Ein Röhrchen mit dem Label "Monkeypox Virus positive" (Illustration) | REUTERS
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Affenpocken-Simulation Planspiele für den Ernstfall

Stand: 24.05.2022 12:45 Uhr

Seit Jahren werden Simulationen zum Verlauf von Pandemien durchgeführt, auch zu Affenpocken. Verschwörungsideologen vermuten dahinter gezielte Pläne. Dabei geht es um Vorbereitung für den Ernstfall, doch wie effektiv ist dies?

Von Carla Reveland und Silvia Stöber, Redaktion faktenfinder

Ein ungewöhnlicher Stamm von Affenpocken tritt auf und entwickelt sich innerhalb von 18 Monaten zu einer tödlichen globalen Pandemie. Verursacht wird der Ausbruch durch einem Biowaffenangriff mit einem gentechnisch hergestellten Affenpockenvirus, das in einem Labor mit unzureichenden Biosicherheitsvorschriften und schwacher Aufsicht entwickelt wurde. Die Folge: drei Milliarden Krankheitsfälle und 270 Millionen Todesopfer weltweit.

Dieses fiktive Pandemie-Szenario wurde im März 2021 in Zusammenarbeit mit der Münchner Sicherheitskonferenz und der "Nuclear Threat Initiative" (NTI) durchgespielt, um das Risiko biologischer Bedrohungen zu analysieren. Die Übung, die seit Spätsommer 2020 vorbereitet wurde, sollte kritische Lücken in der Aufsicht über die Biotechnologie aufzeigen, die zu versehentlichem oder vorsätzlichem Missbrauch mit potenziell katastrophalen globalen Folgen führen könnten.

Aus der Corona-Pandemie lernen

Die Wahl der Affenpocken erwies sich zufällig als treffend, denn seit Mitte Mai werden Fälle ausgerechnet von Affenpocken unter anderem in Großbritannien, Belgien, den USA und auch Deutschland nachgewiesen. Doch anders als viele Verschwörungsideologen vermuten, stecke hinter dieser Wahl kein von den Eliten gezielter Plan eine Pandemie heraufzubeschwören, um die Bevölkerung zu dezimieren - es habe wissenschaftliche Gründe, so heißt es vonseiten der NTI und der Münchner Sicherheitskonferenz auf Anfrage von tagesschau.de.

"Für das Übungsdesign wollten wir einen Erreger auswählen, der sich plausibel in unser fiktives Szenario einfügt", erklärt Jaime Yassif, Vize-Präsidentin der NTI. Aus einer Reihe von Optionen habe man die Affenpocken als am geeignetsten befunden - auch um zu zeigen, dass auch von anderen Erregern als SARS Gefahren ausgehen.

"Es ging darum zu prüfen, ob wir aus der Covid-Pandemie etwas gelernt haben bzw. die bestehenden oder geschaffenen Prozesse auch einem leicht anderen Erregertyp und Pandemieverlauf gerecht werden", ergänzt Benedikt Franke, Stellvertretender Vorsitzender und Chief Executive Officer der Münchner Sicherheitskonferenz.

"Die Tatsache, dass derzeit in mehreren Ländern die Affenpocken ausbrechen, ist reiner Zufall", so Yassif. Die wichtigste Erkenntnis aus unserer Übung sei auch nicht der spezifische Erreger in dem fiktiven Szenario, "sondern die Tatsache, dass die Welt auf den Schutz vor künftigen Pandemien erschreckend unvorbereitet ist und wir dringend Maßnahmen ergreifen müssen, um diese Anfälligkeit zu beseitigen".

Simulationen nichts Ungewöhnliches

Derlei "Tabletop-Exercises" finden regelmäßig zu unterschiedlichen Themengebieten statt und sind sowohl deutschlandweit als auch international nichts Ungewöhnliches. Ziel sei es "politische Entscheidungsträger und Experten für die jeweiligen Entscheidungszwänge des anderen zu sensibilisieren und wichtige Debatten anhand tatsächlicher Probleme, praktischer Abläufe und bestehender Gemengelagen zu konkretisiere", sagt Franke auf tagesschau.de-Anfrage.

Der Sicherheitsexperte Björn Hawlitschka vom Informationsbüro für Wirtschaftssicherheit (IBWS) erläutert die Vorteile von Szenario-Übungen, Planspielen und Krisenstabsrahmenübungen: Sie hätten für die Beteiligten einen hohen Lerneffekt. "Sie sind handlungsorientiert, aktivieren zum Mitmachen und bleiben damit länger im Gedächtnis. Sie gelten daher als didaktische Königsdisziplin." Jene, die bei Ernstfällen zum Einsatz kommen, könnten präventiv üben und sich aufeinander einstimmen. "Zum anderen ist es hilfreich, sich präventiv mit Szenarien zu beschäftigen, deren Eintreten als wahrscheinlich angenommen werden muss", so Hawlitschka.

In den USA wurde im Oktober 2019, zwei Monate vor dem tatsächlichen Ausbruch der Corona-Pandemie, eine Simulation am Beispiel von Coronaviren durchgeführt. Auch die Bundesregierung setzte sich unter anderem in einer Risikoanalyse unter Federführung des RKI 2013 mit den Gefahren einer Pandemie durch das SARS-Virus auseinander.

Erkenntnisse zum Umgang mit der Pandemie, wie beispielsweise Hygienemaßnahmen wie Händewaschen oder Probleme, die aufgrund fehlender medizinischer Ausrüstung auftreten, wurden in Simulationen in Bezug auf die Corona-Pandemie vorhergesagt. Doch konnten die Erkenntnisse aus den Simulationen die Ausweitung des SARS-CoV-2 Virus hin zur weltweiten Pandemie nicht verhindern. Auch konnte kaum Einfluss auf die Führung in China genommen werden, wo die Pandemie ihren Anfang nahm.

Schwachstellen der Übungsszenarien

Szenarien und Simulationen könnten allerdings "nie die Komplexität der Wirklichkeit erreichen", erläutert Hawlitschka. Selten trete "das eine voraus gedachte Szenario tatsächlich ein, vielmehr eine Mischung verschiedener Varianten. Daher ist die Auseinandersetzung mit vielfältigen Szenarien notwendig", schreibt Hawlitschka auf tagesschau.de-Anfrage.

In Deutschland seien zu selten Übungsszenarien durchgespielt worden, sodass sich die Gegenmaßnahmen hauptsächlich auf die Risikoanlyse von 2013 und einer Länder- und Ressortübergreifenden Krisenmanagementübung (LÜKEX) im Jahr 2007 stützten. Gerade am Anfang der Pandemie habe es zu wenig Übungserfahrung gegeben, so der Sicherheitsexperte. "Das mag auch ein Aspekt sein, warum zu Beginn sehr viel improvisiert werden musste und dann auch teilweise schief lief".

Benedikt Franke von der Münchner Sicherheitskonferenz kritisiert, dass die "vielen Hinweise auf den Mangel an pandemischer Vorsorge nicht ernst genug genommen wurden". Er spricht von einem "Grey Rhino" - in der Expertensprache stehen "Graue Nashörner" für eine sehr wahrscheinliche, aber vernachlässigte Bedrohung. "Schwarzen Schwäne" sind hingegen folgenschwere Ereignisse, die kaum vorhersehbar sind und damit völlig überraschend kommen. In Hinblick auf den Umgang mit der Corona-Pandemie sagt Franke: "Anders als 'Schwarze Schwäne' sind das Probleme, die NICHT unerwartet daherkommen, aber trotzdem massiv unterschätzt werden."

G7-Minister spielten Leopardenpocken-Szenario durch

Prinzipiell hällt Hawlitschka die Länderübergreifende Krisenmanagementübung LÜKEX für "ein sehr gutes und etabliertes Format". Alle zwei Jahre könnten dabei die Krisenstäbe der Bundesländer Szenarien der Öffentlichen Sicherheit üben. Die Taktung könne jedoch höher sein, so Hawlitschka. "Dann müsste aber auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe das dafür erforderliche Mehr an Ressourcen erhalten, wenn dies politisch gewünscht ist."

Verbesserungspotential bestehe bei ressortübergreifenden Szenario-Übungen und Planspielen auf der Bundesebene. "Der Aktionsplan für Zivile Krisenprävention hatte dazu das Format eines 'Nationalen Planspiels' als Idee entwickelt. Doch ist das Papier inzwischen mehr als zehn Jahre alt. Passiert ist nichts", kritisiert Hawlitschka.

Auch müsse die politische Ebene stärker in Übungen einbezogen werden. "Hier sind uns unsere Nachbarn in der Schweiz und Österreich weiter voraus. Hoffnung auf Besserung gibt aber das Treffen der G7-Gesundheitsminister in der vergangenen Woche, die zusammen ein Leopardenpocken-Szenario behandelten."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Mai 2022 um 16:37 Uhr.