Passagier vor einem Flugzeug am Flughafen Moskau-Scheremetjewo | Bildquelle: MAXIM SHIPENKOV/EPA-EFE/REX

Problematische Statistik Profitieren 850.000 Deutsche von der Luftfahrt?

Stand: 22.08.2019 17:34 Uhr

850.000 Menschen profitieren in Deutschland von der Luftfahrt, das sagte Kanzlerin Merkel auf dem Luftfahrtgipfel. Wie kommen solche Zahlen zustande - und kann man ihnen wirklich trauen?

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

"Wir haben in der Luftfahrtbranche hierzulande rund 330.000 Menschen direkt beschäftigt - bei Herstellern und Zulieferern, in Fluggesellschaften, Flughäfen und der Flugsicherung. Zählt man die indirekte Beschäftigung noch dazu, dann stellt man fest, dass insgesamt bis zu 850.000 Menschen von der Luftfahrt profitieren."

Das sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Nationalen Konferenz Luftfahrtstandort Deutschland am 21. August am Flughafen Leipzig/Halle. Viele andere Branchen warten oft mit ähnlichen, überraschend hohen Beschäftigungs- und Wertschöpfungszahlen auf. Doch wie werden diese ermittelt - und wie seriös sind sie?

Zahl direkt vom Lobbyverband

Luftfahrtkonferenz in Leipzig mit Kanzlerin Merkel | Bildquelle: dpa
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Kanzlerin Merkel betonte in Leipzig die Bedeutung der Luftverkehrsbranche - auf Basis von Zahlen des Lobbyverbands.

Die von Merkel genannte Zahl stammt offenbar aus dem Report Luftfahrt und Wirtschaft des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, der sich auf eine Studie des Zentrums für Recht und Wirtschaft des Luftverkehrs (ZFL) bezieht. Dort sind auch die detaillierten Zahlen zu finden: Demnach waren 329.800 Menschen direkt in der Luftfahrtbranche beschäftigt - also an Flughäfen, bei Fluggesellschaften, bei der Flugsicherung sowie bei den Herstellern.

Indirekt, induziert und katalytisch

Die übrigen 518.900 Arbeitsplätze würden demnach durch indirekte und induzierte Effekte entstehen. Konkret heißt das: Aufträge aus Luftverkehrswirtschaft und Herstellerindustrie sollen für 353.800 Arbeitsplätze bei Zulieferbetrieben verantwortlich sein (indirekte Wertschöpfung), 165.100 durch die Konsumausgaben der direkt und indirekt Beschäftigten (induzierte Wertschöpfung).

Nicht in die Zahl gingen sogenannte katalytische Beschäftigungseffekte ein: Zu diesen würde zum Beispiel der Beschäftigungszuwachs im Tourismus durch den Luftvberkehr zählen.

Viele Faktoren - wenig Gewissheit

Indirekte, induzierte und katalytische Effekte werden von vielen Branchen und Institutionen gerne als Beweis für ihre Bedeutung angeführt - auch von der ARD. Oft liegen diese Werte weit über dem der direkten Wertschöpfung. Sie werden durch die sogenannte Input-Output-Analyse ermittelt.

Screenshot mit Grafik "Volkswirtschaftliche Bedeutung der Luftfahrt" | Bildquelle: Screenshot Report Luftfahrt und
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Auch wenn es in diesem Getriebe aus dem "Report Luftfahrt und Wirtschaft des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft" ziemlich knirschen dürfte - direkte, indirekte, induzierten und katalytische Effekte greifen ineinander, sind aber deshalb auch umso schwerer zu bestimmen.

Durch die Vielzahl der zu berücksichtigenden Faktoren sind die indirekten, induzierten und katalytische Effekten Werte jedoch nie genau zu bestimmbar - eine allgemein anerkannte Methode gibt es nicht. Zudem ist je nach Vorgehensweise die Gefahr von Mehrfachwertungen sehr hoch, negative Effekte gehen normalerweise nicht in die Bewertung mit ein. Daher sind diese Zahlen oft mit Vorsicht zu genießen.

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