Soldaten und ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes | dpa
Analyse

Coronavirus Ein bisher unbekannter Stresstest

Stand: 12.03.2020 06:00 Uhr

Das Coronavirus stellt den Staat auf die Probe, die Pandemie ist ein bisher unbekannter Stresstest. Die letzte große Übung für so einen Fall ist viele Jahre her. Appelle, sich besser vorzubereiten, sind danach verhallt.

Von Georg Mascolo, NDR/WDR

Für Deutschland und weite Teile der Welt ist eine Zeit der Ungewissheit angebrochen. Niemand weiß und kann sagen, wie viele Menschen an dem neuartigen Coronavirus erkranken und wie viele daran sterben werden.

Georg Mascolo

Auch die Auswirkungen auf unser Leben und die Wirtschaft sind noch unklar. Es ist ein bisher unbekannter Stresstest, Hände waschen, nicht ins Gesicht fassen und Fußball vor leeren Rängen zu spielen, wird am Ende nicht reichen. Was notwendig ist, um die Pandemie zumindest zu verlangsamen, wird erst die Zeit zeigen.

Letzte Übung 2007

Im November 2007, das ist nun 13 Jahre her, spielten Bund und Länder ein solches Szenario schon einmal durch. Die sogenannte "Lükex"-Übung ging davon aus, dass in Deutschland durch einen aus Asien kommenden neuartigen Virus 27 Millionen Menschen erkranken und 102.000 sterben. 3000 Experten und Beamte aus Ländern und Bund bis hinauf ins Kanzleramt, waren beteiligt. Manches lief gut, anderes dagegen gar nicht.

Mancher wünscht sich inzwischen, man hätte seitdem einmal wieder im ganz großen Rahmen geübt. Schließlich kam man zum Ergebnis, dass die Konsequenzen einer Pandemie enorm wären.

Zehn Jahre nach dieser Übung kam Microsoft-Gründer Bill Gates erstmals zur Münchner Sicherheitskonferenz und warnte in eindringlichen Worten, sich besser vorzubereiten, die Bedrohung ernster zu nehmen. "Die Welt muss sich auf Pandemien in derselben Art und Weise vorbereiten, wie sie sich auf einen Krieg vorbereitet", sagt Gates bis heute. Das Echo aber war stets mau, nicht nur in München.

Solidarische Gesellschaften bewältigen Krisen besser

Bisher schlägt sich Deutschland allerdings so schlecht nicht. Für die kommende Zeit gilt als erste Lehre, dass solidarische Gesellschaften Krisen besser bestehen als unsolidarische. Jeder und jede einzelne machen jetzt den Unterschied. Nicht nur der Krisenstab. Panik hilft nie und Vernunft ist die wichtigste Ressource. Politiker müssen mit dem, was sie wissen und dem was sie nicht wissen, offen umgehen. Jeder Verdacht, etwas zu verschweigen, ist das größte Risiko.

Medien tun gut daran, die Situation mit kritischem Blick zu verfolgen, aber die eigene Unsicherheit nicht zu großen Schlagzeilen zu verarbeiten. Meistens bereut man diese später. Der italienische Ministerpräsident Guiseppe Conte hat es so zusammengefasst: "Man hat uns allen vorgeworfen, dass wir zu viel reden, aber auch, dass wir zu wenig reden. Dass wir zu rigoros sind und dann wieder, dass wir nicht streng genug sind. So wird es bleiben, bis alles vorbei ist."

Der Markt regelt es nicht

In jeder Krise haben die Verantwortlichen zwei gleich bedeutende Aufgaben: Die aktuelle Lage zu meistern und dafür zu sorgen, dass sich so etwas möglichst nicht wiederholt. Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte, dass er sich an jedem Tag Notizen macht, was verbessert werden muss. Die Liste dürfte schon lang sein: Ganz oben steht, dass Medikamente und Schutzausrüstung nicht mehr im ausreichenden Maß im eigenen Land produziert werden.

Viele dachten, der Markt regelt das schon. Nur dient der Markt vor allem sich selbst, der Staat aber hat eine Verantwortung für Leben und Gesundheit seiner Bürgerinnen und Bürger. Eigene Produktion und Lagerung für den Krisenfall sind notwendig. Exportbeschränkungen im Krisenfall helfen wenig. Dann machen es alle anderen auch so - und Deutschland braucht in vielen Bereichen der Gesundheit mehr, als es geben kann.

Jens Spahn zur Bekämpfung von Corona. | dpa

Gesundheitsminister Spahn führt eine Liste zu notwendigen Verbesserungen. Bild: dpa

Engagierte Spezialisten in den Gesundheitsämtern

Im Krisenstab in Berlin gibt es inzwischen eine lebendige Diskussion, ob sich zentralistische Staaten weniger schwer mit der Corona-Bekämpfung tun - mit klaren Ansagen, was erlaubt ist und was nicht, und keinem Ärger mehr mit einzelnen uneinsichtigen Gesundheitsämtern. Das wird nach der Pandemie zu diskutieren sein.

Bisher lässt sich sagen, dass in vielen Gesundheitsämtern Spezialisten sitzen, die hochengagiert arbeiten, aber eben nicht überall. In Zukunft muss ein Lehrgang beim Robert-Koch-Institut für sie alle verpflichtend sein. Ebenso, wie sich in der Krise mit dem RKI abgestimmt werden muss. Oder besser noch: Der Bund bildet Spezialisten aus und entsendet diese in die Länder. Ebenso muss es Pflicht sein, Pandemie-Pläne nicht nur in der Schublade, sondern sie auch gelesen zu haben.

Das Gesundheitsamt in Heinsberg | dpa

In vielen Gesundheitsämtern engagieren sich hochspezialisierte Mitarbeiter. Bild: dpa

Der Staat muss vorbereitet sein

Häufiger zu üben und nach Corona zusätzliche Mittel und Ressourcen zu bewilligen, ist ebenfalls Pflicht. Szenarien wie terroristische Anschläge werden ständig geübt. Dabei sind ihre Auswirkungen glücklicherweise nicht annähernd so einschneidend. Der Schutz vor Katastrophen ist eine besondere Herausforderung für den Staat. Der Erfolg wird meist nicht daran gemessen, dass ein Ereignis nicht eintritt, sondern daran, dass es nicht so schlimm wird, wie es werden könnte und weniger Menschen sterben.

Die Gesellschaft darf man nicht ständig mit Szenarien in Unruhe versetzen; der Staat aber muss vorbereitet sein. Gates, ein Visionär, der Milliarden hergibt, um die Gesundheitsversorgung in aller Welt zu verbessern, sollte bald nach Berlin eingeladen werden. Es lohnt sich ihm zuzuhören.

Katastrophenschützer mahnen übrigens auch, sich endlich ernsthaft mit den Auswirkungen der Klimakatastrophe zu beschäftigen. Die Gefahren seien nicht weniger real als die einer Pandemie. Soll niemand sagen, man hätte es nicht wissen können.