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Videos von toten russischen Soldaten Hinrichtungen oder vorgetäuschte Kapitulation?

Stand: 22.11.2022 15:09 Uhr

Russland hat ukrainischen Soldaten vorgeworfen, Kriegsgefangene hingerichtet zu haben. Allerdings ist in einem Video zu sehen, dass offenbar einer der russischen Gefangenen plötzlich das Feuer eröffnete.

Von Carla Reveland und Pascal Siggelkow, Redaktion ARD-faktenfinder

In den Sozialen Netzwerken sind vergangene Woche Videos aufgetaucht, die für großes Aufsehen sorgten und eine Debatte auslösten: Haben ukrainische Streitkräfte Kriegsverbrechen an russischen Soldaten begangen oder handelten sie aus Notwehr?

Carla Reveland
Pascal Siggelkow

In einem Drohnenvideo ist zu sehen, wie mehrere russische Soldaten bäuchlings tot auf dem Boden liegen - mit dem Gesicht nach unten. Das russische Verteidigungsministerium sprach angesichts der Bilder von einer "vorsätzlichen und methodischen Ermordung" von mehr als zehn russischer Soldaten.

Video zeigt Szenen einer Gefangennahme

Die Ukraine wies daraufhin den Vorwurf zurück - und warf wiederum Russland Kriegsverbrechen vor. Denn in einem anderen Video sind die vermeintlichen Szenen vor dem Tod der russischen Soldaten zu sehen. Es wurde offenbar aus der Perspektive eines ukrainischen Soldaten gefilmt. Es zeigt, wie ukrainische Kräfte ein Haus umstellt haben, in denen sich zuvor offenbar russische Soldaten aufgehalten haben. Einige der russischen Soldaten scheinen sich bereits ergeben zu haben und liegen nebeneinander am Boden.

Aus einer für die Kamera uneinsichtigen Ecke kommen zudem nach und nach weitere russische Soldaten mit erhobenem Armen hervor und legen sich zu den anderen. Die Gefangennahme scheint zunächst geordnet zu verlaufen, die ukrainischen Soldaten wirken entspannt und richten ihre Gewehre auf den Boden - doch plötzlich ändert sich alles.

Auf einmal kommt ein bewaffneter Mann vermutlich aus einem Nebengebäude, es sind Schüsse zu hören, die Kamera fällt auf den Boden, das Video bricht ab. Nach Angaben des Menschenrechtsbeauftragten des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinez, handelte es sich dabei um einen russischen Soldaten, der das Feuer eröffnete - und somit nur um eine vorgetäuschte Kapitulation. Dies sei ein "Kriegsverbrechen".

Handelt es sich um denselben Ort?

In beiden Videos lassen sich Hinweise darauf finden, dass sie tatsächlich am selben Ort aufgenommen wurden. Beispielsweise sind auf beiden Videos ein rotes Spielzeugauto und eine Schubkarre zu sehen. Auch die Häuserfassade hat dasselbe Muster.

Die Bilder sollen Mitte November aufgenommen worden sein, als die ukrainische Armee den Ort Makijiwka im Gebiet Luhansk im Osten des Landes zurückeroberte. Recherchen der "New York Times" bestätigen, dass die Videos in einem Bauernhaus in dem Dorf aufgenommen wurden.

Zum ersten Mal verbreitet wurde das Drohnenvideo, welches die toten Soldaten auf dem Boden liegend zeigt, am 12. November von einem pro-ukrainischen Telegram-Kanal, der über die Rückeroberung von Makijiwka berichtete. Das zweite Video hingegen wurde erst einige Tage später ins Netz gestellt - auch von ukrainischen Accounts.

Vorgetäuschte Kapitulation eine "Verbotene Kampfmethode"

Was genau passierte, nachdem das Feuer am Ende des einen Videos eröffnet wurde und ob die russischen Soldaten unmittelbar darauf oder erst später getötet wurden, lässt sich anhand des Videomaterials nicht klären. Sollte einer der russischen Soldaten jedoch tatsächlich eine Kapitulation vorgetäuscht haben, wäre das ein Verstoß gegen das Völkerrecht.

"Laut dem Humanitären Völkerrecht fällt eine derartige Vorgehensweise unter 'Verbotene Kampfmethoden', genauer gesagt Heimtücke - das Vortäuschen der Absicht, sich zu ergeben - und würde damit ein Kriegsverbrechen darstellen", sagt Ulf Steindl vom Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). Inwiefern die bereits am Boden liegenden Soldaten eingeweiht waren, lasse sich jedoch nicht feststellen.

Perfidie ein Kriegsverbrechen

Auch Alexander Wentker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, weist darauf hin, dass eine vorgetäuschte Kapitulation gegen das Völkerrecht verstößt. "Wenn durch Perfidie, zum Beispiel durch vorgetäuschte Kapitulation, Angehörige gegnerischer Streitkräfte getötet oder erheblich verletzt werden, stellt das auch ein Kriegsverbrechen dar."

Perfidie bezeichnet Handlungen, die vorsätzlich das Vertrauen eines anderen Menschen ausnutzt, um einen Vorteil zu erlangen. Auch die vorgetäuschte Kapitulation zählt dazu. Ein sich ergebender Soldat dürfte, anders als ein kämpfender Soldat, nach dem humanitären Völkerrecht eigentlich nicht angegriffen werden, sagt Wentker. "Soweit daher durch eine vorgetäuschte Kapitulation gegnerische Soldaten getötet, verletzt oder gefangen genommen werden, ist sie verboten."

Internationale Untersuchungen angekündigt

Die UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine (HRMMU) sagt auf Anfrage des ARD-faktenfinders, man habe Kenntnis von dem Video und werde internationale Untersuchungen zu dem Fall aufnehmen. "Alle derartigen Anschuldigungen von den zuständigen Behörden sollten ordnungsgemäß und unverzüglich untersucht werden."

Eine Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros in Genf erklärte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa, die Vorwürfe über die Hinrichtung von Menschen, die nicht mehr an Kampfhandlungen teilnahmen, sollten "wirksam untersucht und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden".