Bei einer Demonstration gegen die Einschränkungen durch die Pandemie-Maߟnahmen der Bundesregierung vor dem Brandenburger Tor trägt ein Teilnehmer eine Fahne des niedersächsischen Landesverbandes der Partei AfD.
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Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung AfD-Wähler glauben öfter Verschwörungserzählungen

Stand: 28.04.2023 13:29 Uhr

In einer Befragung der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmen mehr als ein Drittel der Probanden gleich mehreren Verschwörungserzählungen zu - darunter auffällig viele AfD-Wähler. Auch der Corona-Impfstatus ist ein Faktor.

Von Pascal Siggelkow, ARD-faktenfinder

Ob zum Klimawandel, der Corona-Pandemie oder dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine: Verschwörungserzählungen treffen in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Das zeigt eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Demnach stimmten 54 Prozent der Befragten mindestens einer von fünf Aussagen zu, die verschwörungsideologischen Kreisen zuzuordnen ist. Mehr als ein Drittel stimmte mindestens zwei Verschwörungserzählungen zu.

Am meisten Zustimmung erhielt die Aussage, dass die Regierung die Bevölkerung in der Coronakrise gezielt in Angst versetzt habe, um massive Grundrechtseinschränkungen durchzusetzen. 36,3 Prozent der Befragten stimmten dem voll oder zumindest eher zu. Dass das Coronavirus eine Biowaffe sei, die absichtlich entwickelt wurde, um Menschen zu schaden, traf bei 18,1 Prozent der Probanden auf Zustimmung.

Höhere Zustimmung von Menschen aus Ost- und Süddeutschland

Menschen aus Ost- und Süddeutschland stimmten diesen Verschwörungserzählungen zur Corona-Pandemie dabei insgesamt öfter zu als Menschen aus Nord- und Westdeutschland. In diesen Regionen gab es auch die größten Proteste während der Pandemie.

Anne Küppers, Co-Autorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, erklärt sich das unter anderem mit dem niedrigeren Vertrauen in politische Institutionen in Ostdeutschland. Zudem sei die schlechtere soziökonomische Lage ein Faktor. "Viele Studien zeigen, dass soziale Ungleichheit oder wirtschaftliche Deprivation mit Verschwörungsglauben assoziiert sind." Auch bei anderen Themen stimmten Menschen aus Ostdeutschland verschwörungsideologischen Aussagen öfter zu.

Dass speziell zur Corona-Pandemie auch in Süddeutschland viele Menschen den Verschwörungserzählungen zustimmten, habe dagegen mutmaßlich andere Gründe, sagt Küppers. "Meine Vermutung wäre, dass es Zusammenhänge gibt mit esoterischem und anthroposophischem Denken, das in Baden-Württemberg stärker verbreitet ist. Das geht mit einer gewissen Wissenschaftskepsis einher."

AfD-Wähler besonders anfällig

Ein noch viel größerer Faktor bei der Zustimmung der Verschwörungserzählungen zur Pandemie spielte der Corona-Impfstatus. Ungeimpfte stimmten den Aussagen deutlich öfter zu. 85,6 Prozent von ihnen sind mindestens eher der Ansicht, dass die Regierung die Pandemie gezielt genutzt habe, um massiv Grundrechte einzuschränken. Beinahe die Hälfte stimmte auch der Verschwörungserzählungen über das Coronavirus als Biowaffe zu. Ähnlich hoch sind die Zustimmungswerte der AfD-Wähler.

Auch bei den Verschwörungserzählungen zu anderen Themen wie dem Krieg in der Ukraine und dem Klimawandel sind die Zustimmungswerte von AfD-Wählern und Ungeimpften deutlich höher. 57,1 Prozent der AfD-Wähler halten die Aussage mindestens eher für richtig, dass sich die westliche Welt gegen Russland und dessen Präsidenten verschworen habe, um die eigene Macht auszubauen - bei Wählern der Grünen sind es lediglich 11,9 Prozent. Gut zwei Drittel der AfD-Wähler stimmte zudem mindestens eher der Aussage zu, dass Wissenschaftler die Risiken des Klimawandels mit Absicht übertrieben, um mehr Geld und Anerkennung für ihre Forschungen zu erhalten.

Und das ist kein Zufall, sagt Küppers. Denn die höchsten Zustimmungswerte für Verschwörungserzählungen stammten von den extremen Rändern, besonders aus dem rechtspopulistischen und -extremen Milieu. Das spiegelt sich auch darin wider, dass 25 Prozent der Befragten der Aussage mindestens eher zustimmten, die herrschenden Eliten verfolgten das Ziel, das deutsche Volk durch Einwanderer auszutauschen - eine Verschwörungserzählung des sogenannten "Großen Austauschs", die von Rechtsextremen verbreitet wird.

Menschen glauben oft mehreren Verschwörungsmythen

Dass mehr als ein Drittel der Befragten gleich mehreren Verschwörungserzählungen zugestimmt haben, überrascht Küppers nicht. "Der stärkste Erklärungsfaktor, warum jemand eine Verschwörungserzählung glaubt, ist: weil er schon an andere glaubt." Denn bei einigen Menschen gebe es eine Art Verschwörungsmentalität: "Menschen, die tendenziell überall Muster sehen, für die es einfach keine Zufälle gibt und die überall geheime Machenschaften wittern, haben eine Grundanfälligkeit für Verschwörungserzählungen."

Mit Bildung könne zwar erreicht werden, dass der Anteil an Menschen innerhalb einer Gesellschaft, die Verschwörungserzählungen glauben, verringert werde, sagt Küppers. Ganz verschwinden würden Verschwörungsideologen aber nicht. "Es gibt immer so ungefähr ein Drittel der Bevölkerung, der als anfällig gilt. Das ist relativ stabil." Krisenzeiten wie die Corona-Pandemie oder der russische Angriffskrieg in der Ukraine sorgten dann dafür, dass Menschen Verschwörungserzählungen verfallen. "Verantwortlich dafür kann das Gefühl eines Macht- oder Kontrollverlusts sein, oder auch der Wunsch nach Erklärungen."

Ablehnung der repräsentativen Demokratie

Eine Gefahr der Verschwörungserzählungen zeige sich in der Ablehnung der repräsentativen Demokratie, sagt Küppers. So sind der Studie zufolge zwei Drittel der Anhänger von Verschwörungserzählungen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden - im Rest der Bevölkerung sind es 26 Prozent. Allerdings befürworteten auch unter den Verschwörungsanhängern nur sehr wenige eine einzelne Führungskraft mit umfassender Entscheidungsmacht als präferiertes Regierungsmodell - die Mehrheit von ihnen sprach sich für regelmäßige Volksentscheide aus.

"Da sie der Regierung und politischen Eliten stark misstrauen, lehnen viele der Verschwörungsideologen die repräsentative Demokratie ab", sagt Küppers. "Daher ergibt es in gewisser Weise natürlich Sinn, dass sie sich eine direkte Demokratie wünschen." Auch dabei drücke sich der psychologische Wunsch aus, dem Kontroll- und Machtverlust entgegenzuwirken. "Mitbestimmungsmöglichkeiten wie bei Volksentscheiden können dieses Gefühl reduzieren und den Menschen das Gefühl geben, dass sie Einfluss nehmen können."

AfD-Wähler besonders unzufrieden mit Demokratie

Doch nicht nur Menschen, die Verschwörungserzählungen zustimmen, stehen dem Funktionieren der Demokratie skeptisch gegenüber. Nur knapp die Hälfte aller Befragten zeigte sich zufrieden damit - ähnlich wie bereits im Jahr 2019. Demnach sind ökonomisch schlechter gestellte Menschen, solche mit niedrigen Bildungsabschlüssen oder diejenigen, die sich der Unter- oder Arbeiterschicht zurechnen, deutlich unzufriedener mit der Demokratie. So zeigten sich nur 32,8 Prozent der Befragten, die sich der Unter- oder Arbeiterschicht zuordnen, mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Demgegenüber beläuft sich die Zufriedenheit bei den Befragten der oberen Mittel- und Oberschicht auf 64,2 Prozent.

Diskrepanz zwischen Ost und West steigt

Die Zufriedenheitsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nahmen laut der Studie im Vergleich zu 2019 weiter zu: Im Westen stieg die Zufriedenheit mit der Demokratie um 2,5 Prozentpunkte (auf 52 Prozent), im Osten sank sie um zwei Punkte (auf 34 Prozent). Politisch besonders rechts eingestellte Befragte zeigten sich mit 75 Prozent entschieden unzufrieden mit der Demokratie; Wählerinnen und Wähler der AfD waren sogar zu 94 Prozent unzufrieden. 

Besonders links eingestellte Befragte hingegen waren nur zu 51 Prozent unzufrieden. Am zufriedensten waren Wählerinnen und Wähler der Grünen: Sie waren nur zu 21 Prozent unzufrieden, gefolgt von denen der SPD mit 34 Prozent. Mit rund 71 Prozent schenkten die Befragten dem Bundesverfassungsgericht unter den demokratischen Institutionen mit Abstand am meisten Vertrauen, wie die Studie weiter ergab. 

Die Studie basiert nach Angaben der FES auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 2500 wahlberechtigten Deutschen ab 18 Jahren.