Eine chinesische Flagge hängt neben einer italienischen an einem Balkon in Rom | Bildquelle: MASSIMO PERCOSSI/EPA-EFE/Shutter

These zu Corona-Herkunft Brachten Chinesen das Virus nach Italien?

Stand: 26.03.2020 13:40 Uhr

Wer ist Schuld an Italiens Corona-Pandemie? In dem Land gibt es Stimmen, die chinesische Gemeinde sei verantwortlich. Wie kommt es zu dieser These, welche Gründe sprechen dagegen?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

In den Medien - auch in durchaus seriösen - macht gerade eine These die Runde: Die Chinesen in Italien seien schuld an der dortigen Coronavirus-Pandemie, die sich auf ganz Europa ausgeweitet hat.

Über die zunehmende Zahl chinesischer Arbeiter und Unternehmer in Italien, die dort unter häufig problematischen Bedingungen arbeiten und leben, ist in den vergangenen Jahren auch in Deutschland mehrfach berichtet worden - speziell auch über die Situation in der von der Textilindustrie geprägten toskanischen Stadt Prato.

Politisch versucht nun vor allem die italienische Rechte, die Chinesen im Land für den Ausbruch der Pandemie verantwortlich zu machen. Bereits im Februar forderte die Partei Fratelli d'Italia besondere Coronavirus-Kontrollen für die chinesische Gemeinde in Prato. Ein Kommunalpolitiker der Lega aus Prato verlangte, einen Sonderkommissar einzusetzen, um der Gefahr der Verbreitung des Virus durch die Chinesen in der Stadt vorzubeugen. Forza Italia beantragte eine Fragestunde im Parlament zum Thema. Auch der österreichische Rechtspopulist Heinz-Christian Strache gibt den in Italien lebenden Chinesen die Schuld an der Coronavirus-Ausbreitung.

Keine Hinweise auf chinesischen "Patienten Null"

Aber: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Ausbruch der Pandemie in Italien mit der dortigen chinesischen Gemeinde in Verbindung steht. Der erste Tote in Italien, der das Coronavirus in sich trug, wurde am 21. Februar in der Gemeinde Vo' Euganeo in Venetien registriert. Auf Druck des Regionalpräsidenten Luca Zaia von der Lega wurden daraufhin alle acht Chinesen im Ort auf das Coronavirus getestet. Alle Tests waren negativ. Auch in der Gemeinde Codogno in der Lombardei, wo am 20. Februar zum ersten Mal bei einem Italiener das Coronavirus nachgewiesen wurde, gibt es keinen bekannten Fall unter den 78 dort lebenden Chinesen.  

Ein Italiener hängt die chinesische Flagge auf | Bildquelle: MOURA BALTI TOUATI/EPA-EFE/Shutt
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Ein Italiener hängt die chinesische Flagge auf - aus Dankbarkeit für Hilfsgüter aus dem asiatischen Land.

Noch weniger plausibler wird die These, die chinesische Gemeinde sei schuld, beim Blick auf die Verteilung der Coronavirus-Fälle in Italien: Die Gegenden im Land, die besonders stark von der Pandemie betroffen sind, haben eine unterdurchschnittlichen chinesischen Bevölkerungsanteil.

Statistische Daten widersprechen These

Die beiden lombardischen Industriestädte Bergamo und Brescia haben wegen ihrer besonders hohen Zahl an Infizierten und Toten international für Schlagzeilen gesorgt. In der Provinz Bergamo mit ihren 1,14 Millionen Einwohnern leben nach den letzten, aktuell verfügbaren Angaben des Nationalen Statistikinstituts ISTAT (aus dem Jahr 2011) aber nur 4488 Chinesen. Dies entspricht einem Anteil von 0,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

In Brescia ist die chinesische Community ähnlich klein. Hier leben 5352 Chinesen, die einen Anteil von 0,42 Prozent ausmachen. Provinzen dagegen, in denen mehr Chinesen leben als in Bergamo und Brescia haben deutlich weniger Probleme mit Covid-19.

Chinesische Ärzte kommen am Flughafen in Mailand an. | Bildquelle: MATTEO BAZZI/EPA-EFE/Shutterstoc
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Zur Unterstützung im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie hat China medizinisches Personal nach Italien geschickt.

Am stärksten präsent sind Chinesen in Italien in Mailand und in der erwähnten toskanischen Stadt Prato. In der Metropolregion Mailand machen die 40.438 dort lebenden Chinesen 1,24 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, die 25.768 Chinesen in Prato sogar 9,99 Prozent. In beiden Gebieten ist die Zahl an Coronavirus-Fällen unterdurchschnittlich. In Mailand liegt die Infektionsquote bei 0,19 Prozent. Zum Vergleich: In Bergamo beträgt sie 0,63 Prozent, in Brescia 0,52 Prozent.

Viele Chinesen - wenige Corona-Fälle

Noch klarer wird der Unterschied im Vergleich zu Prato. Die Provinz mit der relativ größten chinesischen Gemeinde in Italien ist kaum von der Coronavirus-Pandemie betroffen. Hier gibt es lediglich 178 bestätigte SARS-CoV-Infektionen - dies entspricht einer Infektionsquote von 0,07 Prozent. Das bedeutet: In Bergamo mit seiner kleinen chinesischen Gemeinde sind fast zehnmal mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert als im "Chinatown" Italiens.

Viele illegale chinesische Arbeiter in Italien?

Die offiziellen statistischen Angaben über die chinesische Bevölkerung in Italien werden gelegentlich kritisiert, weil sie möglicherweise nicht alle im Land lebenden Chinesen abbilden. Es wird vermutet, dass sich zahlreiche Chinesen illegal als Schwarzarbeiter im Land aufhalten. Vor allem im Zusammenhang mit den chinesischen Hochburgen wie Prato wird dieses Problem genannt. Sollte dies so sein, würde dies die Tendenz in der Coronavirus-Pandemie eher noch unterstreichen: Die Gegenden in Italien, in denen besonders viele Chinesen leben, scheinen unterdurchschnittlich vom Coronavirus betroffen zu sein.

Ursprung der italienischen Pandemie unbekannt

Es gibt also keine Hinweise darauf, dass die chinesische Gemeinde in Italien für den heftigen Coronavirus-Ausbruch verantwortlich ist. Was ist dann der Grund dafür, dass das Virus gerade hier so stark grassiert?

Die ehrliche Antwort lautet: Man weiß es nicht. Bis heute ist der sogenannte "Patienten Null" nicht identifiziert, es ist also unklar, wer das Virus nach Norditalien gebracht hat. Mitverantwortung daran, warum diese Frage ungeklärt ist, trägt möglicherweise die italienische Regierung.

Anfang Februar verkündete Außenminister Luigi Di Maio von der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung stolz, Italien würde als erstes europäisches Land Direktflüge von und nach China stoppen, um die Italiener besser vor dem Coronavirus zu schützen. Die Maßnahme brachte aber nicht mehr Sicherheit - wie der italienischen Bevölkerung suggeriert werden sollte. Sie schuf sogar zusätzliche Gefahren: Denn die Geschäftsleute - viele von ihnen aus dem wirtschaftlich dynamischen Norden des Landes - reisten weiter nach China. Sie wählten nun aber Umsteigeverbindungen über andere europäische Flughäfen, wie etwa Frankfurt, und flogen von dort in die Heimat. Rom verlor so den Überblick darüber, wer aus möglichen chinesischen Risikogebieten ins Land kam.

"Chinesen-Spur" verliert sich in Rom

Falsch ist im Zusammenhang mit der vermeintlichen "Chinesen-Spur" eine Information, die sich in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia findet: Demnach ist die Coronavirus-Pandemie in Italien durch zwei chinesische Touristen ausgelöst worden. Diese These bezieht sich auf ein chinesisches Paar, das am 28. Januar in Rom positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Beide hatten sich angesichts erster Symptome von sich aus gemeldet. Beide wurden dann sehr schnell isoliert. In Rom und der umliegenden Region Latium kam es in den Wochen darauf zu keiner nennenswerten Zunahme an Coronavirus-Infektionen.

Die Pandemie in Italien nahm ihren Ausgang am 20./21. Februar, als im Norden des Landes der erste Infizierte und der erste Tote registriert wurden. In den Tagen danach verbreitete sich das Virus rasend schnell vor allem in der Lombardei und machte Italien schließlich zum Land mit den weltweit meisten Coronavirus-Toten.

Eine besondere Verbindung zwischen der chinesischen Gemeinde in Italien und der Pandemie gibt es allerdings doch: Die von Chinesen dominierte Textilindustrie in Prato liefert Atemschutzmasken, die vor allem im Norden des Landes dringend benötigt werden.

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