Särge im Kühlraum eines Krematoriums
faktenfinder

Neue Preprint-Studie Corona wohl für Übersterblichkeit verantwortlich

Stand: 31.08.2023 12:39 Uhr

Eine neue Preprint-Studie auf Grundlage von Krankenkassendaten kommt zu dem Schluss, dass die Übersterblichkeit in den Pandemie-Jahren hauptsächlich auf das Coronavirus zurückzuführen ist.

Von Pascal Siggelkow, ARD-faktenfinder

In Deutschland sind seit Pandemie-Beginn mehr Menschen gestorben, als es anhand von statistischen Modellen zu erwarten gewesen wäre - zu diesem Schluss sind bereits mehrere Studien und Institute gekommen. Vor allem in den Jahren 2021 und 2022 wurde für einzelne Monate eine hohe Übersterblichkeit verzeichnet. Die möglichen Ursachen dafür werden zum Teil hitzig diskutiert. Eine neue Preprint-Studie des BARMER Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) liefert nun ein weiteres Puzzlestück.

Der Preprint-Studie nach gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Übersterblichkeit in den Pandemiejahren und Covid-19. Mehr als drei Viertel der Übersterblichkeit war den Studienautoren zufolge mit vorangegangenen Covid-19-Diagnosen verbunden.

"Das Interessante an der Studie ist, dass sie mit einem großen Datensatz von Individualdaten arbeitet", sagt Sebastian Klüsener, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Denn als Grundlage für die Preprint-Studie dienen die Krankenkassendaten von gut zehn Millionen Versicherten der BARMER-Krankenkasse. "Diese Daten erlauben es, auf individueller Ebene Zusammenhänge genauer anzuschauen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber aggregierten Statistiken, mit denen bislang oft gearbeitet wurde."

Übersterblichkeit entfällt auf ältere Altersgruppen

Darauf verweist auch Martin Rößler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am bifg und Co-Autor der Studie. "Wir können die Ebene einzelner Personen abbilden: Wann ist die Person gestorben? Wie alt war sie? Welches Geschlecht hatte sie und welche Erkrankungen hatte sie?" Bei den bisherigen Studien zur Übersterblichkeit sei bislang mit öffentlich zugänglichen Sterbestatistiken gearbeitet worden, so dass vor allem zeitliche Zusammenhänge beispielsweise mit Corona-Wellen als Indiz herangezogen worden seien.

Der Studie zufolge sind in den Pandemiejahren von 2020 bis 2022 etwa 166.000 mehr Menschen gestorben, als zu erwarten gewesen wäre. Diese Übersterblichkeit entfiel demnach fast vollständig auf Menschen, die 60 Jahre oder älter waren. Dass Covid-19 mit etwa drei Viertel der Übersterblichkeit in Verbindung stehe, sei konservativ geschätzt, sagt Rößler. "Wir können nur die Infektionen sehen, die Ärzte kodiert haben. Jede Covid-19-Erkrankung, die nicht von einem Arzt diagnostiziert wurde, sehen wir nicht in unseren Daten."

Bei den ambulanten Diagnosen könne aufgrund der Abrechnungsstruktur auf der Quartalsebene ein Bezug zu einer Coronaerkrankung hergestellt werden, bei stationären Diagnosen deutlich genauer. Deswegen haben die Autoren die beobachteten Sterbefälle noch einmal der Übersterblichkeit - also der nicht zu erwarteten Sterbefälle - gegenübergestellt, sagt Rößler. "Und da sieht man ganz deutlich, dass wir lediglich acht Prozent der beobachteten Sterblichkeit mit Covid-19 in Verbindung bringen können, während es mehr als drei Viertel der Übersterblichkeit ist."

Deswegen sei die beobachtete Sterblichkeit auch so eine wichtige Referenz, weil der Zeitbezug bei den ambulanten Diagnosen durchaus dazu führen könne, dass alle Sterbefälle mit Covid-19 assoziiert würden. "So ist es aber nicht", sagt Rößler. "Bei der beobachteten Sterblichkeit sehen wir ganz deutlich, dass es ein deutlich niedrigerer Anteil ist als bei der Übersterblichkeit."

Versicherungsdaten können verzerrt sein

Als Schwäche der Preprint-Studie sieht Klüsener, dass die Krankenkassendaten verzerrt sein könnten, also einen sogenannten Bias haben. "Krankenkassen haben oft ein bestimmtes Profil von Versicherten. Privatversicherte sind beispielsweise oft elitär, während einige gesetzliche Krankenkassen sehr hohe Anteile von sozioökonomisch weniger gut aufgestellten Personen mit erhöhten Gesundheitsrisiken aufweisen."

Das könne dafür sorgen, dass die Versicherten einer Krankenkasse in bestimmten Bevölkerungsgruppen über- beziehungsweise unterrepräsentiert seien. Eine Hochrechnung der Daten auf die Gesamtbevölkerung könne dadurch Ungenauigkeiten enthalten, sagt Klüsener. Die Studienautoren haben mit Gewichtungen versucht, solche Verzerrungen in den Daten bei der Hochrechnung auszugleichen. Dabei wurden aber nicht Unterschiede bei sozialen Merkmalen wie Einkommen oder Bildung berücksichtigt, so Klüsener.

Die Versicherten der BARMER-Krankenkasse liegen hinsichtlich des sozioökonomischen und gesundheitlichen Profils der Versicherten eher im Mittelfeld. Dadurch seien bestimmte Corona-Risikogruppen unterrepräsentiert, sagt Klüsener. Denn nach Angaben unter anderem des Robert Koch-Instituts lag die Sterblichkeit beispielsweise bei finanziell ärmeren Menschen höher. "Das bedeutet, dass die Ergebnisse der Preprint-Studie eher konservativ einzuschätzen sind, was den Einfluss des Virus auf die Übersterblichkeit betrifft." Die tatsächliche Zahl von Personen, die an beziehungsweise mit Corona verstorben sind, könne somit tendenziell noch höher sein.

Grippe erst Ende 2022 ein Faktor

Dass ein Großteil der Übersterblichkeit in den Pandemiejahren auf das Coronavirus zurückzuführen ist, hält Klüsener für gut belegt. Denn vor allem in den Jahren 2020 und 2021 sei ein klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen Coronawellen und Übersterblichkeit erkennbar. Im Jahr 2022 sei dieser Zusammenhang weniger ausgeprägt, aber immer noch vorhanden. 2022 kam es dann aber zusätzlich noch zum Ende des Jahres 2022 zu einer starken Grippewelle, die ebenfalls eine hohe Übersterblichkeit zur Folge hatte, so Klüsener.

Dieser Anstieg spiegelt sich auch in den Krankenkassendaten wider, sagt Rößler. Während die Grippe seit Pandemiebeginn kaum eine Rolle gespielt habe, wurde sie gegen Ende des Jahres 2022 deutlich häufiger diagnostiziert.

An oder mit Corona verstorben?

Auch wenn die Preprint-Studie die Vermutung erhärtet, dass das Coronavirus hauptsächlich für die Übersterblichkeit in Deutschland seit Pandemie-Beginn verantwortlich ist, so bleibt die Einschränkung, dass auch anhand der Krankenkassendaten nicht eindeutig hervorgeht, ob ein Mensch letzten Endes an oder mit Corona verstorben ist.

"In einer perfekten Welt würden Forschende natürlich gerne für jeden Todesfall wissen, was die Haupttodesursache ist", sagt Klüsener. "Aber der menschliche Körper ist ein sehr komplexes System. Meistens sind es drei, vier Ursachen, die zusammenkommen. Und perfekt wird man es nie erfassen können. Aber auch ohne perfekte Erfassung sind die Daten solide genug, um daraus wichtige Erkenntnisse zu Trends in den Todesursachen ableiten zu können."

Mit den Daten der Preprint-Studie komme man da auch sehr nah dran, sagt Klüsener. "Auf jeden Fall deutlich näher, als es zum Beispiel mit den einfachen Daten zu den Sterbefällen möglich ist."

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Mai 2022 um 08:16 Uhr.