Die Silhouette einer Frau vor den App-Symbolen von Socialmedia Apps. | Bildquelle: picture alliance / dpa Themendie

Corona-Krise in den USA Kampagne zur Desinformation aus Russland?

Stand: 29.07.2020 10:32 Uhr

Wenige Monate vor der US-Wahl behaupten Regierungsbeamte, Moskau bringe mithilfe dreier Webseiten gezielt falsche Infos über die Corona-Krise in Umlauf. Über Deutschland heißt es auf einer der Seiten, das Land sei zusammengebrochen.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Russland verbreitet laut US-Regierungsbeamten über Nachrichtenseiten gezielt falsche Informationen über die Coronavirus-Pandemie. Vor der Präsidentschaftswahl im November wolle sich Moskau damit eine Krise zunutze machen, behaupteten die Gewährsleute gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Auch die "New York Times" berichtet über entsprechende Hinweise, die Zeitung bezieht sich dabei auf Geheimdienstberichte.

Für die auf amerikanische und westliche Gesellschaften abzielende Desinformationskampagne seien zwei Russen mit Führungsrollen im Militärgeheimdienst GRU verantwortlich, berichtet AP. Die Aktion sei Teil anhaltender russischer Bemühungen, Verwirrung zu stiften. Die "New York Times" berichtet, in den Geheimdienstberichten seien Denis T. und Aleksandr S. genannt worden, die Verbindungen zum GRU hätten und dafür sorgten, dass die von russischen Geheimdiensten verfassten Nachrichten von InfoRos und auf InfoBrics.org sowie OneWorld.Press verbreitet werden.

"Zusammenbruch in Deutschland"

Zwischen Ende Mai und Anfang Juli verbreiteten laut einem US-Beamten die drei Webseiten rund 150 Artikel über die Reaktion auf die Pandemie, die Russlands Image förderlich sein sollten, die USA hingegen in ein schlechtes Licht rücken sollten. Unter den Schlagzeilen, die die Aufmerksamkeit der US-Geheimdienste erregten, gehörte folgende: "Russlands Anti-Covid-19-Hilfe für Amerika treibt Entspannung voran". Damit wurde suggeriert, dass Russland den USA dringende und wichtige Unterstützung im Kampf gegen die Pandemie habe zukommen lassen.

Auch über die Lage in Deutschland verbreiten die beschuldigten Medien ein äußerst negatives Bild: Die Bundesrepublik sei seit Jahren "ein Land ohne Hoffnung", heißt es in einem Beitrag aus dem Juni. Das "deutsche autonome Volk" werde zu einer Minderheit, das Flüchtlingsproblem sei "außer Kontrolle geraten". Und weiter: "Covid19 war auch der Auslöser für den Zusammenbruch Deutschlands."

Seriöse und falsche Informationen vermischt?

Zwar haben sowohl die EU als auch US-Behördenvertreter schon länger vor Falschinformationen über die Pandemie gewarnt. Nun stellen sie einen bestimmten Informationsdienst heraus: InfoRos soll für die Kampagnen verantwortlich sein.

Die US-Vertreter werfen Russland eine ausgeklügelte Strategie vor: In gutem Englisch verfasste Geschichten würden mit anderen Nachrichtenquellen verquickt, um deren Ursprung zu verschleiern und die Glaubwürdigkeit der Informationen zu erhöhen. Die US-Regierungsbeamte ließen offen, ob die Machenschaften direkt auf die amerikanische Präsidentschaftswahl abzielten. 2016 war von aus Russland eine heimliche Social-Media-Kampagne gestartet worden, um die öffentliche Meinung in den USA zu spalten, Konflikte anzuheizen und Stimmung zugunsten Trumps zu machen.

Russische Medien weisen Vorwürfe zurück

Auf der Seite "OneWorld" wurde eine Stellungnahme zu den Vorwürfen veröffentlicht, in der die Berichte über gezielte Propaganda zurückgewiesen werden. Es handele sich um Lügen, zudem spekuliert "OneWorld" über einen "tiefen Staat" in den USA, der hinter den Berichten stecke, um die Wiederwahl von Donald Trump zu verhindern.

Erst vergangene Woche warnte der oberste Spionageabwehr-Chef der US-Regierung, dass Russland weiterhin auf Internettrolle setze, um seine Ziele durchzusetzen. Auch in Europa sind russische Trolle seit Jahren aktiv. 2018 wurde beispielsweise aufgedeckt, dass in mehr als 100 Fällen britische Medien unwissentlich aus Tweets von russischen Trollen zitierten. Die Tweets wurden von namhaften Medien als Netz-Reaktionen verbreitet.

Auch während der Bundestagswahl 2017 waren russische Trolle aktiv, wie Recherchen des ARD-faktenfinder zeigten. Oft gaben sich die russischen Profile als junge Frauen aus - Maria, Margareth und Tina beispielsweise. Diese mischten sich in aktuelle Diskussionen über politische Talkshows ein und twitterten gezielt Politiker an, darunter Renate Künast, Christian Lindner und Peter Tauber.

Im Juni hatte Twitter Konten von hochrangigen Politikern und Organisationen aus Russland gesperrt, da diese koordinierte politische Kampagnen durchgeführt hätten.

Vereinte Nationen warnen vor Infodemie

Der globale Corona-Ausbruch hat international für eine ganze Flut von Falschmeldungen und Verschwörungslegenden geführt, die massenhaft verbreitet werden. Die Vereinten Nationen sprechen von einer "Infodemie", welche die Pandemie begleite und ähnlich gefährlich sei.

Eine wahre Propagandaschlacht tobt um den bislang nicht eindeutig geklärten Ursprung des Coronavirus: In China, dem Iran und Russland war die Rede davon, das Virus sei in den USA als biologische Waffen entwickelt worden. US-Präsident Trump behauptet hingegen, es stamme aus einem Bio-Labor in China, wofür er allerdings keine Belege vorweisen konnte.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

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