Forscher der Universität Marburg | Bildquelle: dpa

Resochin gegen Coronavirus Zu früh für Optimismus?

Stand: 03.04.2020 17:55 Uhr

Gesundheitsminister Spahn macht im Kampf gegen Covid-19 Hoffnung auf das Uralt-Medikament Resochin. Führende Mediziner halten aber eine solche Aussage zumindest für voreilig.

Von Markus Grill, NDR/WDR

Gesundheitsminister Jens Spahn hat in einem Interview mit dem Online-Portal der "Bild" über das Malaria-Medikament Resochin gesagt, es gebe "erste Hinweise" darauf, dass dieses und andere Medikamente "zu helfen scheinen". Obwohl Spahn sich relativ zurückhaltend geäußert hat, berichteten viele Medien heute unter der Überschrift "Spahn hofft auf Malaria-Medikament".

Spahn während der Pressekonferenz | Bildquelle: dpa
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Gesundheitsminister Spahn löste mit seiner Aussage Optimismus aus - möglicherweise unberechtigt.

Tatsächlich ist die Basis für diese Hoffnung dünn. Resochin, dessen Wirkstoff Chloroquin ist, wurde bereits in den 1930er-Jahren entwickelt und ist in Deutschland nur nach der Verordnung durch einen Arzt erhältlich.

Der neueste "Arzneiverordnungs-Report" listet auf, dass im Jahr 2018 mehr als eine halbe Millionen Tagesdosen Resochin in Deutschland verordnet wurden. Mit durchschnittlichen Tageskosten von 80 Cent ist das Präparat des Bayer-Konzerns billig.

Hersteller Bayer vorsichtig

Doch ob es auch gegen die vom Coronavirus verursachte Covid-19 Erkrankung hilft, ist bisher vollkommen unklar. Selbst Bayer-Chef Werner Baumann sagte in einem Interview mit dem "Handelsblatt" lediglich: "Es gibt Hinweise darauf, dass Resochin im Labor und in ersten klinischen Untersuchungen die Viruslast senkt."

Tatsächlich hat Resochin eine antivirale Wirksamkeit und hemmt in Laborversuchen die Aktivität auch des neuen Coronavirus. Doch im Labor zeigen viele Mittel eine Wirkung - die Frage ist, ob die Mittel anschließend auch einem echten Patienten nützen.

Bisher keine aussagekräftigen Studien

Die klinischen Untersuchungen dazu sind jedenfalls ziemlich bescheiden. Die pharmaunabhängige Zeitschrift "Arznei-Telegramm" berichtete vergangene Woche über eine kleine chinesischen Studie mit 30 Patienten, denen das verwandte Hydroxychloroquin fünf Tage lang gegeben wurde - doch den Teilnehmern in der Studie ging es im Vergleich nicht besser als jenen Patienten, die das Medikament nicht bekamen.

Deshalb raten die Mediziner des "Arznei-Telegramms" auch dazu, Chloroquin und Hydroxychloroquin derzeit jenseits der Zulassung "nur im Rahmen klinischer Studien" einzusetzen. "Ein klinischer Nutzen" für das Mittel gegen Covid-19 "ist bislang nicht belegt". Gleichzeitig weise der Wirkstoff aber auch schwere mögliche Nebenwirkungen auf - von Herzschädigungen bis zu irreversiblen Sehstörungen.

Ärzte warnen vor Euphorie

Welche Studien Gesundheitsminister Spahn gemeint haben könnte, als er davon sprach, dass es "eine Reihe von Studien, unter anderem mit diesen alten Malaria-Mittel" gebe, hat er nicht gesagt. Die derzeit am meisten diskutierte Studie zu Chloroquin stammt aus Frankreich, doch die sei sowohl vom Design, als auch von der Zahl der Patienten "nicht aussagekräftig", sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, im Gespräch mit NDR und WDR.

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten kritisierte die Arbeit: "So, wie diese Studie gemacht wurde, sind wir kein Stück weiter." Dennoch gehöre Chloroquin neben dem gegen Ebola entwickelten Wirkstoff Remdesivir zu denjenigen Präparaten, die derzeit am meisten Hoffnung machen, sagt Ludwig.

Internationale Studie kommt

Auch die WHO will den Wirkstoff nun neben Remdesivir und zwei HIV-Präparaten in einer großen, internationalen Studie vergleichend testen. Denn die bisherigen Erkenntnisse über diese Präparate reichen einfach nicht aus, um es verantworten zu können, sie in der Fläche bei Patienten einzusetzen, sagt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Viele kleine Studien mit unterschiedlicher Methodologie bringen uns nicht die klaren und strengen Beweise, die wir brauchen für Behandlungen, die Leben retten."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. April 2020 um 07:02 Uhr.

Korrespondent

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Markus Grill, NDR/WDR

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