PeerTube-Instanz mit Videos | Wulf Rohwedder
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PeerTube-Netzwerk Ein sicherer Hort für Desinformationen?

Stand: 19.12.2022 06:00 Uhr

Seit große Plattformen und Soziale Netzwerke verstärkt gegen Desinformationen und Extremismus vorgehen, suchen Akteure nach neuen Verbreitungsmöglichkeiten. Dafür entdecken sie zunehmend ein bisher wenig bekanntes System, wie eine Studie zeigt.

Von Carla Reveland und Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Um unabhängiger von großen etablierten sozialen Plattformen und Digitalunternehmen zu sein, haben sich verschiedene kleinere Netzwerke gebildet, die Teil des sogenannten Fediverse sind. Eines davon ist PeerTube, eine dezentrale, gemeinschaftlich verwaltete Plattform, die als Alternative zum Techgiganten YouTube dient.

Carla Reveland
Wulf Rohwedder

Die Macher bezeichnen sich als ethische und quelloffene digitale Gemeinschaft. Seit rund vier Jahren gibt es PeerTube, bei dem jeder mit kostenloser Software Videos hochladen und verbreiten kann. Mit relativ geringem Aufwand kann man eine sogenannte Instanz aufsetzen, einen Server, auf dem Konten erstellt und Inhalte hochgeladen werden. Die Instanzen werden unabhängig verwaltet, können aber mit anderen vernetzt werden.

Keine zentrale Instanz

Der entscheidende Unterschied zu kommerziellen Plattformen wie YouTube oder Vimeo: Die Daten werden, wie bei dem BitTorrent-Netzwerk, dezentral gespeichert, es gibt keine wirtschaftlichen Interessen oder zentrale Institutionen, die Zensur ausüben können.

Und genau das scheint sich die rechtsextreme und verschwörungsideologische Szene zu Nutze zu machen. PeerTube wird zunehmend auch dafür verwendet, illegale, irreführende, hetzerische oder extreme Inhalte zu verbreiten, wie eine neue Studie des Institute for Strategic Dialogue (ISD) zeigt, die dem ARD-faktenfinder exklusiv vorliegt: "Die Hydra im Netz: Herausforderung der extremistischen Nutzung des Fediverse am Beispiel PeerTube".

Thematischer Fokus der Desinformation: Covid-19

PeerTube werde von rechten Akteuren gezielt genutzt, um die Regulierung und Moderation etwa durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zu umgehen, heißt es in der Studie. Damit sei es eine "attraktive Möglichkeit, ihre Inhalte weiterhin im Internet zu teilen."

Die untersuchten Instanzen einschlägiger Akteure seien voll von Desinformationen gewesen, erläutert Lea Gerster, eine der Autorinnen und Autoren der Studie, gegenüber dem ARD-faktenfinder. Dabei lag der inhaltliche Fokus auf der Covid-19-Pandemie. "Oft werden angebliche Impfschäden besprochen, und wir haben sehr viele Videos von Anti-Maßnahmen-Demos gefunden", sagt Gerster.

Ein weiteres häufiges Narrativ sei eine angebliche Verschwörung durch Eliten, die laut Verschwörungsideologen Ereignisse wie die Pandemie oder Putins Krieg gegen die Ukraine nutzen würden, um ihre geheime Agenda durchzusetzen. Das suggeriere, so die Studie, dass PeerTube-Instanzen als sichere Horte für Desinformation dienen.

Multi-Plattform-Strategie

PeerTube ist dabei in der Regel eine Platform von vielen. "Was wir sehen ist, dass viele führende Köpfe der Bewegung eine Multi-Plattform-Strategie nutzen, um ihre Inhalte online zu veröffentlichen", erklärt Gerster.

Josef Holnburger vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) betont, dass YouTube für die Reichweite der Videos nach wie vor eine wichtige Plattform für die verschwörungsideologische Szene sei. "Ziel von vielen ist es, schon immer auch noch auf YouTube vertreten zu sein, weil sie da einfach andere Leute erreichen als sonst." Zwar seien einzelne Videos mit vielen Hunderttausenden Klicks auch auf PeerTube erfolgreich, aber da wären vor allem Leute aus der eigenen Blase unterwegs. "Die Gassenhauer, die ein breites Publikum erreichen, die finden immer noch auf YouTube statt."

Zum einen erhöht die Strategie des Multi-Platformings also die Reichweite, zum anderen dient es auch als Absicherung, um bei Löschung eines Accounts nicht sämtliche Inhalte zu verlieren. So geschehen bei der deutschen Auskopplung des russischen Staatssenders RT DE, deren Inhalte auch auf der Website über YouTube gehostet waren. Nachdem der YouTube-Account wegen Verstößen gegen die Richtlinien für medizinische Falschinformationen der Video-Plattform gelöscht worden war, waren auch die Videos auf der Website nicht mehr erreichbar.

Back-Up Option bei Deplatforming

Da immer mehr Soziale Netzwerke gegen Desinformation und Hetze auf ihren Plattformen vorgehen und inzwischen sogar Kanäle auf Telegram gesperrt wurden, was lange Zeit als moderationsfreies Netzwerk galt, wachsen die Bemühungen innerhalb der Szene, ihre Inhalte dezentraler aufzustellen.

"Inzwischen machen sie sich immer mehr Gedanken darüber: Wohin können wir ausweichen?", erklärt Studienautorin Gerster. PeerTube sei da eine besonders sichere Alternative, weil Anbieter dort ihre eigenen Server aufbauen können und Kontrolle über ihre Inhalte behalten. Sollten die Inhalte von Anbietern gelöscht werden, könne man immer noch auf die PeerTube-Instanz zurückgreifen und diese verlinken.

"Wir haben es zum Beispiel bei der 'Querdenken'-Bewegung beobachtet. Als deren YouTube-Kanal gesperrt wurde, bauten sie daraufhin eine PeerTube-Instanz auf", sagt Gerster. Allerdings lasse sich das häufig zu beobachtende Phänomen, dass nicht alle Nutzer auf die neue Plattform folgen, auch hier feststellen.

In Deutschland noch am Anfang

Reichweitenstarke Videos auf PeerTube kommen meist von bekannten Köpfen oder Kanälen der Szene, die bereits etabliert sind und über eine große Followerschaft verfügen. "Telegram ist immer noch die Nummer eins, wenn es um die Verbreitung von Inhalten geht. Die meisten kommen über Links von Telegram auf die PeerTube-Videos."

Das sei auch beim österreichischen "Alternativsender" AUF1 der Fall. Auf einer einschlägige PeerTube-Instanz sind die Videos eingebettet, die Links werden auf Telegram geteilt. PeerTube diene hier primär als Hosting-Plattform, nicht aber als Soziales Netzwerk. "Die meisten kriegen gar nicht mit, dass sie ein PeerTube-Video schauen."

Juristische Fallstricke für Nutzer

Dies kann für Nutzer von Peertube-Videos zum Problem werden: Wenn man die Peer-to-Peer Funktion nicht ausstellt, kann man dadurch - gewollt oder ungewollt - automatisch zum Verbreiter des Inhaltes und somit juristisch mitverantwortlich werden. Gleichzeitig gibt man seine IP-Adresse weiter, so dass sich die Nutzung und Weitergabe zurückverfolgen lässt. Dafür reicht schon ein kurzes Anklicken des Videos, ohne dass man es sich komplett ansehen muss.

Noch keine Massenwirkung

PeerTube sei noch eine Randerscheinung in den einschlägigen Kreisen, sagt auch Gerster. "Mein Eindruck ist, dass für die extreme Rechte, gerade im deutschsprachigen Raum, Telegram nach wie vor das zentrale Kommunikationsmittel ist."

Doch könnte PeerTube aufgrund des zunehmenden Deplatformings für extremistische Akteure immer wichtiger werden. Denn PeerTubes dezentrale Struktur führt laut ISD-Studie zu einem "Hydra-Effekt": "Selbst wenn verbundene Server abgestellt werden, bleibt das Netzwerk bestehen und ermöglicht, dass beliebig neue Server hinzugefügt werden können."

Missbrauchsmöglichkeiten systembedingt

Die Macher von PeerTube betonen, dass die Administratoren volle Kontrolle über die von ihnen akzeptierten Inhalte haben und entscheiden, ob sensible Inhalte wie Gewalt und Pornografie standardmäßig angezeigt werden oder nicht. Im September 2021 seien nur etwa ein Prozent der im öffentlichen Index aufgeführten Videos entsprechend gekennzeichnet worden. Nutzer können zudem problematische Videos an den Administrator melden. Wie er mit der Information umgeht, bleibt jedoch ihm überlassen.

Die dezentrale Organisation von PeerTube macht es staatlichen Stellen fast unmöglich, regulierend einzugreifen. So ist es laut der Studie kaum möglich, eine Berichts- oder Löschpflicht durchzusetzen. Selbst die Moderatoren von PeerTube-Instanzen können problematische Inhalte zwar isolieren, nicht aber löschen oder verhindern.

"Es ist die Chance und das Risiko von dezentralen Diensten, dass sie eine eigene Community bauen können", erklärt Politologe Holnburger. Diese Eigenschaft könne genutzt werden, eine abgeschottete eigene Community aufzubauen. Immer wieder seien solche Projekte von Rechtsextremen genutzt und für die eigenen Belange angepasst worden. "Das stellt uns in Zukunft auch nochmal vor größere Herausforderungen."