Passanten mit Gesichtsmasken in einer Fußgängerzone in Köln | Bildquelle: dpa

Corona-Infektionsgeschehen Diffus und komplex

Stand: 20.10.2020 14:24 Uhr

Das Corona-Virus breitet sich rasant aus - sowohl Großstädte als auch ländliche Regionen sind stark betroffen. Die Entwicklung zeigt, wie diffus und komplex die Lage ist. Welche Wirkung einzelne Maßnahmen haben, lässt sich kaum bewerten.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin, Redaktion ARD-faktenfinder

Mit weiteren Einschränkungen soll die Ausbreitung des SarsCov2-Virus in Deutschland eingedämmt werden: In mehreren Regionen verkündeten die Behörden strenge Maßnahmen, das öffentliche Leben wird erneut massiv eingeschränkt.

Als eine wichtige Maßnahme gegen die rasante Verbreitung hatten Bundes- und Landesregierungen in der vergangenen Woche dazu eine Sperrstunde ab 23 Uhr vorgestellt - wenn in dem entsprechenden Landkreis die Sieben-Tage-Inzidenz den Wert von 50 Fällen überschreitet. Zur Begründung der Maßnahme sagte CSU-Chef Markus Söder: "Eine Stunde weniger Alkohol kann ja wohl nicht ernsthaft wichtiger sein als am Ende die Frage, ob wir wieder Triage-Systeme wie in anderen Ländern diskutieren wollen." Diese Aussage erweckte den Eindruck, eine Sperrstunde allein könnte katastrophale Folgen der Corona-Pandemie in Deutschland verhindern. Doch dies erscheint höchst fragwürdig.

Britische Experten sahen in Sperrstunde keinen Sinn

In Großbritannien beispielsweise stellte das wissenschaftliche Beratergremium der Regierung (Scientific Advisory Group for Emergencies - SAGE) fest, dass eine Sperrstunde wahrscheinlich nur "marginale Auswirkungen" auf das Infektionsgeschehen haben werde. Die Experten kamen bei ihren Empfehlungen zu dem Schluss, dass die komplette Schließung von Bars, Cafés und Pubs auf die Reproduktionsrate des Virus lediglich einen sehr kleinen Effekt habe, wobei sie einräumten, dass "eine genaue Vorhersage sehr schwierig ist". Dementsprechend noch weniger Auswirkungen sah das Gremium bei der abgeschwächten Form der Sperrstunde.

Trotzdem wurde sie von Boris Johnson eingeführt: Seit dem 24. September gilt, dass alle Restaurants, Pubs und Bars um 22.00 Uhr schließen müssen - bislang ohne erkennbare Wirkung. Im Gegenteil: Die Zahlen sind seitdem noch einmal sprunghaft gestiegen.

Warnung vor ungewollten Effekten

Noch kritischer sahen die Wissenschaftler die in Deutschland ebenfalls verbreiteten Maßnahmen gegen Versammlungen im Freien. Diese hätten nur einen "geringen Einfluss", die Reproduktionsrate werde damit um weniger als 0,05 abgesenkt. In Großbritannien seien unter zwei Prozent aller Infektionen auf große Freiluft-Veranstaltungen mit mehr als 50 Menschen zurückzuführen. Demgegenüber stellten die Forscher fest, dass solche Maßnahmen junge Menschen überproportional beträfen und warnten vor unbeabsichtigten Diskriminierungseffekten gegenüber Menschen, die keinen Garten hätten, sozial schlechter gestellt seien oder ethnischen Minderheiten angehörten.

Ähnlich argumentierte auch der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit im Gespräch mit tagesschau.de. Er hält die bestehenden Maßnahmen für ausreichend und glaubt nicht, dass eine Sperrstunde einen maßgeblichen Einfluss hat. Er plädierte zudem dafür, "die Bedürfnisse junger Menschen ernstzunehmen". "Sonst geht das in die Illegalität", so Schmidt-Chanasit.

Eilantrag gegen Sperrstunde erfolgreich

Im Berliner Bezirk Neukölln, der zeitweise mehr als 190 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner aufwies, seien Infektionsketten nicht mehr nachzuvollziehen, erklärte der dortige Amtsarzt Nicolai Savaskan im "Tagesspiegel". Zwar hätten "große Hochzeitsfeiern" und "Ausbrüche in Bars" zum Infektionsgeschehen beigetragen, diese seien aber "relativ einfach" zu handhaben, "weil wir sie eindämmen konnten, in dem Moment, in dem wir sie detektiert hatten."

In Berlin gab das Verwaltungsgericht zudem einem Eilantrag von Gastronomen gegen die Sperrstunde statt. In der Urteilsbegründung hieß es, es sei nicht ersichtlich, dass die Sperrstunde für eine nennenswerte Bekämpfung des Infektionsgeschehens erforderlich sei. Das Gericht bezog sich dabei auf das Robert Koch-Institut. Beobachtet werden demnach Fallhäufungen bei Feiern im Familien- und Freundeskreis, in Einrichtungen wie etwa Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern und in Verbindung mit religiösen Veranstaltungen sowie Reisen.

Diffuses Geschehen

Zuletzt war oft von Großstädten die Rede, wenn es um die Ausbreitung von Corona in Deutschland geht. Doch sind nicht nur Metropolen massiv betroffen, sondern auch ländlich geprägte Regionen. Im Berchtesgadener Land wird es einen neuen Lockdown geben, verkündete Ministerpräsident Söder am Montag. Besonders hohe Infektionszahlen melden auch Landkreise wie Cloppenburg und Delmenhorst in Niedersachsen.

Ein wichtiger Faktor für die schnelle Ausbreitung von Corona scheint die Zahl der Kontakte der einzelnen Menschen zu sein. Doch auch die Angaben dazu sind unübersichtlich. So spricht der Neuköllner Amtsarzt Savaskan von "im Schnitt 15 Kontaktpersonen" pro Fall. In Nürnberg hingegen sagte Oberbürgermeister Marcus König, im März seien es "vielleicht fünf, sechs" Kontakte pro Infiziertem gewesen, jetzt seien zumeist "80 bis 90 Telefonate mit Kontaktpersonen" zu führen. Ob Kontakte regional anders gezählt oder bewertet werden, bleibt unklar.

Appell der Kanzlerin

Die Ursachen für die steigenden Infektionszahlen sind also vielfältig. Verschiedene Faktoren, die sich gegenseitig noch beeinflussen, spielen eine Rolle. Eine Sperrstunde dürfte laut den meisten Experten eher wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken, erscheint für die Politik aber ein milderes Mittel als zum Beispiel Schulschließungen. Außerdem können solche Sperrstunden den psychologischen Effekt haben, Gefahr zu signalisieren, damit mehr Menschen ihre Kontakte von sich aus einschränken.

Die Maßnahme als entscheidenden Faktor im Kampf gegen die Pandemie darzustellen, lässt sich aber nicht durch Fakten belegen. Kanzlerin Angela Merkel merkte bei der Pressekonferenz zu den neuen Maßnahmen im Gegensatz zu Söder an, es sei nicht bewiesen, dass eine Sperrstunde helfe - und appellierte danach noch einmal eindringlich, die Bürgerinnen und Bürger sollten ihre Kontakte reduzieren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.

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