Schülerinnen und Schüler an einem Gymnasium in Bayern | dpa
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Schulen und Corona Cluster, Treiber oder sicher?

Stand: 26.11.2020 08:03 Uhr

Über die Rolle von Schulen in der Pandemie wird viel diskutiert. Dabei werden Auswertungen, Studien und Zahlen zitiert - je nach Standpunkt und Interesse. Doch wie zuverlässig sind die Angaben?

Patrick Gensing tagesschau.de
Dominik Lauck

Von Patrick Gensing und Dominik Lauck, Redaktion ARD-faktenfinder

In der Debatte über Präsenz- oder Wechselunterricht an Schulen in Deutschland agieren Gegner und Befürworter mit sehr unterschiedlichen Studien und Zahlen. Die Diskussion wurde in dieser Woche weiter angefacht durch eine Pressemitteilung von Kinderärzten, die erklärten, es gebe keine erhöhte Corona-Dunkelziffer bei Kindern.

Sie hatten die Daten von mehr als 110.000 Kindern ausgewertet, die routinemäßig in Kinder- und Jugendkliniken auf das Coronavirus getestet worden waren. Demnach waren zum Stichtag 18. November im Mittel nur 0,53 Prozent der Minderjährigen infiziert, heißt es in der Erklärung. Kinderärzte von Kliniken aus Passau, München und Regensburg hatten mit Unterstützung des Verbands der leitenden Kinderärzte und Kinderchirurgen Deutschlands die Daten der jungen Patienten zusammengeführt.

Debatte über mögliches Dunkelfeld

Hinweise auf eine unentdeckte hohe Dunkelziffer unter Kindern gebe es nicht, sagte der Chefarzt der Passauer Kinderklinik, Matthias Keller. "Wir schließen daraus auch, dass die Ansteckungsgefahr an Schulen eher überschätzt wird." Da Kinder häufig keine Symptome zeigten, sei bisher in der Debatte häufig davon ausgegangen worden, dass die Infektionsrate unter Kindern und Jugendlichen deutlich höher sei, als es die offizielle Statistik widerspiegele. "Genau diese Annahme muss man aber jetzt infrage stellen", sagte Keller. Nach Ansicht der Mediziner kommt die Analyse einer "Zufallsstichprobe am nächsten", da der überwiegende Teil der jungen Patienten wegen anderer Erkrankungen oder Verletzungen eine Klinik aufsuchte.

Der Virologe Christian Drosten hatte angesichts der auffällig niedrigen Inzidenz bei Kindern unter zehn Jahren gewarnt, es könne ein unentdecktes Dunkelfeld geben. Im NDR-Podcast sagte er zu den Zahlen der Kinderärzte, wenn man diese Angaben grob hochrechne auf den Untersuchungszeitraum und 100.000 Einwohner, ergebe sich eine höhere Inzidenz bei den untersuchten Kindern als in der Gesamtbevölkerung. Doch solche Rückschlüsse und eindeutige Aussagen auf Basis weniger Daten seien stets schwierig, betonte der Chefvirologe der Berliner Charité. Auch eine Untersuchung von Blutproben aus Sachsen sei lediglich ein Zwischenbericht.

Hamburg legt Zahlen vor

Die Kultusministerkonferenz stattete die Ministerpräsidenten mit Zahlen aus, nach denen am 12. November bundesweit nur 0,37 Prozent der Schulen geschlossen und 14 Prozent teilgeschlossen waren. Mit 18.298 Schülern seien zudem nur 0,17 Prozent infiziert gewesen - und 0,42 Prozent der Lehrer. In Quarantäne hatten sich danach nur 1,46 Prozent der Lehrkräfte und 1,8 Prozent der Schüler befunden. Die Infektionszahlen werden sonst allerdings nicht in Relation zu einer gesamten Gruppe, beispielsweise allen Einwohnern einer Stadt, angegeben, sondern in Bezug auf 100.000 Einwohnern, um sie vergleichbar zu machen.

Hamburgs Schulbehörde stellte vergangene Woche in einer Pressekonferenz eine interne Auswertung vor, nach der die Ansteckungsgefahr für Kinder und Jugendliche in der Schule viel geringer ist als außerhalb. So hätten sich von 372 zwischen den Sommer- und Herbstferien mit Corona infizierten Schülerinnen und Schülern mit großer Wahrscheinlichkeit mindestens 292 (78 Prozent) nicht in der Schule infiziert. Auf Basis dieser Daten erarbeitete Schulsenator Ties Rabe für alle Bundesländer Vorschläge im Umgang mit den Schulen während der kommenden Wochen.

In den tagesthemen sagte Rabe auf die Frage, ob dies nicht "Schönwetterzahlen" aus dem Spätsommer mit geringem Infektionsgeschehen seien, man habe auch nach den Herbstferien "nach den gleichen Methoden" Stichproben genommen, die die Ergebnisse bestätigt hätten. Wie viele Proben dies waren und nach welchen Kriterien sie erhoben wurden, konnte die Schulbehörde nicht sagen. Auf Anfrage des ARD-faktenfinder erklärte ein Sprecher: "Dazu gibt es in der Tat keine - veröffentlichten - Daten." Die Auswertung sei "noch nicht abgeschlossen".

Diskussion über Infektionsquellen

Die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina schätzt die Lage anders ein: "Schülerinnen und Schüler sind ein wesentlicher Teil des Infektionsgeschehens - das zeigen die Zahlen in anderen europäischen Ländern wie auch aktuelle Zahlen des Robert Koch-Instituts für Deutschland", heißt es in einer Mitteilung. Und weiter: "Bei Schülerinnen und Schülern hat die Inzidenz in allen Altersgruppen in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Der Schwellenwert von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen ist deutlich überschritten, besonders deutlich bei den Zehn- bis 19-jährigen.

Nach aktuellen Angaben des RKI liegt die Inzidenz der vergangenen sieben Tage bei Zehn- bis 19-Jährigen bei 170 Fällen auf 100.000 Einwohner - und damit über dem Durchschnitt aller Altersgruppen von 150.

RKI: Ausbrüche auch in Schulen

Die Kultusminister betonen immer wieder, die Schulen seien nicht der Ort der Infektionen - diese würden von außen hereingetragen. Kritiker verweisen in diesem Kontext jedoch auf Massentestungen an Schulen, die eine vielfach höhere Inzidenz als in der Gesamtbevölkerung ergaben. Es sei daher nicht schlüssig, dass die Infektionen nur hineingetragen würden.

Das RKI schreibt in seinem Lagebericht, Covid-19-bedingte Ausbrüche würden "in Alten- und Pflegeheimen gemeldet, aber auch in Schulen und im beruflichen Setting." Im Vergleich zur ersten Welle im Frühjahr seien "viele Fälle in Schulen und Kitas zu beobachten, da es zum jetzigen Zeitpunkt keine allgemeinen Kita- und Schulschließungen gibt. Mit der Zunahme der Gesamtfallzahlen nehmen daher auch die Fälle in Kitas und Schulen zu." Das RKI plädiert nicht für die Schließung von Schulen, Präsident Lothar Wieler appellierte aber wiederholt an die Bundesländer, die RKI-Empfehlungen umzusetzen, um das Infektionsrisiko zu verkleinern. Auch die Leopoldina verwies noch einmal "mit Nachdruck" auf diese Maßnahmen.

Streitpunkt Grenzwert

Das RKI empfiehlt ab einer Inzidenz von 35 bzw. 50 Fällen auf 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche Maskenpflicht und geteilte Klassen. Die Länder setzten diese Empfehlungen aber nicht flächendeckend um. Die Kultusminister streben nun offenkundig einen deutlich höheren Grenzwert an.

Hamburgs Schulsenator Rabe empfiehlt einen "politisch gesetzten" Inzidenzwert von 200 - "basierend auf der allgemeinen Entwicklung der Inzidenzwerte in Deutschland". Die Definition eines Hotspots mache nur deutlich oberhalb des allgemeinen Infektionsniveaus Sinn. "Insofern wäre ein Festhalten am 50er Wert obsolet", erklärte seine Behörde gegenüber dem ARD-faktenfinder.

Sprechen ein Viertel der Familien kein Deutsch?

Rabe sagte zudem in den tagesthemen, in Hamburg werde "in 26 Prozent aller Familien zuhause gar kein Deutsch gesprochen". Damit wollte er unterstreichen, welche Nachteile ein Wechselunterricht für viele Schülerinnen und Schüler habe. Fachleute betonen immer wieder, Fernunterricht bringe insbesondere für ärmere Familien große Nachteile und vergrößere die Bildungsungerechtigkeit.

Allerdings ist die Aussage, es würden 26 Prozent der Familien gar kein Deutsch sprechen, ungenau. Rabe bezieht sich dabei auf die Schuljahresstatistik 2019, die vom Institut für Bildungsmonitoring erstellt wurde. Dort heißt es, dass diese Familien "zu Hause nicht oder überwiegend nicht Deutsch sprechen".

Bei Untersuchungen dazu stellt beispielsweise die Bertelsmann-Stiftung zudem fest: "Im Rahmen der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik wird erhoben, ob in der Familie vorrangig Deutsch oder nicht Deutsch gesprochen wird. Hierbei darf nicht übersehen werden, dass die auf diese Weise erfasste Gruppe an Kindern mit nicht deutscher Familiensprache sehr heterogen hinsichtlich ihrer (sozio-)ökonomischen und sozialen Lebenslage, Kultur und Biografie, etc. ist."

Das heißt, die Angabe, ob eine Familie zu Hause überwiegend deutsch spricht oder nicht, sagt isoliert betrachtet noch nichts über die generellen Deutschkenntnisse der Familie oder deren sonstigen Lage aus. Wie viele Familien die deutsche Sprache gar nicht beherrschen, konnte die Schulbehörde auf Nachfrage nicht sagen.

Weder "Treiber" noch "sicher"

Dass die Schulen "Treiber" der Pandemie sind, lässt sich durch die vorliegende Zahlen nicht belegen. Allerdings lässt sich auch nicht die Behauptung belegen, die Schulen seien "sicher" und spielten beim Infektionsgeschehen keine Rolle. Denn angesichts des hohen Infektionsgeschehens sind auch junge Menschen stark betroffen. Wo sie sich anstecken, lässt sich in vielen Fällen kaum nachvollziehen. Insgesamt bleibt das Infektionsgeschehen in den meisten Teilen Deutschlands hoch und diffus.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 24. November 2020 um 15:04 Uhr in "Quarks".