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#kurzerklärt

#kurzerklärt Wie antisemitisch ist Deutschland?

Stand: 24.11.2020 08:56 Uhr

Nicht nur im Internet verbreiten sich Hetze und Hassbotschaften gegen Juden - das zeigen israelfeindliche Proteste mit brennenden Flaggen oder wüste Beschimpfungen gegen den Gastwirt eines israelischen Lokals in Berlin. Wie antisemitisch ist Deutschland heute?

Von Alina Stiegler, NDR

Wie viel Antisemitismus gibt es auch sieben Jahrzehnte nach der Shoa noch in Deutschland? Das wollte der Bundestag wissen und beauftragte einen unabhängigen Expertenkreis (UEA) mit Untersuchungen dazu. Der umfangreiche 300-seitige Bericht gibt Antworten darauf und beleuchtet, wie vielschichtig Antisemitismus 2017 in Deutschland ist.

Es fängt mit dem Begriff an - denn eine allgemein gültige Definition gibt es nicht. Die Europäische Stelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) schlägt dazu eine Arbeitsdefinition vor:

Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.

Die tiefen historischen Wurzeln

Der Begriff Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert. Judenfeindlichkeit gab es aber auch schon im Mittelalter: Christen warfen Juden damals vor, Christusmörder zu sein. Ihnen waren nur wenige Berufe wie Geldverleiher oder Händler erlaubt - was zu Stereotypen führte, wie Gier oder Einfluss.

Im Laufe der weiteren Jahrhunderte wurden Juden immer wieder ausgegrenzt und verfolgt. In Nazi-Deutschland war Antisemitismus offizielle Politik, mit dem Ziel, jüdisches Leben zu vernichten. In dieser Zeit wurden sechs Millionen Juden ermordet.

Drei Formen von Antisemitismus

Und wie sind die Einstellungen zu Antisemitismus in unserer Gesellschaft heute, mehr als 70 Jahre später? Der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus beobachtet drei verschiedene Formen: den klassischen, den sekundären und den israelbezogenen Antisemitismus.

Der klassische Antisemitismus bedient alte Vorurteile und Stereotype wie: "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß." Acht Prozent der Befragten stimmen nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung dieser Aussage zu.

Als sekundären Antisemitismus bezeichnen die Experten Haltungen, die den Holocaust entweder leugnen oder einen "Schlussstrich" fordern: "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen." Dieser Position stimmen 26 Prozent zu.

Die größte Zustimmung gibt es zum israelbezogenen Antisemitismus: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat." 40 Prozent stimmen dieser Aussage zu.

Internet als Plattform für Antisemitismus

Offener Rassismus, Relativierung des Holocausts oder Israelkritik als Deckmantel: Das Spektrum des Antisemitismus scheint nach den Untersuchungen des UEA groß und weit verbreitet.

Das sind Haltungen, Beispiele für Taten gibt es immer wieder: In Berlin wird 2012 ein Rabbiner auf offener Straße verprügelt. 2014 werfen in Wuppertal drei Männer Brandsätze auf eine deutsche Synagoge - angeblich aus Wut auf den Staat Israel. In diesem Frühjahr wird in Berlin ein jüdischer Schüler so bedroht, dass seine Eltern ihn von der Schule nehmen.

Hauptspielort dieses Antisemitismus ist heute übrigens das Internet. Dort bahnt sich "Hate Speech" weltweit ihren Weg. Allein zwischen 2015 und 2016 zählte die "Anti Defamation League" in Amerika, die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Juden eintritt, 2,6 Millionen antisemitische Tweets.

Antisemitismus ist aber nicht nur virtuell, denn im realen Leben stehen auch 70 Jahre nach der Shoa viele jüdische Einrichtungen in Deutschland unter Polizeischutz.

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 14. Juni 2017 um 00:50 Uhr.