute die Ausstellung "Gurlitt. Eine Bilanz". Dabei geht es um mehr als beeindruckende Werke. Es geht um Ethik, um Aufarbeitung und historische Verantwortung.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Die Ausstellung beginnt mit vielen Fragen auf einer Wand - zum Beispiel: Was bedeutet historische Verantwortung? Oder: Kann eine Sammlung verschwinden, die 1956 öffentlich präsentiert wurde? Und: In nur einem Wort die ganz große Frage: Raubkunst?

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Raubkunst - der Verdacht, welcher Anlass war für die umfangreichen Recherchen, die jetzt im Kunstmuseum Bern präsentiert werden. Acht Jahre Provenienzforschung am "Schwabinger Kunstfund" - die Sammlung Gurlitt mit 1600 Kunstwerken. Cornelius Gurlitt, so hieß es, habe Bern einen "Nazi-Schatz" vermacht.

"Nach acht Jahren der Auseinandersetzung mit diesem Legat relativiert sich 'Nazi-Schatz' sehr stark", sagt Nikola Doll. Sie leitet die Provenienzforschung im Kunstmuseum Bern. "Wir können sagen, es handelt sich um den Nachlass eines Kunsthändlers. Eines Kunsthändlers, der im Zeitraum des Nationalsozialismus gearbeitet hat und der auch in der Nachkriegszeit noch Kunstwerke verkaufte. Doch der Schatz, der auch auf Werte anspielt, relativiert sich."

Lieberman und Matisse gingen an rechtmäßige Besitzer

Der Großteil der Werke sind Arbeiten auf Papier, aber auch herausragende Gemälde sind dabei - beziehungsweise waren es. Immer wieder sind an den Ausstellungswänden nur neongelbe Rechtecke zu sehen, stellvertretend für die Werke, die das Museum bereits an ihre rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzer zurückgegeben hat - zum Beispiel das Max-Liebermann-Gemälde "Reiter am Strand" an die Nachfahren des Sammlers David Friedman. Oder einen Matisse an die Erbinnen des Pariser Kunstsammlers Paul Rosenberg.

Insgesamt neun Werke wurden bis jetzt eindeutig als Raubkunst identifiziert und restituiert. Ebenfalls zurückgegeben wurden zwei Otto-Dix-Aquarelle, trotz Lücken in der Provenienz. Denn das Kunstmuseum Bern hat entschieden, dass die Nachfahren von NS-Opfern nicht auf eine lückenlose Beweislage warten können. "Das ist eine Frage der Haltung", sagt der Anwalt Marcel Brülhart, der das Museum in Sachen Gurlitt vertritt. 

Ein Mitarbeiter bringt im Kunstmuseum Bern einen neongelben Rahmen an einer Wand neben Gemälden an. Der Rahmen verdeutlicht, dass einige Werke der Ausstellung "Gurlitt. Eine Bilanz" bereits an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wurden. | AFP

Ein neongelber Rahmen für die Werke, die bereits an ihre rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzer zurückgegeben wurden. Bild: AFP

Mehr als 500 Werke galten in NS-Zeit als "entartet"

Elf Restitutionen - das klingt wie eine magere Gurlitt-Bilanz. Doch die Ausstellung zeigt, was für einen enormen Gewinn an Erkenntnissen die Provenienzforschung bringt.

Bei drei Gemälden von Gustave Courbet etwa fanden die Forscherinnen und Forscher heraus, dass die Bilder ursprünglich Dekorationen auf einer Holzkiste gewesen waren. Ein Pariser Kunsthändler hatte sie zertrümmert, um die Bilder einzeln gerahmt zu verkaufen.

Andere Manipulationen wurden an vielen Bildern entdeckt, die die Nazis als "entartete Kunst" in deutschen Museen beschlagnahmt hatten. Gurlitt hatte als Kunsthändler den Auftrag, die Werke im Ausland zu verkaufen. Mehr als 500 davon finden sich jetzt im Nachlass. Und offensichtlich hatte er versucht, ihre Herkunft zu vertuschen. Museumsstempel und Beschriftungen auf der Rückseite wurden abgekratzt, nur noch Spuren sind zu sehen.

Vom Museumsdirektor zum Händler zum Sammler

Auch die Lebensgeschichte von Hildebrand Gurlitt ist Thema. Ein Kunsthistoriker, der, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, erst seinen Job als Museumsdirektor verlor, sich dann schnell als Kunsthändler und Einkäufer für das Führermuseum in Linz der Diktatur anpasste und nach dem Krieg sofort wieder reüssierte. Nun als Kurator und Sammler der von den Nazis geächteten modernen Kunst. "Retter der Moderne" steht an der Museumswand - natürlich mit Fragezeichen.

Schlüssel für unbekannte Schlösser

Die Ausstellung heißt nicht umsonst "Gurlitt. Eine Bilanz". Nicht: Die Bilanz. So ist über Cornelius Gurlitt, der dem Kunstmuseum Bern die Sammlung vererbte, so gut wie nichts bekannt. Im Nachlass gebe es mehrere Schlüssel, möglicherweise zu Banksafes oder Zollfreilagern, in denen noch mehr Kunst lagern könnte, erzählt Museumsanwalt Marcel Brülhart. Doch die, die etwas wissen könnten, schweigen.

"Das Seltsame ist: Die Kunstszene wusste ja von dieser Sammlung. Sie wurde nach dem Krieg zum Teil ausgestellt", so Brülhart. Doch auf Anfragen des Museums an Kunsthändler, nachdem es das Erbe angetreten hatte, ob die Händler Gurlitt kannten, sei stets die Antwort Nein gekommen. Doch im Nachhinein stellte sich laut Brülhart heraus, dass Cornelius Gurlitt über genau diese Händler verkauft hatte.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 16. September 2022 um 10:23 Uhr.