Der Corona-Skeptiker und Koch Attila Hildmann spricht bei der Abschluss-Kundgebung einer Demonstration gegen die Corona-Politik der Bundesregierung in Berlin. | dpa
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Corona, Masken, Impfungen Die falschen Propheten der Pandemie

Stand: 03.09.2021 06:00 Uhr

Attila Hildmann ist wohl das bekannteste Beispiel für Menschen, die in der Pandemie extrem abgedriftet sind. Im faktenfinder-Podcast erklären Fachleute, warum sich solche falschen Propheten in immer groteskeren Legenden verlieren.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

"Letzte Warnung!" - im September seien "fast alle Geimpften tot". So lautet aktuell nur eine von Hunderten apokalyptischen Prophezeiungen, die im digitalen Kosmos von "Querdenkern", Reichsbürgern und Verschwörungsanhängern verbreitet wird. Immer wieder ist davon die Rede, dass bald die Regierung gestürzt, die Wirtschaft zusammenbrechen und ein "3. Weltkrieg" ausbrechen werde.

Ein bekannter Verschwörungsideologe behauptete beispielsweise im Frühjahr, 25 Prozent der Geimpften würden umgehend sterben. Weitere 36 Prozent hätten wohl so schwere Nebenwirkungen, dass man nicht wisse, ob sie es schaffen würden. Von einer "organisierten Massentötung" war die Rede.

Profit durch Panikmache

Verlage, die seit Jahren ihr Geld mit Verschwörungsmärchen verdienen, bieten mittlerweile in ihren Online-Shops auch noch Ausrüstung an für den "Krisenfall". Das Angebot reicht von Elektroschockern zur Verteidigung über Stromgeneratoren bis hin zu Roggen-Vollkorn-Dosenbrot.

In dieser finsteren Parallelwelt verdienen dubiose Medienaktivisten und gewiefte Unternehmer offenkundig eine Menge Geld - und befeuern die Hysterie daher immer weiter. Die Grenze zwischen persönlichem Fanatismus und wirtschaftlichen Interessen lässt sich oft kaum erkennen.

Einige Protagonisten in diesem Milieu waren einmal durchaus prominent - wie beispielsweise Michael Wendler, der auf Telegram seine fast 150.000 Follower mit immer neuen Hiobsbotschaften und Untergangsszenarien versorgt. Er teilte auch die "letzte Warnung" vor dem angeblich bevorstehenden Tod von fast allen Geimpften im September.

Vom Geschäftsmann zum Gesuchten

Noch radikaler driftete Attila Hildmann ab. Einst ein erfolgreicher Geschäftsmann, ist er heute auf der Flucht und hat seine wirtschaftliche Existenz innerhalb weniger Monate nachhaltig zerstört. Bei einer Rückkehr nach Deutschland drohen ihm Prozesse und empfindliche Strafen - unter anderem wegen diverser Hasstiraden und Drohungen gegen Juden.

Hildmann sei zwar ein extremes Beispiel, aber kein Einzelfall, sagt Carla Reveland aus der faktenfinder-Redaktion der tagesschau. Im Gespräch mit Moderator Michail Paweletz ergänzt der Journalist Sebastian Leber vom "Tagesspiegel", insbesondere Leute, die sich immer weiter radikalisieren, könnten es sich gar nicht leisten, damit aufzuhören. Corona-Leugnung sei zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden: "Manche haben ihren Arbeitsplatz aufgegeben oder haben sich mit ihrer Familie zerstritten." Beziehungen seien zu Bruch gegangen, Freundschaften beendet worden. Wenn man so viel investiert habe, dann sei "es auch dramatisch, wenn man all das dann aufgeben muss. Und deswegen steigert man sich weiter rein".

Die Radikalen bleiben übrig

Dies sei auch in der "Querdenken"-Bewegung zu beobachten: Diese habe deutlich an Schwung verloren. Übrig blieben die Radikalen, die sich gegenseitig anfeuerten. Hildmann sei das beste Beispiel, meint Journalist Leber. Dieser habe "dermaßen viel investiert und verloren seit Beginn der Pandemie". Das einzige, was ihm jetzt noch bleibe, sei "die Illusion, dass er irgendetwas wissen würde, was andere nicht wissen, dass er Geheimwissen hätte und dass seine Phantasie vielleicht doch wahr sein könnte. Und deswegen bleibt er dabei".

Im faktenfinder-Podcast der tagesschau spricht Moderator Michail Paweletz mit Carla Reveland und Sebastian Leber ausführlich über die falschen Prophezeiungen von verschiedenen Aktivisten aus dem Corona-Leugner-Milieu - und sie diskutieren über die Frage, welche Konsequenzen die Blüte der Verschwörungserzählungen während der Corona-Pandemie haben kann. Denn wenn die Pandemie vorbei sein sollte, sind sich Reveland und Leber einig, werden sich die radikalen Verschwörungsideologen ein neues Thema suchen, um weiter zu desinformieren, zu verunsichern und Menschen aufzustacheln.

Den faktenfinder-Podcast gibt es in der ARD-Audiothek, auf tagesschau.de sowie auf großen Plattformen, die Podcasts anbieten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur "Zeitfragen" am 24. August 2021 um 19:30 Uhr.