Zwangspause im November: Alle Bars, Restaurants und Kneipen müssen schließen. | dpa
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Corona-Maßnahmen Was hat der "Lockdown light" gebracht?

Stand: 23.11.2020 13:26 Uhr

Beherbergungsverbot, Sperrstunde, Lockdown light: Seit Mitte Oktober versucht die Politik, die Corona-Pandemie wieder in den Griff zu bekommen. Das Hauptziel ist bislang aber verfehlt worden.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Seit Mitte Oktober steigt die Zahl der Corona-Fälle in Deutschland rasant, entsprechend wurde das öffentliche Leben mehr und mehr eingeschränkt. Die Maßnahmen konzentrierten sich zunächst vor allem auf die Kultur und Freizeit. Bund und Länder vereinbarten Mitte Oktober eine Sperrstunde, deren Wirkung als alleinige Maßnahme allerdings bereits umstritten war. Auch das Beherbergungsverbot wurde lange diskutiert, obwohl die Maßnahme rechtlich und auch im Hinblick auf die Effektivität umstritten war.

Patrick Gensing tagesschau.de

Ende Oktober verschärften Bund und Länder die Einschränkungen weiter: Theater, Kinos, Museen, Restaurants, Kneipen, Schwimmbäder und Sportstätten mussten schließen. Für das Privatleben verhängte die Politik weitgehende Kontaktbeschränkungen. Andere Bereiche des öffentlichen Lebens laufen hingegen weiter: So sind Geschäfte weiterhin geöffnet, ebenso die Schulen und auch in den Betrieben wird weitergearbeitet. Umgangssprachlich ist daher von einem "Lockdown light" die Rede.

Doch welchen Effekt haben die Maßnahmen bislang?

R-Wert gesunken

Der R-Wert galt zeitweise als wichtige "Währung", was die Pandemie betrifft. Er gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Mittlerweile ist zwar klar, dass die Angabe nur in Kombination mit anderen Parametern Rückschlüsse zulässt. Dennoch liefert der Wert einen Hinweis auf die Dynamik der Ausbreitung: So war der R-Wert zwischenzeitlich auf 1,30 gestiegen - mittlerweile liegt er wieder etwa bei Eins. Für Irritationen in der Debatte sorgte die nachträgliche Korrektur des Werts durch Nachmeldungen bei den Neuinfektionen.

Wie der R-Wert bereits anzeigt, stabilisiert sich aktuell die Zahl der Neuinfektionen auf hohem Niveau, nachdem sie über Wochen deutlich gewachsen war. Von 2673 Fällen am ersten Freitag im Oktober auf 18.681 Fälle Ende Oktober - und dann sogar auf mehr als 23.000 Fälle Mitte November.

Die Bewertung der Entwicklung ist allerdings schwieriger geworden, da das RKI mittlerweile die Teststrategien verändert hat. Eine Folge aus den knapper werdenden Ressourcen für Testungen. Zudem kommen Labore kaum noch hinterher mit der Auswertung, so dass es zwischenzeitlich einen großen Rückstau bei Proben gab.

Mehr Intensivpatienten und Todesopfer

Die Konsequenzen aus den vielen Neuinfektionen zeigt sich ganz konkret in den Krankenhäusern: Mittlerweile liegen mehr als 3600 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Die Situation ist in vielen Kliniken angespannt.

Die Zahl der Todesfälle hat sich in den vergangenen Wochen vervielfacht. Während Anfang Oktober noch eine Zahl im einstelligen Bereich registriert wurde, versterben mittlerweile täglich mehr als 200 Covid-19-Patienten. Wegen der anhaltend hohen Zahl der Neuinfektionen befürchten Fachleute zudem viele weitere Todesopfer.

Streitpunkt Schule

Angesichts der angespannten Situation wird über die Rolle der Schule gestritten. Bundespolitiker wollen einen Wechselunterricht für die älteren Jahrgänge und eine generelle Maskenpflicht. Auch verschiedene Fachleute fordern, teilweise digital zu unterrichten. Die Bundesländer sind zurückhaltend und wollen den vollständigen Präsenzunterricht fortsetzen.

Hamburg kündigte an, eine Studie zur Rolle der Schule zu beauftragen. Schulsenator Ties Rabe präsentierte zudem das Ergebnis einer internen Auswertung von gemeldeten Corona-Fällen, der zufolge mutmaßlich 80 Prozent der Infektionen bei Schülerinnen und Schülern in der Freizeit geschehen sein sollen. Die Daten umfassten rund 330 gemeldete Corona-Fälle aus der Zeit von August bis Anfang Oktober; seit den Herbstferien hat sich Zahl der Fälle vervielfacht und bei Massentestungen an Schulen wurden zahlreiche unentdeckte Infektionen festgestellt.

Die Kultusminister der Länder kündigten nun an, einmal in der Woche bundesweite Daten zur Lage an den Schulen bereitzustellen. Das kündigte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig. Bisher war es schwierig, ein genaues Gesamtlagebild über die Anzahl der geschlossenen Schulen, Corona-Infektionen bei Lehrern und Schülern und Betroffenen in Quarantäne zu bekommen, weil die Daten in den Bundesländern unterschiedlich erhoben und nicht zentral erfasst wurden. Künftig werde eine regelmäßige wöchentliche Zusammenstellung veröffentlicht, sagte Hubig.

Genau wie die Zahl insgesamt ist auch die Zahl der gemeldeten Infektionen in Kitas, Schulen und Heimen laut RKI gestiegen, von insgesamt 9500 betreuten Personen bis Anfang Oktober auf mehr als 25.000. Bei den Personen, die in Kitas, Schulen oder Heimen tätig sind, wuchs die Zahl von 4600 Anfang Oktober auf fast 12.000.

Beim RKI gemeldete Fälle in Kitas, Schulen und Heimen (Quelle: RKI)
Datum betreut/untergebracht Tätigkeit in Einrichtung
2.10. 9523 4632
16.10. 11.548 5583
30.10. 14.305 6976
13.11. 18.422 8829
20.11. 25.401 11.826

Hohe Inzidenz bei den Ältesten

Auffällig ist, dass die Inzidenz bei den Altersgruppen von 20 bis 60 Jahren in der Kalenderwoche 46 im Vergleich zur Kalenderwoche 45 sank, bei den jüngsten und ältesten wuchs sie hingegen weiter. Im Vergleich zu den Vorwochen liegt die Inzidenz aber in allen Altersgruppen weiterhin sehr hoch. Insbesondere bei den Ältesten stieg der Wert stark.

Regionale Unterschiede

Für Kritik sorgt immer wieder, dass es kaum bundesweite Regelungen gibt. Einige Länder betonen aber, angesichts von regionalen Unterschieden bei der Ausbreitung sei auch eine Differenzierung der Maßnahmen angemessen.

Tatsächlich sind die Unterschiede bei der Sieben-Tage-Inzidenz auf 100.000 Einwohner teilweise sehr hoch. Während Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein unter 50 wöchentlichen Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner liegen, erreicht Berlin weiterhin fast 200, Hessen 170, Bayern 168 und NRW 166 Fälle.

Hauptziel verfehlt

Bundesweit liegt die Inzidenz weiterhin bei fast 140 - und damit deutlich über dem angepeilten 50er-Grenzwert. Das rasante Wachstum der Neuinfektionen wurde zwar gestoppt, doch die Zahl bleibt auf einem hohen Niveau. "Viel zu hoch", wie RKI-Präsident Lothar Wieler sagte.

Angesichts dieser Lage zeichnet sich bereits eine Verlängerung der Einschränkungen ab. Umstritten bleibt, ob diese Maßnahmen ausreichen, um die Infektionslage zu entschärfen und viele weitere Todesfälle zu verhindern. Am Mittwoch wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer das weitere Vorgehen diskutieren und eine Strategie bis Ende des Jahres festlegen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. November 2020 um 11:00 Uhr.