Silhouetten von Menschen mit Smartphone vor einem Facebook-Logo. | REUTERS
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Politische Anzeigen Ströer verzichtet, Facebook macht weiter

Stand: 16.09.2021 15:30 Uhr

Der Dienstleister Ströer will keine politische Werbung mehr anbieten. Damit könnte Facebook für Parteien noch wichtiger werden. Schon jetzt geben Parteien Hunderttausende Euro für Anzeigen aus, auch mit fragwürdigen Inhalten.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Der Werbevermarkter Ströer will keine Aufträge mehr zu parteipolitischer Werbung entgegennehmen. Das teilte das börsennotierte Unternehmen am Mittwoch in Köln mit. Hintergrund seien negative Erfahrungen im aktuellen Bundestagswahlkampf.

Patrick Gensing tagesschau.de

Ein Firmensprecher sagte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa, dass man als Unternehmen als Unterstützer der in der Werbung dargestellten Inhalte wahrgenommen worden sei. Das betreffe verschiedene parteipolitische Richtungen. Als parteipolitische Werbung bezeichnete das Unternehmen Werbung, die sich auf eine politische Partei und deren Inhalte bezieht - unabhängig davon, ob die Werbung dann für oder gegen die Partei sei.

Kampagne gegen die Grünen

Für Schlagzeilen hatte eine Plakatkampagne gegen die Grünen gesorgt, die von einer Hamburger Agentur beauftragt worden war. Wie die Agentur das Geld dafür aufbringen konnte, blieb unklar. Branchenkenner schätzten die Kosten auf mehrere Hunderttausend Euro.

Ströer wird die laufenden Aufträge noch erfüllen und keine bereits angebrachte Werbung wieder abhängen. Allerdings werden vor der Bundestagswahl keine neuen Aufträge mehr angenommen.

Fast 55 Millionen Euro eingenommen

Facebook, das ebenfalls politische Anzeigen anbietet, will hingegen weiterhin an dem Modell festhalten, wie ein Sprecher auf Anfrage von tagesschau.de sagte. Aus dem Facebook-Werbebericht geht hervor, dass das Unternehmen in Deutschland seit April 2019 fast 55 Millionen Euro durch Wahlwerbung bzw. Werbung zu politisch oder gesellschaftlich relevanten Themen eingenommen hat.

In der Datenbank lässt sich differenzieren, wie viel Geld einzelne Organisationen und Parteien für Werbung auf der Plattform ausgegeben haben. So hat allein die CDU in den vergangenen 90 Tagen knapp 420.000 Euro in Wahlwerbung auf Facebook investiert, die Grünen mehr als 280.000 Euro, die FDP mehr als 250.000, die AfD gut 143.000 Euro, die SPD 75.000 Euro und die Bundestagsfraktion der Linken knapp 69.000 Euro. Dazu kommen noch Ausgaben von zahlreichen Gliederungen und Verbänden der Parteien.

Schlagwörter durchsuchen

Um die Anzeigen nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen, bietet Facebook zwar eine Schnittstelle an, doch dafür ist eine Anmeldung als Entwickler nötig. Mit einem neuen Online-Angebot - bereitgestellt von einem wissenschaftlichen Projekt - lässt sich für alle ohne Anmeldung darstellen, welche Schlüsselworter in beworbenen Anzeigen auf Facebook und Instagram vorkommen. So erwähnen die Grünen besonders oft den Begriff "Klima" (9536 von 40.145 Anzeigen) - bei der AfD sind es lediglich 254 von 5062 Treffer.

Andersherum verhält es sich bei dem Begriff "Corona": Dieser wird in Relation zu der Gesamtzahl der Anzeigen am häufigsten von der AfD genutzt - und am seltensten von den Grünen.

Werbung für Verschwörungslegende

Dabei bewerben AfD-Seiten Beiträge, in denen beispielsweise von einer "künstlich-herbeigeführten bzw. herbeigeredeten 'Corona-Pandemie'" geschrieben wird, die benutzt werde, um einen "Great Reset" zu erreichen - inklusive Abschaffung der Nationalstaaten und "Durchmischung von Völkern und Kulturen". Weiterhin sollten alle Menschen geimpft und irgendwann "Farbcodes (Kristalle im Nanobereich)" in die Körper gebracht werden, um die Menschheit total überwachen zu können. Kurzum: Es handelt sich um eine klassische Verschwörungslegende.

Auch Beiträge zum Thema Impfung bewirbt die AfD gemessen an der Gesamtzahl ihrer Anzeigen auf Facebook am häufigsten. Mehrfach geht es darin um Risiken und Todesfälle - oder auch um angebliche "Propaganda-Behauptungen" über einen beinahe vollständigen Schutz, die vermeintlich widerlegt seien.

Auch Begriffe wie Diktatur und Staatsfunk finden sich in AfD-Beiträgen, die Facebook für Geld bewirbt. So schreibt die AfD unter anderem von einer angeblichen Öko-, Gesundheits- und Migrations-Diktatur, mit dem Begriff "Staatsfunk" will sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk offenkundig diskreditieren.

Auf Anfrage zu diesen Anzeigen teilte ein Facebook-Sprecher mit, man wolle die entsprechenden Anzeigen prüfen.

Immer wieder Kritik an Facebook

Facebook steht international immer wieder in der Kritik, weil über die Plattform Desinformation verbreitet wird. So hatten russische Auftraggeber vor der US-Wahl 2016 durch Anzeigen und Fake-Gruppen versucht, Konflikte anzuheizen.

Vor der US-Wahl Ende 2020 hatte Facebook politische Werbung ausgesetzt. Grund war die Welle der Desinformation zu angeblichem Wahlbetrug.

2019 hatte das britische Parlament dem Online-Giganten bewusste Verstöße gegen Datenschutz und Wettbewerbsrecht, fehlenden Respekt für das Parlament und zögerliches Vorgehen gegen Fake News vorgeworfen.

Anfang des Jahres hatte eine Recherche von tagesschau.de gezeigt, wie Facebook Geld mit Anzeigen verdient, in denen die Corona-Pandemie geleugnet und Maßnahmen gegen die Pandemie mit dem NS-Terror verglichen wurde. Das Unternehmen verwies auf Anfrage auf ein verschärftes Vorgehen gegen entsprechende Inhalte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 06. September 2021 um 19:30 Uhr.