Stühle stehen in einer Schule auf den Tischen. | Bildquelle: dpa

Studien zum Lehrermangel Kultusminister mit falschen Zahlen?

Stand: 16.01.2020 09:20 Uhr

Deutschlands Schulen leiden unter Lehrermangel. Das ist auch den Kultusministern klar, doch ihr Umgang mit diesem Problem provoziert Kritik aus Forscherkreisen. Waren geschönte Zahlen im Spiel?

Eine Datenrecherche von Petra Boberg und Frederik von Castell, HR

Schon beim Antritt seiner Präsidentschaft vor einem Jahr war klar, dass der Lehrermangel die Amtszeit von Hessens Kultusminister Alexander Lorz bestimmen wird. Denn im Oktober 2018 hatte die Konferenz der Kultusminister (KMK) erstmals eine bundesweite Lehrerbedarfsprognose für die Zeit bis 2030 vorgelegt. Die stellte sich allerdings sehr rasch als unzutreffend heraus.

Die erste bundesweite Analyse der KMK 2018 prognostizierte einen Mangel an Lehrern, lag damit aber deutlich zu niedrig. Im September 2019 sagte die Bertelsmann Stiftung einen deutlich höheren Lehrermangel voraus. Der beträfe vor allem die Grundschulen. Die Studie zeigte auch: In der KMK wurde mit veralteten Geburten- und Schülerzahlen gerechnet.

Das setzte die KMK und ihren Vorsitzenden Lorz unter öffentlichen Druck. Die Kultusminister einigten sich unter seinem Vorsitz deshalb auf Folgendes: Die Prognose wird es künftig für alle Länder jährlich geben. Einen "überfälligen richtigen Schritt" nennt das der Bildungsexperte Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung. Er bemängelt aber, dass immer noch nicht ersichtlich wäre, nach welcher Methode in den einzelnen Ländern der Lehrerbedarf errechnet wird. "Mehr Transparenz wäre hier sehr wünschenswert." Und genau hier liegt weiterhin das Problem.

Lehrermangel bis 2030

Als die KMK im Dezember 2019 ihre Zahlen, zwei Monate später als angekündigt, aktualisiert, wird auch hier deutlich: Bis 2030 wird es anhaltend Lehrermangel an Haupt-, Real- und Berufsschulen geben. Schlimm genug. Aber ausgerechnet dort, wo die Grundlagen für die Bildung gelegt werden, wird die Lücke noch größer. Die KMK rechnet mit 10.780 fehlenden Lehrern an den Grundschulen.

Überraschend daran ist vor allem eines: die Kultusminister hatten ein Jahr zuvor selbst behauptet, an den Grundschulen würden 15.310 Lehrer fehlen. Und bei Dirk Zorn und Klaus Klemm von der Bertelsmann Stiftung sind es gar 25.300, die bis 2025 fehlen. Das Zweieinhalbfache dessen, was die KMK nun vorrechnet. Wie kommt die KMK auf niedrigere Werte?

Keine bundesweiten Prognosen mehr

Nach Recherchen von hr-iNFO trickst die KMK bei den Zahlen. Kultusminister Lorz sagt im Interview mit hr-iNFO, Prognosen seien immer mit Unsicherheiten behaftet, da man sieben Jahre in die Zukunft schaue. So lange dauere es, um einen Lehrer auszubilden. Bildungsexperte Zorn kritisiert, die KMK gehe von deutlich niedrigeren Zahlen für neue Schüler bis 2025 aus. "Die tatsächliche Geburtenentwicklung muss verlässlich in die Bedarfsprognosen einfließen."

Bertelsmann nutzt für seine Prognose die Variante 2 des Statistischen Bundesamtes aus dem Sommer 2019. Die KMK nicht: "Die KMK hat ihre Prognose der Grundschülerzahlen für 2025 gegenüber 2018 zwar deutlich angehoben. Allerdings liegt sie immer noch um 36.000 Schulkinder selbst unter der vorsichtigsten Schätzung des Statistischen Bundesamtes", sagt Zorn. Allein dadurch setze die KMK-Prognose den Lehrerbedarf für 2025 um etwa 2.500 Personen an Grundschulen zu niedrig an. "Nachvollziehbar ist das nicht; schließlich sind die Grundschüler des Jahres 2025 bereits alle auf der Welt", meint der Bildungsforscher.  

Hinzu kommt: Die KMK veröffentlicht zwar die Zahlen der voraussichtlich neu ausgebildeten Lehrer, aufgeschlüsselt nach Schulform und Bundesland. Aber sie hat gleichzeitig die Vergleichbarkeit mit ihrer bundesweiten Prognose von 2018 unmöglich gemacht, indem sie jetzt keine bundesweite Prognose mehr für den Lehrermangel herausgibt.

Zuwächse bleiben unklar

Wer die Zahlen schönt, die KMK selbst oder die Bundesländer, lässt sich nicht beantworten. Fest steht aber: Es hat Konsequenzen. Zum Beispiel für Baden-Württemberg. Dort wird für die dringend gesuchten Grundschullehrer innerhalb nur eines Jahres ein Zuwachs von 1.700 Lehramtsabsolventen bis 2025 bescheinigt. Völlig unklar bleibt aber, woher dieser Zuwachs stammt.

Noch deutlicher zeigt das Beispiel Niedersachsen, warum die Zahlen kaum noch mit denen aus dem Vorjahr zu vergleichen sind: Dort tauchen bis 2025 ganze 6.500 Absolventen für das Grundschullehramt mehr auf als noch im Jahr zuvor. Ein Blick in die einzelnen Lehrämter zeigt: Die Zahl ergibt sich aus Absolventen des kombinierten Studiengangs Primarstufe/ Sekundarstufe 1, der plötzlich dem reinen Grundschullehramt zugeordnet wird. Diese Absolventen fehlen dann aber für die Gesamtschulen. Sie dürfen diese Lehrer künftig gar nicht mehr einstellen, sondern müssen künftig auf Gymnasiallehrer setzen.

Forderung nach einheitlichem Verfahren

Zusammengenommen liegt nach Berechnungen von hr-iNFO die Zahl der für die Grundschulen benötigten, aber fehlenden Lehrer mit etwa 24.800 bis 2025 sehr nah an der Prognose von Dirk Zorn und Klaus Klemm (Bertelsmann Stiftung) aus dem Jahr 2019 (25.300), allerdings deutlich über dem von der KMK-Prognose ermittelten Fehlbedarf (10.700).

Auch, weil die Veröffentlichung der KMK deutschlandweite und schulformübergreifende Zahlen - im Jahr zuvor noch veröffentlicht - zurückhält. Die Berechnungen von hr-iNFO sind deshalb aus den KMK-Angaben zu den einzelnen Schulformen der Bundesländer berechnet und können entsprechende Rundungsfehler enthalten.

Aus all dem leitet Bildungsforscher Zorn zwei notwendige Konsequenzen ab. Erstens müssten die Prognosen in den einzelnen Bundesländern künftig nach einheitlichem Verfahren erstellt werden. Zweitens sollten dabei auch geplante politische Entscheidungen wie der Ausbau der Ganztagsschulen berücksichtigt werden. Dies geschehe bisher nicht, so Zorn und: "Die in den Ländern verwendeten Methoden bleiben für Dritte intransparent".

Korrespondentin

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